Fotostrecke

Pogrome auf Befehl - ein Attentat als Vorwand

Pogrome 1938 "Alles saust gleich an die Telefone. Nun wird das Volk handeln"

Ein jüdischer Jugendlicher erschoss im November 1938 einen deutschen Diplomaten in Paris. Die Nazis nahmen das Attentat zum Vorwand für Pogrome, die Propagandaminister Goebbels als spontanen "Volkszorn" tarnte.

Der junge Mann, zierlich und nur 1,54 Meter groß, wirkte harmlos, als er am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris in der Rue de Lilles um Einlass bat: Er wolle einen Sekretär sprechen und ein "wichtiges Dokument" übergeben.

Gegen 9.30 Uhr brachte ihn ein Amtsgehilfe zum Legationssekretär Ernst vom Rath und hörte wenige Minuten später Schreie. Auf dem Flur kam ihm der Diplomat entgegen, gekrümmt und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Rath rief, er sei angeschossen worden. An der offenen Tür des Dienstzimmers stand regungslos der Besucher und ließ sich festnehmen.

Botschaftsmitarbeiter übergaben Herschel Feibel Grynszpan, so sein Name, der französischen Polizei. Der junge Mann gab zu Protokoll, er habe den Legationssekretär als "schmutzigen Deutschen" ("sale boche") bezeichnet und dann mit einem Revolver geschossen; er handele "im Namen von 12.000 schikanierten Juden".

Verschleppung über Nacht

In Grynszpans Brieftasche steckte ein Schreiben seiner Schwester aus einem Lager in der polnischen Grenzstadt Zbąszyń (Bentschen) vom 31. Oktober 1938. Darin berichtete Berta von "unserem großen Unglück". Mit der Familie sei sie aus Hannover nach Polen ausgewiesen worden und nun mittellos: "Wir haben keinen Pfennig."

Herschel Grynszpan wurde im März 1921 als Sohn polnischer Staatsangehöriger jüdischer Herkunft geboren. Er besuchte die Volksschule ohne Abschluss und hatte keine Berufsausbildung. Von Hannover reiste der Junge 1936 legal zu einem Onkel nach Brüssel, dann illegal weiter nach Paris.

Frankreichs Behörden stellten ihm im August 1938 einen Ausweisungsbefehl zu. Ende Oktober wurden seine Eltern und Geschwister im Zuge der von SS-Chef Heinrich Himmler verfügten "Polenaktion" deportiert. Dabei wurden 17.000 aus Polen stammende Juden brutal ins Niemandsland an der polnischen Grenze gescheucht und ausgewiesen; das kleine Zbąszyń mit nur 5000 Einwohnern geriet zum Elendsort, unvorbereitet auf den Ansturm entwurzelter und mittelloser Menschen.

Wütend über das Schicksal seiner Familie und Tausender anderer Juden kaufte sich Grynszpan im Pariser Waffengeschäft "Zur feinen Klinge" einen Revolver. Damit schoss er in der deutschen Botschaft auf Rath und verletzte ihn schwer, eine Kugel durchschlug die Milz. Der 29-jährige Diplomat starb zwei Tage darauf, am 9. November 1938.

Nazis suchten einen Vorwand

Das Attentat kam den Nationalsozialisten wie gerufen – sie hatten ab Anfang 1938 die systematische Entrechtung der in Deutschland lebenden Juden massiv vorangetrieben. Juden mussten ihr gesamtes Vermögen angeben und durften keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten, jüdischen Ärzten wurde die Approbation entzogen.

Fotostrecke

Pogrome auf Befehl - ein Attentat als Vorwand

Noch fehlte ein Vorwand, um von der Diskriminierung zur massenhaften Verfolgung der Juden überzugehen. Der NS-Staat nahm nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 sowie der Annektion des Sudetenlandes Kurs auf Krieg und totale Mobilisierung. In ihrer Rassenideologie sah die NSDAP die Juden zugleich als Störfaktor und Sündenbock, als Hauptfeind des Nationalsozialismus.

Nun bot der Tod des jungen Diplomaten eine ideale Rechtfertigung für die gezielte Eskalation. Der simple Propagandakniff: Die Tat eines Einzelnen stellten die gleichgeschalteten Medien als Aktion "der Juden" dar. "Jüdischer Mordanschlag in Paris" hieß es rot unterstrichen am 8. November 1938 auf der Titelseite des NSDAP-Zentralorgans "Völkischer Beobachter".

Von Goebbels zur FDP

Den Leitartikel dazu schrieb Wolfgang Diewerge, Mitarbeiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Weil die Deutschen einen Krieg fürchteten, präsentierte er Grynszpan als "Verbrecher am Frieden Europas" und Hitlerdeutschland als Hüter einer europäischen Friedensordnung.

Diewerge, seit 1930 NSDAP-Mitglied und Spezialist für antijüdische Propaganda, wies Deutschland die Opferrolle in einem "jüdischen Rachekrieg" zu. "Das deutsche Volk" werde "aus dieser Tat seine Folgerungen ziehen", drohte der Jurist in seinem Leitartikel. Im Propagandaministerium wurde er der zentrale Sachbearbeiter für den Fall Grynszpan.

Später, Anfang der Fünfzigerjahre, machte Diewerge eine beachtliche Politikkarriere. In der FDP avancierte er zum persönlichen Sekretär des nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Friedrich Middelhauve, der die Partei auf deutschnationalen Kurs trimmen wollte. Bei Middelhauve einführen ließ sich Diewerge von Ernst Achenbach, einem Kollegen des erschossenen Diplomaten Rath aus der Pariser Botschaft.

