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12. Januar 2008, 11:59 Uhr

Holocaust

Warum die Alliierten Auschwitz nicht bombardierten

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US-Präsident Bush hat bei seinem Besuch in Israel eine Frage erneuert, die Historiker und Zeitgenossen bis heute beschäftigt: Warum haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg zwar deutsche Städte, nicht aber das KZ Auschwitz bombardiert? Die Gründe sind vielschichtig.

Ein trügerisches Dokument: die schwarzweiße, leicht unscharfe Luftaufnahme des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vom 13. September 1944. Links oben fallen 500-Pfund-Bomben der Erde entgegen; unten am Boden, im Winkel eines Barackenareals am Ende von Bahngleisen, weisen Pfeile auf zwei kleine Punkte. Ihre Beschriftung lautet: "Gas Chambers II & III". Der Angriff der Alliierten auf Auschwitz - fotografisch festgehalten, und doch eine Täuschung: Die Bomben auf dem Bild zielen nicht auf die Todesfabrik der Nazis, sie gelten Industrieanlagen wenige Kilometer weiter. Nur aus Zufall wurden auch SS-Baracken getroffen.

Warum Churchill und Roosevelt umliegende Fabriken attackieren ließen, nicht aber die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz, bewegt nicht nur Historiker bis heute. "Alles, was getan werden musste, war, die Bahnlinien zu bombardieren", meinte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu im April 1998 bei einem Besuch in Auschwitz. Doch bis Kriegsende griffen die Alliierten nicht ein einziges KZ absichtlich aus der Luft an.

"Ich kann es nicht glauben"

Dabei wussten sie seit 1942 vom systematischen Mord an den Juden. Gerhart Riegner, Funktionär des Jüdischen Weltkongresses in Genf, hatte im August Informationen nach Amerika weitergeleitet, wonach die Juden "auf einen Schlag vernichtet" werden sollten. Im November war der polnische Offizier Jan Karski, der zuvor von der Untergrundbewegung in das Warschauer Ghetto und in die Nähe des Vernichtungslagers Belzec geschmuggelt worden war, nach England gelangt.

Doch die Schreckensnachrichten, die er überbrachte, überstiegen das Vorstellungsvermögen der Empfänger. "Denken Sie, ich lüge?", soll Karski den ungläubigen US-Verfassungsrichter Felix Frankfurter gefragt haben. "Ich habe nicht gesagt, dass Sie lügen", sei Frankfurters Antwort gewesen. "Ich habe gesagt, ich kann es nicht glauben."

Die Hitler-Gegner konnten allerdings damals nicht viel ausrichten. Himmlers Vollstrecker hatten ihre Vernichtungslager im Osten errichtet. Lediglich das Todeslager Chelmno lag für das britische Bomber Command oder die 8. U. S. Air Force von ihren Stützpunkten in England in Reichweite. Aber gegen so weit östlich liegende Ziele flogen die Briten im ganzen Krieg gerade mal drei Einsätze, die Amerikaner etwa ein halbes Dutzend.

Ziel: ein schneller Sieg über die Achsenmächte

Erst im Sommer 1944 hatte sich die Situation geändert. Immer neue Berichte über Nazi-Gräuel, etwa von den im April aus Auschwitz geflohenen slowakischen Juden Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, erreichten Washington und London. Angesichts der Massendeportation ungarischer Juden von Mai 1944 an forderten Vertreter jüdischer Organisationen die Zerstörung der Bahnlinien nach Osten. Vor allem brachten neue Stützpunkte im befreiten Süditalien auch Oberschlesien in die Reichweite von Bombern der Alliierten. Für deren Militärbürokraten aber war Auschwitz kein Ziel, denn seine Zerstörung hätte kaum den Krieg verkürzt. "Die effektivste Hilfe für die Opfer feindlicher Verfolgung", verordneten US-Kriegsminister Henry Stimson und sein Unterstaatssekretär John McCloy, sei "ein schneller Sieg über die Achse". Hartnäckig wehrte sich McCloy gegen jegliche Aufsplitterung der alliierten Kräfte.

Allerdings herrschte auch unter den Juden Uneinigkeit: "Es ist die Haltung des Vorstands der Jewish Agency", so ein Protokoll vom 11. Juni 1944, "den Alliierten nicht vorzuschlagen, Orte zu bombardieren, an denen sich Juden aufhalten."

