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Holocaust: Der vergessene Whistleblower der Nazis

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Holocaust Der Whistleblower gegen die Nazis

Bereits 1942 warnte der deutsche Industrielle Eduard Schulte als Erster vor den Vernichtungslagern der Nazis. Doch kaum jemand glaubte ihm: Die Nachricht über den Holocaust sollte zu den Akten gelegt werden.

"Ein wildes, von jüdischen Ängsten inspiriertes Gerücht" (US-Beamte 1942 über die ersten Berichte von NS-Vernichtungslagern).

Der Mann, der Millionen Menschen retten wollte, war breitschultrig, gut gekleidet, höflich und diskret. Der erfolgreiche Unternehmer hinkte, sonst war er unauffällig, sogar mit seinem Allerweltsnamen: Eduard Schulte.

Ein persönliches Tagebuch führte er nicht. Nur wenn er zur Jagd ging, hielt er unverfängliche Erlebnisse fest. So auch im Sommer 1942, als er vor Aufregung den kapitalsten Hirsch verfehlte, den er je gesichtet hatte. Ironisch notierte er: "Es lebe die Enthaltsamkeit…".

Vier Wochen später, am 29. Juli 1942, durfte Schulte keine Nerven zeigen, als er hastig nach Zürich aufbrach: Es war der Moment, in dem der reiche Industrielle, Sohn einer großbürgerlichen Familie aus Düsseldorf, sein sorgenfreies Leben riskierte - und den NS-Staat verriet.

Zwölf Tage zuvor war der erste Judentransport aus dem niederländischen Lager Westerbork in Auschwitz eingetroffen. Heinrich Himmler hatte persönlich die Vergasung von 449 Verschleppten beobachtet, bevor er zum Abendessen in die Residenz des Gau-Leiters von Oberschlesien kam. Die Villa mit Golfplatz und Swimmingpool gehörte zum Besitz jenes Bergbauimperiums, in dem Eduard Schulte als Generaldirektor seit 17 Jahren das Sagen hatte: den deutsch-polnischen Giesche Werken mit Sitz in Breslau.

Der Himmler-Besuch hatte Schulte erst beunruhigt. Wollte er die Werke, die kriegswichtiges Zink produzierten, verstaatlichen? Als Himmler aber den Werken fernblieb, wurde Schulte neugierig: Was wollte er in Auschwitz?

Warnung vor dem Massenmord

Schulte ließ seine Kontakte spielen - und war bestürzt. Wer ihm von den Vernichtungsplänen erzählte, ist nicht ganz klar. Eine Quelle war wohl sein Produktionsdirektor Otto Fitzner, ein SA-Mitglied. Fitzner ahnte nicht, dass sein Chef Schulte den Nationalsozialismus verabscheute; einer seiner engsten Freunde war sein Jagdgefährte Ewald von Kleist-Schmenzin, ein unerbittlicher Nazi-Gegner, der vom Regime nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurde.

Dennoch hätte Schulte wegschauen können. Er hatte viel zu verlieren.

Trotz eines schlimmen Unfalls hatte er eine steile Karriere gemacht: 1909 war ein Bahnwaggon über seinen linken Fuß gerollt. Schulte war damals Azubi bei einer auf geologische Bohrungen spezialisierten Firma. Beim Versuch, einen Waggon auf ein Nebengleis zu schieben, stürzte er und geriet unter ein Rad. Tagelang kämpfte er um sein Leben, sein Bein wurde amputiert: Schulte war 18 - und Krüppel.

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Die Behinderung entfachte womöglich seinen Ehrgeiz: Mit Anfang 20 war Schulte Wirtschaftsjurist bei einer renommierten Bank, im Ersten Weltkrieg arbeitete er im Beschaffungsamt des Kriegsministeriums, zuständig für die kriegswichtige Erzeugung von Fetten. Mit erst 35 Jahren wurde er 1925 neuer Leiter der Giesche-Werke mit 30.000 Mitarbeitern - laut "New York Times" eines der "wertvollsten Unternehmen in Europa".

Das alles setzte er an diesem 29. Juli 1942 aufs Spiel, als er zu seiner vermeintlichen Dienstfahrt aufbrach: Doch der nette Herr Generaldirektor wurde problemlos an der Grenze durchgewinkt, oft hatte er in der Schweiz Geschäftspartner besucht.

