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Hamburger Kessel: Frierend, hungrig, durstig

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Von der Polizei eingekesselt "Als wären wir Schwerverbrecher"

Es war die größte Massenfestnahme der bundesdeutschen Geschichte: Beim "Hamburger Kessel" pferchten Polizisten fast 900 AKW-Gegner ein - 14 Stunden lang. Wer raus wollte, bekam den Schlagstock zu spüren.

Susanne freute sich, als sie am 8. Juni 1986 mittags aus der U-Bahn hochstieg und über das Hamburger Heiligengeistfeld lief. "Wie nett, heute bekommen wir Polizeigeleit", dachte die 24-Jährige. Die Beamten bildeten eine Gasse und ließen sie zu den anderen Demonstranten durch.

Dann schlossen die Männer, ausgerüstet mit Helm, Schild und Schlagstock, den Ring wieder - Susanne war gefangen.

Bis weit nach Mitternacht blieb sie eingekeilt zwischen Hunderten ebenfalls eingeschlossenen Menschen, frierend, hungrig, durstig. Völlig verängstigt versuchte die Hamburgerin, ins Zentrum des Menschenknäuels zu gelangen. Um die Kernkraftgegner herum: ein undurchdringlicher Kordon aus bewaffneten Polizisten.

"Wir waren denen völlig ausgeliefert", sagt Susanne 30 Jahre später, ihren vollen Namen möchte sie aus beruflichen Gründen nicht öffentlich machen. Normalerweise hört die Psychologin und Trauma-Therapeutin zu, wenn ihre Patienten auf der beigefarbenen Couch über ihre verwundeten Seelen sprechen. Heute hat sie dort selbst Platz genommen.

Kerzengerade sitzt sie in ihrer Praxis und erzählt. Von ihrem eigenen Trauma: dem "Hamburger Kessel". Bis zu 14 Stunden lang hielten die Beamten damals 861 Menschen in der Hansestadt fest. Warum? Weil sie an einer nicht angemeldeten Demonstration teilnahmen.

Angebliche "Sympathisanten der RAF"

Die bis dahin größte Massenfestnahme der bundesdeutschen Geschichte stuften Richter später als rechtswidrig ein, die vier verantwortlichen Polizeiführer wurden wegen Freiheitsberaubung in 861 Fällen verwarnt. "Die juristische Entscheidung war nachvollziehbar", räumt Hans-Dieter Detjen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein.

Detjen, heute 61 Jahre alt und frisch verrentet, war einer der Polizisten, die damals den Kessel umsetzen mussten. Er stand außerhalb - Susanne stand mittendrin. Beide Seiten waren frustriert und übermüdet. Denn der "Hamburger Kessel" hatte eine Vorgeschichte.

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Gegen Kernkraft: Brüder zur Sonne! Anti-Atom-Proteste in der BRD

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Am Tag zuvor fand im schleswig-holsteinischen Brokdorf am 7. Juni eine Demonstration gegen das Atomkraftwerk statt, das dort im Herbst ans Netz gehen sollte. Susanne, wie so viele Menschen aufgerüttelt durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986, wollte in Brokdorf gegen Atomkraft protestieren. Derweil sollten Detjen und seine Kollegen mit Straßensperren verhindern, dass die aus Hamburg kommenden Autos bis zur Demonstration vordringen konnten. "Wir wurden um unser Demonstrationsrecht gebracht. Das durften wir uns nicht gefallen lassen", sagt Susanne.

Noch am Abend des 7. Juni stand fest: Die Hamburger AKW-Gegner würden ihrem Ärger tags darauf mit einer spontanen Protestkundgebung Luft machen. Der Staatsschutz meinte die Teilnehmer auch schon genau zu kennen: "anarchistische Gruppen, polizeibekannte Sympathisanten der RAF, Leute aus der Hafenstraße und sogenannte Autonome" - so versuchte SPD-Innensenator Rolf Lange das beispiellose Einsatz-Debakel später zu rechtfertigen.

Notdurft an Ort und Stelle verrichtet

Gewalttäter hätten danach getrachtet, die Hamburger Innenstadt "in Schutt und Asche" zu legen, sagte Lange, dem der Kessel-Befehl den Spitznamen "Rambo" eintrug. Nur drei Wochen zuvor, am 13. Mai, hatten Randalierer am Rande einer Anti-Atomkraft-Demo Rathausscheiben eingeworfen und mehrere Polizisten verletzt. "Wir wollten Schaden von der Stadt abwenden", sagt Detjen. Genau das Gegenteil trat ein: Wegen des "Hamburger Kessels" galt die Stadt fortan als Hort der Polizeiwillkür.

Den entscheidenden Befehl gab um 12.22 Uhr der Leitende Polizeidirektor per Funkanweisung: "Versammlung ist notfalls unter Benutzung des Schlagstocks einzuschließen." Mit Blaulicht und Martinshorn, erinnert sich Detjen, rasten die Hundertschaften zum Heiligengeistfeld auf St. Pauli und bildeten Polizeiketten, um die AKW-Gegner nahe einem alten Flakbunker einzukesseln. Mehr als 1000 Beamte waren im Einsatz, eine Aufforderung zur Auflösung der Demonstration erfolgte nicht.

