Historische Tonaufnahmen Kennedys letzter Flug

Toter Präsident an Bord: Kurz nach dem Attentat auf John F. Kennedy hob die Air Force One mit seiner Leiche Richtung Washington ab. Neu aufgetauchte Tonaufnahmen zeichnen ein Bild der aufgewühlten Atmosphäre an Bord. Doch sind sie wirklich die Sensation, als die sie gehandelt werden?

AP/The Sixth Floor Museum at Dealey Plaza

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Die Air Force One startet am frühen Nachmittag des 22. November 1963 vom Flughafen Dallas zu ihrer vielleicht traurigsten Reise. Der US-Präsident ist zwar an Bord. Aber er ist tot - erschossen wenige Stunden zuvor auf einer Wahlkampfveranstaltung in der texanischen Großstadt.

Das Chaos und die Bestürzung, die in den Wochen und Monaten nach dem Attentat die ganze Nation erfassen sollte, das alles ist schon jetzt spürbar, in unmittelbarer Nähe des Ermordeten, an Bord der Air Force One auf ihrem historischen Rückflug nach Washington. Nun sind neue Tondokumente aus der Präsidentenmaschine aufgetaucht. Rund 40 Minuten bisher unveröffentlichtes Material zeichnen nun ein noch genaueres Bild von der Atmosphäre an Bord. Es sind Gespräche, die zwischen der Präsidentenmaschine und der Außenwelt, etwa dem Krisenstab im Weißen Haus, aufgezeichnet wurden. Sie offenbaren eine zum Teil ziellos wirkende Hektik - und einige morbide Details.

Da wird etwa darüber diskutiert, in welchem Wagen der Tote nach der Landung der Maschine ins Hospital gefahren werden soll. Was ist notwendig, was ist angemessen? Ein schwarzer Cadillac? Ein Krankenwagen? Und wohin soll die Leiche zur Autopsie gebracht werden? Ins Walter Reed Hospital der Armee? Oder lieber ins Bethesda Hospital der Marine? Vizepräsident Lyndon Johnson wird noch an Bord der Maschine als neuer Präsident vereidigt und kondoliert der Mutter des Toten, Rose Kennedy mit den Worten, dass er sich "bei Gott" wünschen würde, wenn er nur irgendetwas tun könne.

Die Jagd nach Kennedy-Neuigkeiten

Es sind banal wirkende Entscheidungen, die getroffen werden mussten in einer Situation, in der viele einfach noch nicht wahrhaben wollten, was eigentlich passiert war. Die Tonbänder sind auch ein Dokument der Hilflosigkeit: "Kennedy wurde offensichtlich in den Kopf geschossen", fasst ein Mann, dessen Stimme nicht zuzuordnen ist, die Lage zusammen. "Er ist mit dem Gesicht auf den Rücksitz seines Autos gefallen. Blut klebte an seinem Kopf. Frau Kennedy schrie 'Oh nein!' und versuchte, seinen Kopf hochzuhalten."

Nächstes Jahr jährt sich der Tag der Ermordung zum fünfzigsten Mal und noch immer interessieren sich viele Amerikaner - zugleich schaurig-fasziniert und zutiefst berührt - für alle erdenklichen Details des Todes ihres jungenhaften Präsidenten. Es gibt unzählige Verschwörungstheorien und nur eine kleine Minderheit der Amerikaner glaubt an die Version vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald. Das erklärt das große Medieninteresse an dem Gesprächsprotokoll aus der Air-Force-One-Maschine, das erst jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, aufgetaucht ist.

Genauer gesagt: Ein kleiner Ausschnitt des Protokolls ist aufgetaucht, etwa vierzig Minuten. Denn der Großteil des nun zu einem "sehr wichtigen Fund" (so der renommierte US-Historiker Douglas Brinkley) erhobenen Mitschnitts ist längst bekannt. Nur: Es gab und gibt mehrere Versionen in unterschiedlicher Länge.

Drei verschiedene Versionen

Das ursprüngliche, nie veröffentlichte Protokoll dürfte mindestens vier Stunden und 20 Minuten lang gewesen sein, da bekannte Teile des Bandes bei 1.45 Uhr beginnen und bei 6.05 Uhr enden. Unter der Präsidentschaft Johnsons entstand eine deutlich gekürzte, nicht einmal zwei Stunden lange Version, die die Lyndon B. Johnson Library (LBJ) und die National Archives (Nara) schon in den siebziger Jahren der Öffentlichkeit zur Verfügung stellten. Versehen war dieses Dokument mit dem Hinweis, dass das Band geschnitten und komprimiert wurde, um "nur relevante Informationen in Bezug auf die Ereignisse am 22. November" zu veröffentlichen.

Der jetzt aufgetauchte Mitschnitt aus der Präsidentenmaschine ist zwei Stunden und 22 Minuten lang und stammt aus dem Besitz des 1991 verstorbenen Militärexperten Chester Clifton. Der war nicht nur ein enger Berater Kennedys, sondern hat auch für dessen Nachfolger Johnson gearbeitet. Entdeckt hat die Aufnahmen die Raab Collection, ein Familienunternehmen, das sich nach eigenen Angaben darauf spezialisiert hat, "wichtige historische Fundstücke auszuwählen und zum Leben zu erwecken".

