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Forscher Raul Hilberg: Der Holocaust - Täter, Opfer, Zuschauer

Holocaust-Forscher Raul Hilberg Zurück im Feindesland

Keiner erklärte die Todesfabriken der Nazis präziser als Raul Hilberg. 1976 besuchte der US-Forscher erstmals seit Kriegsende Deutschland - und hatte verstörende Begegnungen. Jetzt liegt sein Bericht auf Deutsch vor.

Sein Leben lang hat Raul Hilberg geforscht, wie es zum Massenmord an den Juden kam und wie genau die NS-Bürokratie die Todesmaschinerie organisierte. 1961 veröffentlichte er die weltweit erste Gesamtdarstellung zum Holocaust: Hilbergs mehr als tausendseitiges Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden" gilt bis heute als Grundstein der Forschung.

"Er hat die Fahrpläne der Reichsbahn studiert, die die jüdischen Gefangenen in die Vernichtungslager transportierte, und die Baupläne für Gaskammern und Verbrennungsöfen", schrieb Alexander Osang im SPIEGEL , "er hat die Auftragsbücher der Gärtnereien gelesen, die Tarnbüsche um die Konzentrationslager pflanzten, und die Erschießungstabellen mit Spalten für russische Soldaten, Juden, Frauen sowie den jeweiligen Erschießungsgrund."

Wegen seiner jüdischen Herkunft hatte Hilberg, 1926 in Wien geboren, mit seiner Familie 1939 über Kuba in die USA flüchten müssen. Als US-Soldat kehrte er im Zweiten Weltkrieg nach Europa zurück, studierte danach Politikwissenschaften in New York und beschäftigte sich mit dem Holocaust, der damals noch nicht diesen Namen hatte. Es sollte sein Lebensthema werden.

Lange war er entschlossen, nicht nach Deutschland zu reisen - "40 Jahre lang. Bis zum 8. Mai 1985", wie er einer Journalistin 1961 sagte. Intensiv untersuchte Hilberg auch die Rolle der Deutschen Reichsbahn bei der Judenvernichtung. Da er in den USA nicht an Aktenmaterial kam, entschied er sich Mitte der Siebzigerjahre, doch für einige Wochen einschlägige deutsche Archive aufzusuchen.

In den Sechzigerjahren war Raul Hilberg einmal kurz in Deutschland, aber nur auf Durchreise. Sein erster echter Besuch seit Kriegsende verlief turbulent: In Ludwigsburg ging Raul Hilberg 1976 zur Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen - und sah den antisemitischen Propagandafilm "Jud Süß", der nur unter Auflagen und selten gezeigt wurde. In Frankfurt am Main traf er auf einen Täter, der Züge nach Auschwitz geleitet hatte. In Freiburg setzte ihn der Zoll fest. Wutentbrannt verließ er das Land.

Was der weltbekannte Holocaust-Forscher erlebte, hielt er kurz nach seiner Rückkehr schriftlich fest. Nun liegt Hilbergs detaillierter Bericht erstmals auf Deutsch vor. Lesen Sie hier Auszüge aus "Anatomie des Holocaust" :

"Jud Süß" in Ludwigsburg: "Ein seltenes Vergnügen"

"Am 9. März 1976 traf ich in Ludwigsburg ein. Die Zentrale Stelle befand sich in einem früheren Gefängnis. Die Örtlichkeit sei aus Sicherheitsgründen ideal, erklärte mir ihr Leiter Dr. Adalbert Rückerl. [...…]. Dr. Rückerl war zwar mein offizieller Gastgeber, aber der Archivar hielt mich auf dem Laufenden. Meinem archivarischen Experten zufolge war Polen immer noch darauf aus, potenzielle Täter ausfindig zu machen, einzig und allein, um die Regierung der Bundesrepublik in Verlegenheit zu bringen. Die Zeugen lebten weitverstreut und hätten überhaupt keine Lust auszusagen.

