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Hidden Cities: Geschichte mit Virtual Reality erlebbar machen

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"Hidden Hamburg" App / Calvium

Historische Stadtführung per Smartphone App in die Vergangenheit

Ein europäisches Projekt bietet historische Stadtführungen per App an. Erste deutsche Stadt ist Hamburg, wo man sich ins Jahr 1686 beamen kann – Köpfung und Vierteilung inklusive. Unser Autor hat's ausprobiert.

Ich treffe Papierhändler Johann an einem sonnigen Novembertag vor seinem Kontorhaus in der historischen Hamburger Deichstraße. Der Kaufmann mit der Lockenmähne und dem Schnurrbart ist gerade von einer Geschäftsreise aus den nördlichen Niederlanden zurückgekehrt.

Da es im Jahr 1686 weder Mobiltelefon noch Internet gibt, ist Händler Johann wochenlang von Nachrichten aus seiner Heimat abgeschnitten gewesen. Noch weiß er nicht, dass sich während seiner Abwesenheit spektakuläre Dinge ereignet haben.

Da Hamburg schon damals eine der führenden Pressestädte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation  war, macht Johann sich auf die Suche nach Informationen zu den turbulenten Ereignissen – und nimmt mich in der App Hidden Hamburg mit auf seinen Weg zu Marktplätzen, Kirchen, Kaffeehäusern und den Nachrichtenständen vor dem Opernhaus der Metropole.

Pilotstädte Hamburg, Exeter, Deventer, Valencia und Trento

Die App ist aus dem Forschungsprojekt mit dem sperrigen Titel »Public Renaissance: Urban Cultures of Public Space between Early Modern Europe and the Present« entstanden. Ziel ist es, das Alltagsleben in europäischen Städten zwischen 1450 und 1700 sichtbar zu machen.

Die mehrsprachigen Stadtführungen gibt es neben Hamburg zunächst in Exeter, Deventer, Valencia und Trento; weitere Städte sollen hinzukommen. Das Projekt in Hamburg wird mit einer Million Euro gefördert, das Geld stammt von der Humanities in European Research Area  (Hera), einem Netzwerk europäischer Forschungsförderorganisationen. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat sich beteiligt.

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Hidden Cities: Geschichte mit Virtual Reality erlebbar machen

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"Hidden Hamburg" App / Calvium

In Hamburg folge ich dem fiktiven Papierhändler Johann zunächst durch die Deichstraße mit ihren Kontorhäusern im holländischen Stil zur Nikolaikirche. Dabei muss ich die Willy-Brandt-Straße überqueren, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Die sechsspurige Straße, die in den Sechzigerjahren angelegt wurde, trennt die Altstadt vom Hafen. Früher war es sicher einfacher, auf die andere Seite zu kommen.

Zeitloser Gestank

Wo sich heute Kolonnen von Lastwagen und Pkw durch die Stadt schieben, gab es damals nur Pferde, Kutschen und Fuhrwerke. Lärm und Gestank hatten sicher eine andere Qualität, sind aber immer noch allgegenwärtig.

Per GPS-Tracking wird mein Standort ermittelt, das macht die App so spannend: »In Hamburg gibt es bis auf wenige Winkel noch weitgehend die alten Straßenverläufe«, sagt Daniel Bellingradt, Professor für Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er leitet das Forschungsteam für die Hamburg-App. 

Die Wahl sei auf Hamburg gefallen, da die Stadt eine der größten und bedeutsamsten Städte in Mitteleuropa im 17. Jahrhundert gewesen sei. Finanzielle Anreize, etwa von der Tourismusbehörde, habe es nicht gegeben: »Es handelt sich um ein unabhängiges wissenschaftliches Projekt«, betont Bellingradt.

Als ich in der Nikolaikirche, seit dem Zweiten Weltkrieg eine markante Ruine, ein Fenster gefunden habe, beginnt Papierhändler Johann dank der Standortbestimmung wahlweise auf Englisch oder Deutsch mit seiner Audiobotschaft.

Ratsmitglieder hingerichtet

Er erzählt mir von den Predigten und den Zeitungsständen im Gebäude. In der App finde ich, ebenfalls zweisprachig, weiterführende Informationen mit Bildmaterial. Mit einem Klick wechsle ich auf die Website des Projekts unter Hiddenhamburg.eu . Dort gibt es noch mehr Hintergründe.

Ich finde alte Karten und historische Flugschriften, über Links kann ich mir Fotos von alten Wohnhäusern anschauen. Der Spaziergang führt mich als Nächstes zum Museum für Hamburgische Geschichte in den damaligen Verteidigungsanlagen.

