Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg Der US-Journalist, der heimlich mit den Nazis paktierte

Angeblich schändeten die Deutschen 1939 ein Kloster in Polen. Doch Strippenzieher der Geschichte war Goebbels selbst – und ein gefügiger Journalist der Agentur AP verhalf ihm zu einem weltweiten Propaganda-Coup.
AP-Journalist Louis Lochner (bei der Lagoda-Schlacht im August 1941 in der Sowjetunion): »Embedded« bei Nationalsozialisten

AP-Journalist Louis Lochner (bei der Lagoda-Schlacht im August 1941 in der Sowjetunion): »Embedded« bei Nationalsozialisten

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AP

Auf den deutschen Überfall auf Polen war die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) perfekt vorbereitet. Ihr Berliner Chefkorrespondent Louis Lochner hatte bereits im Frühjahr 1939 von den Annexionsplänen des NS-Regimes erfahren. Dann hielt Hitler am 22. August 1939 eine später berüchtigte Geheimrede vor den Spitzen der Wehrmacht  und offenbarte seinen Expansionsfeldzug, seine Völkermordabsichten, seine Weltherrschaftspläne.

Auch an diese brisanten Informationen gelangte Louis Lochner.

Eine Kurzfassung der hasserfüllten Tiraden des »Führers« wurde ihm von Kreisen um Admiral Wilhelm Canaris und General Ludwig Beck zugespielt. So verwundert es kaum, dass es die AP war, die das erste Pressefoto des deutschen Angriffs auf Polen verbreitete. Doch die AP, ein Gigant unter den Nachrichtenagenturen, hatte sich ihren Wissensvorsprung durch einen Pakt mit dem NS-Staat erkauft, wie sich später zeigen sollte.

»New York Times« (2. September 1939): Exklusives Foto vom Kriegsbeginn

»New York Times« (2. September 1939): Exklusives Foto vom Kriegsbeginn

Foto: AP

In Berlin jedenfalls leistete die AP ganze Arbeit – auch für die Deutschen. Per Transmitter konnten sie »Radiophotos«, »Wirephotos« und »Telephotos« in Minutenschnelle über den Atlantik schicken. Dadurch gelang es der NS-Propaganda, die Weltöffentlichkeit mit ausschließlich deutschfreundlichen Fotos aus dem angegriffenen Polen zu versorgen.

Besonders eine bis heute nicht bekannte Episode verdeutlicht, wie einseitig die AP den deutschen Überfall in ein rosiges Licht tauchte. Damit verhalf sie Joseph Goebbels zu seinem ersten großen Propagandasieg im Zweiten Weltkrieg.

Ein willkommener Anlass für Goebbels

Die Geschichte begann mit einer Meldung der polnischen Nachrichtenagentur PAT vom 3. September 1939, zwei Tage nach Beginn des deutschen Überfalls auf Polen: In Südpolen sei das Kloster von Tschenstochau, wegen des Marienbildes der »Schwarzen Madonna« ein berühmter Wallfahrtsort, von deutschen Truppen niedergebrannt worden. Reichspropagandaminister Goebbels notierte am 5. September 1939 empört in sein Tagebuch:

»Die Polen machen eine tolle Greuelhetze. Das ist eine ganze Scala von Verbrechen. Vor allem das Märchen von der zerstörten Muttergottes in Tschenstochau. Das geht durch die ganze Weltpresse.«

Dann breitete er einen Plan aus, um daraus selbst propagandistisches Kapital zu schlagen:

»Ich lasse den amerikanischen Journalisten Lochner mit einem Bombenflugzeug nach Tschenstochau bringen, damit er aus eigener Inaugenscheinnahme berichten kann. Damit hoffe ich, diese Lüge totschlagen zu können.«

Nun ging es ganz schnell. Bereits am nächsten Tag notierte Goebbels:

»Lochner war mit in Tschenstochau. Er unterrichtet nun das Ausland. Damit schlage ich die schlimmste englische und vor allem polnische Greuellüge tot. (…) Die Polen haben eine richtige Schwindelfabrik aufgemacht. Aber das nützt ihnen nichts mehr, das schadet nur.«

Als Agenturjournalist »embedded« bei den Nazis

Tatsächlich produzierte Lochner bei seinem von den NS-Autoritäten organisierten Trip ins Kriegsgebiet erstaunliches Pressematerial, das weltweit zahllose Zeitungen druckten.

