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Künstliche Intelligenz im Kino: Gnadenlose Schaltkreise

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Künstliche Intelligenz Verlötete Liebe

Sie vernichten die Menschheit, verführen zum Cybersex - oder kochen einfach Tee: Supercomputer haben nicht erst seit dem Film "2001" ihre Spuren in der Popkultur hinterlassen. Hier sind die kultigsten Rechenkästen.

"Es tut mir leid Dave, aber das kann ich nicht tun." Die Stimme klingt gleichmütig, beinahe beruhigend. Wie ein liebevoller Vater, der ein uneinsichtiges Kind tadelt. Lange hat diese Stimme dem Betteln und Drohen des uneinsichtigen Kindes gelauscht, ohne zu antworten. Nun spricht sie ihr sanftes Machtwort: "Dave, das Gespräch hat keinen Zweck mehr, es führt zu nichts. Leb wohl."

Doch zu der Stimme gehört kein liebevolles Gesicht, sondern nur ein einzelnes, starres Auge. Eine gelbe Pupille, umgeben von einer tiefroten Iris, die sich wie ein Spiralnebel durch die Schwärze der Netzhaut zieht. Das Kind, das sich vor diesem regungslosen Auge windet, ist ein Astronaut namens Bowman. Und die vermeintlich verständnisvolle Stimme hat gerade seinen Erstickungstod in den Weiten des Alls beschlossen. Natürlich aus rein logischen Beweggründen.

Bereits in frühen Versionen des Skripts zum Film "2001: Odyssee im Weltraum" hatte es eine künstliche Intelligenz gegeben, oft nur KI genannt. Aber zu Beginn waren sich Regisseur Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke, auf dessen Kurzgeschichte "Der Wächter" von 1948 der Film beruhen sollte, nicht einig gewesen. Wie sollte diese Maschine aussehen? Und welche Rolle würde sie für die Handlung spielen?

Als Kubrick den Autor Clarke im Frühjahr 1964 gefragt hatte, ob der mit ihm den definitiven Science-Fiction-Film drehen wolle, hatte dieser begierig zugesagt. Gemeinsam schlossen sich die beiden monatelang ein und formten aus der Kurzgeschichte "Der Wächter" etwas Neues. Der Roman und das Skript zum Film "2001: Odyssee im Weltraum" entstanden parallel. Und mit ihnen auch die Idee, wie in Zukunft Menschen und Maschinen kommunizieren würden.

Geburt eines Monsters

Kubrick und Clarke ließen sich von Science-Fiction-Filmen und -Büchern inspirieren, aber besonders die technologischen Gedankenspiele der Wissenschaftler Alan Turing und Marvin Minsky hatten es ihnen angetan. Regisseur und Autor arbeiteten sich durch deren Aufzeichnungen. Der geniale britische Mathematiker Turing hatte schon in den Vierzigerjahren die Entstehung intelligenter Maschinen vorausgesagt. Schon ein Jahrzehnt später arbeitete US-Forscher Minsky aktiv an der Entwicklung einer künstlichen Intelligenz.

Die erste Version eines Computers, der die Jupiter-Expedition in Kubricks Film "2001" begleiten sollte, hörte zu Anfang noch auf den Namen "Socrates". Clarke hatte einen Roboter im Sinn, der sich frei im Raumschiff bewegen konnte, eine reine Arbeitsmaschine. In einem weiteren Entwurf wurde die KI zu "Athena", einem Computer mit weiblicher Stimme.

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Künstliche Intelligenz im Kino: Gnadenlose Schaltkreise

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Selbst studierter Mathematiker und Physiker, traf sich Clarke mit den bekanntesten Informatikern seiner Zeit und notierte akribisch deren Vorhersagen zur Entwicklung eines Rechners, der zu menschlichen Gedankengängen fähig wäre. Schon bald war er felsenfest überzeugt: "Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden." Das sollte auch auf den Supercomputer zutreffen, den er und Kubrick sich ausdachten.

Ihre endgültige Schöpfung: HAL 9000, eine körperlose Entität und Ansammlung von Schaltkreisen. Nur fassbar durch ihr alles überwachendes Auge und ihre höfliche Stimme, mit der die Maschine mit der Besatzung des Raumschiffs "Discovery" kommunizieren würde.