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Er fügte nicht hinzu, dass sich einige der Täter bereits einer biologischen Amnestie erfreuten. Seine Tätigkeit bestand darin, Dokumente abzulegen und Karteikarten für ein umfangreiches Personenregister anzulegen, das ich leider nicht einsehen durfte. [...…]

Eines Nachmittags lud mich Dr. Rückerl zu einem seltenen Vergnügen ein. Die Zentrale Stelle war im Besitz einer Kopie des nationalsozialistischen Spielfilms 'Jud Süß'. Hatte ich den Film schon mal gesehen? Nein, natürlich nicht. Entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen wurde der Film, der nicht mehr öffentlich gezeigt werden durfte, nun einem Fachpublikum aus Staatsanwälten vorgestellt.

Zuvor hatte einer von ihnen, ein Doktorand der Geschichte, eine ausführliche Einführung gegeben. Es ging darin um einen reichen Juden, der zu einer Zeit, als Württemberg von einem Herzog regiert wurde, Stuttgart unter seine Kontrolle brachte. Der Jude erhob von seinen deutschen Landsleuten Straßenzoll und trieb ein unschuldiges deutsches Mädchen in den Selbstmord. Der Streifen hatte eine besondere Bedeutung für Ludwigsburg, weil ein Teil der Handlung in einem Barockschloss spielte, das nur einen Kilometer von der Zentralen Stelle entfernt lag."

Täter in Frankfurt: "Vor mir stand der Feind"

"Diesmal suchte ich die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn in Frankfurt auf. Anfangs fragte ich Dr. K. nur nach Belanglosigkeiten, wie etwa nach der Größe der Güterwagen. Aber da ich wusste, dass er seit 1938 bei der Eisenbahn beschäftigt war, erkundigte ich mich schließlich auch nach einem Mann namens Geitmann, der in den 1960-er Jahren dem vierköpfigen Vorstand der Deutschen Bundesbahn angehört hatte. Während des Krieges war er Präsident der Reichsbahndirektion Oppeln gewesen, in deren Zuständigkeitsbereich auch die Transporte in das riesige Vernichtungslager Auschwitz fielen. Dr. K. ließ sich durch meine Frage nicht aus der Ruhe bringen. Ja, er kenne Geitmann, antwortete er. 'Persönlich?' 'O ja.'

Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, sagte Dr. K., dass er auch Auschwitz kenne. 'Sind Sie dort gewesen?', wollte ich wissen. 'Ja', lautete die Antwort. In diesem Moment, in der angenehmen Umgebung seines großzügigen Büros, fragte ich ihn, ob er nach dem Krieg die Gedenkstätte besucht habe. Nein, erklärte er, er sei während des Krieges dort gewesen. Er habe in Geitmanns Auftrag ganz in der Nähe von Auschwitz eine Signalanlage installiert.

Es war inzwischen später Nachmittag, und ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Vor mir stand der Feind: offen, feinfühlig, sogar liebenswürdig, hochintelligent und sehr tüchtig - ein Technokrat, der an einem Völkermord beteiligt gewesen war. Er musste jetzt um die sechzig sein, ich war rund zehn Jahre jünger. Obwohl er genau wusste, wer ich war, war es ihm wichtig, dass ich erfuhr, was er während des Krieges getan hatte. Er wirkte kraftvoll und vital, ein Mann in den besten Jahren. Als ich am späten Nachmittag das Gebäude verließ, waren die Flure menschenleer."

Festgesetzt in Freiburg: "Ich traue Ihren Gesetzen nicht"

"Und so kaufte ich in Italien an einem einzigen Tag ein brandneues expressionistisches Gemälde einer venezianischen Landschaft und ein ebenso neues, kleines Mosaik einer florentinischen Straßenszene, um damit die nackten Wände meines Wohnzimmers in den USA zu schmücken. Dann musste ich zurück nach Deutschland. […...]

(Auf dem Bahnhof Basel) Einer der Zöllner wollte mein Gepäck durchsuchen. Als er das Paket mit dem Mosaik und den Brief, der es als Kunstwerk auswies, sah, bestand er darauf, dass ich auch den anderen Koffer öffnete. Darin entdeckte er das Gemälde, das aufgerollt in einer Kartonrolle steckte. Nach weiteren Fragen meinte er, er dürfe keine Entscheidung bezüglich eines Gegenstands treffen, der teurer als 250 Mark sei. Wer würde dann entscheiden? Sein Vorgesetzter in Freiburg. Würde der Vorgesetzte dort in den Zug einsteigen?

