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Hohenzollern contra Staat: Vom Stamme Nimm

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Historikerin zum Hohenzollern-Streit "Der Kronprinz ging mit jedem Gegner der Weimarer Republik ins Bett"

Die Hohenzollern verlangen eine Millionenentschädigung. Entscheidend in dem Rechtsstreit ist die Rolle der Familie zur Nazizeit. Historikerin Karina Urbach erklärt den Zwischenstand im Spiel Adel gegen Staat - und warum sie Jan Böhmermann dankt.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs musste Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. abdanken und der deutsche Adel im August 1919 auf alle Standesvorrechte verzichten. Die Weimarer Republik beendete die Ära der Aristokratie und beschlagnahmte auch den staatlichen Teil des Hohenzollern-Vermögens.

Weil aber nicht leicht zu trennen war, was dem Staat und was der Familie persönlich gehörte, gestand ein Vertrag zwischen dem Land Preußen und den Hohenzollern der Familie Dutzende Schlösser, Villen und Grundstücke und 15 Millionen Mark zu.

Offen blieb allerdings, wem die Kunstschätze im Berliner Lustschloss Monbijou, seit 1877 ein Museum, gehören sollten. Was davon den Krieg überlebte, wurde an DDR-Museen gegeben. Etliche der Schlösser, Villen und Grundstücke, die der Familie verblieben waren, nahm ihr die sowjetische Besatzungsmacht.

Karina Urbach

Karina Urbach

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Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Eigentumsfrage wieder akut. Seit 2013 führen Vertreter der Hohenzollern mit dem Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg Geheimverhandlungen über einen außergerichtlichen Vergleich. Die Familie fordert Kunstwerke und Bücher, dazu ein Wohnrecht auf Schloss Cecilienhof in Potsdam, ersatzweise in zwei anderen Häusern. Im Streit geht es außerdem um Entschädigungen in Höhe von 1,2 Millionen Euro für enteignete Ländereien. Ein Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht Potsdam, vor Jahren begonnen, wurde zunächst ausgesetzt, doch nun soll es auf Betreiben des Landes Brandenburg fortgesetzt werden.

Historikerin Karina Urbach (Jahrgang 1969) forscht in Princeton und ist Expertin für die Beziehungen zwischen Europas Adel und den Nationalsozialisten.

SPIEGEL: Frau Urbach, vor Gericht ist entscheidend, ob die Hohenzollern dem Nationalsozialismus "erheblichen Vorschub" geleistet haben - denn dann wären ihre Entschädigungsforderungen nichtig. Über die Gutachten von vier Historikern haben der SPIEGEL und andere Medien wiederholt berichtet , doch erst Jan Böhmermann veröffentlichte sie kürzlich  . Müssen Historiker ihm dafür danken?

Urbach: Böhmermann hat unserem Fach einen unglaublichen Dienst erwiesen. Er hat einer breiten Öffentlichkeit gezeigt, wie relevant Geschichte sein kann - und uns ermöglicht, endlich über die Gutachten zu diskutieren.

SPIEGEL: Bei den Gutachten steht es bisher 2:2. Stephan Malinowski und Peter Brandt kommen beide zum Schluss, dass die Hohenzollern ihr Ansehen zugunsten der Nationalsozialisten nutzten und ihnen damit "erheblichen Vorschub" leisteten. Christopher Clark dagegen beschreibt Kronprinz Wilhelm nur als Randfigur, der die Naziherrschaft nicht entscheidend befördert habe - er sagt auch: "Der Mann war eine Flasche" . Und Wolfram Pyta erklärt Wilhelm sogar zum Hitler-Gegner. Wie können Historiker zu so unterschiedlichen Einschätzungen gelangen?

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Der Adel: Zum Herrschen geboren? Warum viele Familien immer noch so mächtig sind

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Urbach: In der Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt es kaum ein zentrales Thema, bei dem wir Historiker nicht zu unterschiedlichen Schlüssen kämen. Daran ist nichts verwunderlich. Wir tauschen uns ja ständig aus und kritisieren einander, sind also Deutungsdifferenzen gewohnt. Es ist deshalb sehr gut, alle Gutachten auf dem Tisch zu haben. Jetzt können wir endlich mit der richtigen Arbeit beginnen.

SPIEGEL: Der Inhalt der Gutachten von Malinowski, Clark und Brandt war schon länger bekannt. Dass ein viertes existiert, war lange unbekannt. Hat Wolfram Pyta für sein Gutachten im Hohenzollern-Auftrag neue Quellen gefunden, überzeugt Sie seine Argumentation?

