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19. Mai 2009, 13:30 Uhr

Holocaust-Überlebende

Rettung im letzten Moment

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Der entscheidende Tipp kam von einem Deutschen: Kurz vor der großangelegten Hetzjagd der nationalsozialistischen Besatzer gelang Tausenden dänischen Juden im Herbst 1943 die Flucht übers Meer nach Schweden. Die Bevölkerung half den Verfolgten - obwohl viele Dänen überzeugte Nazis waren.

Um 21.45 Uhr wird Kopenhagen von der Außenwelt abgekoppelt. Die Telefone sind stumm, das Netz ist unterbrochen. Selbst der Luftmeldedienst und der Notruf sind abgeschaltet. Die dänische Nachrichtenagentur Ritzau wird von Uniformierten besetzt, der Fernschreiber stillgelegt. Durch die Straßen der Innenstadt dröhnt Motorenlärm von Lastwagenkolonnen, die vom Hafen herüberkommen. In der Købmagergade, mitten im Geschäftsviertel der Altstadt, bilden Polizisten eine Kette quer über die Straße, einzelne Trupps schwärmen aus in die umliegenden Häuser.

Es ist Freitag, der 1. Oktober 1943. Es ist der zweite Tag des jüdischen Neujahrsfestes. Und es ist der Tag, an dem die deutsche Besatzungsmacht ihre Politik im "Musterprotektorat" Dänemark radikal ändert. Die dänischen Juden sollten nun "ausgeschaltet" und daran gehindert werden, "fortgesetzt die Atmosphäre zu vergiften", steht danach in den zensierten Zeitungen. Eine zynische Umschreibung für die Tatsache, dass Hitlers "Endlösung" mit Verspätung auch den Norden erreicht hat.

Sogenannte Polizeisoldaten der Besatzer in ihren grünen Uniformen, teilweise begleitet von in Schwarz gekleideter Gestapo, klingeln und klopfen an Haustüren mit jüdisch klingenden Namensschildern, den Weg weisen ihnen dänische Nationalsozialisten und Handlanger. Doch die groß angelegte Razzia ist weitgehend erfolglos: Die meisten Wohnungen sind leer und verlassen.

7000 Menschen können gerade noch entkommen

Nur 202 Juden fallen den Häschern in dieser Nacht in die Hände, überwiegend Alte und Gebrechliche. Dazu 82 in Jütland und auf Fünen. Über 7000 Menschen aber können rechtzeitig entkommen. Sie werden von Nachbarn, Freunden oder Wildfremden versteckt. In den nächsten Tagen bringen Fischer und Freiwillige sie in Ruderbooten, Jollen und Fischkuttern über die Ostsee nach Schweden - eine Brücke über den Øresund, die zur Brücke in die Freiheit wird.

Die Rettung der dänischen Juden ist "ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der ,Endlösung'", schreibt der Historiker und NS-Forscher Hermann Weiß. Von rund 6000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und rund 1500 nach Dänemark geflüchteten Juden wurden nur knapp 480 in KZs verschleppt, die meisten nach Theresienstadt. Wohl 423 von ihnen überlebten.

Ein "Zeichen von Größe" eines ganzen Volkes nennt der Holocaust-Überlebende und spätere Richter am israelischen Obersten Gericht, Moshe Bejski die Leistung. Historiker wie Weiß sprechen von einem "Wunder" und fragen sich, warum die Nachbarn im Norden - anders als in allen anderen europäischen Ländern - so entschlossen über 90 Prozent ihrer jüdischen Mitbürger vor dem KZ retten konnten und damit ein einzigartiges Beispiel setzten.

Der rettende Hinweis kam von Deutscher Seite

Immerhin gab es in Dänemark eine starke nationalsozialistische Partei und noch mehr Mitläufer. Tausende große, blonde junge Männer meldeten sich als eine Art "arischer" Prototyp freiwillig in die SS. Auch die Dänen haben deshalb "ihren" Demjanjuk. Sören Kam, heute 87, war SS-Obersturmbannführer und leitete 1943 in Kopenhagen die SS-Schule Schalburg für dänische SS-Freiwillige. An der war die wohl berüchtigtste Todesschwadron gegen Oppositionelle, die Peter-Gruppe, stationiert. Kam selbst war an Liquidierungen beteiligt. Bis heute lebt er, mit deutscher Staatsangehörigkeit, unbehelligt im Allgäu, alle Anträge auf Auslieferung scheiterten. Das bislang letzte dänische Auslieferungsgesuch bezog sich auf die Tötung eines dänischen Journalisten im Jahr 1943 - und wurde von der bayerischen Justiz 2007 abgelehnt. Begründung: Die Tat sei als Totschlag einzustufen und damit bereits verjährt. Vetos der deutschen Justiz wie dieses stießen in Dänemark immer wieder auf heftige Kritik.