Doch ist die entdeckte Quelle wirklich ein "besonders aufregender Fund" wie Nathan Raab, Vizepräsident des Unternehmens, eilig verkündigte? Eine kleine Sensation gar?

Schlag gegen die Verschwörungstheoretiker?

Die Raab Collection suggeriert das zumindest. Schließlich sind in den bisher unbekannten Teilen der Gesprächsmitschnitte Codenamen wie "Monument", "WTE" und "Grandson" erwähnt. Erstmals wird zudem bekannt, dass Kennedy ursprünglich ins Walter Reed Hospital statt ins Bethesda Navy Hospital gebracht werden sollte. Neu ist auch die Information, wo sich Luftwaffenchef Curtis LeMay unmittelbar nach dem Attentat aufhielt - nämlich in einem C-140-Flugzeug der Air Force: Belegt ist das durch einen seiner Mitarbeiter, dessen Versuch, Kontakt zur Präsidentenmaschine aufzunehmen, mitgeschnitten wurde.

General LeMay war ein Hardliner, der einst einen atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion befürwortet hatte und in der Kuba-Krise heftig mit Kennedy aneinander geriet, weil er Kuba lieber in Grund und Boden bombardieren wollte. Deshalb gilt LeMay Anhängern von Verschwörungstheorien bis heute als möglicher Hintermann bei Kennedys Ermordung. Der US-Historiker Douglas Brinkley glaubt deshalb auch, das neue Dokument könne ein Schlag für die Anhänger von Verschwörungstheorien sein: "Die Leute wollten stets wissen, wo LeMay an dem Tag war, an dem Kennedy erschossen wurde", sagte er dem Sender CNN. "Die Aufnahmen teilen dies nun exakt mit".

Sein deutscher Kollege Harald Biermann, der über Kennedy promoviert worden ist, beurteilt den historischen Wert der Quelle hingegen weit weniger aufgeregt. Er schätzt ihn als "eher gering" ein. "Für die Bewertung der Präsidentschaft und der Umstände seiner Ermordung spielt der Fund keine Rolle", sagt Biermann im Gespräch mit einestages.

Der Profiteur des Medienwirbels

Die Verwendung von Decknamen sei ein "übliches Funkgebaren" und die Diskussion, in welche Klinik der Präsident gebracht werde, keineswegs überraschend: "Das Walter Reed Hospital gehörte zum Heer, das Bethesda Hospital zur Marine. Wo ein Präsident behandelt wurde, hing also auch davon ab, welchem Teil der Streitkräfte er näherstand. Die beiden Häuser waren jedenfalls die üblichen Orte, in die ein Präsident im Ernstfall gebracht wurde." Auch LeMays Rolle erscheine durch die neuen Audiodateien in "keinem neuem Licht", sagt Biermann, der für das Bonner Haus der Geschichte arbeitet.

Auch der Tübinger Zeithistoriker Georg Schild kann in den neu bekannt gewordenen Details wenig Überraschendes entdecken. Dass es eine Diskussion gab, in welches Krankenhaus der Leichnam gebracht werden soll, sei "immer klar" gewesen. Und zu Curtis LeMay merkt der Kennedy-Experte an: "Bisher war nicht bekannt, wo sich LeMay im Moment der Ermordung Kennedys aufgehalten hat. Die Tonbandaufzeichnung zeigt, dass er an Bord eines Flugzeuges war. Doch was bedeutet das? Wer bisher glaubte, dass LeMay etwas mit dem Tod des Präsidenten zu tun hatte - was abwegig erscheint - der wird sich nicht nur deshalb umstimmen lassen, weil er am Abend des 22.11.1963 in einem Flugzeug saß."

Ist die ganze Aufregung also umsonst? Nur etwas für eingefleischte Kennedy-Kenner? Oder neues Futter für Verschwörungstheoretiker?

Zumindest einem dürfte der mediale Wirbel nutzen: der Raab Collection. Sie hat zwei identische Gesprächsmitschnitte gefunden und digitalisiert. Eines der Originale hat sie jetzt dem US-Nationalarchiv Nara gestiftet, mit dem anderen möchte sie Geld verdienen. "Es erscheint mir", vermutet der Historiker Schild, "dass der 'Wert' der Aufzeichnung durch Berichte im Fernsehen und in Medien künstlich gesteigert werden soll, denn das zweite Tonband steht zum Verkauf."

Der angepeilte Preis ist kein Schnäppchen: 500.000 US-Dollar.

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Volker Altmann, 02.02.2012
1.
Sensationen sehen wohl anders aus. Ob Kennedy jetzt ins Marinekrankenhaus oder das der Armee gebracht werden sollte, dürfte ihm zu diesem Zeitpunkt so herzlich egal gewesen sein wie dem geneigten Leser. Und was soll es an neuen Erkenntnissen bringen, dass der Hardliner LeMay als Passagier in einem Flugzeug gemeldet wurde? Einer seiner Mitarbeiter behauptete das ? nicht mehr und nicht weniger. Da gehört schon sehr viel Gottvertrauen in die Ehrlichkeit militärischer Mitarbeiter, um diesen Tonbandmitschnitt als Beleg für LeMay´s Anwesenheit an Bord für bare Münze zu nehmen. Es sollen schon Länder überfallen worden sein, aufgrund von sicheren, militärischen Informationen. Wie war das noch mal mit den irakischen Giftgasfabriken?
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