Urbach: Pyta gehört zu den Kennern der Weimarer Republik. In seiner Hindenburg-Biographie von 2007 sah er Kronprinz Wilhelm noch als Opportunisten, der bis 1933 eng mit Hitler zusammenarbeitete - eine absolut korrekte Einschätzung. Im Gutachten beschreibt er nun aber eine "Querfront": Der Kronprinz habe gemeinsam mit General Kurt von Schleicher versucht, Hitlers Machtübernahme zu verhindern. Meiner Ansicht nach ging der Kronprinz jedoch - um es drastisch auszudrücken - mit jedem Gegner der Weimarer Republik ins Bett, um an die Macht zu kommen: im Frühling '32 mit Hitler, im Herbst/Winter '32 mit Schleicher, Ende Januar '33 wieder mit Hitler. Der Kronprinz selbst schrieb 1934, er habe die ganze Zeit Hitler unterstützt, weil Schleicher einfach nicht stark genug gewesen sei. Die kurze Schleicher-Liebelei exkulpiert den Kronprinzen also nicht. Und Schleicher war natürlich kein Demokrat, sondern einer der Totengräber der Weimarer Republik.

SPIEGEL: Die "Zeit" zitiert Georg Friedrich Prinz von Preußen, heutiges Oberhaupt der Hohenzollern , so: "Der Kronprinz ist mal vom Weg abgewichen. Aber er war kein Unterstützer Hitlers. Er hat sich am konservativen, rechten Rand bewegt." Würden Sie diese Interpretation in einer studentischen Hausarbeit durchgehen lassen?

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Hohenzollern contra Staat: Vom Stamme Nimm

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Urbach: Über Verdrängungsmechanismen in Familien gibt es ein gutes Buch mit dem Titel "Opa war kein Nazi". Prinz von Preußen braucht meine Belehrungen sicher nicht, aber einem Studenten würde ich dies raten: Er möge erst einmal das Wort "Unterstützung" definieren und wie man eine Partei unterstützt - durch konkrete politische Handlungen, Werbung und Symbolpolitik. Dann würde ich den Studenten bitten, die Namen all jener zu nennen, die am 30. Januar 1933 im Kabinett saßen, zudem genau zu zählen, wie viele davon NSDAP-Mitglieder waren und wie viele Konservative. Nun soll er im Lexikon das Wort "Koalition" prüfen, dazu die Namen von Papen, von Hindenburg, Hugenberg sowie die Begriffe Stahlhelm und DNVP. Weiterhin soll er auf die Verschmelzung von SA und Stahlhelm blicken, am Ende den Wahlaufruf des Kronprinzen für Hitler kommentieren, ebenso die Marschbilder des Kronprinzen neben Ernst Röhm und mit Heinrich Himmler.

SPIEGEL: Und wenn der Geschichtsstudent dann weiterhin argumentiert, Kronprinz Wilhelm habe Hitler nicht unterstützt?

Urbach: Dann würde ich ihm einen Wechsel des Studienfachs nahelegen.

SPIEGEL: Sie selbst haben in US-Archiven zuletzt Quellen zu den Beziehungen zwischen Hohenzollern und Nazis gesucht. Welche Rolle spielen Ihre Ergebnisse?

Urbach: Sie sind ein weiterer Stein im Mosaik. Bisher hat sich damit nur eine Handvoll Historiker beschäftigt. Die jetzt zugänglichen Gutachten haben unser Bild erweitert. Meine Quellenfunde ergänzen Stephan Malinowskis und Peter Brandts Gutachten.

SPIEGEL: Sie zeigen auch, dass Ex-Kaiser Wilhelm II. und Kronprinz Wilhelm sich antisemitisch äußerten. Reicht das als Beleg, dass die Hohenzollern dem Regime "erheblichen Vorschub" leisteten?

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Urbach: Nein, das allein ist kein Beleg. Man konnte überzeugter Antisemit sein und trotzdem die Nationalsozialisten nicht unterstützen. Antisemitismus war nur ein Teil der NS-Ideologie, aber - neben Antiparlamentarismus und Antibolschewismus - eine wichtige Brücke zwischen konservativen und nationalsozialistischen Gruppierungen. Wilhelm II. war ab 1918 überzeugter Antisemit. Sein Sohn, der Kronprinz, hatte einige Bekannte aus der jüdischen Oberschicht, aber als das Regime es von ihm verlangte, griff er Juden in einem Zeitungsartikel scharf an. So leistete er ganz offensichtlich dem Nationalsozialismus Vorschub, er machte Propaganda dafür im In- und Ausland. Der Kronprinz war immer noch ein Medienstar, seine Unterstützung Hitlers daher eine unbezahlbare PR-Hilfe und Hitler selbst davon begeistert. Nachdem der Kronprinz im April 1932 öffentlich erklärt hatte, bei der Reichspräsidentenwahl für ihn zu stimmen, sagte "ein lächelnder" Hitler dem britischen "Daily Express": "Ich schätze diese Tat des Kronprinzen außerordentlich. Sie war völlig spontan, und er hat sich damit öffentlich in die Reihe patriotischer, deutscher Nationalisten gestellt."

SPIEGEL: August Wilhelm, Bruder des Kronprinzen, war SA-Mitglied. Nachdem die SA 1934 zerschlagen und klar wurde, dass die Nationalsozialisten die Monarchie nicht wieder einführen würden, schwand die öffentliche Unterstützung der Hohenzollern für die Nazis. Ging die Familie zu dieser Zeit auf Distanz?