Das Signal für die größte Hilfsaktion während des Holocaust kam ausgerechnet von deutscher Seite. Ende September 1943, im vierten Jahr der Besetzung, erfuhr Georg Ferdinand Duckwitz vom endgültigen Termin der geplanten Juden-Deportation. Duckwitz war Schifffahrtssachverständiger an der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen und eng befreundet mit führenden dänischen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Umgehend informierte er diese vom unmittelbar bevorstehenden Start der Aktion, der für die Nacht zum 2. Oktober geplant war.

Über Partei und Gewerkschaften, Widerstandskämpfer, Kirchen und die jüdische Gemeinde machte die schlechte Nachricht schnell die Runde. Herbert Pundik erreichte sie während der Französischstunde. Pundik war 16, als sein Direktor am 29. September in den Unterricht der Metropolitanschule im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro platzte: "Die Deutschen können jederzeit hier sein." Pundik schnappte seine Schultasche und einen Pfadfinderkompass, den ihm sein Tischnachbar zum Abschied schenkte und rannte nach Hause. Dort warteten bereits die Eltern, "für die Flucht voll angezogen. Warme Winterkleidung, einige Handtaschen mit dem Nötigsten", schreibt Pundik, der heute in Tel Aviv lebt, in seinen Erinnerungen (Herbert Pundik: "Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden". Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 1995, 140 Seiten, 12,95 Euro).

Die Juden mussten gerettet werden, und es musste schnell gehen

Die Familie versteckte sich erst bei Freunden in Lyngbby, dann bei einem Fischer in Sletten. Nach vier Tagen fanden sie einen Kapitän, der sie nördlich von Helsingør, dort wo der Sund mit etwa fünf Kilometern am schmalsten ist, nach Schweden übersetzte.

Die Juden mussten gerettet werden, und es musste schnell gehen. Diese Gewissheit verbreitete sich unter großen Teilen der Bevölkerung unorganisiert aber in großer Übereinstimmung. Sie war "nach dem Demokratieverständnis der Dänen die selbstverständliche Folge", sagt Historiker Weiß. "Für die Bevölkerung waren wir zuerst Dänen und dann erst Juden", sagt der Überlebende Salle Fischermann. Innerhalb kürzester Zeit wurden 600 bis 700 solcher Flucht-Shuttle wie für die Pundiks an die schwedische Küste organisiert. Bis zum 16. Oktober waren bereits knapp 6600 Juden in Sicherheit.

Die Verfolgten bekamen Unterstützung von ganz unterschiedlichen Gruppen. In Kopenhagen setzten die Studenten der Universität am 2. Oktober die Einstellung des Vorlesungsbetriebs durch, um helfen zu können. Die Hochschule in Århus und andere Lehranstalten folgten. Rote Krankenkenwagen des Falck-Rettungsdienstes transportierten Hunderte zwischen den Verstecken und den Landungsstegen der Rettungsboote hin und her. In Krankenhäusern wie dem Bispebjerg-Hospital in der Hauptstadt fanden Flüchtlinge Unterschlupf in Heizungskellern und Leichenkapellen.

Flucht unter den Augen der Nazis

Christliche Pfarrer versteckten jüdische Familien, aber auch Privatleute, einfache Bauern, Fischer und Taxifahrer zögerten nicht, ihre eigene Sicherheit für das Wohl anderer aufs Spiel zu setzen. Was als spontane Einzelinitiative begann, wurde zu einer Massenaktion. Dabei kam den Rettern bisweilen eine gewisse Nachsichtigkeit der deutschen Besatzer zugute.

Miriam Yaari hatte 1939 als 17-jährige "im letzten Moment" Berlin verlassen können und war als "unbezahlte landwirtschaftliche Eleve" in Nyborg auf Fünen untergekommen. Über Seeland flüchtete sie vor ihren Häschern nach Kopenhagen und versteckte sich mit ihrem Mann und der zweijährigen Tochter in der Wohnung fremder Helfer, bis sie in einer Blechhütte am Hafen auf ihre Überfahrt wartete. Ein kleiner Motorkahn, der kaum Platz für sie und eine andere Familie bot und nicht einmal eine Kajüte zum Verstecken hatte, schipperte sie in die Freiheit.

Es war mittags, strahlender Sonnenschein und "keine Wolke am Himmel", als die Nussschale im Kopenhagener Hafen quasi unter den Augen der deutschen Wachsoldaten ablegte. "Es war kein Problem uns alle zu fassen, sie haben wahrscheinlich mit Absicht zur Seite geguckt", sagt Miriam Yaari, die heute, 88, im Kibbuz Neot Mordechai im Norden Israels lebt.

Auf soviel Glück konnte sich allerdings keiner verlassen. Etwas nördlich von Sletten beispielsweise wurden in der Nacht zum 4. Oktober acht Fischkutter voll mit Flüchtlingen von den Deutschen aufgebracht. In Gilleleje entdeckte eine Patrouille auf dem Dachboden der Kirche 80 Juden, sie waren von einer Dänin verraten worden.

Doch das waren tragische Ausnahmen. Die Regel war die geglückte Massenflucht, über die sich Adolf Eichmann noch 1961 im Prozess gegen ihn in Jerusalem ärgerte: "Dänemark hat uns mehr Schwierigkeiten bereitet, als jedes andere Land."

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