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Hansjoachim Tiedge: Seitenwechsel als Ausweg

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Skandal beim Verfassungsschutz 1985 Spion Tiedge setzt sich ab

Sein Seitenwechsel mischte die deutsche Agentenszene auf: Der Spionageabwehr-Chef der Bundesrepublik, Hansjoachim Tiedge, lief in die DDR über. Dahinter stand ein persönliches Drama - bei dem ein Nudelsieb eine Rolle gespielt haben soll.

Es war der 19. August 1985, als Hansjoachim Tiedge mittags in Marienborn aus dem Interzonenzug stieg. Er war ein Mann von fast zwei Zentnern, sein Sakko und sein Schlips hatten Flecken, die Anzughose war knitterig. Tiedge wartete eine Sekunde, musterte die Umgebung durch seine Brille und steuerte auf den DDR-Beamten zu: "Ich will in die DDR überlaufen."

Der Angesprochene hob amüsiert die Brauen und wähnte einen Penner vor sich. Doch als er in dessen Dienstausweis blickte, nahm er Haltung an. Vor ihm stand der bundesdeutsche Chef der Spionageabwehr gegen die Agentenumtriebe der DDR. Minuten später wurden Tiedge Bier, Kaffee und Zigaretten serviert.

Hansjoachim Tiedge sorgte für einen der größten Spionageskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Keiner verstand so recht, warum der internationale Top-Agent die Seiten gewechselt hatte. Außer ihm. Tiedge hatte im Westen die Kontrolle über sein Leben verloren - und wollte bei den Genossen sein Glück finden.

Mit dem KGB in der Sauna

Als Tiedge am 15. September 1966 seinen Job im Bundesamt für Verfassungsschutz an der Barthelstraße 74 in Köln-Merheim antrat, wusste er kaum, was der Verfassungsschutz so trieb. Doch er lernte schnell. Für die Kollegen war er bald eine Art Super-James-Bond. Die Schreibtischarbeit begeisterte ihn wenig, stattdessen war er der Typ "Beschaffer", der draußen Witterung aufnahm.

Zunächst im Referat Satellitendienste eingesetzt, stieg er dank seines Spürsinns zum Referent für sowjetische Dienste auf und wurde schnell zum Referent für politische Spionage der DDR befördert. Er bespitzelte einen KGB-Offizier in der Sauna, während seine Frau Ute neben ihm schwitzte; er sprang stets blitzschnell ins Auto, wenn eine sensible Operation am Wochenende lief. Tiedge liebte seinen Job. Seine Karriere führte ihn so bis an die Spitze des Kölner Verfassungsschutzes. Bei der Ernennung zum Gruppenleiter "IV B - Abwehr Spionage DDR" trug er allerdings Sandalen und Strümpfe - eine Nachlässigkeit, die seinen Chef aufbrachte.

Schon früh zeigte sich, dass Tiedge ein unsteter Charakter war. Zum Geld hatte er ein lockeres Verhältnis. Seine Amüsiersucht zeigte sich unter anderem in seiner Liebe zum Karneval. Als Vorsteher der Karnevalsgesellschaft "Die Großen von 1832" ließ er im Hotelzimmer sogar Top-Secret-Akten liegen. Tiedge war ein Chaot, aber weil er für seine Arbeit brannte, verzieh man das.

Tod im Badezimmer

Der Tag, an dem das Leben des Verfassungsschützers aus den Fugen geraten sein muss, war der 4. Juli 1982. Ehefrau Ute Tiedge putzte im Haus am Kollwitzweg das Badezimmer. Dabei musste sie mit dem Kopf gegen das Waschbecken geschlagen sein, so rekonstruierte man. Sie wurde bewusstlos und starb Wochen später im Krankenhaus - die Ärzte waren machtlos, konnten ihre Gehirnblutung nicht stoppen.