Das AP-Foto, in kürzester Zeit über den Berliner Transmitter als »Associated Press Wirephoto« in die USA gesendet und verbreitet, ist äußerst ungewöhnlich – weil es den Auslandskorrespondenten selbst mit abbildete. Lochner beglaubigte auf diese Weise persönlich, dass das Kloster Tschenstochau und die »Schwarze Madonna« intakt waren. Ohne ihn hätte das Foto für ein deutsches Propagandafoto gehalten werden können, das älter oder vielleicht retuschiert worden war. Erst durch seine Präsenz auf dem Foto vollendete Lochner den Sieg der deutschen Propaganda.

»Minneapolis Star« (6. September 1939): Louis Lochner (rechts) beglaubigte das Foto

»Minneapolis Star« (6. September 1939): Louis Lochner (rechts) beglaubigte das Foto

So zahlte sich der Aufwand aus, mit dem Goebbels den AP-Mann per Bomber und SS-Eskorte von Berlin nach Tschenstochau hatte bringen lassen. Dieses Vorgehen war bereits nach damaligen Maßstäben journalistischer Ethik völlig unprofessionell. Zudem widersprach es auch den AP-eigenen »Richtlinien für Auslandskorrespondenten«, die Louis Lochner einst selbst mit erstellt hatte.

Oberflächlich betrachtet berichtete Lochner nur Fakten. Das Kloster und die »Schwarze Madonna« waren tatsächlich unbeschädigt. Doch trug sein Bericht dazu bei, die Wahrheit zu verdecken, dass um ihn herum Kriegsverbrechen begangen wurden. Darüber berichteten er und AP nichts in jenen Tagen, die für die Beurteilung des soeben von den Deutschen entfesselten Krieges wichtig waren. Nur einen Tag vor seiner Ankunft hatten Wehrmachtseinheiten mitten in Tschenstochau ein Massaker an Zivilisten angerichtet. Lochner versuchte nicht einmal, etwas dazu herauszufinden oder mit Einheimischen zu reden.

Die ganze Story war nichts als eine raffinierte Finte

Goebbels schien also diesen Propagandasieg auf ehrliche Weise errungen zu haben. Dies wurde den Deutschen in der Weltöffentlichkeit auch abgenommen – anders als etwa die kaum geglaubte Inszenierung eines polnischen Überfalls auf den Radiosender Gleiwitz, der Hitler als Anlass für den Kriegsausbruch gedient hatte (»Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!«).

In Wirklichkeit aber hatte Goebbels die gesamte Tschenstochau-Story inszeniert. Denn die britische Presse hatte gar nicht über die angebliche Zerstörung des Klosters und der »Schwarzen Madonna« geschrieben – bevor Louis Lochner und AP darüber berichteten. Es gab nur weitgehend nüchterne britische Meldungen, wonach der Ort unter Beschuss gelitten habe und nun von deutschen Truppen besetzt sei.

Lochner aber sprach in seinem AP-Artikel von einer angeblichen »großen Kontroverse«, ob die Madonna zerstört worden sei. Tatsächlich wurde diese Kontroverse erst durch ihn persönlich und seine Reise nach Tschenstochau entfacht.

Die Story war zudem auf raffinierte Weise von einem Goebbels-Agenten in Paris »gepflanzt« worden. Ein deutscher Agent provocateur hatte den Erzbischof von Paris von der vermeintlichen Schändung von Kloster und Madonna in Kenntnis gesetzt. Der Kardinal traute den Deutschen das zu – und protestierte dagegen von der Kanzel.

