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Farbfotos einer Trümmerwüste - Hamburg bei Kriegsende 1945

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Kabarettist Hans Scheibner "Durch die Straße liefen Menschen, die brannten und schrien"

Von Hamburg war nach dem Krieg nur noch wenig übrig. Satiriker Hans Scheibner wuchs in den Trümmern auf. Hier spricht er über Phosphorbomben, Eiseskälte und die Glücksmomente, wenn es Dickmilch oder Kekse gab.
Ein Interview von Nina Adler

SPIEGEL: Herr Scheibner, Sie sind gebürtiger Hamburger. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert, viele Stadtteile waren danach nur noch Trümmerfelder. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Hans Scheibner: Wir wohnten damals in der Gärtnerstraße 14 in Eimsbüttel/ Hoheluft und wurden 1943 bei einem der "Gomorrha"-Angriffe ausgebombt. Ich weiß noch, wie die Frauen immer versucht haben, noch was zu retten aus den brennenden Häusern - der reine Wahnsinn, das waren ja Phosphorbomben. Durch die Straße liefen Menschen, die brannten und schrien.

SPIEGEL: Haben Sie verstanden, was passierte?

Scheibner: Nein, ich habe das alles nicht begriffen. Als kleiner Junge stand ich mit meiner jüngeren Schwester an der Hand an der Ecke Gärtnerstraße und Hoheluftchaussee. Meine Mutter hatte mir eingeschärft: Halt deine Schwester fest, und wenn jemand kommt und will sie wegnehmen, dann lässt du sie nicht los. Dann ist meine Mutter, eine kleine Person von 1 Meter 45, ins Treppenhaus reingerannt, das schon brannte und wo alles von oben runterkam. Später hat sie immer erzählt: Ich musste irgendwas retten! Ich wusste gar nicht, was! Meine Mutter ist in die Küche und hat gedacht, vielleicht finde ich noch irgendwelche Papiere. Hat in die Geschirrschublade gegriffen und nichts weiter rausgekriegt als ein Küchenmesser. Und dieses Küchenmesser, das war auch noch abgebrochen.

SPIEGEL: Sie wurden ins damalige Ostpreußen evakuiert und flohen kurz darauf vor der Roten Armee zurück nach Hamburg. Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?

Scheibner: Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern sich so gefreut haben. Sie lagen sich in den Armen und haben eine Flasche aufgemacht, die hatten sie wohl noch. Ich durfte auch einen Schluck davon trinken. Hamburg wurde ja Gott sei Dank ohne Gegenwehr aufgegeben. Das wurde im Radio bekannt gegeben. Mein Vater hatte vor dem Krieg eine kleine Spedition und dafür einen Lagerraum gemietet. Der war völlig verwahrlost, aber er hat ihn so'n bisschen wieder hergerichtet. Da haben wir dann gewohnt - noch sehr lange, bis 1954. Wir hatten kein Wasser und keinen Abfluss, nur ein sogenanntes Plumpsklo. An unserem Haus zogen vor dem 3. Mai 1945 noch deutsche Soldaten vorbei. Die warfen beim Marschieren manchmal etwas bei uns in den Vorgarten, was wir für Drehbleistifte hielten. Es waren aber Gewehrpatronen. Und drei oder vier Tage später marschierten englische Soldaten aus der Gegenrichtung vorbei. Meine Schwester und ich, wir standen nur immer am Zaun und winkten den Engländern zu.

DER SPIEGEL
Sendehinweis

Die Dokumentation "Unsere Geschichte - Als der Frieden in den Norden kam" läuft am 29. April 2020 um 21 Uhr im NDR-Fernsehen .

SPIEGEL: Hamburg kam unter britische Militärverwaltung. Haben Sie die Besatzungssoldaten bald kennengelernt?

Scheibner: Gegenüber auf dem Sportplatz von SC Victoria waren Militärzelte aufgebaut, dort wohnten die Engländer. Wir durften da mal rüber. Die Fraternisierung war ihnen ja verboten, aber bei Kindern nahmen sie das nicht so ernst und waren unheimlich freundlich. Das sind Sachen, die man nie vergisst: Diese Engländer haben uns Kuchen gegeben. Aber in Wirklichkeit war das Weißbrot. Also Weizenbrot, das wirklich weiß war. So ein Brot sahen wir zum ersten Mal. Auch Schokolade haben sie uns geschenkt, in flachen Dosen. Das war Fliegerschokolade - wohl mit besonders viel Koffein - zum Wachbleiben der Piloten.

SPIEGEL: Wie sah der Alltag aus als Kind in den Trümmern der Nachkriegszeit?

