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Hans Habe und die Anfänge der freien Nachkriegspresse

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Wie die Nachkriegspresse entstand "Nazis werden bestraft"

Für die US-Armee kämpfte Hans Habe gegen die Nazis und gründete im befreiten Deutschland 13 Zeitungen, zuerst in Köln noch vor Kriegsende. Bis heute prägen einige diese Blätter die Presselandschaft.

Am Abend des 1. April 1945 fuhren zwei US-Soldaten mit einem Jeep durch die zerschossene Kölner Innenstadt. Die Alliierten hatten die linksrheinischen Bezirke bereits besetzt, doch vom anderen Flussufer feuerte die Artillerie der Wehrmacht. Der Jeep bog in die Breite Straße und stoppte vor einem leicht beschädigten Verlagsgebäude. Aus Furcht vor Granatsplittern krochen die zwei Insassen ins Gebäude.

Die beiden Männer waren Mitglieder eine Spezialtruppe für psychologische Kriegsführung: Major Hans Habe, ein emigrierter österreichischer Journalist, und sein Assistent. Im Haus warteten bereits zwei weitere Soldaten aus ihrer Einheit. Der Auftrag: eine Zeitung machen. Sofort.

Umgehend setzten sich die Soldaten an ihre Texte: Weltpolitische Neuigkeiten hörten sie von der BBC ab, lokale Nachrichten über die Fabriken im Norden Kölns recherchierten sie selbst. Habe stellte alles zusammen und ließ Artikel, die er mitgebracht hatte, mit den Lettern der Druckerei setzen - darunter ein Text über das Vernichtungslager Auschwitz.

Der Leitartikel stammte von US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower und hatte die Überschrift "Nazis werden bestraft". Stunden später rotierten die Druckerpressen, schon am Morgen des 2. April stapelten sich 20.000 Exemplare einer neuen Zeitung, vier Seiten stark und kostenlos: der "Kölnische Kurier".

Sogar noch deutlich früher hatten die Alliierten die "Aachener Nachrichten" an den Start gebracht, nämlich bereits Ende Januar 1945. Dann erschien der "Kurier" fünf Wochen, bevor das Deutsche Reich bedingungslos kapitulierte. Damit begann die US-Armee eine große Pressekampagne in Deutschland. Hans Habe folgte den Kampftruppen in die befreiten Städte und gründete Zeitung um Zeitung. So legte der österreichisch-amerikanische Major das Fundament für die westdeutsche Nachkriegspresse.

Spezialauftrag der "Ritchie Boys"

Schon im Februar 1944, einige Monate vor ihrer Landung in Frankreich, hatten die US-Strategen Pläne für die Zukunft der Zeitungen in Deutschland erstellt. Dort hatte NS-Propagandaleiter Joseph Goebbels die Medien gleichgeschaltet, die Pressefreiheit abgeschafft und Hunderten Journalisten Berufsverbote erteilt.

Die US-Planer forcierten einen Neustart: Erst einmal wollten sie alle Zeitungen Hitlerdeutschlands verbieten, um die Druckereien danach an geeignete Verleger zu geben. Presselizenzen sollte nur erhalten, wer nie in der NSDAP gewesen und dem Nationalsozialismus entgegengetreten war. Mit diesen entnazifizierten Blättern wollten die Amerikaner die Deutschen nach zwölf Jahren NS-Propaganda zu Demokraten umerziehen - die Presse war neben Rundfunk, Film, Kindergärten und Schulen ein Bestandteil der Reeducation.

Doch den Planern war klar: Bis die Besatzungsregierung Verleger gefunden und geprüft habe, müsse die Armee die Pressearbeit selbst übernehmen. Und so wandten sie sich im Februar 1944 an Hans Habe.

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Hans Habe und die Anfänge der freien Nachkriegspresse

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Habe, 1911 als János Békessy geboren, war zu dieser Zeit ein Star und hatte schon Anfang der Dreißigerjahre eine Wiener Zeitung geleitet. Damals legte er sich sein Pseudonym zu, um antisemitischen Anfeindungen zu entgehen - seine Eltern waren zwar zum Protestantismus konvertiert, in der NS-Ideologie aber blieben sie Juden. Als Hitler 1938 Österreich "heim ins Deutsche Reich holte", ging Habe nach Frankreich und meldete sich freiwillig zur Armee. Die Wehrmacht nahm ihn 1940 gefangen, doch er entkam, flüchtete in die USA, schrieb den autobiografischen Kriegsroman "Ob Tausend fallen" und wurde berühmt.

Ein Jahr später meldete er sich für den Krieg gegen Nazideutschland. Die US-Strategen steckten Habe zusammen mit anderen geflüchteten Intellektuellen wie Klaus Mann und Stefan Heym in die Abteilung für psychologische Kriegsführung. Wegen ihrer Ausbildung im Camp Ritchie bei Washington bekam die Emigranten-Geheimtruppe den Spitznamen "Ritchie Boys" (obwohl unter den mehreren Tausend Mitgliedern auch einige Frauen waren).