Der Verlust riss Tiedge den Boden unter den Füßen weg. Er trank nachts Bier um Bier, Korn um Korn, um die Leere zu füllen. Seine Stammkneipe wurde der "Merheimer Hof". Zusätzlich machten dem Witwer die Kinder Sorgen, er hatte Schulden angehäuft und selbst die Steuer für seinen Hund Nero musste gepfändet werden.

In der Behörde tuschelten sie, dass Tiedge seit 1984 keinen Führerschein mehr hatte, er musste seinen Dienstwagen abgeben. Ein Kollege holte ihn daher morgens mit rührender Zuverlässigkeit ab und setzte ihn, als wäre es das normalste auf der Welt, nach der Arbeit am Merheimer Hof ab. Nachts fuhr Tiedge sturzbesoffen mit dem Taxi heim.

Ein Sicherheitsrisiko

Die Kollegen vom Verfassungsschutz wussten, dass Tiedge in dieser Verfassung ein Sicherheitsrisiko war. "Es liegt an Ihnen!", hallte es nach, als er aus dem Büro seines Chefs zum Fahrstuhl schlich. Nach einer internen Sicherheitsprüfung hatte man ihm angedroht, die "VS-Ermächtigung", die Berechtigung zum Umgang mit Verschlusssachen, zu entziehen. Eine empfindliche Kränkung.

Doch dem Vorgesetzten Heribert Hellenbroich tat Tiedge leid. Sie hatten fast zur gleichen Zeit angefangen, und die Behörde war beinahe familiär - auch wenn Hellenbroich der Präsident war. Er überredete eine reiche Tante Tiedges, diesen mit 150.000 DM zu entschulden.

Doch als diese Tante im August 1985 starb, kam der nächste Schock. Sie ließ Tiedge, der mit einer Erbschaft gerechnet und weitere Schulden angehäuft hatte, leer ausgehen. Tiedge war physisch und psychisch am Ende - und griff zum Notfallplan.

Er öffnete die Tür seines Panzerschranks und entnahm ihm seine Tarnpapiere: Heinz Tappert, wohnhaft in Neuss, stand darin. Wehmütig musterte er die Akten mit den Operationen und schloss dann energisch die Tür. Für die Folgetage reichte er Urlaub ein. Tiedge fuhr ans Grab seiner Frau und weinte. Er lieh sich beim Wirt seiner Stammkneipe noch einmal 200 DM und spielte Skat.

Es war der 18. August, als er sein altes Leben verließ, um sich mit dem Zug auf den Weg zu machen.

Auf der anderen Seite

In der DDR lief es für ihn wie für einen Touristen bei einer perfekt organisierten All-inclusive-Reise: Die Stasi-Offiziere "Karl" und "Bernd" fuhren ihn in einem BMW ins "Objekt", das sogenannte Waldhaus in Prenden nordöstlich von Berlin, eine Art Stasi-Nobel-Siedlung. Ein wenig enttäuscht sei er ja gewesen, erinnerte Tiedge sich in seiner Biographie, dass ihn DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf nicht persönlich abgeholt habe. Doch der "Mischa" ließ immerhin Grüße ausrichten.

Am 19. August 1985 saß Tiedge also beim Abendbrot mit den Männern vom MfS. Es gab Sekt, später holten die Stasi-Männer sechzehn Halbliterflaschen Bier und eineinhalb Halbliterflaschen Wodka. Sie konnten ihr Glück kaum begreifen, und der feindliche Abwehrchef, der fortan Professor Werner Fischer heißen sollte, torkelte seit Langem wieder glücklich ins Bett. Fortan wurde er von der Stasi-Haushälterin Renate umsorgt, die auf kalorienarme Nahrung achtete.

