Hamburger Fußball-Wunder Als aus Seeler "Uns Uwe" wurde

Halb Deutschland schaute im Fernsehen zu, als 1961 eine Amateurtruppe des HSV die englischen Vollprofis aus Burnley im Landesmeistercup vorführte. einestages zeigt teilweise unveröffentlichte Fotos eines Spiels, das dramatische Wendungen nahm - und einem jungen Stürmer den Spitznamen seines Lebens einbrachte.

Hans-Dietrich Kaiser/ Nordbild

Von


Es ist ein Mittwoch, als die Howaldtswerke stillstehen. Nichts geht mehr an der größten bundeseigenen Werft in Kiel, die Arbeiter streiken. Doch sie fordern an diesem 15. März 1961 weder mehr Geld, noch längeren Urlaub oder soziale Verbesserungen - sie wollen nur eine Stunde früher gehen. Doch die Konzernleitung bleibt hart, gesteht maximal 30 Minuten zu und verlangt, dass die verlorene Arbeitszeit später nachgeholt werden muss. 8000 Schiffbauer machen da nicht mit: Sie nehmen sich die volle Stunde. Pünktlich um 15.30 Uhr packen sie zusammen und strömen zu Fuß, mit Fahrrädern und Mopeds eilig durch die Tore der Werftanlagen, um rechtzeitig zu Hause zu sein. Zum Fußballgucken.

Keiner will an diesem Nachmittag das Spiel verpassen, das eine Stunde später 100 Kilometer weiter südlich im Hamburger Volksparkstadion angepfiffen und das (für die Zeit absolut unüblich) in voller Länge auch im Fernsehen übertragen wird: Im Viertelfinalrückspiel des Landesmeistercups empfängt der Hamburger SV den englischen Meister FC Burnley. Das Spiel elektrisiert nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa. 30 Millionen bundesdeutsche Zuschauer schalten den Fernseher ein, 50 Millionen kommen in England, Dänemark und der Schweiz dazu. Das "Hamburger Abendblatt" schreibt stolz: "So etwas erlebte die Nationalmannschaft seit einem halben Dutzend Jahren nicht mehr."

Für den HSV sprengt das Spiel alle Dimensionen. Schon drei Wochen vor Anpfiff ist das Spiel restlos ausverkauft. 100.000 Tickets hätten problemlos abgesetzt werden können, mehr als 71.000 Zuschauer passen aber nicht ins Hamburger Volksparkstadion. Viele haben Hörner, Tröten und Holzratschen dabei, sie sorgen für ohrenbetäubenden Lärm. 144 Sonderwagen der Straßenbahn sowie Extrazüge von S- und Bundesbahn sind im Einsatz. 17.000 Autos besetzen die Parkplätze, unzählige Würstchenbuden und Erfrischungsstände haben sich rund um das Stadion aufgebaut. Die Schwarzmarkthändler reiben sich die Hände, statt der offiziellen 2,75 kostet ein Platz auf der Stehtribüne mindestens 6 D-Mark. Auch der HSV-Schatzmeister ist zufrieden: Der HSV nimmt insgesamt unerhörte 260.000 D-Mark brutto ein.

"Für die Interessen des deutschen Fußballs"

Es ist ein Spiel, das die Massen elektrisiert - aber ausgerechnet fehlende Elektrizität sorgt für Kritik. Die frühe, nicht nur für Kieler Werftarbeiter unfreundliche Anstoßzeit von 16.30 Uhr ist dem Umstand geschuldet, dass Hamburg noch immer nicht über eine Flutlichtanlage verfügt. "Peinlich für eine Weltstadt", hatte bereits Ende November 1960 Albert Sing, der schwäbische Trainer des Hamburger Achtelfinal-Gegners Young Boys Bern, gemosert.

Dabei wirkte die fehlende Flutlichtanlage im März 1961 noch wie das kleinste Problem vor Anpfiff. Der HSV, der eine 1:3-Hinspielniederlage wettmachen musste, war ein aus Studenten und Halbprofis zusammengewürfeltes Team, das fast ausnahmslos aus Hamburgern bestand. Der aus dem 50 Kilometer entfernten Buxtehude stammende Verteidiger Jürgen Kurbjuhn galt schon als "Ausländer". Burnley hingegen beschäftigte Vollprofis und hatte die Hamburger Jungs im Hinspiel stark beeindruckt - auf und neben dem Platz. In der "HSV-Post", dem offiziellen Programm zum Rückspiel, erinnerte sich Kapitän Jochen Meinke:

"Als wir am 18. Januar auf das Spielfeld des Turf-Moor in Burnley liefen, wurden wir mit herzlichem, ehrlichem Beifall begrüßt, aber als dann wenige Minuten später die Mannschaft der Platzherren aufs Feld kam, brach sich an den hohen Wällen der Sitz- und Stehtraversen ein Beifallsorkan, wie ich ihn in meiner langjährigen Fußball-Laufbahn noch nicht erlebt habe."