Anders als Johann vorschlägt, gehe ich jedoch nicht die zugige Hauptverkehrsstraße, sondern nutze parallele Wege. Im Museum gäbe es die Möglichkeit, eine Druckerpresse aus dem 17. Jahrhundert zu besichtigen – leider ist das Haus wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

Der Papierhändler will dort seinen Freund, den Drucker Thomas von Wiering, treffen, um mehr über die Ereignisse während seiner Reise zu erfahren. In Hamburg wurden damals die Ratsmitglieder Cord Jastram und Hieronymus Snitger geköpft und gevierteilt.

Man hatte ihnen vorgeworfen, die Stadt an den dänischen König Christian V. zu übergeben. Der Dänenkönig hatte Hamburg im August des Jahres rund eine Woche lang belagert. Vorausgegangen waren Auseinandersetzungen zwischen Bürgerschaft und Rat der Stadt. Kaiserliche Gesandte hatten mehrfach versucht, die Stadt zu befrieden.

Über die politischen Hintergründe erfahre ich in der App allerdings nicht viel mehr – der Spaziergang zeigt mir stattdessen, welche Informationsquellen Johann auf seiner Jagd nach Neuigkeiten und Gerüchten nutzte. Bellingradt will damit »Geschichte so gegenwärtig wie möglich machen.«

Die Epoche wird oft vernachlässigt – dabei ist die Quellenlage für die Wissenschaftler vergleichsweise gut. Das Team um Bellingradt nutzte Flugdrucke, Zeitungen und Akten der Stadtverwaltung aus mehreren Hamburger Archiven sowie Museen und Bibliotheken.

Neben dem Staatsarchiv Hamburg stammt das Material für die Tour aus der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, der Commerzbibliothek der Handelskammer Hamburg und dem Museum für Hamburgische Geschichte. Mehrere der dortigen Ausstellungsstücke sind auch in der App und auf der Website zu finden.

Sieben-Stationen-Rundgang

Johann nimmt mich weiter mit zu Gebäuden wie der Staatsoper, dem ersten deutschsprachigen Opernhaus im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das Gebäude existiert nicht mehr, mithilfe der App kann ich aber den ungefähren Standort erahnen.

Auch zu damals wie heute stark frequentierten Plätzen, etwa Großneumarkt und dem Kaffeehaus Eimbecksches Haus, führt mich Johann, ohne Shutdown wäre es auch auf meiner Tour belebter.

Ich brauche für meine Reise in Hamburgs Vergangenheit eine knappe Stunde, die Tour umfasst sieben Stationen. Bellingradt will mit der App erreichen, dass die Stadtgeschichte zu einem doppelten Einblick wird – »in vergangene soziale Lebensformen und in das heutige Verhalten innerhalb urbaner Räume.«

Wenig erstaunlich ist, dass die damals aufkommenden Kaffeehäuser ein beliebter Umschlagplatz für Nachrichten waren. »Die Mediennutzung hat früher genau wie heute funktioniert«, sagt Bellingradt.

Augmented-Reality-Anwendung in Florenz

Was es heute in dieser Form nicht mehr gibt: einen Vorleseservice für Zeitgenossen, die nicht lesen konnten. Dabei wurden gegen einen geringen Preis Nachrichten weitergetragen – heute lasse ich mir Nachrichten von einer App vorlesen.

In den kommenden Jahren solle der Rundgang erweitert werden, die Finanzierung sei bis 2022 gesichert. In einigen der europäischen Projektstädte, die unter Hiddencities.eu  zu finden sind, gibt es bereits mehrere Touren, in Florenz sogar mit Augmented-Reality-Anwendung.

Schüler und Studierende können die Hidden-Cities-App auch für eigene Projekte nutzen. So sollen sie im Unterricht oder Seminar selbst Touren mit historischem Hintergrund ausarbeiten. Der britische Softwareentwickler Calvium hat für das Team um Bellingradt ein eigenes Content-Management-System entwickelt und es den Forschern zur Verfügung gestellt. Eine künftige Lizenzierung sei vorstellbar.

»Schulklassen und Studierende sollen über den technischen Fokus für Geisteswissenschaften mobilisiert werden«, sagt Bellingradt. Die App soll dabei einen Zugang zur frühen Neuzeit schaffen. Das Verständnis der Epoche ist bislang vor allem von Dreißigjährigem Krieg  und Hexenverfolgung  geprägt, Hidden Hamburg zeigt dagegen das Leben normaler Menschen.

Das funktioniert über die im Stadtbild versteckten Plätze, an denen sich das Leben von unserem jetzigen gar nicht so stark unterschieden hat – allerdings gab es vor 400 Jahren bestimmt nicht so viele Baustellen wie heute.

Die App Hidden Hamburg lässt sich für Android-Nutzer bei Google Play unter diesem Link  herunterladen.

In Apples App Store ist sie hier zu finden .