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18. Juli 2019, 12:07 Uhr

Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944

"Immer wieder denke ich: Hättest du ihn doch nur erschossen!"

Der Tyrannenmord missglückte nur knapp, als Graf Stauffenberg vor 75 Jahren die Bombe gegen Hitler zündete. Tim Pröse traf seinen Sohn, seinen Chauffeur, den letzten Augenzeugen seiner Hinrichtung - und zwei Mitverschwörer.

Seine Tasche, in der er die Bombe trägt, wiegt schwer. Nur noch ein paar Schritte sind es bis zu Hitlers Lagebaracke. Claus Schenk Graf von Stauffenberg nimmt sie eilig am Mittag des 20. Juli 1944. Der kriegsversehrte Oberst hält die Aktentasche mit den drei verbliebenen Fingern seiner linken Hand.

Ordonnanzoffizier Christoph Scheibler begegnet Stauffenberg an diesem heißen Sommertag vor 75 Jahren als einer der ersten. Er ist zuständig für die Gäste in der "Wolfsschanze" und empfängt den Grafen am Vormittag beim Eintreffen im Führerhauptquartier in Ostpreußen. "Man sah Stauffenberg sofort eine seltene Stärke an, trotz seiner Verwundungen. Aber er brauchte Hilfe", sagt Christoph Scheibler.

Er nimmt also dem Oberst die Tasche mit den beiden Bomben ab und trägt sie ein Stück, als er ihn zu Hitler führt. Verdutzt fragt er Stauffenberg: "Warum ist die denn so schwer?" Die Antwort: "Ich habe nun mal viel zu tun." Christoph Scheibler lächelt anerkennend über Stauffenbergs "Kaltblütigkeit", so lange danach noch.

"Ich bewunderte sofort seine freundliche Kühle und Souveränität", erzählte Scheibler bei einer Begegnung in Köln 2009, ein Jahr vor seinem Tod. Als inzwischen 88-Jähriger erinnerte sich Scheibler gut: wie er Stauffenberg gegen 10.30 Uhr ein verspätetes Frühstück serviert und der es mit Appetit isst. "Wir haben dann geplaudert. Über die Sonne, wie schön sie an diesem Morgen strahlt."

Sie waren sicher: Hitler ist tot

Dann packt Stauffenberg mit seinen drei Fingern wieder seine Aktentasche, diesmal drückt er sie fest an sich. Inhalt: zwei Brocken Sprengstoff, zwei Zünder und eine Zange, eigens für ihn angefertigt. Damit will Stauffenberg nun die beiden Bomben in einer Kammer der Baracke scharfmachen. Das gelingt ihm aber nur mit einem der beiden Sprengsätze, wahrscheinlich weil er von einem Oberfeldwebel gestört wird.

Minuten später stellt er die Tasche unter den langen, schweren Eichentisch, über den sich Hitler immer wieder beugen wird, um die militärische Lage zu begutachten. Unter einem Vorwand verlässt der Graf kurz nach halb eins die Baracke. Wenige Augenblicke später zündet die Bombe - und verletzt Hitler nur leicht (lesen Sie hier eine detaillierte Rekonstruktion des Attentats). Stauffenberg aber eilt im falschen Glauben der "Führer" sei tot zurück nach Berlin, um den Umsturzplan "Walküre" einzuleiten.

Die Hauptverschwörer werden noch am Abend im Berliner Bendlerblock festgenommen. Seine wichtigste Botschaft vor der Geschichte hat Stauffenberg in drei Sätzen hinterlassen: "Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen." Deswegen muss er jetzt etwas wagen. Er kann nicht anders.

Auch nicht in den letzten Minuten seines Lebens. In der Nacht des 20. Juli 1944 steht der einfache Soldat Hans Splinter an einem Fenster des Bendlerblocks in Berlin und blickt auf die vier Männer, die sich gleich vor einen Sandhaufen stellen müssen. Nicht einer nach dem anderen, wie so oft dargestellt, sagt Splinter als letzter Augenzeuge der Erschießung, sondern nebeneinander.

"Es lebe das heilige Deutschland!"

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht - um kurz nach Mitternacht erwartet sie der Tod. Und Splinters Kameraden bekommen den Befehl, diese düstere Szenerie mit den Scheinwerfern ihrer Fahrzeuge zu beleuchten.

Hans Splinter hört die Schritte des Erschießungskommandos, dann das Klicken der durchladenden Gewehre. Ein Kommandeur sieht ihn oben am Fenster stehen und brüllt ihm zu, er solle sofort verschwinden. Splinter duckt sich unter das offene Fenster und kann nur noch hören, was nun geschieht. Der Kommandeur unten im Hof schreit: "Legt an...!", dann: "Feuer!"

Bevor Stauffenberg von Kugeln getroffen niedersinkt, hört Hans Splinter ihn rufen. Andere Zeugen wollen nur "Es lebe Deutschland!" oder auch "Es lebe das geheime Deutschland!" verstanden haben. Doch Hans Splinter ist sicher: "Er rief ganz deutlich: 'Es lebe das heilige Deutschland!' Und ich fand es enorm, dass er diesen Satz noch loswerden konnte. Er hat ihn förmlich in die Kugeln hineingerufen."

