Heiligabend im IC 2501 Auf der Strecke geblieben

Salamibrötchen statt Weihnachtsgans? Die Bahn macht's möglich: Wegen Eisregens steckten an Heiligabend 2002 Hunderte von Menschen im IC 2501 zwischen Bremen und Osnabrück fest. Erik Lindner war dabei - und erlebte Ärger und Mitmenschlichkeit auf engstem Raum.

Ein liegengebliebener Schnellzug der Deutschen Bahn an Heiligabend 2002
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Ein liegengebliebener Schnellzug der Deutschen Bahn an Heiligabend 2002


Es ist der 24. Dezember. Leichter Schneefall im Norden. Nach einem halben Arbeitstag nehme ich um 12.46 Uhr den IC 2501 von Hamburg, um zur Familie nach Remagen am Rhein zu gelangen. Fünf Stunden Fahrtzeit liegen vor mir. "So die Bahn will", kündige ich mich für 18 Uhr zur Weihnachtsgans und zur Bescherung an. Der Zug ist proppenvoll. Jeder Reisende hat viel Gepäck und Geschenke bei sich, kaum ein Platz bleibt frei.

Zugchef K., ein hagerer Typ mit gepiercter Augenbraue und schicker neuer Uniform, teilt nach einiger Zeit mit, dass südlich von Bremen verreiste Oberleitungen den Verkehr behindern. Man würde beizeiten durchgeben, wie es weiterginge. Die Mitreisenden im Zug, das mögen um die 800 Personen sein, bleiben locker. Kurz vor Bremen sehen wir starke Vereisungen an Bäumen, Büschen und Häusern. Der Eisregen hat eine selten pittoreske Winterlandschaft entstehen lassen. Kaum Menschen oder Autos sind auf den Straßen. Es ist zu glatt.

In Bremen, wo wir um 14:30 Uhr ankommen, bleibt der Zug stehen, da die Strecke nach Osnabrück jetzt wegen Vereisungen und umgestürzter Bäume unpassierbar ist. Die Bahn arbeite an gerissenen Oberleitungen, heißt es. Jetzt geht ein vielstimmiges Stöhnen durch die Waggons. Handys werden gezückt und nahezu wortgleiche Nachrichten an "Schatz" oder "Mutti" durchgegeben. Reflexartig tauschen die Reisenden im Großraumwaggon Erinnerungen über Verspätungen aus, leihen sich den "Spiegel" oder die Tageszeitung aus. Zudem machen Schokolade, Madeleines und Bonbontüten die Runde. Die Stimmung ist in Ordnung, aber es tut sich rein gar nichts.

Wir ergeben uns dem Schicksal

Nach über einer Stunde hören wir eine konsternierende Botschaft: "Leider ist die Strecke blockiert. Sie können mit dem Regionalzug nach Hamburg zurückfahren und es morgen erneut versuchen. Ihr Ticket behält seine Gültigkeit." Diese Empfehlung verursacht erhebliches Murren, ja Protest im Waggon. "Was soll ich in Hamburg - ich will nach Köln!" ruft einer. Schließlich warten Verwandte, Familie und Freunde im Süden. Jetzt in die entgegengesetzte Richtung zurückfahren? Das kann es doch nicht sein. Nicht mit einer Tasche voller Geschenke und dem Wunsch nach weihnachtlicher Atmosphäre, Tannenbaum und Gänsebraten.

Gibt es keine Alternative? Die Auskunft der mittlerweile disparat wirkenden Zugbegleiter ernüchternd. Keine Verbindung nach Hannover oder Bremerhaven, auch nicht mehr nach Oldenburg. Also: auf unbestimmte Zeit hoffen und warten oder zurückfahren. Die Masse entscheidet sich fürs Warten. Wir ergeben uns dem Schicksal oder besser: der Bahn.