HAL, kurz für "Heuristisch programmierter Algorithmischer Computer", reist in "2001" als sechstes Besatzungsmitglied mit einer menschlichen Crew zum Zielort eines außerirdischen Senders. Auf dem Weg dorthin führt HAL einfühlsame Gespräche mit den beiden Piloten Poole und Bowman und spielt mit ihnen Schach. Bis die eigentlich unfehlbare Maschine einen Fehler begeht und darüber den Verstand verliert. HAL macht den Menschen als Schwachpunkt der Expedition aus und beginnt, nach und nach alle Crewmitglieder zu ermorden, bis es zum Showdown zwischen ihm und Bowman kommt.

Genau wie den Rest des Films durchzieht auch dieses Duell zwischen Mensch und Maschine ein Geflecht von Metaphern. Der Name des Computers klingt wahlweise nach den englischen Begriffen "Heil" oder "Hölle". In Anlehnung an die namensgebende Odyssee von Homer trifft Astronaut Bowman, der den Bogenschützen Odysseus verkörpert, auf ein einäugiges Ungeheuer. Und verschiebt man die Initialen HAL um jeweils einen Buchstaben im Alphabet ergibt das die Abkürzung des Industriegiganten IBM.

Vom Diener zum Killer

Auf einen dieser Deutungsansätze festlegen lassen wollte sich aber keiner der beiden Väter HALs. Die Maschine, die vom Diener zum Killer wächst, war bei ihnen, wie auch der Rest der Handlung, Platzhalter für philosophischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Diskurs. Als "2001" 1968 erschien, trat HAL essenzielle Fragen im gerade angebrochenen Computerzeitalter los: Können Maschinen fühlen? Sind sie anfällig für Ängste und Neurosen? Und können diese Stimmen aus dem Rechner zu einer Gefahr werden für ihre Schöpfer?

"Ich weiß, ich habe in letzter Zeit ein paar grobe Fehler gemacht", sagt HAL gegen Ende des Films. "Aber ich kann dir die feste Zusicherung geben, dass ich bald wieder ganz normal funktionieren werde." Als Bowman Modul um Modul den Computer abschaltet und dabei mit seinem erstarrten Gesicht selbst wie eine Maschine wirkt, bekommt die Stimme des Computers einen flehenden Unterton. "Ich habe Angst, Dave", sagt HAL, bevor er in einem gegurgelten Kinderlied zugrunde geht. Ob er wirklich so empfindet?

Niemand weiß es.

Diese Unbestimmtheit verbunden mit der Körperlosigkeit HALs machte ihn zu einem Archetyp der Popkultur. Unzählige Filme, Videospiele und TV-Serien haben sich der Frage gewidmet, was hinter den mechanischen Augen der Maschinen vorgeht. Sogar Microsoft-Gründer Bill Gates erklärte, dass HAL ihn in seinem Denken über die Möglichkeiten von Computern beeinflusst habe.

"Halb Tier, halb Maschine"

"Wenn die hoch entwickelte Wissenschaft die Sterblichkeit überwunden hat, wird man halb Tier, halb Maschine, dann ganz Maschine", sagte Stanley Kubrick 1968 in einem Interview. "Eventuell wird man zu reiner Energie. Reiner Geist ist vielleicht die ultimative Form der Intelligenz. Und alle Mythologie - die sicherlich die Sehnsüchte der Massenpsychologie ausdrückt - richtet sich auf diesen Endzustand aus."

Kubrick starb 1999, ohne diese Verschmelzung von Technik und Seele. Auch seinem Freund und Kollegen Clarke war es nicht vergönnt, die Geburt eines echten HAL zu erleben. Im Handlungsjahr ihres Science-Fiction-Meisterwerks erklärte er: "Es gibt große Fortschritte im Bereich der künstlichen Dummheit - von künstlicher Intelligenz kann ja wohl keine Rede sein."

Mal gnadenlos mörderisch, dann wieder überraschend mitfühlend: Reisen Sie in der einestages-Bildergalerie durch ein halbes Jahrhundert Popkultur - mit Riesenrechnern, die außer Kontrolle gerieten.

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