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Die Kinder vom Bullenhuser Damm

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SS-Morde an 20 Kindern 1945 "Wie Bilder an der Wand aufgehängt"

Kurz vor Kriegsende ermordete ein SS-Kommando in einer Hamburger Schule 20 Kinder, um grausame Menschenversuche zu vertuschen. Sergio, 7, wurde mit einer teuflischen Lüge gelockt - seine Cousine Tatiana war gewarnt.

"Wer von euch will die Mama wiedersehen?"

Der Mann, der diese Frage stellt, trägt keinen weißen Kittel, sondern eine Uniform. Es ist Ende November 1944, in wenigen Tagen wird Sergio de Simone sieben Jahre alt. Begeistert reckt der kleine Neapolitaner mit den dunklen Knopfaugen die Hand. "Ich!", ruft er und tritt einen Schritt hervor. "Ich!", "Ich!", tun es ihm andere Kinder gleich. Viele der kleinen Häftlinge, die hier vor der Baracke in Auschwitz-Birkenau versammelt sind, haben ihre Mutter lange nicht mehr gesehen und vermissen sie schrecklich.

"Wer von euch will die Mama wiedersehen?"

Eine Frage, auf die es nur eine Antwort gibt. Eine teuflische Frage. Schnell sind die zehn Mädchen und zehn Jungen ausgewählt, die der Mann benötigt. Überglücklich stürmen die Kinder mit ihm davon. Die SS schafft die Kinder fort, eilig besteigen sie am Bahngleis einen Viehwaggon. Zuvor drehen sie sich noch mal um, winken und lachen.

Die 20 Kinder werden ihre Mutter nie wieder in die Arme schließen. Stattdessen verfrachtet man sie nach Hamburg, ins KZ Neuengamme. Ein Arzt führt grausame, sinnlose Experimente an ihnen durch. Um das Martyrium der Kinder zu vertuschen, werden sie in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 im Keller einer Hamburger Schule erhängt. Eines nach dem anderen. Die beiden jüngsten sind fünf Jahre alt.

"Wer von euch will die Mama wiedersehen?"

Tatiana Bucci hat auf die Frage nicht reagiert, regungslos verharrt sie auf der Stelle, einer Statue gleich. Sie und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Andra wurden am Vortag von der Blockowa aus der Frauenbaracke gewarnt: Auf keinen Fall dürften sie sich melden, wenn sie gefragt würden, ob sie ihre Mama wiedersehen wollen, schärfte die Aufseherin ihnen ein. Sofort erzählen sie ihrem Cousin Sergio davon - doch der schlägt die Warnung in den Wind. Zu stark der Impuls, zu groß die Sehnsucht nach der Mutter.

"Er hat nicht auf uns gehört, wir konnten ihn nicht beschützen. Das hat uns ein Leben lang verfolgt", sagt Tatiana Bucci am Telefon und seufzt. Ihre Schwester Andra fühle sich regelrecht schuldig, ganz so schlimm sei es bei ihr nicht: "Mehr als ihn warnen konnten wir nicht." Bucci, silbriges Haar, verschmitztes Lächeln, lebt in Overjise bei Brüssel und ist 82 Jahre alt - genauso alt wäre Sergio heute auch. Um an ihn und das Grauen der Shoa zu erinnern, haben Tatiana und Andra ein Buch geschrieben: "Wir, Mädchen in Auschwitz" heißt es; die jetzt veröffentlichte Übersetzung kam auf Initiative der Vereinigung "Kinder vom Bullenhuser Damm" zustande, die das Andenken an die ermordeten Kinder bewahrt.

14 der 20 Kinder aus Polen

Ob es der gefürchtete KZ-Arzt Josef Mengele war, der "Todesengel von Auschwitz", der die Kinder an jenem Novembermorgen 1944 so niederträchtig in die Falle lockte? "Es könnte zu seinem Charakter gepasst haben", so Bucci. Freundlich sei der Mann aufgetreten, habe niemanden erschrecken wollen. Deshalb trug er auch keine Arztkleidung. Denn wenn ein Mann im weißen Kittel in die Baracke trat und Kinder abholte, wurde ihnen unendliches Leid zugefügt. "Das wussten wir genau, darum fürchteten wir die Weißkittel so", sagt Bucci.

Wie viele Kinder Mengele in Auschwitz unter dem Deckmantel der Forschung zu Tode quälte, ist nicht gesichert. Von den 20 Kindern, die sein ehrgeiziger Kollege Kurt Heißmeyer im Hamburger KZ Neuengamme malträtierte, sind sogar die Namen, ihr Alter, ihre Heimatländer überliefert: Der dänische Arzt Henry Meyer, ein Lagerinsasse, notierte sie heimlich auf einem Zettel und schmuggelte die Liste aus dem KZ.

