Hans-Jochen Vogel Der Parteiprimus

Immer pünktlich, fleißig, ein Vorbild - für viele war Hans-Jochen Vogel der ideale Parteimanager. Als die SPD 1982 die Macht verlor, bewahrte er die Partei mit eiserner Disziplin vor dem Niedergang. Als er abtrat, stürzte sie in eine Depression.

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Von Franz Walter


Politische Organisationen haben ihre Rhythmen. Sind sie in einer spezifischen Generation ungewöhnlich erfolgreich, so kann man sich sicher sein, dass sie in der Alterskohorte danach riesige Defizite aufweisen. Steht an ihrer Spitze eine Zeitlang ein Charismatiker, der die Emotionen bewegt und die großen Aufbrüche ankündigt, so wird im Anschluss daran zuverlässig ein eher pedantischer Organisator die Führung der Partei bilden.

Denn Charismatiker sind nicht nur große Magier, sondern oft auch ziemlich unordentliche Menschen. Sie hinterlassen in aller Regel Chaos, Scherben, instabile Verhältnisse. Dann sind die politischen Großorganisationen froh, wenn sie einen knochentrockenen, rundum soliden Administrator haben, der die fragilen Dinge erst einmal wieder in Ordnung bringt.

Einen solchen Übergang vom Charismatiker zum Verwalter erlebte die SPD 1952 nach dem Tod des Volkstribuns Kurt Schumacher, als der eher dröge Funktionär Erich Ollenhauer an die Spitze seiner Partei rückte. Und ganz ähnlich erging es den Sozialdemokraten nach dem Abgang des großen Visionärs Willy Brandt 1987. Ihm folgte Hans-Jochen Vogel, gleichsam der erste Sekretär seiner Partei.

Den nicht ganz schmeichelhaften Vergleich mit dem biederen Ollenhauer wurde Vogel im Übrigen nie ganz los. Beide galten von Beginn an als Figuren des Übergangs, beide firmierten mehr als Verwalter von Politik denn als kreative Erneuerer. Beide begriffen sich - und das durchaus mit einigem Stolz - als Diener ihrer Partei, nicht als Künder neuer Zeiten.

Mehr Macht als Brandt und Schmidt

In einer Hinsicht zumindest war Vogel in der Tat Nachfolger Ollenhauers: Erstmals nach dessen Tod vereinte wieder ein Sozialdemokrat die Fraktions- und Parteiführung. Vogel bündelte also Macht wie schon lange kein einzelner Sozialdemokrat mehr. Dies hatte er Brandt, Wehner und Schmidt voraus. Die entscheidende Machtquelle Vogels war die Führung der Bundestagsfraktion. Sie hatte er 1983 als Nachfolger von Herbert Wehner übernommen. Und dabei hatte er sich in denkbar schwierigen Zeiten bewährt.

Viele professionelle Beobachter hatten damit gerechnet, dass die äußerst heterogene SPD-Fraktion nach dem Verlust der Regierungsmacht 1982 zentrifugal auseinandergehen würde. Schließlich hatte auch die Unionsfraktion in den frühen siebziger Jahren erleben müssen, wie destruktiv die Rollenumstellung von der Regierungs- auf die Oppositionsrolle verlaufen konnte.

Doch Vogel verhinderte die Erosion seiner Truppe, indem er ihr strikte Disziplin und harte Arbeit verordnete. Er leitete die Fraktion straff, führte zahlreiche Einzelgespräche mit Fraktionsmitgliedern, wozu sein Vorgänger Herbert Wehner in den letzten Jahren seiner Amtszeit weder Kraft noch Laune besessen hatte. Im Übrigen zog Vogel verbindliche Verwaltungsstrukturen und administrative Reglements in die Arbeitsweise der Fraktion ein. So blieb das weithin befürchtete Chaos und Zerwürfnis aus. Die Fraktion wurde zum Ort sozialdemokratischer Stabilität.

Klarsichthülle als Symbol der Politik

Genau so handhabte Vogel ab 1987 auch die Führung der Partei. Er war gewissermaßen der Parteiprimus: Immer pünktlich, stets präsent, fleißiger und informierter als alle anderen. Politik wurde so allerdings stärker zum administrativen Vorgang, klar geordnet nach Zuständigkeiten, annotiert in zahlreichen Aktenvermerken und vollendet in den überall in der Parteizentrale berüchtigten Wiedervorlagen. Administration und Disziplin waren die Charakteristika der Führungstechnik Vogels, die Klarsichthülle wurde ihr symbolisches Kennzeichen.

So stellte Vogel die Ordnung in der Partei her. Indes: viele seiner Mitarbeiter hielten es nicht so sehr lange mit dem arbeitswütigen, hochakkuraten Vorsitzenden der Sozialdemokraten aus. Seinen Anforderungen konnte kaum jemand entsprechen. Vogel wusste in der Tat das meiste besser, hatte die Akten wirklich gründlicher gelesen als jeder andere, kannte sich unzweifelhaft auch in Nebensächlichkeiten exakt aus. Und leider: Er rüffelte gern, tadelte und belehrte.

