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Papst im Krieg: "Vor einem Unteroffizier kniet man nicht!"

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Papst im Krieg "Vor einem Unteroffizier kniet man nicht!"

Mit der Heiligsprechung von Johannes XXIII. ehrt die katholische Kirche einen Mann, der als einziger Papst des 20. Jahrhunderts im Krieg gedient hat. Angelo Roncalli erlebte das Grauen des Ersten Weltkriegs an der Alpenfront - die Erfahrung prägte sein Pontifikat.

"Ich flehe die Staatsoberhäupter an, sich dem Schrei der Menschheit 'Friede, Friede' nicht zu verschließen. Mögen sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um den Frieden zu retten." Mit diesem dramatischen Appell wandte sich Papst Johannes XXIII. auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges an die Welt. Der Zeitpunkt seines Mahnrufs lag nicht von ungefähr im April 1963. Nur wenige Monate zuvor hatte die Welt während der Kubakrise in den Abgrund eines Atomkrieges geblickt. Als päpstliches Lehrschreiben ging die Enzyklika "Pacem in Terris - Frieden auf Erden"  in die Kirchengeschichte ein.

Weniger bekannt ist jedoch, wie gut ihr Verfasser wusste, wovon er schrieb. Angelo Roncalli, wie der Friedenspapst mit bürgerlichem Namen hieß, war selbst Kriegsteilnehmer gewesen und diente als italienischer Soldat im Ersten Weltkrieg. Dabei hatte der Rekrut und Priesterseminarist schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinem Tagebuch eine vernichtende Bilanz seines einjährigen Wehrdiensts gezogen: "Wie hässlich ist die Welt, wie abstoßend, wie schmutzig. Während meines Militärjahres habe ich es mit Händen greifen können. Das Militär ist eine Quelle, aus der Fäulnis aufsteigt, um die Städte zu überschwemmen. Wer vermag sich aus dieser Flut von Schmutz zu retten, wenn Gott ihm nicht hilft?"

Roncalli jedenfalls widerstand den Versuchungen. Er setzte sein Theologiestudium fort, erhielt 1904 die Priesterweihe und wurde nur ein Jahr später Privatsekretär des Bischofs von Bergamo und Professor für Kirchengeschichte am dortigen Priesterseminar. Doch just im August 1914 starb der Bischof - und auf seinen Sekretär wartete eine neue Aufgabe: der Dienst am Vaterland. Am Pfingsttag 1915 erhielt Angelo Roncalli seine Einberufung, nachdem das vormals neutrale Italien im Mai 1915 an der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg eingetreten war.

"Wohin wird man mich schicken?"

In der Familie Roncalli hatte das Militärische eine gewisse Tradition: Angelos Großvater hatte schon in der blutigen Schlacht von Solferino im Jahr 1859 gegen die Österreicher gekämpft. Nun, im Ersten Weltkrieg, standen alle fünf Roncalli-Brüder im Feld. Angesichts der Bedrohung für das Vaterland schien der junge Kirchengeschichtsprofessor seine antimilitaristischen Gefühle überwunden zu haben.

Seinem Tagebuch vertraute er am 23. Mai 1915 an: "Morgen werde ich als Sanitäter zum Militärdienst einrücken. Wohin wird man mich schicken? Vielleicht an die Front? Werde ich wieder nach Bergamo heimkehren, oder hat der Herr bestimmt, dass meine letzte Stunde auf dem Schlachtfeld schlagen wird? Ich weiß nichts. Ich will nur eines: immer und überall den Willen Gottes erfüllen und mich selber zu seiner größeren Ehre aufopfern. So, und nur so glaube ich der Größe meiner Berufung gerecht zu werden und meine aufrichtige Liebe für das Vaterland und die Seelen meiner Brüder mit der Tat zu beweisen."

Italien zog seine Truppen im Veneto zusammen, um über die Alpen einen Angriff auf die Österreicher zu starten. Doch die waren vorbereitet und zielten von den Bergen herab auf die heranrückenden italienischen Truppen. Die Offensive versandete unter schweren Verlusten im Stellungskrieg. Elf weitere Angriffe starteten die Italiener in den folgenden sechs Monaten, um den Österreichern am Ende einen Geländegewinn von gerade einmal 16 Kilometern abzutrotzen.

Bergamo, wo Roncalli als Sanitätsunteroffizier eingesetzt war, wurde zum Hauptaufnahmeplatz Zehntausender Verwundeter. Dem 34-jährigen Priestersoldaten fiel eine Doppelrolle zu: Als Sanitäter versorgte er die Verwundeten, unter denen sich zahlreiche Amputierte befanden, und als Seelsorger stand er den Sterbenden bei. "Oft konnte ich mich nur noch auf die Knie werfen und wie ein Kind weinen", erinnerte er sich später.