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14 der 20 Kinder stammten aus Polen: Lelka Birnbaum war 12 Jahre alt, Surcis Goldinger und Bluma Mekler waren 11, Marek Steinbaum, Ruchla Zylberberg und Eduard Reichenbaum 10, Lea Klygermann 9, Riwka Herszberg 7, Marek James und Roman Witónski 6, seine Schwester Eleonora Witónski sowie Mania Altmann 5. Bei zwei Kindern aus Polen ist der Vorname unklar: H. Wassermann, 8, und R. Zeller, 12. Aus Frankreich kamen die Zwölfjährigen Jacqueline Morgenstern und Georges-André Kohn, aus den Niederlanden Eduard "Edo" Hornemann, 12, und sein kleiner Bruder Alexander "Lexje", 8. Slowakischer Herkunft war Walter Jungleib, 12. Und aus Italien kam Sergio de Simone, 7 Jahre alt.

Ein Bekannter verriet die Familie

Geboren wurde Sergio am 29. November 1937 in Neapel als Sohn eines katholischen Schiffsoffiziers und einer jüdischen Mutter. Im Sommer 1942 zog er nach Fiume, zur Familie seiner Cousinen Tatiana und Andra. Vater Eduardo war als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden, daher reisten Mutter Gisella und Sergio nach den Ferien nicht mehr nach Neapel zurück. Tatiana erinnert sich an eine trotz Krieg schöne Zeit: "Wir spielten draußen, gingen ans Meer, waren immer zusammen."

Ein Foto zeigt die drei Kinder an Sergios sechstem Geburtstag, seinem letzten in Freiheit. Mit schicken Hüten und Mäntelchen, kess lächeln sie in die Kamera, unbeschwert, unwissend.

Ihre Kindheit endete an einem Märzabend 1944, mit dem Gebrüll von Deutschen in ihrer Wohnung. Ein Bekannter hatte die Familie verraten. Die Kinder und ihre Mütter, Großmutter, Tante und Onkel wurden verhaftet. Zum ersten Mal sahen sie Oma Rosa weinen, auf Knien bat sie die Nazis, die Kinder zu verschonen. Vergeblich: Alle wurden abgeführt, die achtköpfige Großfamilie kauerte sich in einer winzigen Zelle in Triest aneinander, bis zur Deportation nach Auschwitz am 29. März. Dutzende Menschen in einem dunklen Viehwaggon, in der Ecke ein Kübel, um die Notdurft zu verrichten.

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Am 4. April, einem kalten Frühlingstag, kam die Familie in Auschwitz an. Warum die Kinder nicht gleich an der sogenannten Judenrampe aussortiert und ins Gas geschickt wurden, versteht Tatiana bis heute nicht. "Vielleicht hielt man uns Mädchen für Zwillinge, interessante Versuchsobjekte", sagt sie. Zu Angst und ungläubigem Erstaunen gesellten sich Scham und Schmerz, als sie sich in der "Sauna" nackt ausziehen mussten, desinfiziert und tätowiert wurden.

Andra bekam die Nummer 76483 gestochen, Tatiana die 76484, Sergio die 179614. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt und in der Baracke Nummer 1 untergebracht. Dort suchte Doktor Mengele seine Versuchsopfer aus.

Tuberkelbakterien direkt in die Lunge

Um sich vor der Kälte, dem Entsetzen zu schützen, klebten die beiden Mädchen in ihrer Erinnerung fast ständig aneinander, "wie die Briefmarke auf der Postkarte", so Bucci. Trotz aller Entbehrungen, trotz des grässlichen Gestanks, der von den Krematorien herüberwehte, sei es ihnen gelungen, selbst in Auschwitz zu spielen. Inmitten von "Leichenpyramiden", wie sie die Berge lebloser Körper nannte, die in ihrer Erinnerung zum alltäglichen Anblick gehörten.

"Kinder gewöhnen sich sehr schnell an alles", sagt Bucci. "Wir dachten: So leben Juden nun einmal." Da es kein Spielzeug gab, nahmen sie Kieselsteine, im Winter Schneebälle. Von Mengeles Versuchen blieben sie verschont, Sergio sahen sie täglich - bis zu seinem Abtransport nach Hamburg.

Die 20 Kinder kamen am 28. November 1944 im KZ Neuengamme an. Doktor Heißmeyer fügte ihnen Wunden zu und träufelte eine Lösung mit aktiven Tuberkel-Bakterien hinein. Zudem schob er den Kindern einen Gummischlauch durch die Luftröhre bis in die Lungenflügel, um die Erreger direkt in die Lunge zu bringen. Der Oberarzt wollte eine Behandlungsmethode gegen TBC finden und ging von der - längst widerlegten - Theorie aus, dass der infizierte Mensch Antikörper bildet. Obwohl identische Experimente mit sowjetischen Kriegsgefangenen gescheitert waren, führte Heißmeyer sie mit Kindern fort.

