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Unternehmen "Seelöwe": Die Invasion, die nie stattfand

Hitlers Unternehmen "Seelöwe" Invasion der Amateure

Vor der geplanten Besetzung Englands schickte der deutsche Geheimdienst 1940 reihenweise Agenten auf die Insel. Alle flogen auf. Jetzt belegt eine Studie, dass Hamburger Abwehroffiziere den Spionageeinsatz gezielt sabotierten.
Von Eike Frenzel

Karl Meiers Spionagemission endete nach wenigen Stunden. In der Nacht zum 3. September 1940 war er gemeinsam mit Josef Waldberg von Boulogne aus in Richtung Cap Gris-Nez gesegelt, der schmalsten Stelle im Ärmelkanal. Von hier schleppten deutsche Minenräumboote den Fischkutter vor die südenglische Küste. Ausgerüstet mit einem Funkgerät, einer Pistole, Geheimtinte, Landkarten, Lebensmitteln und 60 Pfund Sterling landeten Meier und Waldberg mit einem Schlauchboot am Strand von Dungeness.

Doch anstatt Verteidigungsanlagen, Truppenstandorte oder geeignete Landezonen für Fallschirmjäger auszukundschaften, wurde Meier bereits am Nachmittag verhört. Er war aufgeflogen, nachdem er morgens in der Ortschaft Lydd eine Flasche Cider bestellen wollte - offenbar in Unkenntnis der englischen Ausschankvorschriften, die den Verkauf von Alkohol am Vormittag untersagten. Die Wirtin hatte die Polizei alarmiert, die Meier, und später auch Waldberg, festnahm.

Die Vernehmung durch den hinzugezogenen britischen Inlandsgeheimdienst MI 5 ergab: Der Deutsch-Holländer Meier, 24 Jahre alt, Mitglied der "National-Socialistische Beweging in Nederland" (NSB) und der Halbfranzose Waldberg, 25 Jahre alt, waren im Auftrag des deutschen Militärnachrichtendienstes "Amt Ausland/Abwehr" auf die Insel gekommen, um Informationen für die bevorstehende Invasion Englands zu sammeln.

"Ungewöhnlich schlecht angeleitete Spione"

Der Fall schien klar, dennoch wuchsen im MI 5 Zweifel an der Mission des Agentenduos. Mit ihrem Funkgerät konnten lediglich Nachrichten gesendet, aber nicht empfangen werden. Waldheim sprach zudem nur gebrochen Englisch, beide besaßen offenbar Detailkenntnisse des Invasionsplans, die sie bereitwillig ausplauderten: Warum bloß hatten die Deutschen solche Amateure über den Kanal geschickt?

Lange haben auch Historiker über diese Frage gerätselt. Hatte die Abwehr doch im Herbst 1940 im Rahmen der Operation "Lena" mindestens 20 weitere Spione per Boot oder Fallschirm als Invasionskundschafter auf die Insel geschleust, die allesamt ähnlich dilettantisch scheiterten.

"Diese Spione", notierte Guy Liddell, Chef der Spionageabwehr beim MI 5, "waren ungewöhnlich schlecht angeleitet, und jedem, der auch nur über die geringste Kenntnis von den Verhältnissen in unserem Land verfügt, müsste klar gewesen sein, dass nicht einer von ihnen Erfolg haben würde." Ein Urteil, das sich auch weitgehend in der Literatur niedergeschlagen hat.

Eine gigantische amphibische Operation

Die Autorin Monika Siedentopf hat jedoch kürzlich auf Basis unveröffentlichter Quellen belegt, dass der deutsche Geheimdienst keineswegs zu unfähig war, geeignete Agenten gegen England aufzubieten. Das Gegenteil war offenbar der Fall: Nach Siedentopfs Untersuchung wurde Operation "Lena" gezielt von NS-Regimegegnern der zuständigen Abwehrstelle Hamburg sabotiert.

Dabei hatten intensive Spionageaktivitäten gegen die von Hitler bewunderte Kolonialmacht Großbritannien ursprünglich kaum eine Rolle gespielt. Das änderte sich jedoch, als die Wehrmacht 1940 waffenstarrend an der französischen Kanalküste stand, England zur großen Enttäuschung des "Führers" aber immer noch nicht bereit war, sich zumindest neutral zu verhalten.

