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Klaus-Jürgen Rattay: Der Tod eines jungen Hausbesetzers

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Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay Vom Doppeldecker zu Tode geschleift

Als die Polizei 1981 besetzte Häuser in West-Berlin räumte, kam ein 18-Jähriger unter die Räder und wurde von einem Bus zerquetscht. Sein Tod war der Wendepunkt im rabiaten »Häuserkampf«.

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Rund 300 Demonstranten hatten sich auf der Bülowstraße in Berlin-Schöneberg vor einem maroden Altbau versammelt, den die Polizei gerade geräumt hatte. Auf dem Balkon posierte West-Berlins Innensenator Heinrich Jodokus Lummer (CDU) für die Fernsehkameras.

Unten auf der Straße pfiffen und buhten die Hausbesetzer und ihre Unterstützer. Acht Häuser hatte die Polizei an diesem 22. September 1981 geräumt. Ohne Vorwarnung stürmten Dutzende von Polizisten mit weißen Helmen auf sie zu und knüppelten los, andere hetzten ihre Hunde auf die Demonstranten. Die rannten los, um sich in Sicherheit zu bringen, in Richtung der 100 Meter entfernten, stark befahrenen Potsdamer Straße.

Einer wollte in diesem Chaos einen langsam fahrenden Doppeldeckerbus der Linie 48 aufhalten, geriet dabei aber unter das Fahrzeug, vor das linke Vorderrad. Der Fahrer – wohl im Schock – bremste zunächst nicht und kam erst 70 Meter weiter zum Stehen. Als er den Bus zurückgesetzt hatte, bot sich ein entsetzliches Bild. Der Hausbesetzer bewegte sich nicht mehr, sein Rücken war eine einzige blutige Masse. Er war tot.

Vom Niederrhein an die Spree

Die Polizei verbreitete die Falschnachricht, ein Besetzer habe einen Beamten erstochen. Es dauerte Stunden, bis der zu Tode geschleifte Demonstrant identifiziert war: Klaus-Jürgen Rattay, 18, arbeitslos, aus Kleve am Niederrhein. Kaum jemand in der Hausbesetzerszene kannte ihn.

Eine persönliche Erinnerung: Ich war damals Hausbesetzer-Reporter der »taz«. Nachdem die Polizei ein Foto des Toten veröffentlicht hatte, wurde mir klar, dass ich ihn gut zwei Wochen zuvor getroffen hatte – auf einer sandigen Brache hinter drei Häusern, die geräumt werden sollten. Um ein großes Feuer lagerten Besetzer und Unterstützer. Alle warteten auf den großen Showdown.

Rattay, groß, kräftig, mit abstehenden rötlich-blonden Haaren und blondem Vollbart, trug eine dicke schwarze Lederjacke, olivfarbene Hosen und schwere schwarze Springerstiefel. Was eine Hausbesetzerin allerdings irritierte: An seinem Gürtel baumelte ein »Totschläger«, ein mit Stoff ummantelter kleiner Eisenknüppel. Den habe er selbst gebastelt, erzählte er nicht ohne Stolz. »Mit dem Ding kommst du aber nicht ins Haus«, erklärte ihm die Besetzerin mit Nachdruck, »wir leisten bei der Räumung nur passiven Widerstand.« Er murmelte: »Okay, okay, ich verstehe.«

Klaus-Jürgen Rattay wuchs in Kleve am Niederrhein auf, nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Sein Vater war Schlosser, die Mutter starb früh. Er besuchte die Sonderschule, dann einen Berufsbildungslehrgang, den er nach neun Monaten abbrach. Nachdem er ein wenig in Europa herumgetrampt war, kam er im Sommer 1981 nach West-Berlin.

