Hitlers Volkssturm Der letzte Befehl

Kriegsversehrte Invaliden, Kinder in Uniform und Feldwebel ohne Munition: Der Ende 1944 einberufene Volkssturm war Hitlers wahnwitziger Versuch, den Vormarsch der übermächtigen Roten Armee aufzuhalten. Der Vater von Detlev Crusius konnte dem Irrsinn entkommen - ganz unerwartet.


Als sich die Truppen der Roten Armee im Januar 1945 der Stadt Landsberg an der Warthe näherten, war Detlev Crusius drei Jahre alt. Sein Vater erzählte ihm später, was sich in jenen Tagen in ihrem Heimatort ereignet hatte. Der Sohn hat die Geschichte aufgeschrieben.

Jede Nacht, seit Tagen schon, beobachteten meine Eltern die Lichter über dem Horizont. Die Erscheinungen hätten Wetterleuchten oder ferne Gewitter sein können, wenn sie nicht in östlicher Richtung zu sehen gewesen wären. Aber das Flackern war stärker als jedes Wetterleuchten, die gelb und orangefarbenen Blitze der explodierenden Artilleriegranaten und die Flugbahnen der Leuchtspurmunition waren deutlich zu erkennen. Schon eine Nacht zuvor hatte man das bedrohliche Grollen einschlagender Granaten und das grelle Pfeifen der Stalinorgeln hören können.

Seit Tagen und Wochen waren verwundete Soldaten in endlosen traurigen Kolonnen durch die Stadt gezogen, zu Fuß oder in Sanitätsfahrzeugen. Leichtverletzte zogen Schwerverletzte auf Handkarren hinter sich her. Sie klopften an die Türen und fragten nach Wasser oder etwas Essbarem. Und mit einem Mal hatte der Spuk ein Ende, und der Elendstreck verwundeter Soldaten riss ab. Voller Hoffnung glaubten die Menschen, die deutsche Front hätte Stand gehalten. Bis bekannt wurde, dass es keine deutsche Front mehr gab.

Es hieß, die deutschen Soldaten, die es bis jetzt geschafft hatten, wären eingeschlossen und würden von den Russen gnadenlos vernichtet. Kein Hindernis befand sich mehr zwischen der Roten Armee und der Stadt, unserer Stadt, Landsberg. Die Russen waren nur noch wenige Kilometer entfernt.

Das letzte Aufgebot

Bereits am späten Nachmittag des Vortages war ein Lautsprecherwagen der Wehrmacht durch die Straßen gefahren. Der Sprecher hatte die Männer vom Volkssturm und alle anderen Wehrfähigen aufgerufen, sich am nachfolgenden Morgen um fünf Uhr auf dem Marktplatz einzufinden. In den Pausen war fröhliche Marschmusik aus dem Lautsprecher geschallt. Um fünf Uhr morgens dann war es noch dunkle Nacht. Ein scharfer Wind fegte über den Sammelplatz und trieb den bereits gefallenen Schnee vor sich her.

Etwa fünfzig Männer hatten sich auf dem Platz neben dem Dom eingefunden und waren in einer unmilitärisch schiefen Linie angetreten. Die meisten von ihnen trugen die Armbinde des Volkssturms, aber auch jene ohne Armbinde waren als wehrfähig eingestuft und hatten sich auf den Sammelplatz begeben. Fast alle waren in Zivilkleidung, trugen Wintermäntel, Filzhüte mit Krempe, Pudelmützen, fellgefütterte Winterstiefel oder auch dünne Halbschuhe. Viele waren Brillenträger, und die Gläser waren vom Schnee dick verkrustet. Sie hatten handgestrickte Handschuhe an und wollene Schals um den Hals geschlungen. Aber nicht alle besaßen Schals oder Mützen, und viele der Mäntel und Schuhe waren wenig geeignet für den Schnee und die beißende Kälte an jenem frühen Morgen.

Einige der Männer gingen an Krücken, hatten vom Blut rotgefärbte Verbände um den Kopf gewickelt, oder es fehlte ihnen ein Arm oder ein Bein. Die leeren Ärmel der Mäntel hatten sie in die Manteltaschen gesteckt, die leeren Hosenbeine nach oben geschlagen und mit großen Sicherheitsnadeln festgesteckt oder mit Bändern umbunden. Die Verwundeten trugen Uniformmäntel der Wehrmacht. Sie waren auf dem Rückmarsch von der Front in der Stadt zurückgeblieben, weil es nicht genug Transportfahrzeuge gegeben hatte, weil sie zu müde gewesen waren weiterzulaufen, weil sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten und nicht mehr weitergehen wollten.

Verteidigung mit Spaten

Die verwundeten Soldaten waren noch jung, kaum zwanzig Jahre alt, oder nur wenig älter. Die Männer des Volkssturms waren über fünfzig Jahre, und einige der Älteren mussten gestützt werden. In der Reihe der Erwachsenen standen auch einige Jungen, vielmehr Kinder, vielleicht vierzehn Jahre alt. Sie trugen Uniformen, die ihnen zu groß waren, Uniformen, in die sie in diesem Krieg nicht mehr hineinwachsen würden. Sie hatten Angst. Einer von ihnen weinte und versteckte sich hinter seinen Kameraden, weil er nicht wollte, dass jemand seine Tränen sah.

