Fotostrecke

Hitlers geheime Flugzeugfabriken: Düsenjäger im Dickicht

Hitlers geheime Flugzeugfabriken Düsenjäger im Dickicht

Zum Schutz vor alliiertem Bombenhagel verlegte Hitlers Luftwaffe ihre Flugzeugproduktion in versteckte Waldlager. Auch der modernste Düsenjäger der Welt - die Me 262 - wurde im Gehölz montiert. Kurz vor Kriegsende hoben US-Soldaten die Geheimfabriken aus - und machten faszinierende Bilder deutscher Hochtechnologie.

Der Stolz der deutschen Luftwaffe sieht grausam aus. Die Nase reckt sich in den Himmel, die Tragfläche zeigt auf den Boden, der Rumpf ist gebrochen. Was der Schrecken für die alliierten Jagdflugzeuge sein sollte, steht jetzt, im April 1945, als trostloses Wrack mitten auf einer Autobahn in Bayern. Auf dem Rumpf klettert ein US-Soldat herum.

Kurz vor Kriegsende ist die 7. US-Armee in Bayern angekommen, und mit jedem Kilometer, den die Soldaten weiter nach Osten vordringen, entdecken sie mehr Flugzeuge mit den markanten Flügeln. Halbfertige oder zerstörte Maschinen, die verlassen auf Waldwegen oder vor Bahngleisen stehen. Im Dickicht finden sie Fertigungshallen, Montagekräne, Baracken, verdeckt von Tarnnetzen.

Die Alliierten haben ausgerechnet im Unterholz die Produktionsstätten des fortschrittlichsten Hightech-Fliegers im Zweiten Weltkrieg gefunden: der Me 262. Weit verstreut im Land hatten die Deutschen die Einzelteile des Düsenjägers angefertigt, der allen alliierten Jagdflugzeugen technisch weit voraus war. In improvisierten Leichtbauhallen im Schutz der Baumwipfel wurde er zusammengesetzt. Alliierte Bomber hatten zwar die meisten Flugzeugfabriken in Bayern dem Erdboden gleichgemacht, aber den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. So schaffte die deutsche Luftwaffe in den letzten Kriegsmonaten, unsichtbar für die Aufklärer des Feindes, ein Rüstungswunder. Mitten im Gehölz.

"Was ist da draußen im Wald"

In Horgau, einer Gemeinde mit 600 Einwohnern 17 Kilometer westlich von Augsburg, wissen ein Jahr zuvor nicht mal Einheimische, was im Wald vor sich geht. Am Bahnhof tauchen immer häufiger graue Autos und dreiachsige Lastwagen auf, alle mit einem "OT" auf dem Nummernschild. "OT" steht für Organisation Todt - die dem Rüstungsminister unterstellte Bautruppe hat in der Normandie den Atlantikwall errichtet und in Peenemünde die Abschussrampen für die V2-Rakete. Der Auftrag in Horgau ist geheim und die Menschen fragen sich: "Was ist da draußen im Wald?"

Leitungen werden gebaut, neben dem Bahnhof entsteht ein Transformatorengebäude, uniformierte Fremde sind zu sehen, berichten Zeitzeugen in einer Dokumentation über das Waldwerk Horgau. Erste Gerüchte machen die Runde, der Rüstungskonzern Messerschmitt sei für die Bauarbeiten im Wald verantwortlich. Und dann sind Flugzeuge in der Luft. Besondere Flugzeuge, ohne Propeller. Im Herbst 1944 jagen die Düsenjäger mit den neuen Strahlturbinen über Bayern. Es sind Me 262.

Der überragende Jäger seiner Zeit, "Schwalbe" genannt, fliegt 900 Kilometer pro Stunde, er ist in seiner Schnelligkeit allen alliierten Jägern weit voraus. Willy Messerschmitt hatte die Me 262 schon 1938 entwickelt, doch erst 1942 gab es die ersten Prototypen. Das Luftfahrtministerium hatte einfach keine Notwendigkeit gesehen für ein Flugzeug mit Strahl-Turbinenantrieb. Im Juli 1942 absolvierte Fritz Wendel auf dem Fliegerhorst Leipheim den ersten Flug.

Harmlose Tarnnamen

Als die Me 262 zum ersten Mal an der Front erprobt wird, ist die deutsche Rüstungsproduktion schon spürbar angeschlagen. Seit Mitte 1943 wurden die größten Flugzeugfabriken von den Alliierten bombardiert, die Messerschmitt-Werke (Augsburg) oder Heinkel (Rostock, Oranienburg) schwer getroffen. Im April 1944 wird der Fliegerhorst in Leipheim zerstört und mit ihm 53 nagelneue Me 262.