Die Frontstadt, ein riesiger Abenteuerspielplatz

Stefan Aust, damals Redakteur des NDR-Politmagazins »Panorama«, fragte Rattay am Vortag seines Todes, warum er sich den Besetzern angeschlossen habe. »Ich bin hier einfach nach Berlin gekommen, um teilzunehmen an den Hausbesetzungen und so«, sagte Rattay. »Ich bin aus der Gesellschaft ausgestiegen, weil ich keinen Bock hatte, weiterhin zu arbeiten. Weil man auch dauernd unterdrückt wird bei der Arbeit, von irgendwelchen Wichsern. Ich bin jetzt seit anderthalb Monaten hier und finde es gut, dass hier unwahrscheinlich viel gekifft wird. Ich finde es astrein, wie die Leute hier zusammenleben. Vor den Räumungen habe ich Angst, aber ich habe gleichzeitig Mut, zu kämpfen.«

West-Berlin war in diesen Jahren ein Magnet für unzufriedene, gelangweilte junge Menschen aus der westdeutschen Provinz. Es gab keine Wehrpflicht, keine Sperrstunde. Ab Februar 1979 hatten junge Anarchisten, Punks und Hippies mehr als ein Dutzend Häuser in Kreuzberg okkupiert. Als ein Polizeiführer am 12. Dezember 1980 unweit der heute von Touristen belagerten Admiralsbrücke eine neue »Instand(be)setzung« verhindern wollte, kam es zu einer wilden nächtlichen Straßenschlacht – viele weitere sollten folgen.

Die SPD, durch einen ihrer Baukorruptionsskandale gelähmt, ließ zu, dass immer mehr Häuser besetzt wurden, 167 waren es im Sommer 1981. Zunächst genossen die Besetzer Sympathien in der Bevölkerung, weil sie endlich etwas gegen die absurde Abrisspolitik unternahmen. Doch je mehr sie auf Randale setzten, sich in Träumen von Enteignung und Revolution ergingen, umso mehr West-Berliner sehnten sich nach Sicherheit und Ordnung.

»11.12 Uhr. Eindringen mit Rammbock«

Im Juni 1981 wurde die CDU mit dem Spitzenkandidaten Richard von Weizsäcker, dem späteren Bundespräsidenten, erstmals stärkste Partei. Zum Innensenator machte er Heinrich Lummer vom rechten Parteiflügel. Angefeuert von den Zeitungen aus dem Hause Springer, erklärte der CDU-Senat Ende Juli 1981, dass acht Häuser geräumt würden, sechs davon gehörten der gewerkschaftseigenen Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat.

Über den Räumungsbeginn am 22. September in der Winterfeldtstraße schrieb der Schriftsteller Klaus Schlesinger, der im Jahr zuvor von Ost- nach West-Berlin übergesiedelt war und wie Günter Grass, Joseph Beuys und andere Künstler eine Patenschaft für ein besetztes Haus übernommen hatte: »Die Polizei ist aufmarschiert. Erhöhter Blutdruck, Platzangst.«

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»Wir wehren uns gegen die kriminelle Vereinigung von Senat und Spekulanten, die mit Millionen Steuergeldern billigen Wohnraum zerstören«, stand außen auf den Balkons in großen weißen Lettern. Zwei Dutzend Militante hatten quer über die Straße eine Barrikade errichtet, die sie mit Benzin übergossen und anzündeten. Einer von ihnen, so heißt es später, sei Rattay gewesen. Ein Polizeibulldozer schob die Barrikade binnen Sekunden zur Seite.

In den Lagemeldungen des West-Berliner Innensenats ans Bonner Bundesinnenministerium, die sich in den Stasi-Akten finden lassen, liest sich das so: »10.55 bis 11.12 Beschallung des Objekts mit Aufforderung, das Objekt zu verlassen. 11.12. Eindringen mit Rammbock, Beginn der Durchsuchung. Überprüfte Personen 220, davon 136 Männer, 84 Frauen, Freiheitsentziehungen 2 Männer.«

Lummer präsentierte sich in Siegerpose

Die Polizisten trugen und schleiften die Besetzer einzeln die Treppe hinunter und brachten sie zur Absperrung. Um 13.55 war die Räumung der drei Häuser Winterfeldtstraße 20 bis 24 abgeschlossen, kurz darauf auch das nahe gelegene Haus in der Bülowstraße geräumt.

