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Spektakuläre DDR-Flucht: Grenzdurchbruch im Panzer, Marke Eigenbau

Foto: EDWIN REICHERT/ AP

Spektakuläre DDR-Flucht Grenzdurchbruch im Panzer, Marke Eigenbau

Eiserne Schlagbäume knickten ab, Schüsse fielen, doch Jürgen Wagner trat weiter aufs Gas: In einem selbstgebauten Panzerbus rasten Weihnachten 1962 zwei Familien durch die Grenzanlagen in Richtung West-Berlin. Die vier Kinder in der rollenden Festung ahnten nichts von dem lebensgefährlichem Plan.

Es war ein unwirtliches Weihnachtsfest für die Genossen der DDR-Grenzsicherung. Die Temperatur an der Übergangstelle Drewitz/Dreilinden zwischen Berlin und Potsdam war am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags 1962 auf 20 Grad unter null gefallen. Gegen 5.30 Uhr dröhnte plötzlich Sirenengeheul aus Richtung Ost-Berlin, ein Suchscheinwerfer tauchte den verschneiten Wachposten in gleißendes Licht. Dann sahen die herbeigeeilten Grenzer einen röhrenden Koloss auf sich zurasen, vor dessen Motorhaube ein stählener Rammbock montiert war.

Das seltsame Gefährt war ein klappriger Omnibus, Baujahr 1941 - auf den ersten Blick jedenfalls. Denn die beiden Männer im Führerhaus hatten daraus in monatelanger Arbeit nichts anderes als einen massiven Panzerwagen gemacht, mit einem beachtlichem Gewicht: Abgesehen von Dutzenden Stahlplatten waren an Bord des Busses, Marke Vomag, zwei Familien mit Kindern. Nun fuhr dieses Ungetüm mit Vollgas auf eine der bestbewachten Grenzen der Welt zu, das Ziel direkt vor Augen: West-Berlin.

Im Führerhaus saßen der Fuhrunternehmer Hans Weidner und sein Fahrer Jürgen Wagner, gemeinsam hatten sie den Frontalangriff geplant. Der tollkühne Fluchtversuch vor 50 Jahren, wie ihn der Journalist Bodo Müller für das Buch "Faszination Freiheit. Die spektakulärsten Fluchtgeschichten" rekonstruiert hat, war in monatelanger Arbeit perfekt durchgeplant.

Rollende Festung mit Stahlmantel und Scharten

Dabei wollte der schwer kriegsbeschädigte Weidner laut Journalist Müller ursprünglich gar nicht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat fliehen. Zu sehr hing er an seinem Heimatörtchen Neugersdorf in der Oberlausitz, wo er Berufstätige im Bus zur Arbeit fuhr. Erst die Einführung der sozialistischen Planwirtschaft machte aus dem Kleinunternehmer auf Krücken einen verwegenen Republikflüchtling: Seit sein florierendes Busunternehmen für Unmut beim staatlichten Betrieb Kraftverkehr Zittau sorgte, war Weidner den Funktionären von SED und Stasi ein Dorn im Auge. Immer wieder wurde der 40-Jährige zu Aussprachen beordert, schließlich drohte man ihm sogar mit dem Entzug seiner Konzession. Da reichte es Weidner.

Im Januar 1962 schlug er seinem Mitarbeiter Jürgen Wagner die Flucht in den Westen vor. Der sagte sofort zu, gemeinsam beschlossen beide die Flucht ihrer Familien - und zwar im Bus. Als Tag x wählten sie Heiligabend: Möglichst wenige Menschen sollten unterwegs sein, außerdem ließ sich die Busfahrt quer durch die DDR so ideal als Weihnachtsausflug tarnen. Das größte Problem für die Fluchtvorbereiter war jedoch die Mauer mit ihren schwerbewaffneten Bewachern: Selbst wenn der Fluchtbus bis in den Westen rollen würde, überleben würden die Familien den Kugelhagel am Grenzübergang wohl kaum. So beschlossen Weidner und Wagner, den Vomag-Bus für 60 Passagiere in einen Panzer für acht Ausbrecher zu verwandeln.

Doch die Beschaffung kugelsicherer Metallplatten erwies sich in der DDR-Planwirtschaft als schwierig, wie Weidners Sohn Wolfgang Jahrzehnte später dem Magazin "Neon" berichtete: Monatelang reiste der Fuhrunternehmer unter stets neuen Vorwänden durchs Land, um neun Millimeter dicke Brunnenabdeckungen aus Stahl zu besorgen: Heimlich schraubten und schweißten die Panzerbauer daraus einen kugelsicheren Stahlschutz um Motor, Führerhaus, Fahrgastraum. Sogar an Schutzabdeckungen für die Reifen dachten sie. Platte für Platte wurde so aus dem 150-PS-Bus eine rollende Festung mit Sichtscharten.

Als die heimlichen Umbauten immer offensichtlicher wurden, meldete Weidner den Bus wegen angeblicher Reparaturarbeiten beim zuständigen "Volkseigenen Betrieb" ab. Am 24. Dezember packten die Familienväter ihren stählernen Umzugswagen und brachen mit ihren Familien auf. Ihr Ziel: Weihnachtsurlaub in Thüringen. Das dachten jedenfalls Nachbarn, Freunde - und die Kinder.

