Historische Reisewerbung Urlaub im Flugzeug

Havanna? Tel Aviv? Washington? Egal! Für die Tourismuswerbung wurde das Reiseziel in den sechziger Jahren zur Nebensache. Die Anzeigen glänzten stattdessen mit gigantischen Flugmaschinen, Hotels wie aus Science-Fiction-Filmen - und attraktiven Stewardessen.

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Eigentlich ist John F. Kennedy schuld. Kaum hatte der Präsident 1961 angekündigt, Amerika wolle zum Mond, konnte man schon ein paar Tage Weltraumurlaub buchen. Die Reservierungsvordrucke gab es in der Autobiografie von Hotelmagnat Conrad Hilton, die in seinen Häusern angeblich überall auslag, direkt neben der Bibel. Ein Hotel auf dem Mond sei in Arbeit, stand da. Überhaupt gebe es nur eine Richtung für seine Kette, erklärte er 1963 im "Time"-Magazin: "To the Moon!"

Ob Metapher oder Utopie, die US-Reisebranche stand in den sechziger Jahren voll und ganz im Zeichen der Mondfahrt: Tourismus mit Technologiefieber - besonders auffällig wird dies in dem jetzt erschienenen Band "20th Century Travel", in dem Jim Heimann und Allison Silver die wichtigsten amerikanischen Reisekampagnen des 20. Jahrhunderts zusammengetragen haben. Dass in jener Dekade ausgerechnet die Weltausstellung in Seattle 1962, das technologische Muskelspiel der Nationen, zum Top-Reiseziel erklärt wurde, ist da nur konsequent. Ansonsten ging es nur noch darum, wie schnell man wie weit kam. Wo die Destination lag, wurde zur Nebensache.

Spätestens ab Ende der fünfziger Jahre warben Anbieter von Urlaubsreisen nicht mehr mit Bildern exotischer Länder und fremder Kulturen sondern vor allem mit großem Gerät: In der Luft schwebende Flugzeuge füllten Plakate vollformatig - ebenso wie aerodynamisch geformte Flughafen-Terminals. Armadas von Stewardessen suggerierten absolute Perfektion. Nun sei Stufe zwei des "Jet Age" eingeläutet, protzte etwa American Airlines.

Rehrücken wolkenlos

"Der Kampf der drei Verkehrsträger war in vollem Gange", sagt Hasso Spode, Leiter des Historischen Archivs für Tourismusgeschichte an der FU Berlin. In den Vereinigten Staaten konkurrierten Greyhound-Busse, Pullman-Züge und Fluglinien mit dem Automobil, irgendwie musste das Land ja durchkreuzt werden. Doch gerade die Luftfahrt hatte lange einen schweren Stand. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg begann die sogenannte Airmindedness-Kampagne: "It's fear not fare that keeps the public on the ground", hieß es da. Nicht an den Preisen habe es gelegen, dass die Leute nicht flogen, so Spode, sondern weil sie schlicht kein Vertrauen in die Vögel aus Stahl hatten.

Die Fluggesellschaften konterten mit Temperaturregulierung, Schalldämmung, Druckausgleich und Bildern von relaxten Gentlemen, die sich rauchend im Sessel zurücklehnten, im Fenster dahinter: Himmel, Wolken, ein anderer Flieger. Darunter stand dann: "Here I am - the fellow who said he would never fly."

Auch wenn es sich langsam änderte, Flieger waren nicht das günstigste Transportmittel. Spode fiel kürzlich ein Bordmenü aus den Fünfzigern in die Hände: "In der Superconstellation gab es damals Rehrücken!", erzählt er. Fliegen war hochpreisig. "Die Amis waren die ersten, die Flugreisen billiger machten." Sie führten die zweite Klasse, Bordfilme und Shuttleflüge ein. Gemeinsam mit IBM entwickelten die Airlines ein elektronisches Buchungssystem. Fliegen wurde unkomplizierter - das Gerät schneller. Dienstreisen per Flugzeug galten bald als Norm, Geschäftsmänner als Hauptzielgruppe.