Die Fähigkeit, Arbeiten zu delegieren, anderen großzügig Raum für eigenständige Aktivitäten zu lassen, war Vogel hingegen nicht recht gegeben. Er zentrierte die sozialdemokratische Verwaltung ganz auf sich. Ordnung war für Vogel mehr als nur das halbe Leben. Die Politik in "erstens, zweitens, drittens..." zu zerlegen und zu strukturieren, gab ihm Sicherheit.

Kein Lärm um nichts

Zwistigkeiten und Flügeldispute hegte Vogel durch ausgefeilte Kompromissformeln ein. Diese Kunst beherrschte er wie vielleicht sonst nur noch Hans-Dietrich Genscher. Auf die zuvor noch so lüstern streitende Partei wirkte es zumindest sedierend. Die ganz großen Kontroversen entbrannten in der Partei nicht mehr. Im Ganzen ging es in der Ära Vogel sogar etwas langweilig zu in der einst so turbulenten Partei.

Der Parteivorsitzende hielt die innerparteiliche Balance und den Parteifrieden durch bürokratische Strenge. Aber er löste die vielen Widersprüche in der SPD jener Jahre zwischen den Generationen, zwischen Modernisierern und Traditionalisten sowie zwischen den Landesfürsten nicht auf.

Vogel sorgte dafür, dass die Konflikte eingedämmt waren, unter Kontrolle blieben, keinen Lärm verursachten. Im Ganzen aber stagnierte die SPD. Sie zeigte sich nicht als eine Partei, die mit Lust und Phantasie, mit frischen Kräften und originellen Ideen an die Regierung strebte. Dazu war Vogel einfach nicht der richtige Leader. Dazu fehlte es ihm an Instinkt, an brennendem Ehrgeiz, machtpolitischer Bedenkenlosigkeit, Kreativität, Kühnheit und Courage.

Vogel hatte einfach - auch hierin Ollenhauer ähnlich - nicht den Eindruck, dass er ausersehen war, eine besondere politische Mission in der Republik erfüllen zu sollen. Herausragende politische Anführer aber müssen davon wohl überzeugt sein, dass sie - und nur sie - eine exklusive historische Rolle spielen. Und herausragende politische Anführer dürfen sich in dieser Chuzpe weder beirren noch aufhalten lassen. Vogel war eine derartige Hybris fremd. Er wollte der Partei lediglich dienen. Jedenfalls sagte er es häufig. Und er meinte es wohl auch so.

Am Ende der Ära Vogel war die SPD nicht aus den Fugen geraten, hatte aber doch zugleich die großen Veränderungen gescheut. Auch das neue Parteiprogramm, das sich die SPD 1989 unter Vogel gab, wirkte - gewiss etwas zu Unrecht - schon am Tage seiner Verabschiedung auf viele Beobachter anachronistisch. Beflügelt hat das Dokument die Partei zumindest nicht.

In einem Punkt hat Hans-Jochen Vogel die SPD jedoch fraglos weit nach vorn gebracht. In der Diskussion um die Frauenquote bezog er als Parteivorsitzender energisch und markant Position. Hier legte er 1988 sein gesamtes politisches Gewicht gegen das Partei-Machotum in die Waagschale, um die durchaus hoch umstrittene, von der "Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen" seit 1985 vehement geforderte Quote mit der nötigen Zweidrittelmehrheit durch die Parteitagsabstimmung zu hieven. Vogel setzte sich durch, womit sich die Geschlechterstruktur der Partei - insbesondere auf der Funktionärs- und Abgeordnetenebene - erheblich veränderte.

Das brachte der SPD in der Folge verstärkt Sympathien bei den weiblichen Wählern ein und trug konstitutiv dazu bei, dass die christliche Union seit den späten neunziger Jahren ihre frühere, nahezu strukturelle Majorität in der deutschen Republik verlor und fortan bei Bundestagswahlen nicht mehr über 40 Prozent der Stimmen kam. Das alt-bürgerliche Lager büßte gerade bei Frauen unter 60 Jahren die frühere, mehrheitliche Zustimmung ein.

Kaum etwas hat die politischen Koordinaten in der deutschen Republik so sehr verändert wie der Geschlechterwechsel zwischen den Lagern. Ein bisschen jedenfalls hat auch Vogel dazu beigetragen. Und als er 1991 von ganz oben abtrat, als er die lärmenden "Enkel" allein ließ, geriet die SPD für Jahre in übelste Turbulenzen und Depressionen.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 03.02.2006



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Holger Haunhorst, 18.10.2009
1.
Die Klarsichtfolien sind doch nur Legende, er war menschlich einfach zu belehrend, schon unangenehm besserwisserisch, ich möchte Herrn Vogel allerdings nicht vorwerfen, was Lafontaine seinerzeit über diese Sekundärtugenden sagte.
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