Urbach: Nachdem sich die Nationalsozialisten 1934 konsolidiert hatten, brauchten sie die Hohenzollern nicht mehr für ihre PR-Zwecke. Bis dahin hoffte die Familie auf eine "Mussolini-Lösung" - genau wie in Italien wollten sie ein Arrangement zwischen "Führer" und Monarchie. Das war 1934 gescheitert, aber sie verweigerten sich dieser Erkenntnis und lösten sich nicht vom Regime. Hitlers Außenpolitik blieb zu verführerisch, Wilhelm II. und der Kronprinz standen ganz augenscheinlich zu 100 Prozent dahinter: Vier Wochen nachdem sein ältester Sohn an der Westfront gefallen war, schrieb der Kronprinz am 25. Juni 1940 seinem "Führer" ein euphorisches Glückwunschtelegramm über die Siege der Wehrmacht. Nur die fanatischsten Eltern brachten so etwas fertig.

SPIEGEL: Kaiser-Enkel Louis Ferdinand galt bisher als unbescholten und soll dem Verschwörerkreis des 20. Juli nahegestanden haben. Nun attestieren Sie auch ihm NS-Nähe. Warum?

Urbach: Mit Louis Ferdinand hat sich bisher niemand ernsthaft beschäftigt. Anfangs war er vom Regime begeistert und wurde nach Kriegsbeginn kritisch. Als Widerständler kann man ihn kaum bezeichnen. Er hatte Kontakt zu Widerstandsgruppen, die sehr auf ihn hofften, gab ihnen aber am Ende - auf Anweisung seines Vaters - einen Korb. Damit hat er dem monarchischen Widerstand keinen Gefallen getan. Nach dem Krieg war Louis Ferdinand sehr geschickt in der Inszenierung der Familie: Er schrieb über seine Nähe zum Widerstand und sorgte dafür, dass in Israel ein Obelisk für Wilhelm II. aufgestellt wurde (obwohl er wusste, was sein Großvater seit 1918 wirklich von den Juden hielt); er ließ in einer großen Aktion die Gebeine Friedrichs des Großen umbetten. Das war eine sehr wirkungsvolle Geschichtspolitik.

SPIEGEL: Hohenzollernkaiser Wilhelm II. war Staatsoberhaupt, als zur Kolonialzeit deutsche Soldaten den Völkermord an den Herero im heutigen Namibia verübten. Der deutsche Staat hat Entschädigungen an Herero-Nachfahren stets abgelehnt, verhandelt hingegen mit den Hohenzollern. Jan Böhmermann verknüpft beide Themen. Ist das legitim - oder fast schon Anti-Adels-Propaganda?

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Urbach: Juristen und Historiker werden sagen, man kann das nicht vermischen. Aber Böhmermann hat eine interessante Frage gestellt. Er fordert uns auf, jenseits der kalten juristischen Kriterien über die politischen und moralischen Dimensionen von Entschädigung und Beschädigung, von Tätern, Opfern und Schuld nachzudenken - und die derzeit sehr kleinteilige Debatte einzuordnen in die größeren Zusammenhänge des 20. Jahrhunderts.

SPIEGEL: Die Hohenzollern-Debatte kann so wirken, als verlange diese Adelsfamilie Privilegien von vorgestern zurück. Ein Versuch, die Grenzen des Möglichen auszuloten?

Urbach: Da will ich nicht spekulieren, aber es ist amüsant, wie die englische Presse darüber berichtet. Die "Times" schrieb: Was wäre, wenn die britische Monarchie den Ersten Weltkrieg verloren und König Georg V. abgedankt hätte, wenn Faschisten uns in einen weiteren Krieg geführt hätten? Und dann taucht im 21. Jahrhundert plötzlich Prinz Charles auf, fordert unsere nationale Gemäldesammlung und will in den Buckingham Palast einziehen. Man ahnt: Die Briten würden es ablehnen. Und was würden wohl die Franzosen sagen, wenn die Bourbonen drohten, den Louvre auszuräumen?

SPIEGEL-Gespräch live: Der europäische Adel
Foto: Walter Stieren/ DPA

Politische Macht hat der Adel kaum mehr - aber viele Adelsfamilien blicken stolz auf jahrhundertelange Familientraditionen. Welche Rolle spielt der Adel heute im kollektiven Bewusstsein? Und wie einflussreich ist er noch? Darüber sprechen die SPIEGEL-Redakteurinnen Bettina Musall und Eva-Maria Schnurr mit der Historikerin und Schriftstellerin Karina Urbach - am 28. November 2019, 20 Uhr, im Bucerius Kunst Forum (Alter Wall 12, 20457 Hamburg). Mehr Infos gibt es hier. 

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Eva-Maria Schnurr per E-Mail. Am Dienstag erscheint die neue Ausgabe des Magazins SPIEGEL GESCHICHTE zum Thema "Der Adel - zum Herrschen geboren?"