Star-Choreograf Berkeley Tanzt, Roboter-Ladys, tanzt

Zu Castings ließ Busby Berkeley Tausende Mädchen antanzen, auf der Suche nach dem schönsten Knie. Er rettete mit seinen Choreografien das Warner-Filmstudio in der Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre. Privat übertrieb er es mit der Feierei.

imago

Verlassen und einsam sitzt der achtjährige Busby in der Garderobe eines Theaters. Seine Mutter, die Schauspielerin Gertrude Berkeley, steht gerade wieder einmal auf der Bühne. Buzz, wie seine Mutter ihn nennt, malt mit Wasserfarben Blumen auf Papier und zerbricht sich den Kopf über die Geldsorgen seiner Eltern.

Er steckt seine Zeichnungen in einen Umschlag mit einem Brief an seinen Vater, Frank Enos, ebenfalls Schauspieler, der von Morphium umnebelt in einem fernen Sanatorium an Rheuma leidet. In dem Brief aus dem Jahr 1903 heißt es: "Mein lieber Vater, Mama wartet auf ein Zeichen von dir."

Es hilft nichts. Einige Monate später liest die Mutter, noch kostümiert vom letzten Auftritt, ihrem Sohn ein Telegramm vor. Der Vater ist tot.

Wilde Kamerafahrten durch Frauenbeine

30 Jahre später schweben 57 Tänzerinnen in einer eigentümlichen Formation durch das Filmstudio der Warner Bros. in Burbank, Kalifornien. Sie tanzen halbnackt in einem wabernden Kreis, ein Bein von sich streckend und wieder anwinkelnd, getrieben von einem stampfenden Blasorchester, dann sich mit den Armen ineinander hakend, zur Mitte drehend, sodass der Kreis sich schließt, wie eine Blüte bei Sonnenuntergang.

Es sind die Dreharbeiten zu "42nd Street" mit einer Tanzeinlage von dem inzwischen gar nicht mehr naiv-kindlichen Busby "Buzz" Berkeley, der gerade dabei ist, sich als der gefragteste Musical-Choreograf Hollywoods zu behaupten.

Niemand vor ihm hat das Tanzen so auf die Leinwand gebracht. Berkely lässt die Kamera durch Tunnel aneinandergereihter Frauenbeine rasen und wählt Tänzerinnen anhand der Schönheit ihrer Knie aus. Für mehrere bühnentechnische Erfindungen werden ihm Patente zugesprochen. Die Kamera lässt er unter die Studiodecke montieren, sodass seine von oben gefilmten Formationen wirken wie das Muster eines schnell drehenden Kaleidoskops, dessen einzelne Elemente sich zu immer neuen geometrischen Sternen versprengen. Mit "42nd Street" rettet Berkeley Warner Bros. vor dem Bankrott.

Seine frühen Filmengagements fallen in eine Zeit, in der die Amerikaner mit der Großen Depression das Ende der Prosperität erleben. Eine schwere Zeit, der Buzz gigantische Shows entgegensetzt. Als "42nd Street" 1933 in die Kinos kommt, ist jeder vierte Amerikaner arbeitslos. Den Kinos bleiben die Besucher aus. Die Studios reißen sich um Berkeley, kein anderer liefert einen so soghaften Eskapismus. Wenn Hollywood eine Traumfabrik ist, dann auch, weil Busby Berkeley dem Träumen zu Zeiten großer Not neue Bilder gab.

Sein Gespür für opulente, surreale Choreografien hat Berkeley jedoch schon lange vor seiner Zeit in Hollywood bewiesen. Während des Ersten Weltkriegs ist er in Frankreich stationiert, wo ihn die eintönigen Märsche der US-Soldaten langweilen. Jedoch besitzt er als Zweiter Lieutenant der Feldartillerie genug Durchsetzungsvermögen, um dem Exerzieren die eine oder andere Stilblüte zu verpassen. Unter seinem Drill marschieren 1200 Mann in irrwitzigen Formationen: dass die Show auch zu den schlimmsten Zeiten weitergehen muss, hatte ihm schließlich seine Mutter vorgelebt.

Zurück in der Heimat sucht Berkeley am Broadway nach Jobs und macht sich bald einen Namen als "Show Fixer". Er springt in laufenden Produktionen ein, die zu wenig Publikum angelockt hatten. Meist versucht er, die Choreografien zu verbessern, indem er sie radikal beschleunigt. Eine seiner Revuen bewirbt er daher auch als "die schnellste Tanztruppe, die Sie je gesehen haben".

