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Heimkehrer nach dem Ersten Weltkrieg "Was sucht ihr hier? Warum seid ihr nicht tot?"

Als Besiegte kehrten die deutschen Soldaten ab 1918 heim, darunter 1,5 Millionen "Kriegskrüppel", körperlich und seelisch versehrt. Zuhause schlug ihnen Verachtung entgegen.
Von Andreas Unger
aus SPIEGEL Geschichte 1/2020
Heer der Humpelnden: Demonstration von Kriegsinvaliden im Jahr 1919

Heer der Humpelnden: Demonstration von Kriegsinvaliden im Jahr 1919

Foto: SCHERL / SZ PHOTO

Endlich ist der Krieg vorbei, das ist die gute Nachricht. Blasmusik erklingt auf den Straßen, "Ehrenjungfrauen" gehen vorweg, streuen Blumen, dahinter ziehen die Heimkehrer auf festlich geschmückten Wagen ein. Die Deutschen sind ermattet und erleichtert. Die schlechte Neuigkeit ist: Der Krieg ist verloren.

Als Besiegte kamen die Soldaten nach Hause: Sechs Millionen deutsche Soldaten und mehr als 800 000 Kriegsgefangene kehrten von Ende 1918 an zurück. Wohl niemand von ihnen konnte den Schrecken der Schützengräben einfach abschütteln, sich eingliedern ins zivile Leben, in ein Land, das sich nach Revolution und Niederlage selbst noch finden musste.

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Die 20er Jahre: Zwischen Exzess und Krise – wie ähnlich sich damals und heute sind

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Besonders schwer hatten es die 1,5 Millionen Kriegsbeschädigten, damals "Kriegskrüppel" genannt. "Das Kinn ist weggeschossen, und Nase und Oberlippe hängen frei in der Luft. Oder nur ein halbes Kinn fehlt. Und dafür eine Nasenhälfte der Länge nach", so beschrieb der Schriftsteller Joseph Roth, der in Berlin lebte, den Anblick. "Oder quer durch das ganze Gesicht fuhr eine Granate spazieren, und ihr Führungsring blieb im Ebenbilde Gottes haften, im Antlitz eines weißen Menschen. Oder irgendeinem fehlt der Mund, die Lippen fehlen, die Lippen, mit denen er küssen, flüstern konnte."

Der Anblick bewegte das Volksgemüt. Mitleid und Abscheu mischten sich. Manch einer nahm den Überlebenden ihr Aussehen übel. Mancher sogar ihr Überleben. "Die Heimkehrer fühlten den Vorwurf in den Blicken der Hinterländler: 'Was sucht ihr hier? Warum seid ihr nicht tot?'", schrieb 1923 der österreichische Psychoanalytiker und Schriftsteller Fritz Wittels, der fünf Jahre lang als Militärarzt gedient hatte. Die Toten lagen auf dem Feld der Ehre, sie waren immerhin als Helden zu gebrauchen, an ihnen konnte man sich aufrichten. Die Kriegsversehrten lagen in ihren Betten – wofür haben sie überlebt?

"Roheit, Mannschaftsfresserei und Dünkel"

Der Kaiser, einst Identifikationsfigur der Nation, hatte seine Haut in die Niederlande gerettet. Und das Vaterland, für das sie in den Krieg gezogen waren, war nun ein besiegtes Land, das sich dem angeblichen "Diktatfrieden" unterworfen hatte: Es bekam die alleinige Kriegsschuld zugeschrieben, verlor seine Gebiete links des Rheins, wurde weitgehend entmilitarisiert und musste Reparationszahlungen leisten. Welchen Sinn hatte der Einsatz des eigenen Lebens gehabt, und welchen das Leiden, das Elend, in das der Krieg sie gestürzt hatte?

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