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"Colossalmensch" - der Hamburger Unterhaltungskünstler Emil Naucke

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Hamburger Akrobat Emil Naucke "Der schwerste Radfahrer der Welt"

Ringer, Balletttänzer, Rad-Artist - als "Colossalmensch" ließ ein beleibtes Kraftpaket Ende des 19. Jahrhunderts sein Publikum staunen und jubeln. Erst in Hamburg, dann in Europa und sogar in den USA.

In Hamburg versammelte sich am 28. Januar 1900 eine riesige Trauergemeinde, um Abschied von einem der populärsten Bewohner der Stadt zu nehmen. "Um die Mittagszeit", berichtete eine Hamburger Zeitung, "ergoß sich eine förmliche Völkerwanderung nach St. Pauli", wo an Gebäuden und Unterhaltungslokalen die Flaggen auf halbmast wehten. Vor dem aufgebahrten silberglänzenden Sarg war der Andrang so groß, "daß ein Schutzmann vor der Thür müßige Gaffer fortjagen mußte". Der Sarg wurde von "70 Equipagen mit Leidtragenden" begleitet, der zum Ohlsdorfer Friedhof überführt und dort beigesetzt. Zu Tausenden säumten die Menschen die Straßen und verfolgten das traurige Spektakel.

Bei dem Verstorbenen handelte es sich um "eine der populärsten Persönlichkeiten nicht nur Hamburgs, sondern wohl von ganz Deutschland", wie ihn die "Hamburger Nachrichten" im Januar 1900 rühmten. Gemeint war Emil Naucke, heute weitgehend vergessen.

Naucke, geboren am 2. Mai 1855 auf der Insel Poel bei Wismar, soll der Legende nach als Säugling bereits nach einem Monat 14 Kilogramm gewogen haben. Trotz seines hohen Gewichts zeigte sich Naucke in jungen Jahren als talentierter Turner und huldigte mit Freuden und ausgiebig der "Seiltänzerei". Seine Eltern zwangen ihn zu einer Bäckerlehre, er nutzte diese Zeit "durch Exercitien mit Mehlsäcken sich zum künftigen Athleten ausbildend".

In New York bedankte er sich auf Plattdeutsch

Unaufhaltsam zog es ihn in die Welt der Künste und des Theaters. Mit 18 Jahren ging er nach Hamburg, um zunächst im St.-Georg-Theater und später in verschiedenen Lokalen in St. Pauli aufzutreten. Naucke wog bald über 200 Kilogramm bei einer Größe von 1,70 Metern; sein "herkulisches Wesen" begeisterte seine Zuschauer, besonders bei Ringkämpfen. Im Circus Renz rang er den seinerzeit bekannten Franzosen M. Christol nieder, vom keineswegs unterkühlten Hamburger Publikum ekstatisch angefeuert mit dem Sprechchor "Naucke, hol di!" (Naucke, halt' dich!).

1880 gründete Naucke seine eigene Agentur und ging auf Tournee. Er gastierte in zahlreichen deutschen und europäischen Städten wie Stockholm, Helsinki, Paris, Wien, London, Amsterdam und Madrid. Nur zu Berlin hatte er ein distanziertes Verhältnis, "zu aufdringlich" sollen ihm die Menschen dort gewesen sein. Naucke jonglierte mit einer rund 40 Kilogramm schweren Eisenkugel und anderen überdimensionierten Gegenständen.

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Sein großer Erfolg als schwergewichtiger Artist führte ihn auch in die Vereinigten Staaten, in New York war er Star einer Konferenz der "Fat Men's Association". Unterstützt von reichlich Pyrotechnik führte er einen Umzug durch die Stadt an und bedankte sich anschließend mit einer Rede auf Hamburger Platt, was sicher nicht viele verstanden. Gleichwohl mochten, ja vergötterten ihn die Menschen.

1890 ließ sich Naucke nach ausgiebigen Reisen wieder in Norddeutschland nieder. In Oldesloe ließ er sich eine Villa für die "Sommerfrische" bauen und leitet auf dem Hamburger Volksfest Winterdom und im Circus Rauterkrug in Lübeck alljährlich ein umfangreiches Varieté-Programm.