Der Dienstherr der Polizei, der Rechtspopulist Lummer, ließ es sich nicht nehmen, wie ein siegreicher Feldherr auf dem Balkon zu posieren. »Man sagt ja: Wenn schon, denn schon«, sagte er Journalisten grinsend. »In einem Aufwasch ist das am besten erledigt.«

Nachdem die Leiche Rattays abtransportiert war, legten schockierte Besetzer Blumen auf den blutigen Asphalt der Potsdamer Straße und ließen sich nieder, um zu trauern. Doch schon nach wenigen Minuten stürmten Polizisten heran, knüppelten auf die Besetzer ein, zertraten mit ihren Stiefeln die Blumen und spritzten die Reste per Wasserwerfer weg. »Die Bullen hatten keinen Respekt vor dem Tod«, erinnert sich Benny Härlin, damals »taz«-Redakteur und Hausbesetzer, später Europa-Abgeordneter der Grünen.

»Steine, Sprechchöre, Sirenengeheul«

Im rabiaten Konflikt um insgesamt 167 okkupierte Häuser sahen die Besetzer sich bestätigt: Lummer und die ihm unterstellte Polizei gehen über Leichen. Gegen die Zerstörung der Altbauviertel wandten sich damals auch viele, die friedlich Reformen verlangten und Gewalt ablehnten. Doch Politiker wie Medien hatten die Proteste völlig ignoriert – bis Steine flogen, Scheiben barsten und Sachschäden entstanden, die in die Millionen gingen.

Anders als die Rebellen von 1968 träumten die Besetzer anno '81 nicht von einer Weltrevolution. Die meisten wollten vor allem sich selbst verwirklichen und sich in ihrem Kiez wohlfühlen. Sie waren auch keine intellektuelle Elite, nicht die künftigen Richter und Professoren – in ihren Reihen gab es viele marginalisierte Jugendliche, wie Klaus-Jürgen Rattay einer war.

Am Abend des Tages, an dem er starb, zogen gut 15.000 Menschen in einem Trauermarsch durch die West-Berliner City. Lange summten sie nur »Here’s To You« von Joan Baez, aus dem Film über die einst in den USA hingerichteten Anarchisten Sacco und Vanzetti. Aber danach knallte es noch richtig. »Bis spät in die Nacht hinein brennende Barrikaden, beißender Qualm, Tränengasschwaden«, notierte Schriftsteller Klaus Schlesinger. »Steine, Sprechchöre, Sirenengeheul.«

Eine Wende im »Häuserkampf«

Rattays Tod hatte Folgen. »Für alle Seiten war das ein Schock, das war deutlich zu spüren«, sagte Gerhard Schuhmacher in einem »taz«-Interview . Der Dokumentarfilmer hatte 1981 Super-8-Aufnahmen vom Bus gemacht, der den jungen Hausbesetzer erfasste und erst hinter einer Kreuzung stoppte.

Nach diesem Schock sahen sich Richard von Weizsäcker und sein CDU-Senat genötigt, ernsthafte Verhandlungen mit den Hausbesetzern ins Auge fassen. Und die Besetzer hatten verstanden, dass sie gegen die staatliche Übermacht chancenlos waren.

Allmählich flaute der »Häuserkampf« ab. Die Polizei räumte rund 60 Häuser mehr oder minder gewaltsam, zuletzt im November 1984. Gut 100 Besetzungen wurden legalisiert. Die Hausbesetzer hatten die Wende zur »behutsamen Stadterneuerung« durchgesetzt.

Im Jahr 1982 hoben Besetzer dort, wo Rattay auf der Potsdamer Straße zu Tode gekommen war, aus dem Bürgersteig fünf quadratische Platten heraus und gossen mit Zement ein Kreuz, auf das sie nur schrieben: »22.9.81 Klaus-Jürgen Rattay.« Das bescheidene Mahnmal zerstörten gedankenlose Bauarbeiter, als sie im November 2017 Leitungen verlegten.

Die Linke im zuständigen Bezirksparlament hat allerdings dafür gesorgt, dass vor dem Haus, in dem demnächst Sony sein deutsches Hauptquartier beziehen will, wieder ein sehr ähnliches Erinnerungszeichen errichtet wurde: erneut ein Kreuz, diesmal aus Eisen. Es wird am 40. Jahrestag des Todes von Klaus-Jürgen Rattay enthüllt.

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