Eine junge Frau telefoniert mit ihrem "Schatz." Es ist mittlerweile dunkel, gegen 17 Uhr. Sie will Richtung Düsseldorf. Ihr kommen die Tränen. "Nein, es gibt keinen anderen Weg. Auch die Autobahnen sind unpassierbar. Nein, ich kann nichts machen. Mein Abend ist kaputt. Fangt schon mal ohne mich an. - Was? Mutter möchte mit dem Essen warten, bis ich komme? Zur Not bis Mitternacht? Das ist aber lieb, aber ich weiß nicht, ob das noch was wird." Sie bringt es auf den Punkt. Dann kommt doch eine positive Durchsage: Ein IC nach Hannover sei abfahrbereit. Den könne man nutzen, um ins Ruhrgebiet und ins Rheinland zu gelangen.

Vor uns hat sich ein Zug festgefahren

Das klingt nach der gesuchten Alternative. Viele huschen daher mit Sack und Pack auf den anderen Bahnsteig. Doch auch dieser IC erhält nicht das vom Bahnsteigschaffner erwartete grüne Licht. Er ist genervt. Seit 8 Uhr schon steht er auf dem Bahnsteig im Stress, mit Funkgerät und Handy am Ohr. Die Reisenden gehen ihre Verbindungsmöglichkeiten ab Hannover durch und rechnen, wie sie via Hamm nach Münster, Wuppertal oder Düsseldorf gelangen. Als jedoch die Durchsage kommt, dass es nach Osnabrück weiter ginge, rennen alle wieder zurück in den IC 2501. Ich lande im altbekannten Waggon bei den passiveren Schicksalsgenossen.

Nach dreieinhalbstündigem Aufenthalt in Bremen fährt der IC weiter. Der Schaffner bietet zur Entspannung Verbindungen ab Osnabrück an, auch in die Niederlande. Das klingt verheißungsvoll. Allerdings ist nach wenigen Minuten unvermittelt Schluss. Südlich der Weser halten wir auf offener Strecke, mitten im Dunkeln. Die folgenden Durchsagen zeigen, dass der Zugchef sichtlich Nerven gelassen hat. Seine Sätze im Deutschen sind ungeordnet, sein Englisch klingt noch bemitleidenswerter.

Das Problem: Vor uns hat sich ein Zug festgefahren. Wir können nicht zurück, denn Rückwärtsfahren ohne Steuerwagen am Ende ist verboten. Eine Diesellok soll uns herausziehen - doch ist keine Lok aufzutreiben, jetzt gegen 20 Uhr am Weihnachtsabend. Wir stehen. Nach drei Stunden gibt Zugchef K. durch, er habe per Handy endlich dem Notfalllagezentrum der Bahn berichten können. Vorher kam er nicht durch. Ein höhnisches Johlen geht durch die Waggons.

Heißgetränke gratis

Besser kommt im Zug die Kunde an, dass im Bistro Heißgetränke gratis ausgegeben werden. Allerdings muss man ziemlich lange anstehen. Was soll's, wir haben ja Zeit! Dabei wird kräftig geraucht, Bier gibt es zur Genüge, und wir tauschen uns über das Krisenmanagement der Bahn aus. Der Mitarbeiter im Verkauf wirbelt mit allem, was er hat. Vor mir geht die letzte Weinflasche über die Theke. Pech. Der Glückliche zahlt für vier Salamibrötchen mit Salatblatt, das Rotweinfläschchen und vier Bier stolze 28 Euro, eins sechzig Trinkgeld inklusive. Gläser und Teebecher sind rar und schnell ausgegeben. Die Leute zeigen sich engagiert und reichen sie durch die Waggons zurück. Eine Frau mit Buggy und drei Kindern schiebt sich durch das Gedränge im übervollen Bistro in die Erste Klasse voran. Dort werden Kleinkinder untergebracht, während der Schaffner per Lautsprecher um Babynahrung bittet.