Überdies gab es praktische Probleme. Die Briten beherrschten nur das nächtliche Flächenbombardement - keine gute Methode, um gezielt Gaskammern und Krematorien auszuschalten. Die Amerikaner praktizierten "precision bombing" - doch war das etwas anderes als im Laser- und Satellitenzeitalter: Die 15. U. S. Air Force, die den Angriff wohl geflogen hätte, traf im Sommer 1944 mit 21 von 100 Bomben einen 180-Meter-Radius um den Zielpunkt.

Dennoch: Die Bombardierung von Auschwitz wäre nicht schwieriger und weniger aussichtsreich gewesen als andere Angriffe im Zweiten Weltkrieg. Am 24. August 1944 zerstörten 129 amerikanische B-17-Bomber ein an den Lagerzaun des KZ Buchenwald grenzendes Rüstungswerk, dessen Lage vergleichbar mit den Krematorien in Birkenau war. 315 Häftlinge starben durch fehlgeleitete Bomben.

Ein hoher Preis. Auch ein zu hoher?

"Was für eine Idee!"

Das Zeitfenster zum Zuschlagen war klein: zwischen Juli 1944 - als eine Vielzahl von Informationen vorhanden und die Sicht für einen Präzisionsangriff gut war - und November 1944, als Himmler die Demontage der Gaskammern befahl.

Was fehlte, war ein Machtwort der Politik. US-Präsident Franklin D. Roosevelt, so schien es lange Zeit, sei von McCloy nicht voll informiert worden. Noch 1983 versicherte dieser einem "Washington Post"-Reporter, mit Roosevelt über einen Angriff auf Auschwitz "nie gesprochen" zu haben.

Erst im vergangenen Jahr publizierte der US-Historiker Michael Beschloss eine Tonbandmitschrift, in der McCloy drei Jahre vor seinem Tod 1989 ganz anderes erzählt (SPIEGEL 42/2002): "Einmal sprach ich mit Mr. Roosevelt darüber, und er reagierte gereizt. Er sagte: 'Nun hören Sie mal, was für eine Idee! ... Alles, was die Nazis tun werden, ist, das KZ nur ein kleines Stück die Straße hinunter zu verlegen.'"

Stimmt das, dann stoppten nicht Subalterne das Projekt - sondern der Präsident selbst. Roosevelt stand im November 1944 eine Präsidentschaftswahl ins Haus, und er fürchtete womöglich, die NS-Propaganda könne den Bombentod von KZ-Häftlingen ausschlachten und er von den Wählern für den Judenmord mitverantwortlich gemacht werden. Man werde die Amerikaner nur bezichtigen, "sich an diesem schrecklichen Geschäft beteiligt" zu haben, soll er jeden Gedanken an einen Angriff abgelehnt haben.

"Es hätte für alle Zeit ein moralisches Zeichen gesetzt"

Anders verhielt sich Churchill: "Hol alles aus der Air Force raus und berufe dich auf mich, wenn nötig", hatte der seinen Außenminister Anthony Eden angewiesen, nachdem Chaim Weizmann, Präsident der Jewish Agency, bei Eden vorstellig geworden war. Doch Luftfahrt-Staatssekretär Sir Archibald Sinclair mauerte, und die Order versandete zwischen Foreign Office und Luftfahrtministerium.

Dabei konnte die Politik den Militärs durchaus ihren Willen aufzwingen. Als im August 1944 der Warschauer Aufstand losbrach, befahlen Churchill und Roosevelt die Versorgung der polnischen Patrioten aus der Luft. Die Generäle widersetzten sich, doch am 11. September stiegen schließlich die ersten Flieger auf. "Gemessen daran", urteilt Luftkriegs-Historiker Rondall Rice, "zeigen die Vorschläge für die Bombardierung von Auschwitz einen Mangel an Dringlichkeit und politischem Willen."

Doch was hätte ein Angriff auf Auschwitz gebracht? Anders als im französischen Amiens, wo die Briten im Februar 1944 mit Mosquito-Bombern ein Gefängnis knackten und 258 Insassen die Flucht ermöglichten, hätten die Überlebenden eines Angriffs auf Auschwitz, tief im Hinterland der Nazis, kaum fliehen können. Bahnlinien ließen sich reparieren, Züge umleiten. Dennoch hätte es getan werden müssen, als moralische Tat. "Es ist heute deutlicher als 1944", so Historiker Beschloss, "dass der Klang explodierender Bomben in Auschwitz ein moralisches Zeichen für alle Zeit" gesetzt hätte.

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