Einer davon war der jüdische Anlageberater Isidor Koppelmann, dem Schulte nun alles verriet, was er gehört hatte: den Bau eines riesigen Krematoriums, die Pläne, Blausäure als Mordmittel einzusetzen, um vier Millionen Juden zu töten. Eindringlich riet Schulte, so berichtete Koppelmann, zu "folgenschweren Maßnahmen" - sonst würden sich die Nazis "durch nichts beeindrucken" lassen.

Jenseits der Vorstellungskraft

Das Gespräch löste eine Kettenreaktion aus: Koppelmann weihte den gut vernetzten Journalisten Benjamin Sagalowitz ein, der Gerhart Riegner kontaktierte, den Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Genf.

Bis dahin hatten selbst gut informierte Menschen wie Riegner das Ausmaß der geplanten Judenvernichtung nicht geahnt. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion hatten sich zwar Berichte von Massenerschießungen gehäuft; dass die Nazis bis Ende 1941 schon etwa 500.000 Juden im Osten erschossen hatten, war zunächst nicht bekannt, auch wenn in der britischen Presse im Frühjahr 1942 hohe Todeszahlen kursierten. Im Juni 1942 erfuhr die Welt von den Massendeportationen. Es gab auch erste Berichte von Vergasungen in Lastwagen.

Doch von einem riesigen Lager zur fabrikmäßigen Ermordung hatte Riegner nie gehört. Schultes Information passte zwar ins Bild. Und überstieg doch die Vorstellungskraft. "Sagalowitz und ich haben stundenlang darüber debattiert, ob Menschen beschließen können, Millionen Mitmenschen zu ermorden", erinnerte sich Riegner später.

Log der Deutsche? Ging es um Desinformation? Riegner wägte ab. Einem Vertrauten, den Rechtsberater des Jüdischen Weltkongresses, schrieb er: "Auf den ersten Blick klingt die Sache völlig fantastisch. Aber man darf die Möglichkeit nicht ausschließen, dass diese Maßnahmen in der inneren Logik des Regimes wurzeln und diese Leute überhaupt keine Skrupel haben."

Schließlich glaubte Riegner der Schreckensnachricht. Am 8. August 1942 verfasste er ein Telegramm, das über das US-Konsulat in Bern an die Zentrale des Jüdischen Weltkongresses in New York gesendet werden sollte:

Erhielt alarmierenden Bericht, im Führerhauptquartier sei Plan diskutiert und erwogen, dass in deutsch besetzten und kontrollierten Ländern alle Juden, Anzahl dreieinhalb bis vier Millionen, nach Deportation und Konzentration im Osten mit einem Schlag ausgerottet werden sollen, um ein für alle Mal die Judenfrage in Europa zu lösen Stop (...…) Blausäure in Diskussion Stop (...…)

Auf Rat seines Anwalts hatte Riegner das Telegramm nüchtern verfasst und auf den womöglich unrealistisch wirkenden Hinweis eines riesigen Krematoriums verzichtet. Zudem warnte er, der Informant habe zwar "Verbindungen zu höchsten deutschen Stellen". Die Nachricht sei aber mit "aller gebotenen Vorsicht" zu behandeln, da ihre "Richtigkeit" nicht zu überprüfen sei.

Zu den Akten gelegt

Das Riegner-Telegramm hätte ein politisches Erdbeben auslösen müssen: Erstmals hatten nicht Opfer, sondern ein Deutscher in hoher Position detailliert über die Judenvernichtung berichtet.

Doch lange tat sich: nichts.

"Das waren die schlimmsten Wochen meines Lebens", erinnerte sich Riegner nach dem Krieg im SPIEGEL. "Ich wohnte an der Grenze zum besetzten Frankreich. Die Hölle begann also vier Kilometer von meinem Haus entfernt. Ich wusste, was dort vor sich ging, und niemand glaubte mir."

Die Schreckensnachricht versickerte zunächst folgenlos bei Diplomaten in Washington, von denen einige laut Riegner selbst Antisemiten gewesen sein sollen. Das Ganze sei nur "ein wildes, von jüdischen Ängsten inspiriertes Gerücht", hieß es etwa in einer Einschätzung für das Office of Strategic Services (OSS), den Geheimdienst des US-Kriegsministeriums. Besonders der Hinweis auf Blausäure wurde als unglaubwürdig eingestuft - zu Unrecht, wie die Welt später lernte: Zyklon B, das Gas in den KZ, war eine kristalline Form von Blausäure.