Doch schon diese Maschinen stammen nicht mehr aus dem Messerschmitt-Stammwerk, sondern aus einem geheimen Waldwerk bei Leipheim: "Kuno 1." Dort werden die Leitwerke gefertigt und die Me 262 aus gelieferten Einzelteilen zusammengesetzt. Die übrigen Teile kommen aus Regensburg-Obertraubling, Lauingen und aus Nordhausen. Leipheim macht Schule - am Ende des Krieges wird es im Reichsgebiet allein vier Endmontage-Waldwerke geben und Dutzende Zulieferfabriken. Diese sind manchmal in den Berg gehauen wie im Fall des "B8 Bergkristall" in Sankt Georgen bei Linz, meist aber im Dickicht versteckt. Versehen sind die Fabriken mit harmlosen Tarnnamen wie "Stauffen" oder "Gauting". Horgau heißt "Blechschmiede".

Das System der dezentralen Fertigung ist vom sogenannten Jägerstab eingeführt worden, gebildet durch Luftfahrt- und Rüstungsministerium. Viele kleine, versteckte Standorte sollen die Flugzeugproduktion signifikant steigern und gleichzeitig vor Bombenangriffen schützen.

Die Häftlinge arbeiten unter unvorstellbaren Bedingungen

In Horgau werden im Laufe des Jahres 1944 immer mehr Fremde einquartiert, es sind Zwangsarbeiter. Und in der Weihnachtszeit, so erinnert sich ein Zeitzeuge aus dem Ort, werden die Vermutungen über das Geschehen im Wald erstmals konkret. Es habe geheißen, "dass da Tragflächen gebaut werden." Aber was passiert im Wald wirklich? In der Dokumentation über das Waldwerk vom August 2010 heißt es, dass zwischen dem 15. Januar und 1. März 1945 "die wesentlichen Fertigungsmaschinen und Transportbänder" eingebaut und in der Folge Flugzeugtragflächen sowie Rumpfteile für die Me 262 gefertigt werden.

Insgesamt werden bis zum März von Zwangsarbeitern 21 Gebäude gebaut, zentraler Bestandteil ist die fast 100 Meter lange und 15 Meter breite Montagehalle, in der die Tragflächen hergestellt werden. In einer weiteren Halle entstehen die Bugspitzen für die Me 262. Das Waldlager ist gleichzeitig ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Im März liegt Schnee in Horgau, die Häftlinge leben und arbeiten unter unvorstellbaren Bedingungen. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt müssen die Arbeiter in behelfsmäßigen Unterkünften schlafen ohne Außenwände, lediglich mit Vorhängen. Die anvisierte Produktionsleistung des Werkes sind 250 Tragflächen pro Monat. Horgau liefert nach Burgau, wo in der Nähe ebenfalls ein Endmontage-Waldwerk steht: "Kuno 2."

Der Wald wird abgeholzt

Leipheim, Burgau, Horgau: Die Orte haben nicht nur den Wald gemeinsam, in dessen Teile für die Me 262 gebaut werden - sondern auch die Nähe zur Autobahn. Die Reichsautobahn (und heutige A8) ist ideal geeignet zum Transport der Bauteile. An wenigen Stellen taugt die eigentlich für den zivilen Verkehr geplante Straße sogar als Start- und Landebahn für die fertigen Me 262. In der Nähe Leipheims führt die Reichsautobahn fast zwei Kilometer geradeaus. Genug Strecke, um abzuheben.

Bis heute wird allerdings darüber gestritten, ob zwischen Leipheim und Zusmarshausen tatsächlich Flugzeuge abgehoben sind. Belege wie Flugbucheinträge fehlen dafür ebenso wie für die Erinnerung eines Augenzeugen aus Horgau, dass ein Autobahnabschnitt bei Jettingen (also in unmittelbarer Nähe zum Waldwerk "Kuno 2") eine Startbahn gewesen sei.

Ob die Me 262 nun über die Autobahn gezogen werden oder zu den Verteilerflughäfen in Leipheim oder Memmingen fliegen - das System der dezentralisierten Fertigung zahlt sich aus: Insgesamt mehr als 1400 Me 262 werden gebaut, der Ausstoß ist in den Kriegsmonaten März und April 1945 sogar am höchsten. Doch die wenigsten der Düsenjäger kommen noch zum Einsatz. Im Reich herrscht nicht nur Mangel an Treibstoff und Ersatzteilen, sondern auch an qualifizierten Piloten.

Bis auf die faszinierenden Fotos, die die US-Soldaten bei ihrem Einmarsch machten, ist von den meisten Waldwerken heute nicht mehr viel zu sehen. Nur Betonfundamente lassen erahnen, wo sich die geheimen Fabriken einst befanden. In Horgau sind nicht mal mehr die Bäume die gleichen wie damals. Der Wald wurde komplett abgeholzt und neu aufgeforstet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.