"Zeitungen sind so notwendig wie Wasser"

Nach der erfolgreichen Landung im Sommer 1944 versuchten die "Ritchie Boys" die Feinde mit Lautsprecheransagen, Radioprogrammen und Flugblättern zur Kapitulation zu bewegen.

Während des alliierten Vormarsches entwickelte Habe ein Konzept für die Zeitungen im bald befreiten Deutschland. Als er vor einigen Militärs über Leitartikel, Reportagen und Feuilletons referierte, unterbrach ein General: "Wir wollen Mitteilungen und Richtlinien veröffentlichen, sonst nichts." Habe antwortete: "Herr General, die Deutschen sind ein Kulturvolk, trotz allem." - "Die Deutschen haben aufgehört, ein Kulturvolk zu sein." - "Wir planen, die zerstörten Wasserleitungen herzustellen. Zeitungen sind so notwendig wie Wasser."

Am Ende dieses Schlagabtausches, so berichtete Habe in seinen Memoiren, gab der General nach.

Und so begann der Major Anfang April 1945 mit dem "Kölnischen Kurier" eine wohl unerreichte Serie an Zeitungsgründungen. Noch im selben Monat rief er "Frankfurter Presse", "Hessische Post" und "Braunschweiger Boten" ins Leben. Nach der deutschen Kapitulation im Mai folgten der "Weser Bote" in Bremen, die "Allgemeine Zeitung" in Berlin, die "Münchner Zeitung" sowie sechs weitere Blätter.

Bald hatte Habe zu wenige Leute für Redaktionen in allen Standorten und ließ überall nur einen Mann für die Lokalnachrichten zurück. Er selbst gründete eine Zentralredaktion im hessischen Bad Nauheim. Die Artikel über überregionale Themen brachten Luftkuriere in die einzelnen Städte. Rund 20 "Ritchie Boys" produzierten 13 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von mehr als viereinhalb Millionen Exemplaren - diese Marke dürfte historisch einmalig sein.

Das Presseimperium währte jedoch nur für eine kurze Zeit im chaotischen Frühsommer 1945. Ende Juni übergab die US-Militärregierung die ersten Blätter samt Presselizenzen an deutsche Verleger. Die "Frankfurter Presse" wurde zur "Frankfurter Rundschau", anstelle des "Weser Boten" entstand der "Weser-Kurier", die "Allgemeine Zeitung" hieß bald "Tagesspiegel", aus der "Münchner Zeitung" wurde die "Süddeutsche Zeitung".

Hans Habes Erbe lebt

Frei waren die Zeitungen in der US-Besatzungszone zunächst nicht, alle Artikel mussten einem Presseoffizier vorgelegt werden. Die Soldaten griffen fast nie direkt in Texte ein, aber die Militärregierung konnte die Papierzuteilungen kürzen - das kam einem Publikationsverbot gleich. Meinungsvielfalt wollten die Behörden gewährleisten, indem sie statt einzelne Verlagschefs Verlegergruppen lizenzierten, deren Mitglieder unterschiedliche politische Ansichten hatten. Bei der "Süddeutschen" etwa waren unter den Verlegern ein SPD- und ein CSU-Mitglied.

Die anderen Besatzungsmächte verfolgten ihre eigenen Strategien: Die Sowjetunion lizenzierte parteinahe Zeitungen und förderte jene, die der KPD (später SED) zugetan waren und den Sozialismus propagierten. Die Briten wollten in jeder größeren Stadt verschiedene politische Strömungen mit parteinahen Zeitungen abbilden.

Köln geriet in die britische Zone, die Behörden teilten den "Kölnischen Kurier" in drei Blätter auf: Die SPD-nahe "Rheinische Zeitung" und die KPD-nahe "Volksstimme" sollten nur wenige Jahre überstehen; die "Kölnische Rundschau", gestartet als CDU-nahes Blatt, erscheint bis heute.

Hans Habe startete im Herbst 1945 noch die überregionale "Neue Zeitung" mit Schriftsteller Erich Kästner als Feuilletonchef - einige Monate lang war die "NZ" das wichtigste Blatt Nachkriegsdeutschlands. Doch im März 1946 zerstritt sich der Major mit seinen Vorgesetzten, trat als Chefredakteur zurück und aus der US-Armee aus, mit mehreren Orden. Die "Neue Zeitung" verlor Leser und sollte nach einigen Jahre eingestellt werden. Als Chefredakteur von Zeitschriften hatte Habe später keinen großen Erfolg, war aber streitbarer Kolumnist und reüssierte als Romanautor, bis er 1977 starb.

Nach seinen Seriengründungen zum Kriegsende bestand Hans Habes Erbe auch fort, als die westdeutsche Presse 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik endgültig unabhängig wurde. Laut seinen Memoiren wirkten 15 seiner ehemaligen Mitarbeiter als Chefredakteure, 30 weitere als Ressortleiter. Die "Neue Zeitung" wurde zum Vorbild für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die Nachfolger von Habes Gründungen aus dem Sommer 1945 schlugen sich prächtig - noch heute zählen etwa "Süddeutsche" und "Tagesspiegel" zu den wichtigsten Blättern im wiedervereinigten Deutschland.

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