Mit dem Tee in der Hand komme ich nach 45 Minuten wieder zu meinem Platz und versuche mich zu entspannen. Die meisten denken, es würde schon irgendwie werden. Dann aber heißt es: "Wir werden zurückgeschleppt nach Bremen. Dort erhalten Sie Hotelgutscheine. Morgen geht es weiter. Tut uns leid..." Enttäuschte Rufe machen sich breit. Doch wenig später befördert eine Diesellok den IC südwärts nach Kirchweyhe, wo sich bereits ein IC befindet. Dessen Reisende sollen in unseren Zug aufgenommen werden. Über den vereisten Bahnsteig kommen etwa noch 600 Personen in unseren Zug.

Man hockt und steht, wo es gerade geht. Trotz der großen Enge behelfen sich die Leute. Ältere Menschen, eine Gehbehinderte und Erschöpfte werden auf die Sitze platziert. Niemand empört sich, alle suchen nach einer Lösung. Man merkt, dass jeder verständig eingestellt ist. So entsteht Gemeinschaft.

Weihnachtslieder auf der Gitarre

Die Diesellok zieht den überfüllten IC 2501 nach Osnabrück, wo wir um Mitternacht ankommen. Dort wartet nicht nur das THW, die Feuerwehr und das Rote Kreuz, sondern auch die eisfreie Zone. Ab hier können wir elektrisch weiterfahren! Jetzt werden Wasser, Vitamalz, Cola, Fanta und kalte Bockwürstchen auf Papptellerchen gereicht. Auch Babynahrung und Windeln werden beschafft. Sanitäter kümmern sich um Ältere, die am Ende ihrer Kräfte scheinen.

Es geht um halb drei in der Nacht weiter, bei gefasster bis guter Stimmung. Erschöpft und schlafend die einen, singend die anderen. In unserem Waggon spielt einer leise Weihnachtslieder auf der Gitarre, und die Umsitzenden stimmen ein. Manche spielen Schiffe versenken, andere senden SMS bis zum Abwinken. Als sich in Münster und Dortmund der Zug zusehends leert, sieht es aus wie nach einer wüsten Party: Überquellende Mülleimer, auf dem Boden leere Flaschen und Becher, Zigarettenkippen und Zeitungen sowie ein paar Versprengte, dämmernd oder mit großen Augen in die Nacht schauend. Am Remagener Bahnhof wartet mein Bruder um halb sechs, nachdem ich ihn aus dem Bett telefoniert habe. "Frohe Weihnachten" wünschen wir uns, und ich sinke alsbald voller Freude aufs Gästesofa.

Irgendwie kam in dieser Nacht wohl jeder an, wenn auch zwölf Stunden zu spät. Erschütternd wirkte, wie das Zugbegleiterteam von der Bahn bei Kirchweyhe alleine gelassen worden war. Offenbar hatte man zwischen Feierabend und Christbaum im Off gesteckt. Anders war es nicht zu erklären, dass von außen stundenlang keine Hilfskonzepte vermittelt wurden.

Galgenhumor oder weihnachtliche Milde

Für den Eisregen konnte niemand etwas. Aber der Ärger über das verspätete Krisenmanagement war deutlich. War das kein Notfall, wenn viele Züge festsaßen? Das betraf doch Tausende, darunter Kleinkinder, Rollstuhlfahrer und eine Blinde. Galgenhumor oder weihnachtliche Milde hatte die in einer Zufallsgemeinschaft versammelten Reisenden diese Fahrt mit erstaunlichem Langmut überstehen lassen.

Schließlich gab es Licht, Heizung, funktionierende Toiletten und Versorgung durch hilfsbereite Menschen unterwegs. Letztlich erlebten wir einen unvergesslichen Weihnachtsabend: Nicht in der Kirche und im Kreis der Familie, sondern mit wildfremden Leuten im Waggon, denen man näher kam und ein frohes Fest wünschte. Trotz der Strapaze und Enttäuschung stand das Mitmenschliche im Vordergrund.



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