Verdruckstes Schuldeingeständnis Jahrzehnte später

Offenbar plagte Lochner später ein schlechtes Gewissen: 1964 veröffentlichte er in einem Buch des »Overseas Press Club of America« den bemerkenswerten Beitrag »The First Big Lie of the Second World War«. Darin plauderte er die Finte von Goebbels aus, der auch er aufgesessen war. Seine eigene Rolle und die der AP versuchte er indes schönzureden.

Dabei hätte er seinen Fehler, sich von Goebbels einspannen zu lassen, sogar einst wiedergutmachen können.

Denn schon im Winter 1939 wurde Lochner von einem Informanten aus kirchlichen Widerstandskreisen über die Hintergründe von Goebbels' Propagandacoup aufgeklärt. Doch Lochner schwieg bis zu seinem verdrucksten Schuldeingeständnis von 1964, das von der Forschung bisher unbeachtet blieb.

Im September 1939 hatte er also alles seinen Ambitionen untergeordnet, als erster Auslandskorrespondent auf deutscher Seite aus dem Kriegsgebiet zu berichten. Die Tour nach Tschenstochau verschaffte ihm einen scheinbaren Scoop.

Goebbels: »Jetzt laufen wir zu höchster Form auf«

Goebbels wahrte bemerkenswerte Disziplin, versagte sich jeden öffentlichen Triumph und hielt das Tarnspiel selbst gegenüber engsten Mitarbeitern aufrecht. Sogar die Nachwelt wollte Goebbels über die Tschenstochau-Affäre in die Irre führen; seine »Tagebücher« waren zur späteren Veröffentlichung gedacht und enthalten viel Geschichtsklitterung.

Viele Deutsche, auch Hitler und Goebbels, waren geradezu obsessiv der Vorstellung verfallen, Deutschland habe den Ersten Weltkrieg nicht zuletzt wegen Lügen und Gräuelpropaganda seiner Kriegsgegner verloren. Den Spieß diesmal umzukehren, war ein zentraler Antrieb der psychologischen Kriegsführung der Nationalsozialisten: Gerade weil Deutsche tagtäglich Kriegsverbrechen begingen, brauchte es zur Verdeckung »alternative Wahrheiten«. Eine Enttarnung der Tschenstochau-Inszenierung wäre ein Desaster im Medienkrieg gewesen.

Korrespondent Lochner ließ sich vom Propagandandisten Goebbels (links) einspannen – Aufnahme von einem »Bierabend« des Vereins der Ausländischen Presse in Berlin, 1935

Korrespondent Lochner ließ sich vom Propagandandisten Goebbels (links) einspannen – Aufnahme von einem »Bierabend« des Vereins der Ausländischen Presse in Berlin, 1935

Foto: ullstein bild

Doch der Fall Tschenstochau blieb geheim – und beeinflusste auf fatale Weise auch viele Amerikaner und Briten. Denn in den USA und Großbritannien hatte sich seit den Zwanzigerjahren ebenfalls die Ansicht verbreitet, auf dem medialen Feld habe man den Ersten Weltkrieg nicht ganz ehrlich gewonnen. So taten viele die Meldungen über den Mord an den Juden und andere NS-Verbrechen noch bis zur Befreiung der ersten Konzentrationslager im Frühjahr 1945  als typische Gräuelpropaganda der eigenen Führung ab.

»Jetzt laufen wir zu höchster Form auf. Auch in der Weltpropaganda«, schrieb Goebbels am 11. September 1939 zufrieden in sein Tagebuch. Ohne die AP-Unterstützung hätte er keine derart erfolgreiche »Weltpropaganda« betreiben können. Und diese Hilfeleistung war kein einmaliger Fehltritt, sondern Folge einer jahrelangen verdeckten Kooperation der führenden US-Nachrichtenagentur mit den Nationalsozialisten.

Ihren Höhepunkt erlebte diese Zusammenarbeit sogar erst nach dem US-Kriegseintritt im Dezember 1941. Damals wurde ein geheimer Deal geschlossen, der bis April 1945 hielt. AP blieb der loyalste Medienpartner des NS-Regimes – bis zum Untergang des »Dritten Reichs«.