Vier Tage später verkündete der ostdeutsche Nachrichtendienst ADN den Übertritt Tiedges. Die Bundesregierung geriet in Aufruhr und entließ Heribert Hellenbroich, Tiedges hilfsbereiten Chef. Im Fernsehen sah Tiedge, wie dieser unter Tränen das Kanzleramt verließ. Die Regierung Kohl fürchtete, welche Geheimnisse Tiedge ausplaudern würde und redete in der Bundepressekonferenz von einem "Schlag gegen die Sicherheitslage der BRD".

Promovieren "magna cum laude" im Waldhaus

Tiedge aber kümmerte sich um sein eigenes Leben. Er saß in seinem Waldhaus am Bauersee und hatte endlich wieder Ziele: Er begann eine Dissertation zu schreiben. Seine geliebten rheinischen Karnevalsorden ließ er überführen und dekorierte damit den Kamin im Wohnzimmer. Der Stasi-Offizier Gunter, mit dem er sich bei seinen Befragungen unterhalten musste, war ihm sympathisch. Die täglichen Gespräche klangen bei Bier und Wodka aus.

Tiedge speckte unter Renates liebevoller Pflege ab. Frauen wurden ihm zugeführt, und eine Brigitte sagte ihm schließlich zu. Im Beisein seiner Freunde vom MfS wurde geheiratet, auch die Promotion schaffte der Überläufer magna cum laude. Tiedge hatte auch wieder ein Auto: Der MfS hatte ihm einen Golf-Diesel besorgt - für DDR-Verhältnisse war das gut. Lediglich ein Maulwurf trübte die Idylle im Garten des Ex-Spionagespezialisten ironischerweise ein bisschen.

Verdrängte Schuld

Doch innerlich war da vermutlich noch ein Schatten: Stasi-Beamte sagten gegenüber dem Magazin "Focus", Tiedge hätte am ersten Abend weinend die Schuld am Tod seiner Frau zugegeben. Nach den Aussagen der Männer habe er ihr in einem Streit mit dem Nudelsieb auf den Kopf geschlagen und Ute Tiedge sei die Treppe hinunter gestürzt - der Putzunfall sei also eine Lüge. Nachbarn bestätigten, dass Ute Tiedge tatsächlich öfter von ihrem Mann geschlagen worden war und weinend bei ihnen Schutz gesucht hatte.

Was für eine Lawine das Ehe-Unglück in Gang setzte, begriffen die westdeutschen Verfassungsschützer erst, nachdem Tiedge übergelaufen war: Das gesamte Agentennetzwerk in der DDR musste neu aufgebaut werden. Zahlreiche konspirative Wohnungen und Autokennzeichen wurden gewechselt - Tiedge war für sein gutes Gedächtnis bekannt.

Und es kam zur Sekretärinnenaffäre - unzählige Chefsekretärinnen von Spitzenpolitikern, darunter Johanna Olbrich, die Sekretärin von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, flüchteten in die DDR. Dank Tiedge wusste man ja, welche Spitzel die andere Seite auf dem Kieker hatte.

Auch wenn Tiedge der Stasi keine weltbewegenden Geheimnisse ausplaudern konnte - das hatte vor ihm der Agent Klaus Kuron erledigt -, so behandelte man ihn in der DDR wie einen Staatsgast: Während eines Ausfluges nach Halle durfte er in der Suite wohnen, in der Fidel Castro residiert hatte.

Als sich die Wiedervereinigung abzeichnete, wurde ihm ein geordneter Rückzug nach Moskau angeboten. Mit einer uralten Iljuschin hoben Brigitte und er aus der geliebten DDR ab. Der Spionageabwehrmann beriet in Moskau russische Firmen. Von der Bundesrepublik kassierte der 2011 verstorbene Tiedge Rente. Die Schulden auf seinem Konto schwanden, den Alkohol hatte er im Griff und die düstere Schuld seines Gewissens in die letzte Ecke gedrückt. In seiner Autobiografie verriet Tiedge seine flexible Lebensphilosophie: "Ubi bene, ibi patria" - wo es mir gut geht, ist mein Vaterland.

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