"Wir waren wie versteinert. Es fühlte sich so absurd an, so unwirklich", sagt Susanne und nennt als Trauma-Expertin gleich den Fachbegriff: "Derealisation". Zunächst gelang es einigen Demonstranten, aus dem Kessel zu fliehen. Um das zu verhindern, griffen danach die Polizisten sofort zu ihren Schlagstöcken. Raus durfte nur, wer sich durchsuchen ließ, seine Personalien angab und einer vorläufigen Festnahme zustimmte - was rund 40 Menschen taten.

Augenzeugen berichteten von Kopfverletzungen und gebrochenen Fingern. Über Stunden durften die Eingekesselten nicht zur Toilette und mussten ihre Notdurft an Ort und Stelle verrichten - teils unter entwürdigenden Kommentaren der Polizisten. "Die behandelten uns, als wären wir alle Schwerverbrecher. Obwohl die meisten Demonstranten ganz normale, friedliche Leute waren", sagt Susanne.

"Lieber gleich durchs Minenfeld jagen"

Hans-Dieter Detjen bestreitet nicht, dass es zum Schlagstock-Einsatz und zu verbalen Entgleisungen kam: "Wir waren übermüdet und kaputt. Es hat einfach genervt." Zumal über Stunden niemand wusste, wie es weitergehen sollte: Es war Sonntag, die Fußball-WM in Mexiko in vollem Gange; die politisch Verantwortlichen waren lange telefonisch nicht zu erreichen.

Ab 16 Uhr wurden die Demonstranten nach und nach auf verschiedene Wachen gefahren. Doch die Hälfte musste auch um 18 Uhr noch im Kessel ausharren. "Obwohl es am Abend kalt wurde, bekamen wir keine Decken, wegen der Vermummungsgefahr", sagt Susanne. Gegen Mitternacht wollten Taxifahrer die Demonstranten nach Hause bringen und fuhren als Korso vor, doch einige Polizisten schlugen laut Augenzeugenberichten Autoscheiben ein.

Susanne war eine der letzten Eingekesselten und wurde gegen 1 Uhr nachts in die örtliche Landespolizeischule gebracht. Dort musste sie sich ausziehen, wurde abgetastet - und erneut eingekesselt: "Wir sollten uns in einer Turnhalle auf den Boden setzen, in ein aus Sportbänken errichtetes Viereck."

Anderen Kessel-Opfern zufolge kam es auf den Wachen mehrfach zu Beleidigungen wie: "Man sollte euch über der DDR aus einem Hubschrauber werfen." Oder: "Lieber gleich durchs Minenfeld jagen" , wie der SPIEGEL berichtete. Mitten in der Nacht erhielt Susanne schließlich ihre Freiheit zurück. Das Trauma wirkte nach: Längere Zeit litt sie unter Durchfällen, Magenschmerzen und Schlafstörungen.

Ohrfeige für Ordnungshüter

"Ich stand unter Schock", sagt sie. Noch immer schnürt es ihr ein wenig die Luft ab, darüber zu sprechen. Auch Detjen, 40 Jahre lang Polizist, tut sich nicht leicht. Natürlich sei das damals Freiheitsentzug gewesen, sagt er leise. Anfangs habe man die Maßnahme mitgetragen. Dann sei die Stimmung unter den Kollegen gekippt: "Wir fragten uns: Wie lange soll das hier noch dauern? Wann passiert endlich was?"

Das schlechte Hamburger Beispiel machte später bundesweit Schule, die Kesseltaktik wurde auch anderswo praktiziert und führte zuverlässig zu Protesten und zu Prozessen. Im Umfeld des Münchner Wirtschaftsgipfels 1992 etwa ging die bayerische Polizei mehr als rustikal vor und kesselte ebenfalls 500 Demonstranten ein . "Dass wir etwas härter hinlangen", tönte danach Ministerpräsident Max Streibl, "auch das ist bayerische Art."

Der "Hamburger Kessel" ließ einige Beamte gewaltig mit dem System hadern. Aus Empörung über den brutalen Einsatz formierte sich mit dem "Hamburger Signal" interner Widerstand kritischer Polizisten. Am Ende setzte es eine juristische Ohrfeige: Als rechtswidrige Freiheitsberaubung und Einschränkung der Versammlungsfreiheit stufte das Verwaltungsgericht Hamburg den Kessel ein, jeder Demonstrant erhielt 200 Mark Schmerzensgeld. "Ein Witz", sagt Susanne. Und doch ein Triumph.

Ihren großen Kampf indes, jenen gegen das Kernkraftwerk Brokdorf, hatte die Anti-Atom-Bewegung verloren: Das AKW wurde im Oktober 1986 in Betrieb genommen - als weltweit erster Atommeiler nach dem Super-GAU von Tschernobyl.