"Der Schnurrbart war ein Irrtum"

Im Armeedienst ließ sich der spätere Johannes XXIII. zum Zeichen seiner Männlichkeit einen mächtigen Schnurrbart wachsen. Er wollte nicht als ein schwächlicher Priester gelten und sich nicht von den anderen Soldaten abheben. Später gestand er sich ein: "Der Schnurrbart war ein Irrtum. Es war einer meiner schwachen Augenblicke."

1916 wurde Roncalli zum Leutnant befördert und an die Front versetzt. Grund war eine Vereinbarung zwischen Italien und dem Vatikan, wonach Geistliche in der Armee den Status von Militärkaplänen im Offiziersrang erhielten. Die Schlachten tobten am Alpenfluss Piave und an der Dolomitenfront. Roncalli sollte im Feuer der Geschütze Schwerverletzte bergen. Unter mörderischen Umständen wurden die Verwundeten aus den gefährlichen Gebirgsstellungen abgeseilt, über vereiste Pfade und abschüssige Geröllhalden ins Tal gebracht. Zehntausende bezahlten den sinnlosen Alpenkrieg mit ihrem Leben - und Roncalli bekam Gelegenheit, den Schwerverletzten beider Seiten die christlichen Sterbesakramente zu spenden. Schließlich standen sich mit Österreichern und Italienern auf beiden Seiten Katholiken gegenüber.

Als im Oktober 1917 die Schlacht um Caporetto tobte, erreicht der Strom der Verwundeten einen neuen Höhepunkt. Kirchen und Eisenbahnzüge wurden zu Notlazaretten, und der Feldkaplan Roncalli, eigentlich hauptverantwortlich für das hoffnungslos überfüllte Reservelazarett "Ricovero Nuovo - Neue Zuflucht" in Bergamo, eilte von Krankenstation zu Krankenstation. Er gelangte ans Ende seiner Kräfte: "Zuzeiten, wenn ich mit dem Herrn allein bin, steigen mir die Tränen in die Augen, und ich kann mich der Erregung, die mich überwältigt, nicht erwehren", schrieb der Verzweifelte in einem Brief.

"Ich werde das Schreien des Österreichers nie vergessen"

Nach der für Italien verheerenden Niederlage in Caporetto galt sein jüngster Bruder Giuseppe, den Roncalli stets "Pino" rief, als vermisst. Ein Jahr zuvor hatte er bereits einen Vetter verloren, der nach österreichischem Granatenbeschuss gestorben war. Kurz vor Ende des Krieges starb, mit nur 25 Jahren, auch Roncallis Schwester Enrica. Immerhin: "Pino" überlebte und kehrte später aus österreichischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Roncalli eröffnete unterdessen in Bergamo ein "Haus der Soldaten" und kümmerte sich um eine Vereinigung zur Unterstützung von Kriegermüttern und -witwen. Erst im Frühjahr 1919 wurde er aus dem Militärdienst entlassen. Zwei Jahre später berief ihn Papst Benedikt XV. an die Kurie in Rom.

Gut vier Jahrzehnte später war er selbst Papst und empfing im Vatikan eines Tages eine Abordnung des Regiments, bei dem er gedient hatte. Als die ehemaligen Kriegskameraden vor ihm niederknien wollten, soll Johannes XXIII. gesagt haben: "Bitte bleibt alle stehen! Vor einem Unteroffizier kniet man nicht!"

Noch in seinem letzten Lebensjahr erinnerte sich Angelo Roncalli anlässlich der Unterzeichnung von "Pacem in terris" an seine Lazarettzeit: "Ich werde das Schreien eines Österreichers, dessen Brust durch Bajonettstiche zerrissen worden war, niemals vergessen." Das Lehrschreiben gab der schwerkranke Papst nur wenige Wochen vor seinem Tod heraus - es gilt als sein bleibendes Vermächtnis. Eine Forderung darin, die auch mehr als 50 Jahre später noch aktuell ist, lautet, "dass keine Nation das Recht hat, irgendetwas zu tun, wodurch sie andere Nationen ungerechterweise unterdrückt oder sich ungebührlich in deren Angelegenheiten einmischt". Schließlich zitierte er seinen Vorgänger Pius XII. mit den dramatischen Worten: "Nichts ist durch den Frieden verloren, aber alles durch den Krieg."

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René Schlott:
Johannes XXIII.

Der Friedens- und Konzilpapst.

Vergangenheitsverlag; 59 Seiten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.