In der FDP wurde Diewerge bald für "Rednerschulung" zuständig. Der frühere Goebbels-Gehilfe verfasste einen "Rednerschnellbrief" und organisierte Seminare für Funktionäre. Parallel hielt er engen Kontakt zu seinem früheren Vorgesetzten Werner Naumann, Ex-Staatssekretär im Reichspropagandaministerium. Naumann versuchte, die FDP gezielt mit Nazi-Kadern zu unterwandern, bis der britische Geheimdienst das Treiben Anfang 1953 aufdeckte.

Als Folge dieser Affäre schied Diewerge aus dem Dienst der FDP, in "beiderseitigem Einvernehmen", wie er 1953 per Leserbrief an den SPIEGEL schrieb. Bis dahin störte die FDP nicht, dass auch Diewerges Zuarbeit Propagandaminister Joseph Goebbels ermöglicht hatte, das Attentat unmittelbar für Pogromhetze zu nutzen.

Inszenierter "Volkszorn"

Am Abend des 9. November 1938 versammelten sich NSDAP-Mitglieder im Münchner Alten Rathaus zur Gedenkfeier an den Hitler-Putsch im November 1923. In Hitlers Anwesenheit gab Goebbels den Tod von Rath bekannt und sprach in seiner aufpeitschenden Rede von "Kundgebungen", bei denen Geschäfte von Juden zertrümmert und Synagogen angezündet worden waren. Hitler habe entschieden, "dass derartige Demonstrationen von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien"; sofern sie spontan entstünden, sei ihnen "aber auch nicht entgegenzutreten".

In seinem Tagebuch notierte Goebbels tags darauf, Hitler habe bestimmt: "Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen" – und "entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei" gegeben. Goebbels fabulierte über "Volkszorn" gegen die Juden und beschrieb die Reaktion seiner Zuhörer aus der "Parteiführerschaft" so: "Alles saust gleich an die Telefone. Nun wird das Volk handeln."

SPIEGEL ONLINE

Bei den folgenden Ausschreitungen gegen Juden in vielen deutschen Städten wurden 91 Menschen getötet, 191 Synagogen in Brand gesteckt, mehr als 7000 Geschäfte, Einrichtungen und Wohnungen verwüstet. Etwa 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Der "Völkische Beobachter" gab dazu am 12. November die Parteilinie aus: Es werde "jeder Jude von Stund an ohne Gnade behandelt".

Dass bei den Gewaltexzessen "das Volk" keineswegs "spontan" handelte, zeigte auch ein Untersuchungsbericht des NSDAP-Parteigerichtes. Darin hieß es im Februar 1939, Goebbels' Äußerungen in München seien von allen anwesenden NS-Funktionären "so verstanden worden, dass die Partei nach außen nicht als Urheber der Demonstration in Erscheinung treten, sie in Wirklichkeit aber organisieren und  durchführen sollte".

Es waren Pogrome auf Befehl der NSDAP. Der Startschuss für systematischen Terror.

Strafrechtlich vorgegangen wurde wegen der Ausschreitungen nur gegen einzelne SA-Leute, die jüdische Frauen vergewaltigt hatten – wegen "Rassenschande". Denn Geschlechtsverkehr mit Jüdinnen und Juden war seit den "Nürnberger Gesetzen" von 1935 strafbar. Ähnlich zynisch war die "Sühneleistung", die das Regime den Opfern des Terrors abverlangte: Die Reichsregierung verpflichtete die deutschen Juden "in ihrer Gesamtheit" wegen des Anschlags auf Rath zu einer "Entschädigungsleistung" von einer Milliarde Mark.

"Restlose Vernichtung" der Juden

Dass dies nur der Auftakt war, verkündete die SS-Zeitung "Das Schwarze Korps" am 24. November 1938: Niemand könne Deutschland mehr daran hindern, "die Judenfrage nunmehr ihrer totalen Lösung zuzuführen". Das Resultat werde "das tatsächliche und endgültige Ende des Judentums in Deutschland, seine restlose Vernichtung" sein.

Ein in Frankreich geplanter Prozess gegen den Attentäter fand wegen des Kriegsbeginns nicht statt. Die Behörden des mit Hitler kollaborierenden Vichy-Regimes übergaben Herschel Grynszpan nach dem deutschen Sieg über Frankreich am 15. Juli 1940 der deutschen Sicherheitspolizei.

Doch auch der von der NS-Justiz zunächst vorbereitete Prozess fand nie statt. Denn Grynszpan behauptete zeitweise bei Vernehmungen homosexuelle Kontakte zu Rath gehabt zu haben, wie der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof im Oktober 1941 in der Anklageschrift schrieb.

Der Propagandaminister fürchtete, die Regie eines politischen Schauprozesses könne durcheinandergeraten. Die Juristen hätten "töricht" gehandelt, eine solche Behauptung überhaupt in der Anklageschrift zu erwähnen, zürnte Goebbels in seinem Tagebuch. Hier zeige sich, "wie kurzsichtig es ist, Juristen überhaupt eine politische Sache zur Behandlung anzuvertrauen".

Goebbels erreichte im April 1942 bei Hitler, dass der geplante Prozess abgesagt wurde. Grynszpan kam ins KZ Sachsenhausen und im September 1942 ins Zuchthaus Magdeburg.

Dort verliert sich seine Spur. Sein Vater und sein Bruder überlebten die Nazizeit. Auf ihren Antrag hin wurde Herschel Grynszpan am 1. Juni 1960 für tot erklärt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.