Nein, ich würde aussteigen müssen. Natürlich war ich verärgert darüber, meine Reise unterbrechen zu müssen, aber die Höflichkeit der Zöllner, die sogar darauf bestanden, mein Gepäck zu tragen, stimmte mich versöhnlich. Man bat mich, im Büro der Bahnhofspolizei zu warten. Eine halbe Stunde verging, und ich wurde langsam ungeduldig. Schließlich tauchte ein Mann in Zivil auf und sprach mich mit den Worten an: 'Sie stehen im Verdacht...…' Ich unterbrach ihn sofort und erklärte ihm mit einer gewissen Schärfe, dass ich jedes seiner Worte gegen ihn verwenden würde. Er antwortete, dass er nicht weiter mit mir darüber diskutieren würde, da seine Kollegen in der Stadt für meinen Fall zuständig seien. [...…]

(Im Zollamt) Der zuständige Beamte, ein jüngerer Mann, bat mich, ihm meine Kunstwerke zu zeigen. Die Herren Zollbeamten im Zug, erklärte er, hätten ihm gemeldet, dass ich mich trotz Aufforderung geweigert habe, Auskunft über meine Einkäufe in Italien zu geben. Ausgehend vom Wert der beiden Gegenstände, bitte er mich um eine Anzahlung von umgerechnet sechzig Dollar, die später mit dem Bußgeld verrechnet würde. Wenn ich es wünsche, könne ich gern die Dienste eines deutschen Anwalts in Anspruch nehmen. Ich erwiderte bereits innerlich kochend, dass ich keinen einzigen Pfennig für einen deutschen Anwalt ausgeben und dem deutschen Zoll nicht trauen würde. [...…]

Ich rief beim amerikanischen Konsulat an, wo man mir riet, die sechzig Dollar zu bezahlen […...]. Als ich dem Zollbeamten die sechzig Dollar gab, bot er an, mich wieder zum Bahnhof zu bringen, erklärte, dass er keine andere Wahl gehabt hätte, denn ansonsten würde man die Zollbehörde für korrupt halten. Jede Begünstigung oder Benachteiligung aufgrund der mutmaßlichen Herkunft eines Menschen sei unzulässig. Deutschland sei schließlich ein Rechtsstaat. 'Ich traue Ihren Gesetzen nicht, und schon gar nicht, wenn sie mich betreffen', erwiderte ich. 'Jetzt fangen Sie ja schon wieder damit an. Wenn Sie nicht endlich Ruhe geben, wird das Konsequenzen haben.' 'Ich habe mit euch meine Erfahrungen gemacht.' 'Das war eine andere Generation.'

Als ich spätabends in Düsseldorf eintraf, nahm ich mir ein billiges Hotel am Bahnhof, denn ich war fest entschlossen, von jetzt an auf deutschem Boden nicht mehr Geld auszugeben als unbedingt notwendig war. Mein unerfreuliches Erlebnis in Freiburg hatte mich so aufgewühlt, dass ich bis zum frühen Morgen kein Auge zutat. [...…] Aber ich wusste, dass dies mein letzter Besuch in Deutschland sein würde. Ich konnte mir keinen Grund vorstellen, weshalb ich je wieder deutschen Boden betreten sollte. Und meine nichtarischen Kinder ebenso wenig."

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Raul Hilberg:
Anatomie des Holocaust

Essays und Erinnerungen. Herausgegeben von Walter H. Pehle und René Schlott; aus dem Englischen von Petra Post und Andrea von Struve

S. Fischer Verlag GmbH; 336 Seiten; 24,99 Euro.

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Später entschied Raul Hilberg sich anders und nahm 1984 in Stuttgart an der ersten Holocaust-Konferenz in Deutschland teil. Nachdem in den Neunzigerjahren alle seine Bücher auf persönliche Initiative des Lektors Walter H. Pehle im Fischer-Verlag erschienen, gelangte Hilberg auch hierzulande zu großer Bekanntheit und unternahm mehrfach Lesereisen, zuletzt 2006.

Hilberg starb im August 2007 als weltweit geachteter Pionier der Holocaustforschung. Seine beiden Kinder sind tatsächlich bis heute noch nie in Deutschland gewesen.