Historische Hamsterkäufe Als die Klopapierkrise die USA ergriff

Sonst vernünftige Menschen horten Toilettenpapier, Supermarktkunden rangeln um die letzten Rollen: Die Panikkäufe in der Coronakrise sind bizarr - aber nicht neu. US-Bürger erlebten das schon 1973. Wegen einer Talkshow.
Talkshow-Star Johnny Carson (links): Aus Versehen eine Klopapierkrise ausgelöst

Talkshow-Star Johnny Carson (links): Aus Versehen eine Klopapierkrise ausgelöst

Foto: NBC Universal/ Getty Images

Supermarktkunden reißen einander Toilettenpapierpackungen aus den Händen,  schreien sich an, rangeln mit Verkäufern  und fallen wie Ameisenstraßen  über Klopapierstapel her. Witzbolde tragen die Rollen wie eine Rolex am Handgelenk  oder bieten scherzhaft  die GPS-Koordinaten von Läden an, die noch welche führen - gegen PayPal-Bezahlung natürlich. In Großbritannien  und Australien  wurden Greifzangen-Spielautomaten gesichtet, in denen man nach Klorollen statt Stofftieren angelt, in Hongkong kam es sogar zu einem bewaffneten Raubüberfall  auf einen Toilettenpapier-Lkw. 

Unter Hashtags wie #Klopapierkrise, #Klopapiergate oder gar #ToiletPaperApocalypse posten derzeit Menschen aus aller Welt in sozialen Netzwerken die vielleicht seltsamsten Auswüchse der Hamsterkäufe im Zuge der Coronakrise: das Horten von Toilettenpapier, das manche Menschen gleich wagenladungsweise  aufkaufen, um sich für die Pandemie zu wappnen.

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Selbst "Germany's Next Topmodel"-Star Heidi Klum rügte inzwischen öffentlich  das Konsumverhalten ihrer Mitmenschen ("Die Toilettenpapierkrise bestätigt, dass wir mehr A****löcher haben, als wir dachten"). Und der niederländische Regierungschef Mark Rutte spottete bei einem Supermarkt-Besuch gerade genervt:

"Wir haben so viel Klopapier, wir können zehn Jahre kacken"

So bizarr das Phänomen auch sein mag: Neu ist es nicht. Bereits 1973 erlebten die USA eine Klopapierkrise mit wochenlangen Hamsterkäufen und leeren Ladenregalen. Schuld daran war damals allerdings kein Virus - sondern eine Late-Night-Show.

Am späten Abend des 19. Dezember 1973, mitten in der ersten Ölpreiskrise, trat Talkmaster Johny Carson in seiner beliebten "Tonight Show" vor die Kameras, um das Publikum zu warnen: "Nicht nur Benzin wird knapp. Wissen Sie, was aus den Supermarktregalen verschwindet? Klopapier!" Das Studiopublikum brach in Gelächter aus, aber Carson bekräftigte: "Jetzt lachen Sie noch! Es gibt eine akute Verknappung von Toilettenpapier in den Vereinigten Staaten. Wir müssen aufhören, es zum Schreiben zu benutzen!"

Carson fiel es sichtlich schwer, dabei ernst zu bleiben. Denn tatsächlich gab es keine Klopapierkrise in den USA. Noch nicht. Aber am nächsten Tag gab es sie.

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Denn Millionen US-Amerikaner glaubten ihm offenbar - und klaubten in Panikkäufen alle Klorollen zusammen, die ihre Supermärkte hergaben. Daraufhin waren viele Regale leer, was bei anderen Käufern den Eindruck bestätigen musste, dass tatsächlich Toilettenpapier knapp werde, was wieder neue Vorratskäufe befeuerte. Das aggressive Hamstern  hielt über mehrere Monate an: Noch im Februar 1974 schrieb die "New York Times" über Toilettenpapierengpässe in einigen Regionen der USA als Ergebnis "abnormen Kaufens und Hortens". 

Tatsächlich hatte Carsons Gag einen wahren Kern - der sich verselbstständigt hatte. Harold Vernon Froehlich, republikanischer Abgeordneter aus Wisconsin im US-Repräsentantenhaus, hatte am 11. Dezember 1973 eine Pressemeldung herausgegeben. Darin beklagte er, die US-Regierung habe für die nächsten Monate zu wenig Klopapier für Staatsbedienstete vorbestellt. Allerdings in recht dramatischem Ton: "Binnen Monaten könnten die USA einer ernsten Verknappung von Toilettenpapier gegenüberstehen." Er hoffe, dass es nicht zu Rationierungen komme, denn so ein Engpass sei "nichts zum Lachen. Es ist ein Problem, das jeden Amerikaner berühren wird".

Eine Kettenreaktion setzte ein: Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender gaben die Meldung weiter - und spätestens in Johnny Carsons berühmter Show erreichte sie schließlich ein Millionenpublikum. Die Folgen ließen sich nicht mehr einfangen: Froehlich veröffentlichte eine Entwarnung, Carson entschuldigte sich in seiner Show für die Falschmeldung, es änderte nichts. Auch Vertreter des weltgrößten Toilettenpapierherstellers Scott Paper Company erklärten im Fernsehen, dass gar keine Verknappung vorliege, solange die Leute ganz normal einkauften.

Genau das taten sie nicht. Die durch Hamsterkäufe geleerten Regale riefen weitere Hamsterkäufe hervor. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, rationierten Händler diese Ware - und zementierten so nur den Irrglauben, das Toilettenpapier sei jetzt aber wirklich knapp geworden. Erst nach Monaten normalisierte die Situation sich wieder.

Apopokalypse now

Die "New York Times" konsultierte den Marketingforscher Stuart Henderson Britt. Und schon 1974 erklärte der Professor das Phänomen mit dem Medienwandel. Früher hätten falsche Gerüchte sehr lange Zeit gebraucht, um sich zu verbreiten, so Britt: "Heute braucht es nur einen Fernsehstar, der darüber juxt, und das Gerücht ist in allen Bundesstaaten."

Seitdem hat der Effekt sich vor allem durch das Internet und soziale Medien abermals vervielfacht: Statt nur aus einem Fernsehstudio gehen Nachrichten über die #ToiletPaperApocalypse von Millionen Smartphones aus binnen Sekunden um die Welt.

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Und doch ist der aktuelle Ansturm auf Klopapier im Zuge der Corona-Pandemie wohl nicht nur durch den Medienwandel zu erklären, sondern auch durch grundlegende menschliche Verhaltensmuster - wenn man einer psychologischen Studie  aus dem Jahr 2017 folgt.

Eine Forschergruppe aus Singapur überprüfte, wie sich das Erleben von Kontrollverlust auf das Kaufverhalten von Testpersonen auswirkt. Mit verblüffendem Ergebnis: Wer sich stärker auf das Gefühl konzentrierte, die Kontrolle zu verlieren, kaufte deutlich mehr Haushaltsprodukte wie Reinigungsmittel und Toilettenpapier. Die Wissenschaftler folgerten, die problemlösenden Eigenschaften dieser Produkte (etwa Sauberkeit herzustellen) gäben den Käufern ein Gefühl von Kontrolle zurück. 

Kontrolle - in der gegenwärtigen Verunsicherung durch die Coronakrise eine begehrte Ressource. Bedeutender sogar als Klopapier.