Ein paar hölzerne Karren standen vor der Linie. Die unrasierten Gesichter der Männer waren grau vor Kälte. Sie drang durch jedes Knopfloch, durch jeden Ritz der Kleidung bis auf die Haut. Sie kannten sich, es war eine kleine Stadt. Sie waren Nachbarn und gemeinsam zum Sammelplatz gegangen. Sie redeten nicht miteinander, auch nicht die üblichen Durchhalteparolen wollten ihnen über die Lippen kommen. Ein Mann machte sich Vorwürfe, nicht auf seine Frau gehört zu haben. Sie hatte ihn daran hindern wollen, zum Sammelplatz zu gehen. Auch er hatte nicht gehen wollen, aber er hatte sich gefürchtet den Befehl zu verweigern. Er hatte Angst gehabt, von einem Standgericht der SS auf dem Marktplatz zur Abschreckung erhängt zu werden. So wie es schon oft geschehen war.

Vor der angetretenen Truppe stand ein alter Feldwebel der Wehrmacht. Er war älter als die meisten Männer, die vor ihm standen. Er trug einen vom langen Krieg zerschlissenen und dreckverkrusteten Uniformmantel. Seinen Kopf hatte er mit einem grauen Schal umwickelt, darüber trug er als Einziger einen Stahlhelm. Die Partei und der Stadtkommandant hatten ihm befohlen, Landsberg gegen die heranrückenden Bolschewiken mit den Männern des Volkssturms zu verteidigen. Der Feldwebel sah müde aus und war halb erfroren, wie die Männer. Er betrachtete die Männer vor sich, die Holzwagen für das Fortschaffen der Toten und Verwundeten aus den Kampfzonen, die Waffen, die man ihm zur Verteidigung der Stadt überlassen hatte: ein leichtes Maschinengewehr mit zwei Munitionsgurten. Er selbst hatte eine geladene Pistole ohne Ersatzpatronen, über der Schulter trug er einen Karabiner. Die Männer trugen die Spaten in ihren Gürteln, mit denen sie in den Tagen zuvor Schanzarbeiten am Stadtrand verrichtet hatten.

Konnte das wahr sein?

Der Feldwebel befahl den Männern, einen Kreis um ihn zu bilden. Er sagte: "Männer, was ich euch jetzt sage, ist ein Befehl, auf den ihr euch jederzeit berufen könnt, wenn euch jemand danach fragt. Ihr geht jetzt nach Hause, der Krieg ist für euch zu Ende. Kümmert euch um eure Frauen und Kinder." Er sagte den Männern, dass sie mit ihren Familien und so vielen Decken und Lebensmitteln wie möglich zum Bahnhof gehen sollten. Noch am selben Morgen waren zwei Personenzüge aus Küstrin in der Stadt angekommen, und sie würden die letzten sein, die die Stadt verließen. Spätestens um 13 Uhr sollten die Männer auf dem Bahnhof sein, denn dann würden die Züge zurück nach Küstrin fahren, dort über die Oder und weiter Richtung Westen, weg von der Front, weg von den Russen.

Der Feldwebel versicherte den Männern, dass sie keine Angst haben mussten. Niemand würde sie sehen, wenn sie jetzt den Platz verließen. Auch auf dem Bahnhof würde sie niemand sehen. Die Parteimitglieder, der Stadtkommandant und auch die SS hatten die Stadt am Abend zuvor schon verlassen. Der Feldwebel wünschte den Männern Glück, und für einen Moment sah es so aus, als ob er militärisch grüßen wollte. Aber er hob nur die Hand, und es wurde so etwas wie Winken daraus, und er lächelte dabei. Die Männer sahen sich ungläubig an, flüsterten leise miteinander. Konnte das wahr sein, durften sie wirklich nach Hause gehen?

Einige hoben halbherzig und mehr aus Gewohnheit den rechten Arm zum Hitlergruß, ließen ihn jedoch rasch wieder sinken und sagten nichts. Der Feldwebel drehte sich um und kämpfte sich gegen das Schneetreiben vornüber gebeugt quer über den Platz und verschwand in einer schmalen Gasse. Das war sein letzter Befehl in diesem Krieg gewesen. Die Männer zerstreuten sich rasch, die kleinen Holzwagen nahmen sie mit.



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Pet Jakob, 22.09.2009
1.
Ja. Sehr schön geschildert. Besser spät als nie.
Klaus Ahrendt, 03.11.2011
2.
Ein sehr guter Bericht ! Gerne würde ich den bei meinen Führungen durch die Küstriner Altstadt vorlesen dürfen... Mit besten Grüßen aus dem "Küstriner Pompeji"
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