Bei meinem Treffen 2009 mit Hans Splinter war er 89 Jahre alt. In den Vierzigerjahren war er der Fahrer des Grafen, wohnte zeitweilig in dessen Haus in der Berliner Tristanstraße, um immer für ihn da zu sein. Splinter kochte ihm seinen geliebten Brombeerblättertee, besorgte ihm Zigaretten, fuhr ihn im offenen Wagen, das liebte Stauffenberg.

Bis heute werfen manche dem Grafen vor, sein Attentat sei zu spät gekommen. Doch nach dem 20. Juli 1944 starben 4,8 Millionen Deutsche, mehr als in all den Kriegsjahren zuvor. Es rollten weiter unablässig Züge nach Auschwitz. Städte wie Würzburg, Potsdam, Dresden oder Darmstadt wurden zerbombt und viele Bewohner getötet. All das hätte durch Hitlers Tod am 20. Juli 1944 wahrscheinlich verhindert werden können. Zudem hatten die Verschwörer bereits vorher mehrere Versuche unternommen, Hitler zu töten, ebenso andere Attentäter wie der Schreiner Georg Elser oder der Theologiestudent Maurice Bavaud.

Eine Gedenkstätte für den Vater

"Ich denke, es war in gewisser Weise ein Opfergang", glaubt Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg. Der älteste Sohn des Attentäters hatte gerade seinen 85. Geburtstag. Wenn er über seinen Vater redet, wirkt es wie eine von Ehrfurcht bestimmte Suche. Ein Mann in Cordhose und dezent kariertem Sakko, der lange denkt und in sich geht, bevor er eine Meinung äußert. Er will seinem Vater gerecht werden, so scheint es, immer noch.

Dokumentation: "Verschleppt - die Kinder des 20. Juli"

Gleich nach dem 20. Juli wurde Berthold mit seinen Geschwistern zur "Umerziehung" in ein Kinderheim verschleppt. Wie sein Vater ging er später zur Armee und wurde schließlich Generalmajor der Bundeswehr. Für einen Soldaten ist er ein erstaunlich sanfter Mann, einer, der nach Antworten sucht: "Vor allem frage ich mich bis heute, warum er die zweite Bombe, die er ja bei sich führte, nicht mit in die Tasche gelegt hat." Die Wucht beider Explosionen hätte sicher niemand in der Baracke überlebt.

Von seinem Sessel im Wohnzimmer bei Stuttgart blickt Berthold von Stauffenberg auf die Bronzebüste seines Vaters, die einen Ehrenplatz einnimmt. An das Kreuz dahinter ist ein Buchsbaumzweig geklemmt. Es ist Berthold von Stauffenbergs ganz private Gedenkstätte, und es ist berührend, wie viel Zuneigung bis heute im Blick des Sohnes liegt.

Er ballt seine linke Faust und lässt nur die drei Finger stehen, die seinem Vater blieben. Dann streicht er mit seinen Fingern über seine rechte Faust, sie soll den Handstumpf des Vaters darstellen. "Wir haben ihm oft über seine Hand gestreichelt, und er hat uns ganz stolz gezeigt, was er alles mit seinen drei Fingern kann. Ihm gelang es sogar, seine Schuhe zuzubinden", erinnert sich der Graf und blickt lange die Büste seines Vaters an. Als wolle er ihn fragen, ob er einverstanden ist mit diesen Sätzen.

Mit gezückter Pistole Stauffenberg verteidigt

Im Jahr 2009 besuchte ich erstmals Ewald-Heinrich von Kleist - um mit ihm über "diese kleine Sache" zu reden, wie er sie am Telefon nannte. Kleist meinte jenen Moment, als er am 20. Juli 1944 seine Pistole zog, um Oberst Stauffenberg zu verteidigen. Der war gerade von der "Wolfsschanze" zurückgeeilt nach Berlin, um nun den Staatsstreich zu dirigieren. Allein schon deswegen hatte er sich nicht opfern dürfen.

Kleist war einer seiner Mitverschwörer. Als Stauffenbergs Gegenspieler Generaloberst Fromm ihn festnehmen lassen wollte, stellte sich Leutnant Kleist am Nachmittag des 20. Juli mit der Pistole schützend vor seinen Vorgesetzten. Kleist und einige andere Verbündete verteidigten Stauffenberg - in ziemlich aussichtsloser Lage. Und hielten ihm so den Rücken frei, wenn auch nur für wenige Stunden.

Von allen "Helden" gegen Hitler, die ich für mein Buch "Jahrhundertzeugen" treffen durfte, bestritt Ewald-Heinrich von Kleist am hartnäckigsten, einer gewesen zu sein. Graf Stauffenberg etwa nannte er "einen Meister der Tat". Ging es aber um seine eigene Taten, knurrte der Mit-Attentäter nur ein paar Worte, die man überhören sollte. "Sie meinen diese kleine Revolvergeschichte? Ach, die ...", raunte er und sprach lieber über den Grafen als über sich: "Niemand hatte das Standvermögen Stauffenbergs. Ich habe ihn bewundert."