Um sein eigentliches Ziel, die Eroberung von "Lebensraum" im Osten, nicht durch einen Zweifrontenkrieg zu gefährden, erließ Hitler daher am 16. Juli 1940 die "Führerweisung Nr. 16": die Vorbereitung einer Invasion Großbritanniens. Dieses "Unternehmen Seelöwe" wurde Ende September im Hauptquartier Generalfeldmarschalls von Rundstedt im Sandkasten simuliert - mit ernüchterndem Ausgang: Die gigantische amphibische Operation, bei der rund 260.000 Soldaten, 62.000 Pferde, 34.200 Panzer, Flak-Batterien und weitere Fahrzeuge an der Südküste Englands abgesetzt werden sollten, könne weder von der Luftwaffe noch der Marine ausreichend geschützt werden. "Seelöwe" wurde auf das Frühjahr 1941 vertagt.

"Gute Deutsche, schlechte Nazis"

Als deutsche Pioniereinheiten in der Ostsee und vor Sylt aber weiterhin die Landung an Englands Küste auch mit neuartigen "Schnorchelpanzern" probten, machte man sich in Hamburg daran, die Operation "Seelöwe" zu hintertreiben. Der Abwehrstelle in Harvestehude war die Leitung der Spionage-Offensive "Lena" übertragen worden. Mit ihren leistungsstarken Sendern und den mehr als 100 Offizieren und Angestellten zählte Hamburg zu den wichtigsten Nachrichtendienstposten in Deutschland. Hier liefen die Informationen ein, die im deutschen Agentennetz zwischen Skandinavien, der iberischen Halbinsel und Nordamerika hängen blieben.

Das Kommando über die Abwehrstelle hatte seit 1939 Herbert Wichmann. Der Fregattenkapitän zählte nicht zu den national-konservativen Abwehr-Offizieren, die anfangs Sympathien für Hitlers Politik hegten. Er stand dem Nazi-Regime von Anfang an kritisch gegenüber und pflegte Kontakte zum Kreis um Stauffenberg. Auch in Wichmanns Umfeld fanden sich zahlreiche NS-Gegner, etwa der 1945 wegen seiner Nähe zum Widerstand hingerichtete Abwehrchef Wilhelm Canaris.

Wichmann und seine Mitstreiter, die der MI 5 in seinen Verhören nach Kriegsende als "gute Deutsche, aber schlechte Nazis" bezeichnen sollte, gerieten zwar immer wieder ins Visier des SD, des NS-Geheimdienstes. Ihre Sabotage der Spionage-Offensive gegen England blieb aber unentdeckt. Wie andere Marineoffiziere hatte Wichmann früh die schwer kalkulierbaren Risiken einer Landungsoperation erkannt: "Seelöwe" würde Tausende Soldaten auf allen Seiten das Leben kosten. Fehlten dem Oberkommando der Wehrmacht allerdings entscheidende Spionageinformationen, etwa über die britischen Verteidigungsstellen, stiege die Wahrscheinlichkeit, dass die Invasion nicht stattfände.

Das gewollte Desaster

Damit Operation "Lena" zum gewünschten Desaster würde, suchte die Hamburger Verschwörergruppe nach Agenten, die in der nervösen englischen Bevölkerung schnell auffliegen würden - wenn nicht wegen mangelnder Sprachkenntnisse, dann wegen ihrer völlig unzureichenden Ausbildung.

Sie fanden Spione wie Charles van den Kieboom oder Sjoerd Pons: Die Holländer waren kurz nach ihrer Landung in Südengland gefasst worden, nachdem sie geradewegs einer Strandpatrouille in die Arme gelaufen waren. Beide gaben an, von der Abwehr 1940 in Amsterdam angeworben worden zu sein, nachdem ihnen wegen Devisenvergehen KZ-Haft angedroht worden sei.

So wurde Operation "Lena" zum kalkulierten Agenten-Versagen - und zur moralischen Belastung für ihre Drahtzieher: Denn in den meisten Fällen endete der Einsatz der Laien-Spione vor einem britischen Erschießungskommando. Ihre bewusste Opferung durch das Hamburger Abwehr-Netzwerk trug zweifellos dazu bei, dass "Seelöwe" immer wieder verschoben und von Hitler im Februar 1942 endgültig begraben wurde. Ausschlaggebend war allerdings, dass es der Luftwaffe nicht gelungen war, die Lufthoheit über dem Ärmelkanal als wesentliche Voraussetzung einer Invasion zu gewinnen.

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Monika Siedentopf:
Unternehmen Seelöwe

Widerstand im deutschen Geheimdienst.

Deutscher Taschenbuch Verlag; 192 Seiten; 14,90 Euro.

Das Blutvergießen, das Wichmann an Englands Küste verhindern wollte, hatte indes längst an der Ostfront eingesetzt.

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