Auftritte in Roboterkostümen

Mit "Earl Carroll's Vanities" feiert er 1928 einen so großen Erfolg, dass er mit Fritz Lang verglichen wird. Dessen Film "Metropolis" war ein Jahr zuvor angelaufen. Das expressionistische Kino der Weimarer Republik gilt in den USA als das Maß aller Dinge.

Gemeinsames Sujet mit "Metropolis" ist der anonyme Mensch im Takt des kapitalistischen Fortschritts. Tatsächlich hat Berkeley sich zu der Choreografie von einem Besuch der Ford-Werke inspirieren lassen. Die dortige Fließbandproduktion, die Anfang des Jahrhunderts Henry Ford perfektioniert hatte, findet nun auf die Bühnen des Broadways. Berkeley selbst bezeichnet den Stil der Tänzerinnen in Roboterkostümen als "Maschinen-Ballett".

Etwa zur selben Zeit versucht der erfolgreichste unabhängige Studioboss Hollywoods, Samuel Goldwyn, in das florierende Musical-Genre einzusteigen. Ein Agent erzählt ihm von Berkeley; einige Telegramme später sitzt der Choreograf in einem Zug von der Ost- an die Westküste, während er erste Entwürfe für eine Aufführung in eine Speisekarte kritzelt.

Aber auch Goldwyn ist auf das Treffen gut vorbereitet. Er hatte seinen Gesprächspartner zuvor sorgfältig beobachten lassen. So bietet er ihm für die Arbeit an dem ersten Film "Whoopee" exakt dasselbe Gehalt, das der Künstler zuvor am Broadway verdient hatte: 1000 Dollar die Woche. Mehr wäre auch unklug, denn Goldwyns Informanten warnen ihren Chef zudem, Berkeley habe nicht nur das Tanzen neu erfunden, sondern auch das Feiern: Es sei der Anblick der Tänzerinnen, der ihn zu seinen Höchstleistungen treibe - und der exzessive Alkoholkonsum, der ihn unberechenbar mache.

"Whoopee" wird ein großer Erfolg, und auch in den folgenden Jahren eilt Berkeley von Erfolg zu Erfolg: Er unterzeichnet Verträge mit Paramount, MGM, und der von Charlie Chaplin gegründeten Produktionsfirma United Artists, dann mit Warner Bros. Er dirigiert Schauspieler wie Judy Garland, Humphrey Bogart und James Cagney und wird in den Dreißigern in der Kategorie "beste Choreografie" dreimal für den Oscar nominiert.

Aber auch Goldwyns Mahner lagen nicht falsch: Berkeley, zu dessen Castings oft 5000 Frauen antanzen, lebt wie ein Getriebener, einerseits angezogen von den vielen Schönheiten seiner Shows, andererseits vereinnahmt von der klammernden Mutter. Seine erste Ehefrau lässt sich von ihm scheiden, nachdem er ihr während eines Balls im Streit das Kleid vom Leib gerissen hatte. Es folgen fünf weitere Ehen.

Vergessener Hilferuf

1935 liegt Buzz mit brennender Zigarette im Mundwinkel auf der Trage einer Notaufnahme. Betrunken hatte er einen Autounfall verursacht, bei dem zwei Menschen starben. Elf Jahre später liegt er wieder in der Notaufnahme, diesmal wegen seiner Mutter. Als er von ihrem Tod erfuhr, hatte er sich kurzerhand in seiner Villa die Pulsadern aufgeschnitten; ein Hausangestellter rettet ihm das Leben.

Ende der Vierzigerjahre zieht sich Berkeley aus dem Filmgeschäft zurück, erlebt aber in den Sechzigern ein Revival seiner Filme, die bis heute nachts im US-Fernsehen laufen. 1976 stirbt er schließlich im Alter von 80 Jahren.

23 Jahre später versteigert ein kleines Auktionshaus in Kalifornien Berkeleys Nachlass. Darunter befinden sich seine Memoiren mit dem Titel "Girls, Glamour, and Glory", für die er zu Lebzeiten keinen Verlag gefunden hatte. Offenbar wollte er seine Vergangenheit damals genauso strahlend inszenieren wie seine Shows. Doch während der Auktion bietet niemand auf die Erinnerungen des einstigen Weltstars.

Auch ein weiteres Stück aus seinem Nachlass findet an diesem Tag keinen Abnehmer. Es ist der berührende Brief mit den Blumenzeichnungen, den der achtjährige Berkeley seinem Vater einst aus Verzweiflung geschickt hatte.

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    Buzz

    The Life and Art of Busby Berkeley.

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