Scheibner: Zum Glück war unser Behelfsheim gut gelegen - spielen konnten wir in einer riesengroßen Gärtnerei, die nicht mehr in Betrieb war. Zu den Trümmerhaufen etwas weiter durften wir nicht hin, jedenfalls zuerst. Meine Mutter hatte auch Angst, dass da vielleicht noch Bomben lagen und hochgehen könnten. Die ganze Hoheluftchaussee war hin, und in Wilhelmsburg und Rothenburgsort, da war auch nichts mehr. Aber das habe ich alles gar nicht richtig gesehen als Kind, erst später. Damals... das war ganz normal, dass alles kaputt war.

SPIEGEL: Gerade in Großstädten war die Ernährungslage in den ersten Nachkriegsjahren kritisch. Haben Sie gehungert?

Scheibner: Bei der Schulspeisung wurden immer diese Kübel angeliefert, mit Bohnensuppe oder auch mal Kakaosuppe. Wenn zur Pause geklingelt wurde, rannten alle mit dem Kochgeschirr und ließen sich was einfüllen. Das war für die Eltern eine Riesenhilfe, wir hatten nicht viel zu essen. Die Eltern waren auch unglaublich erfindungsreich. Was die sich ausgedacht haben, um uns satt zu machen! Und wenn's nur ein paar Haferflocken waren, haben sie schon wieder Kekse draus gemacht: in Zucker - am liebsten in diesem braunen Zucker - eingelassen, in den Backofen getan und gebacken. Das haben wir zu gern gegessen.

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SPIEGEL: Gab es noch andere Lieblingsspeisen?

Scheibner: Dickmilch! Sie war unser damaliges Joghurt. Meine Mutter hat's auf den Teller getan und auf die Fensterbank gestellt. Drei, vier Tage guckten wir immer: Ist es schon dick? Und dann kam bisschen Zucker drüber. Wenn wir hatten, auch noch Zimt. Das haben die Kinder mit größtem Vergnügen gegessen. So hat man uns ernährt, das war nicht schlecht.

SPIEGEL: Ende 1946 kam auch noch einer der härtesten Winter des Jahrhunderts. Wie haben Sie die Kälte ausgehalten?

Scheibner: Meine Schwester und ich wachten jeden Morgen auf und froren wie die Schneider, wie man so schön sagt. Es gab diese grünen Militärdecken, keine richtigen Bettdecken. Es war so kalt, dass man morgens den Atem sah, der war richtig gefroren auf der Decke.

SPIEGEL: Wie bekam man Holz für den Ofen?

Scheibner: Die Leute haben alles verbrannt, ihre Möbel und was nur irgendwie noch ging. In der Hindenburgstraße, wie sie damals hieß, standen in zwei Reihen große Linden. Jeden Morgen fehlte wieder ein Ast. Mein Vater hat gesagt: Gut, wir wollen auch nicht frieren. Dann ist er los mit dem Fuchsschwanz und hat einen dicken Lindenast abgesägt, bis das Ding endlich runterfiel und er hinterher. Ich habe versucht, ihm ziehen zu helfen, war aber viel zu schwach für mein Alter. Als wir den Ast halbwegs auf unserer Auffahrt hatten, konnte mein Vater nicht mehr. In dem Moment kam ein Polizist. Da hat mein Vater furchtbare Angst gehabt und gesagt: Ach du Scheiße, jetzt ist es passiert. Der Polizist sagte aber nur: Zack, hopp, mit anfassen, ruck zuck. Dann hat er's mit reingezogen und ist einfach weitergegangen. Und so hatten wir doch noch ein bisschen Holz zu verbrennen.

SPIEGEL: Was ist Ihre beste Kindheitserinnerung an die Nachkriegszeit in Hamburg?

Scheibner: Als die Frauen, die Trümmerfrauen, in Hoheluft immer mehr von den Mauersteinen abgeräumt hatten, fanden wir einen Fahrradrahmen - also ein Herrenfahrrad ohne Räder und Sattel. Das hat uns unser Vater einigermaßen hergerichtet. Räder haben wir auch noch gefunden, neue Speichen eingezogen und anstelle von Reifen altes Schiffstau in die Felgen gelegt. Es war ziemlich schwierig, mit dem Rad zu fahren, aber wir Jungens waren so froh, überhaupt eins zu haben, dass wir auch das schafften.

SPIEGEL: War ein Herrenrad nicht zu groß für einen Neunjährigen?

Scheibner: Viel zu groß. Wir lernten, unter der Längsstange des Rades hindurch auf das zweite Pedal zu treten und so mit dem schräg liegenden Rad zu fahren. Unser Cousin, der schon mit 18 Jahren an der Front kämpfen musste, kam mit nur einem Bein aus dem Lazarett zurück. Trotzdem schaffte er es, mit dem Rad zu fahren. Er holte immer das rechte Pedal, für das ihm das Bein fehlte, an einer Kette mit der Hand zurück, sodass er mit dem linken Bein wieder treten konnte. Nur seinen linken Oberarm zeigte er uns nie. Später habe ich den Grund erkannt: Er hatte ein SS-Tattoo - das er sich später entfernen ließ.