Kugelhagel aus Kalaschnikows und Pistolen

Stattdessen steuerte Busfahrer Wagner den Koloss anderthalb Tage und 250 Kilometer später auf den Grenzübergang Drewitz/Dreilinden zu. Rammbock, die Panzerung der Windschutzscheiben und die Schutzabdeckungen für die Reifen hatten sie erst kurz vor der Grenze installiert, um unbemerkt an den Ort ihrer Bestimmung zu kommen. Den Grenzübergang hatte Wagner gewählt, weil es der einzige war, vor dem eine schnurgerade Strecke das Fahren mit Vollgas ermöglichte. Drei eiserne Schlagbäume und gut zwei Kilometer trennten die Familien jetzt noch von West-Berlin. Zwei Pannen mit langwierigen Reparaturen und eine kalte Winternacht hatte die Gruppe bereits überstanden. Jetzt ging es um alles.

Während die Frauen und Kinder im Fahrgastraum auf dem Boden kauerten, donnerte der rollende Rammbock krachend durch den ersten Schlagbaum, Kugeln aus drei Kalaschnikows und sechs Pistolen schlugen in den Stahlpanzer, die zweite Straßensperre brach weg, wieder Schüsse, schließlich Grenzschranke drei. Dann herrschte Ruhe. Erst nach gut zwei Kilometern brachte Fahrer Wagner den Bus an der West-Berliner Grenzstation zum Stehen, Hans Weidner schwang sich auf seinen Krücken nach draußen. Seine erste Frage an die Grenzpolizisten der Bundesrepublik: "Sind wir jetzt in Freiheit?"

Das waren sie. Kein Wunder, dass es nicht die einzige Flucht mit einem selbstgebauten Panzerwagen war.

So fuhr bereits am 14. November 1961 ein Opel P4 auf den DDR-Grenzkontrollpunkt Chausseestraße in Berlin zu. Eine Flucht durch Schranken oder gar die Berliner Mauer war mit dem rostroten Wagen unmöglich, daher umkurvte das Auto unter dem Kugelhagel der Volkspolizisten die Betonsperren und schlitterte im Slalom Richtung Freiheit. Alle Passagiere, zwei Männer und drei Frauen, überlebten die Aktion unbeschadet: Sie hatten die hohlen Türen mit Beton ausgegossen, den Fond mit Eisen ausgekleidet und hinter der Windschutzscheibe eine Schutzplatte mit Sichtlöchern angebracht.

"Die haben gezielt geschossen"

Doch nicht immer ging das Konzept "Panzerwagen Eigenbau" auf. Als am 12. Mai 1963 ein schwerer Reisebus den Grenzübergang Invalidenstraße durchbrechen wollte, scheiterte der Versuch - einen Meter entfernt von der Freiheit. Zwar waren die Flüchtlinge im Fahrgastraum mit zwölf Millimeter dicken Blechen vor Kugeln geschützt. Doch vorne im Bus hielt Beifahrer Manfred Massenthe die schützende Stahlplatte hinter der Frontscheibe nur mit bloßen Händen fest. Als er, unerwartet von Pistolenschüssen getroffen, die Platte nicht mehr halten konnte, durchlöcherten vier Kugeln den Fahrer - der daraufhin den Bus gegen eine Betonsperre lenkte.

Der konsequenteste Panzer-Flüchtling war wohl Wolfgang Engels: Der 19-Jährige baute sich keinen Kampfwagen nach, sondern besorgte sich kurzerhand einen echten - als Zivilangestellter der "Nationalen Volksarmee" für ihn kein großes Problem: Mit einem geklauten Schützenpanzerwagen rollte der Kraftfahrer am Abend des 17. April 1963 durch Berlin und über Stacheldrahtverhaue und Betonsperren hinweg direkt in die Mauer. Obwohl der Wagen dort steckenblieb und Engels beim Aussteigen von DDR-Grenzern angeschossen wurde, rettete er sich in den Westen. Seine Flucht im Panzer war die spektakulärste ihrer Art. Das größere Medienecho hatten jedoch die Familien Wagner und Weidner vier Monate zuvor ausgelöst.

Schon einen Tag nach der geglückten Flucht stellte sich Hans Weidner am 27. Dezember 1962 im Flüchtlingsdurchgangslager Marienfelde vor westliche Journalisten und plauderte von der waghalsigen Flucht: "Die haben gezielt geschossen, denn direkt an meiner Fahrertür ist in Sitzhöhe ein Schuss eingeschlagen", sagte er dem Radiosender RIAS - und fügte stolz hinzu: "Aber der hat mich nicht erreicht, weil wir uns da ja abgesichert hatten." Die Flucht im selbstgebauten Panzer war so spektakulär, dass sie kurz darauf sogar die Westberliner Schutzpolizei in ihrem monatlichen Lagebericht erwähnte. Prädikat: "besonders bemerkenswert".

Zum Weiterlesen:

Bodo Müller: "Faszination Freiheit. Die spektakulärsten Fluchtgeschichten". Christoph Links Verlag, Berlin 2008, 224 Seiten.