Hiltonisierung: Rimini oder Lüneburg?

Wo die Reisenden ankamen, sollten sie ein Stück Zuhause finden: Neben dem Flugzeug wurde das Hotel zum Haupt-Topos der Sixties-Werbung. Ja sogar zum Reiseziel selbst wie etwa das New Yorker Plaza oder das Sheraton auf Hawaii. Die Botschaft der Werbeplakate ist eindeutig: Selbst in der Fremde gibt es Heimat auf US-Niveau. Egal ob Havanna, Tel Aviv oder doch nur Washington, überall steht ein hochgeschossiger grauer Klotz mit vielen kleinen Fenstern, manchmal umgeben von Palmen. Conrad Hiltons Maxime: Rund um den Globus wolle er "ein bisschen Amerika" säen. Die Hiltonisierung der Welt begann.

Dass die Einzigartigkeit der Reiseziele verlorengeht, ist Mitte des 20. Jahrhunderts indes nicht nur ein nordamerikanisches Phänomen. Es war der Beginn der "Entortung", wie Spode es nennt. Es spielte keine Rolle mehr, wohin man fuhr - Hauptsache Sonne, Strand, Standardkomfort. "Das sieht man auch in deutschen Nachkriegsprospekten", sagt Spode. "Man fragt sich: Ist das Rimini oder Lüneburg?"

Flugzeuge, Terminals, Hotels - es sind Zwischenräume, Orte des Wartens und Unterwegsseins. In diesem anonymen Anderswo wurden die Regeln der Realität ausgesetzt. Kein Wunder also, dass in vielen Werbekampagnen der Sechziger vor allem schnittige Stewardessen die Hauptrolle spielten. Die Röcke kurz, kürzer, noch kürzer, die Uniform tailliert, immer ein Lächeln, immer zu Diensten, immer bildhübsch.

Stewardessen vs. Ehefrauen

"American Airlines" ließ 1968 eine Brünette sich im Minirock auf einem Stuhl räkeln, ein lasziver Blick trifft den Betrachter, Slogan: "Think of her as your mother". Die Fluglinie Braniff verkündete das Ende der "plain plane" und inszenierte 1966 gar einen "Air Strip" auf Plakaten und in Werbetrailern: Quasi in Slow Motion entkleidet sich die Dame mit Schmollmund ihrer Stewardessenkluft, Stück für Stück verschwindet die Uniform. Natürlich nicht ganz.


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Das Unterwegssein wurde zur Verheißung. Ein Element, das auch in "Mad Men", der preisgekrönten US-Serie über eine Werbeagentur der sechziger Jahre, wiederholt zitiert wird, genau wie in Steven Spielbergs Hochstaplerfilm "Catch me if you can" von 2002 oder gar in der damaligen Limonadenwerbung.


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Doch irgendwann war es mit dieser Realitätsflucht vorbei. Die Ehefrauen wollten mit, Businesstrips wurden zu ihrem Ausweg aus dem Hausfrauenalltag. Die Airline United griff diese Sehnsucht auf, verzichtete in einer Kampagne 1967 völlig auf die Abbildung von Flugzeugen, Reisezielen und anderen klassischen Motiven und brachte stattdessen einen Song aus dem Broadway-Musical "Take me along". Noten und Text lieferte sie gleich mit: "Nimm mich mit, wenn du mich liebst", lautet die erste Zeile des Songs.

In den Jahrzehnten danach wird die Fremde zunehmend erotisch aufgeladen - etwa von Sonnencreme-glänzenden Frauenkörpern an weißen Stränden. Was von den Sechzigern blieb, ist der Traum des Raumtourismus. Angeblich ist ein "Lunar Hilton Hotel" weiterhin in Planung.

Zum Weiterlesen:

Jim Heimann, Allison Silver: "20th Century Travel: 100 Years of Globe-Trotting Ads". Taschen Verlag, 2010, 392 Seiten.



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