Nur einmal habe er Stauffenberg etwas angemerkt: als man ihn verhaften wollte. "Sein Brustkorb bewegte sich auf und ab wie ein Blasebalg, so stark atmete er", sagte Kleist. "Doch in seinem Gesicht sah ich auch dann keine Anspannung. Er verfügte über eine unerhörte Kontrolle. Immer höflich, immer klar, nie aufgeregt. Fabelhaft."

Wie viel Mut braucht es, um in der Machtzentrale des deutschen Heeres einem Generaloberst seine Pistole entgegenzustrecken? Kleist zuckt mit den Schultern.

"Du hättest es tun sollen!"

Schon ein halbes Jahr zuvor hatte sich Kleist bereiterklärt, sein Leben zu riskieren - ursprünglich war nämlich von Stauffenberg ausgewählt worden, das Attentat zu verüben. Zu einer Uniformvorführung sollte er sich Handgranaten um den Bauch binden und mit Hitler in die Luft sprengen. Durch einen Tieffliegerangriff kam es nicht dazu.

Kurz vor seinem Tod im März 2013 sagte mir Kleist: "Stauffenberg wollte immer dabeibleiben und sich opfern. Er wollte das unbedingt. Das ist ihm von General Ludwig Beck verboten worden. Meiner Meinung nach zu Recht. Stauffenberg war derjenige, der auch in Berlin alles in der Hand hatte. Er war die Schlüsselfigur."

Bereits 1943 hatte Baron Philipp von Boeselager eine Gelegenheit zum Hitler-Attentat knapp verpasst. Seine Erinnerungen waren lebenslang bestimmt von diesem Augenblick, den paar Sekunden, als er bei einem Truppenbesuch in Smolensk drei, vier Meter vor Hitler herging. Mit einer geladenen und entsicherten Pistole in seiner Hosentasche. Stunden zuvor hatte er von seinem General, eingeweiht in die Pläne der Verschwörer, das Einverständnis bekommen, Hitler zu töten. Boeselager war entschlossen zu feuern.

Wie gegenwärtig ihm dieser Moment am 13. März 1943 geblieben war, verdeutlichte Philipp von Boeselager bei meinem Besuch 2007 in Kreuzberg bei Ahrweiler, im Jahr vor seinem Tod. Mit wachen Augen saß er in seinem Sessel und deutete hinüber zum Kamin, so gering war die Distanz zu Hitler: "Hier stand ich, dort stand Hitler! Und immer wieder denke ich: Hättest du ihn doch nur erschossen! Du hättest es tun sollen!"

Die Bomben schickte er per Kurier

Boeselager war wie die meisten Mitverschwörer ein konservativer christlicher Patriot, der zunächst Hitler diente. Als er aber von der Judenverfolgung erfuhr, dieser "Schweinerei", wie er sagte, und als er erkannte, dass Millionen deutscher Soldaten vergebens sterben mussten, obwohl der Krieg längst verloren war - da wurde er zu Hitlers erbittertem Gegner. Ganz wie Stauffenberg.

In Smolensk war der Offizier also Hitler ganz nah. Er hätte schießen können. "Die Spannung war unerträglich." Doch Minuten zuvor hatte Generalfeldmarschall Kluge seine Zustimmung zurückgezogen, als er erfahren hatte, dass Heinrich Himmler nicht im Kasino erscheinen würde. Kluge befürchtete einen Bürgerkrieg zwischen Wehrmacht und SS, wenn der SS-Führer überlebt hätte.

Boeselager war es auch, der im Jahr 1944 die Bomben für Stauffenberg besorgte. Er hatte Zugang zu englischem Sprengstoff, dessen geräuschlose Säurezünder besonders geeignet schienen. Die Bomben schickte er Stauffenberg per Kurier. Er selbst kämpfte in dieser Zeit an der Ostfront, kommandierte dort eine Eliteeinheit der Kavallerie.

Zwei Tage bevor Stauffenberg am 20. Juli die Bombe neben Hitler platzierte, brach Boeselager mit 1200 Reitern von Russland aus nach Westen auf, um Stauffenberg zu Hilfe zu eilen. Und machte im letzten Moment kehrt, als ihn die Nachricht vom fehlgeschlagenen Attentat erreichte. Ein Teufelsritt, den er nur überlebte, weil keiner seiner eingeweihten und geschnappten Kameraden den Baron verriet, auch nicht unter Folter.

Nach unserem Gespräch brachte der 90-jährige Philipp von Boeselager mich noch hinaus. Wir standen vor seinem Alterssitz unterhalb der Burg seiner Ahnen und schauten hinauf. In einen der Balken des herrschaftlichen Fachwerkbaus ist der lateinische Vers seiner Ahnen eingeschnitzt: "Etiam si omnes, ego non" - "Auch wenn alle mitmachen, ich nicht".

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