Fotostrecke

20  Bilder
Als Uwe Seeler noch für den HSV spielte: Der goldene Fuß

Ob das als kritisch und unterkühlt geltende Hamburger Publikum für vergleichbare Stimmung sorgen konnte, zumal eine Aschenbahn das Spielfeld von den Rängen trennte? Kapitän Meinke erklärte das Spiel in einem bemerkenswerten Aufruf an die "lieben Hamburger Fußballfreunde" zur nationalen Angelegenheit und forderte Unterstützung:

"Wir kämpfen am Mittwoch nicht nur für den HSV, sondern in dem großen europäischen Fußball-Wettbewerb für die Interessen des deutschen Fußballs. […] Wir haben eine echte Chance, eine Runde weiterzukommen, trotz des Rückstandes von zwei Toren. Freunde, steht aber an diesem Mittwoch lautstark hinter uns, in den Fußball-Annalen spricht man von einem 'Burnley-Roar' […] der Mittwoch im Volksparkstadion möge auch die Geburtsstunde für einen 'HSV-Roar' sein. 'Auf, ihr Männer', das war einmal der Schlachtruf am Rothenbaum."

"Großartige Fußball-Demonstration"

Die "echte Chance", von der Meinke gesprochen hatte, wurde schon nach sieben Minuten realistisch. Klaus Stürmer wuchtete eine Flanke von Gert "Charly" Dörfel mit einem Hechtkopfball ins englische Tor. Und der HSV machte weiter. Horst Dehn, Uwe Seeler, Jürgen Werner und Klaus Neisner - sie alle zwangen den schottischen Burnley-Keeper Adam Blacklaw immer wieder zu Paraden. Kurz vor der Halbzeit traf Uwe Seeler per Kopf gegen die deutlich größeren Burnley-Verteidiger zum 2:0.

Doch wie jedes gute Drama hatte auch diese Geschichte ihren Wendepunkt. Die englische Spaßbremse hieß Gordon Harris. In der 55. Minute traf der Linksaußen aus 20 Metern in den Winkel. Kurzzeitig wurde es still im Stadion. Die englischen Fans machten sich bemerkbar, ließen ihre Ratschen kreisen und schwenkten den Union Jack.

Der Gäste-Jubel verklang nach nicht einmal 120 Sekunden. Dörfel erzielte das 3:1, mit dem Außenrist! 4:4, zählte man beide Spiele zusammen! Der Ausgleich! Doch den Männer in den weißen Hemden und roten Hosen reichte das nicht. Verlängerungen gab es damals noch nicht. Ein drittes Spiel, vermutlich in Rotterdam oder Amsterdam? Nein, danke! Nur weitere fünf Minuten später umlief Seeler drei Gegenspieler und bugsierte unter Aufbietung aller Reserven den Ball im Fallen auch noch am herausstürzenden Blacklaw vorbei ins Tor. Der Volkspark, ein Tollhaus.

"Dörfels Düsenzeitalter-Geschwindigkeit"

Als der dänische Schiedsrichter Aage Poulsen die denkwürdige Partie abpfiff, stürmte die entfesselte Zuschauermenge den Platz und trug die Spieler auf Schultern. Die Hamburger wurden in den nächsten Tagen von ganz Deutschland vereinnahmt. Vor allem Charly Dörfel und Uwe Seeler wurden als "Naturereignisse" gefeiert und das 4:1 des HSV zu einem historischen Ereignis stilisiert. "Der HSV [...] spielte niemals zwingender, gekonnter, temperamentvoller, zu allem entschlossen, entweder zu siegen oder unterzugehen", schrieb das "Hamburger Abendblatt". Die englischen Zeitungen machten den Erfolg des HSV an den zwei wichtigsten Spielern fest. "Seelers rasch reagierender Verstand, seine kräftige Figur und seine schnellen Füße sowie Dörfels Düsenzeitalter-Geschwindigkeit überfuhren Burnley", schrieb der "Daily Express".

Wenn man will, hat der März-Nachmittag von 1961 Spuren bis heute hinterlassen. Der Frankfurter Journalist und Theaterkritiker Richard Kirn war so begeistert vom Spiel und der Leistung des HSV-Mittelstürmers Seeler, dass ihm die alte Seefahrerballade "Nis Randers" des Dichters Otto Ernst in den Sinn kam. Dort heißt es: "Sagt Mutter, 's ist Uwe!" Uwe, der "Heimgekehrte", so Kirn, sei nach diesem Spiel nicht mehr nur der Junge aus Hamburg-Eppendorf. "Uwe ist der Sohn des Landes! Er ist unser Uwe. Welch kerniges Mannsbild!" Er schuf den Spitznamen Seelers, "Uns Uwe".

Burnleys Profis wirkten dagegen fassungslos. Als Jimmy McIlroy von einem Reporter befragt wurde, ob er und seine Mitspieler gegen den HSV ernsthafte Verletzungen davongetragen hätten, sagte der Spielmacher: "Nein, keine äußerlichen. Aber elf gebrochene Herzen."



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.