Ursprünglich sollte Riegners Telegramm an Rabbi Stephen Wise, den Gründer des Jüdischen Weltkongresses, weitergeleitet werden. Doch Beamte im US-Außenministerium erachteten das angesichts "der fantastischen Natur der Behauptung" als "nicht ratsam", wie es in einer Aktennotiz hieß. Solange sie nicht selber die Information bestätigen könnten, wäre es "unfair gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit" wenn "Berichten dieser Art Publizität gegeben würde".

Schultes Warnung vor dem Holocaust - sie sollte zu den Akten gelegt werden.

Sie erreichte nur ihr Ziel, weil Riegner sein Telegramm auch an das britische Außenministerium geschickt hatte, das die Information nach kurzem Zögern an den Parlamentarier Sidney Silverman weitergab, den britischen Vertreter des Jüdischen Weltkongresses. Silverman informierte sofort Rabbi Stephen Wise in New York. Mit drei Wochen Verspätung erfuhr Wise, was Riegner ihm hatte mitteilen wollen.

Doch auch der Rabbi konnte wenig bewegen. Er kontaktierte Staatssekretär Sumner Welles, einen engen Vertrauten von US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Welles forderte die US-Diplomaten in Bern auf, Riegner erneut anzuhören. Ende Oktober 1942 legte der ihnen einen Bericht vor, in dem er alle ihm verfügbaren Informationen über den Holocaust zusammengefasst hatte. "Vier Millionen Juden stehen am Rande der Vernichtung", schrieb er und warnte vor der "totalen Vernichtung".

Und wieder passierte: nichts.

Späte Reaktion

Bis heute ist unklar, ob Roosevelt dem Telegramm und dem Bericht keinen Glauben schenkte oder beides aus politischem Kalkül ignorierte: Wahlen standen im Herbst 1942 bevor, sein Land litt unter einer Wirtschaftskrise, und gegen eine massenhafte jüdische Einwanderung gab es großen Widerstand. Roosevelt vorrangigstes Ziel war es daher, den Krieg schnell zu beenden - und damit alle Kriegsverbrechen. Die Frage, ob man Auschwitz hätte bombardieren können, ja müssen, stellte sich Roosevelt nicht. Darüber wurde erst nach dem Krieg gestritten.

Entnervt wandte sich Rabbi Wise im November 1942 an die Nachrichtenagentur AP. Jetzt war Schultes Nachricht in der Welt. Das Außenministerium beklagte die "Flut von Post", der Präsident konnte nicht mehr schweigen. Mitte Dezember verurteilten die USA mit elf anderen Staaten öffentlich "die bestialischen Vernichtungsmethoden aufs Schärfste" und prangerte die "kaltblütigen, massenweisen" Morde an. Fünf Monate waren verstrichen, seit Schulte davor gewarnt hatte.

Seinen Einsatz hätte der Deutsche fast mit dem Leben bezahlt: Ende 1943 wurde er verraten, konnte aber rechtzeitig in die Schweiz fliehen. Dort arbeitete er fortan für den US-Geheimdienst OSS und den späteren CIA-Chef Allen Dulles, der beeindruckt war von Schultes "Hass auf das Nazi-System".

Dulles schlug ihn daher nach dem Krieg für "Spitzenpositionen" in der US-Militärregierung vor: "Es sind wenig genug Deutsche übrig geblieben, die einen Kern bilden können, um in Deutschland etwas Besseres aufzubauen. Er war ein Anti-Nazi, als der Rest der Welt Hitler zu beschwichtigen suchte." Schulte aber war Wehrwirtschaftsführer gewesen. Seine Entnazifizierung verlief schleppend, nicht alle Stellen wussten von seiner Geheimdienstarbeit. Also ging er 1946 endgültig in die Schweiz - und wurde bald vergessen.

Erst 40 Jahre später gelang es den Historikern Walter Laqueur und Richard Breitmann in ihrem Buch "Breaking The Silence" ein detailliertes Porträt Schultes zu zeichnen.

Für eine Ehrung war es nun zu spät. Der Mann mit dem Allerweltsnamen war schon 1966 unbemerkt in Zürich gestorben.

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