230 Kilo schwere "Pauline vom Ballett"

Seine eigenen Auftritte verschoben sich zunehmend ins Komische, ins Groteske. In selbst erdachten "Burlesken" schlüpfte der mittlerweile 230 Kilogramm schwere Entertainer in Rollen wie die "Pauline vom Ballett". Als das Gegenteil einer grazilen Tänzerin erntete Naucke "nicht enden wollende Beifallsstürme", notierte die Lokalpresse, da er trotz seiner Leibesfülle erstaunliche Beweglichkeit bewies und das Verkleiden als Frau die Menschen damals erheiterte. Zu seinem kongenialen Partner avancierte Paul Hansen, ein kleinwüchsiger Gastwirt aus Schleswig, angeblich nur 98 Zentimeter groß. Als ungleiches Paar präsentierten sie sich in der Tradition der "Freak Shows".

1896 eröffnete Naucke in Hamburg-St. Pauli am Spielbudenplatz sein eigenes Etablissement: "Emil Naucke's Varieté". Neben Gastspielen anderer Unterhaltungskünstler malträtierten hier vor allem Naucke und Hansen die Zwerchfelle ihrer Zuschauer mit skurrilen Stücken wie dem Klassiker "Max und Moritz", "Geprellte Ehemänner" oder "Absturz des Colosses in den Salzsee".

Naucke trat schon seit geraumer Zeit als "Colossalmensch" auf. Auf der Suche nach neuen Varieté-Nummern 1898 entdeckte er das um die Jahrhundertwende so modische Fahrrad. "Wo Alles, Alles radelt, kann's Naucke allein nicht lassen", titelte der "Hamburger Anzeiger". "Er hat sich ein Fahrrad gekauft und übt schon fleißig. In den nächsten Tagen ist Hamburg um eine interessante Straßentype reicher." Das Fahrrad weckte Nauckes sportlichen Ehrgeiz, gemeinsam mit Hansen führte er Kunststücke auf dem Rad vor.

"Achtung, Dampfwalze!" hänselten Kinder ihn

Naucke zog die grassierende Fahrradmode durch den Kakao, aber die Leidenschaft fürs Radeln hatte ihn wohl doch gepackt. Er gründete den Radfahrer-Club "Naucke" und lud zu öffentlichen Trainingsstunden ins Velodrom an der Holstenstraße in Altona ein. Als "schwerster Radfahrer der Welt" machte sich Naucke einmal mehr zur Marke und fand mit Hess-Fahrrädern aus Mannheim sogar einen Sponsor - wer hätte die Robustheit der Räder besser beweisen können?

Nauckes große Popularität hatte auch Schattenseiten. "Kaum läßt sich der Kolossalmensch auf den Straßen blicken, sofort folgt ihm eine Schaar Kinder und überall erregt er Aufsehen", verriet ein Zeitungsartikel 1898. Die Straßenkinder hänselten ihn, indem sie vorwegliefen und "Achtung, Dampfwalze!" schrien, was Naucke verständlicherweise wenig behagte.

Emil Naucke habe ein großes Herz gehabt und Menschen in Not regelmäßig geholfen, hieß es in einem Nachruf: "Seine Wohlthätigkeit war allbekannt, kein Bittender und Dürftiger ging ohne Trost und ohne Unterstützung von ihm."

So auch am 24. Januar 1900 - an diesem Tag veranstaltete der Deutsche Radfahrer-Bund ein großes Wohltätigkeitsfest zu Gunsten der Hamburger "Warteschulen", mit heutigen Kindergärten vergleichbar. Im großen Saal von Sagebiels Etablissement in der Hamburger Neustadt traten als besondere Sensation auch Naucke und Hansen mit ihrer Kunstrad-Nummer auf. Nach dem schweißtreibenden Auftritt rollte Naucke von der Bühne und fühlte sich sofort unwohl. Wenige Minuten später starb er an einem Herzinfarkt.

Emil Naucke wurde nur 44 Jahre alt. Die Nachricht von seinem Tod schockte die Bevölkerung und machte im ganzen Land die Runde. Die Hamburgerinnen und Hamburger erkannten in ihm, obwohl gebürtiger Mecklenburger, doch ein Hamburger "Original" und hielten die Erinnerung lange wach. Noch bis in die Siebzigerjahre wurden deutlich übergewichtige Menschen gelegentlich Naucke genannt.

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