Die 20 Mädchen und Jungen bekamen hohes Fieber, Husten, wurden apathisch. Dann musste ihnen ein Häftlingsarzt im wachen Zustand, nur mit örtlicher Betäubung, die Lymphdrüsen herausoperieren, um zu untersuchen, ob dort Antikörper gebildet wurden. Das Ergebnis: negativ. Fotos belegen ihr Martyrium - gequält blicken die Kinder in die Kamera, die Heißmeyers Versuche dokumentierte.

Je näher die Alliierten rückten, desto größer wurde der Druck für die SS, die Beweise ihrer entsetzlichen Menschenversuche verschwinden zu lassen. Wohl am 20. April 1945 kam der Befehl von einer SS-Dienststelle in Berlin: "Die Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen." Im Klartext: Die 20 Jungen und Mädchen müssen ermordet werden, nebst ihren vier Betreuern. Ein SS-Kommando riss die Kinder abends aus dem Bett und schaffte sie zur Schule am Bullenhuser Damm, einem Außenlager des KZ Neuengamme im Hamburger Osten. Sie würden jetzt per Flugzeug zu den Eltern gebracht, hieß es. Zum zweiten Mal fielen Sergio und die 19 anderen auf die gleiche, perfide Lüge herein.

Der Henker hängte sich an die Kinder, "bis die Schlinge sich zuzog"

Im Keller des wuchtigen Backsteinbaus verabreichte KZ-Arzt Alfred Trzebinski ihnen Morphium, wie er später vor Gericht aussagte. SS-Oberscharführer Johann Frahm habe die schlafenden Kinder in den Heizungskeller getragen und sie in die vorbereitete Schlinge gehoben. Dann habe sich Frahm "mit seinem ganzen Körpergewicht" an die Kinder gehängt, "bis die Schlinge sich zuzog", so Trzebinski. Eines nach dem anderen, zwanzig Mal. Er habe die Kinder "an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt", gestand Henker Frahm vor Gericht. Auch 24 sowjetische Häftlinge und die vier Betreuer der Kinder wurden in dieser Nacht zum 21. April 1945 ermordet.

Frahm und Trzebinski wurden 1946 zum Tod am Galgen verurteilt und hingerichtet. Andere blieben unbehelligt: Heißmeyer betrieb bis 1963 unter seinem richtigen Namen eine private Lungenklinik in Magdeburg, bevor er festgenommen und zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Er starb nach einem Jahr Gefängnis. Obersturmbannführer Arnold Strippel, der ranghöchste am Kindermord beteiligte Nazi-Verbrecher, wurde 1949 zwar zu lebenslang verurteilt, aber 1969 entlassen und erhielt sogar rund 120.000 Mark Haftentschädigung. Er starb 1994 als freier Mann.

Heute erinnert eine Gedenkstätte in der einstigen Schule an die Kindermorde. Auch einen Rosengarten hat die Vereinigung "Kinder vom Bullenhuser Damm"  angelegt, mit Gedenktafeln für jedes einzelne Opfer. Ihre Identität brachte der Hamburger "Stern"-Journalist Günther Schwarberg in jahrelanger Recherche ans Licht. Er spürte auch Tatiana Bucci und ihre Familie auf, informierte sie über das entsetzliche Schicksal ihres Cousins Sergio. "Seine Mama Gisella weigerte sich bis zu ihrem Tod, daran zu glauben", sagt Tatiana.

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Bucci, Andra, Bucci, Tatiana

Wir, Mädchen in Auschwitz: Die Überlebensgeschichte zweier Schwestern

Verlag: Nagel & Kimche
Seitenzahl: 184
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Anfang der Neunzigerjahre stieg Bucci erstmals hinab in den Hamburger Schulkeller. Regelmäßig nimmt sie seither an den Gedenkveranstaltungen für die ermordeten Kinder teil, fährt ins frühere KZ Auschwitz, spricht vor Schulklassen über ihre Geschichte. Mit ihrer Schwester erlebte Bucci die Befreiung des Lagers  im Januar 1945. Über Prag gelangten sie ins englische Lingfield, im Dezember 1946 konnten sie ihre Eltern wieder in die Arme schließen.

Niemals habe die Mutter mit den Töchtern über ihr Leid in Auschwitz gesprochen, sagt Bucci. Als im Fernsehen einmal eine Sendung über den Holocaust lief, brachen alle drei in Tränen aus. Der Vater schaltete das Gerät aus, die Kinder gingen zu Bett, schweigend. Je älter sie wurden, desto mehr sprachen Tatiana und Andra - sie tun es bis heute, auch wenn es schmerzt.

"Wir Menschen sind alle gleich, alle gleich viel wert", sagt Bucci. Unermüdlich legt sie Zeugnis ab, um diese Botschaft zu vermitteln. Über ihr eigenes Leid hat sich 2015 das Foto des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi gelegt. "Ich kämpfe, solange ich kann, damit es solche Bilder nie wieder gibt", sagt die alte Dame.