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Margot Friedländer: »Nun bin ich in Deutschland, um meine Geschichte zu erzählen«

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Holocaustüberlebende Margot Friedländer Ein Jahrhundert Leben

Als Jüdin musste Margot Friedländer einst untertauchen, wurde verschleppt, überstand das Getto Theresienstadt. Nach einem späten Neustart lebt sie heute wieder in Berlin – eine der letzten Zeuginnen der Schoa wird 100.

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Wer Margot Friedländer einmal begegnet ist, wird sich an ihre warme, klare Stimme erinnern. Ohne Zorn, Vorwurf oder Bitterkeit erzählt sie von den dunkelsten Stunden ihres Lebens. Spricht sie auf Deutsch, so hört man ein wenig die konservierte Sprache der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Auf Englisch ist ihr deutscher Akzent auch nach mehr als 60 Jahren im New Yorker »Exil«, wie sie es nennt, unverkennbar.

Dieser Tage ist sie wie immer guter Dinge. Am Telefon erzählt Margot Friedländer, die am Freitag 100 wird, von den vielen Terminen derzeit, beklagt sich aber nicht. Bewegt berichtet sie von der feierlichen Eröffnung einer Ausstellung: Seit einigen Tagen sind Porträts von ihr im Berliner Literaturhaus zu sehen , gemalt von der Künstlerin Stephanie von Dallwitz.

Ihre herzliche, warme Art ist auch auf den Bildern spürbar, die ein aufwendig gestalteter Band zum 100. Geburtstag versammelt: Der Fotograf Matthias Ziegler hat Margot Friedländer an die Orte ihrer Kindheit und Jugend in Berlin begleitet und sie etwa in der menschenleeren Aula der jüdischen Mädchen-Mittel-Schule in der Großen Hamburger Straße fotografiert, die sie von 1931 bis 1936 noch als Margot Bendheim besuchte.

Über die Vergangenheit sprach das Ehepaar nicht

Einige Fotos zeigen sie auch am Hausvogteiplatz, einst das Zentrum der Textilgeschäfte in Berlin. Heute erinnern dort drei Spiegel an die früheren jüdischen Besitzer. Auf den Treppenstufen des U-Bahnhofs sind die Namen ihrer Geschäfte festgehalten, die es bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten gab. Beide Denkmale bedeuten Margot Friedländer viel. Ihre Eltern hatten hier einen Knopfladen.

Auf anderen Fotos ist sie am Ludwigkirchplatz zu sehen, wo sie von 1937 bis 1939 mit ihrer Familie in einer Pension wohnte. Nicht weit davon in der Fasanenstraße lebte Margot Friedländer Anfang 1944 drei Monate lang versteckt bei einer spontan helfenden christlichen Familie, nachdem ihre Mutter und der vier Jahre jüngere Bruder nach Auschwitz deportiert worden waren und sie auf sich allein gestellt war.

»Noch am Tag des Untertauchens riss ich den Judenstern von meiner Kleidung«, berichtete sie 2014 auf SPIEGEL.de. »Der Verhaftung entkam ich oft nur knapp.« Auch zum Anhalter Bahnhof hat der Fotograf sie begleitet. Von hier aus wurde sie selbst im Juni 1944 nach Theresienstadt deportiert, nachdem sie bei einer Ausweiskontrolle auf dem Kurfürstendamm entdeckt worden war.

Margot Friedländer überlebte das völlig überfüllte Getto, wurde befreit und heiratete noch in Theresienstadt Adolf Friedländer, den sie aus Berlin kannte. Mit ihm ging sie 1946 nach New York – auch um die Vergangenheit, über die beide nicht sprachen, hinter sich zu lassen. Die Eheleute führten dort über Jahrzehnte ein zurückgezogenes, ruhiges Leben.

»Don't call it Heimweh«

An Weihnachten 1997 starb ihr Mann. Nach mehr als 50 Jahren Ehe verlor sie den Partner und stürzte in eine tiefe Krise. Das jüdische Kulturzentrum, für das ihr Ehemann zuletzt gearbeitet hatte, lud die Witwe zu einem Kursprogramm ein. Es sollte ihrem Leben eine unerwartete, späte Wendung geben.

Im Workshop »Write your memories« begann sie 2001, über ihre Kindheit zu schreiben. Nun brachen sich die jahrelang beschwiegenen Erinnerungen Bahn, Margot Friedländer hielt sie zum ersten Mal auf Papier fest – vor allem nachts in ihren einsamsten Stunden. Als sie ihre ersten Aufzeichnungen im Schreibkurs vorlas, wurde es sehr still im Raum, erinnerte sie sich später.

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Margot Friedlander: Abgetaucht in Berlin

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Privat Margot Friedlander

Bald darauf wurde der deutsche Filmemacher Thomas Halaczinsky auf Margot Friedländer aufmerksam. Für den Dokumentarfilm »Don't call it Heimweh« und auf Einladung des Berliner Senats kehrte sie 2003 in ihre Geburtsstadt zurück, zum ersten Mal nach fast 60 Jahren. Ihr Mann hatte es immer abgelehnt, nach Deutschland zu reisen: Es sei zwar ein schönes Land, aber nur ohne die Deutschen!

Vom ersten Wiedersehen mit Berlin war Margot Friedländer hin- und hergerissen: einerseits die schönen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Andererseits kamen die Schreckensbilder zurück, die sie mit den Straßen und Häusern dieser Stadt verbindet, in der sie einst in den Untergrund gehen musste und wie eine Gejagte ständig auf der Suche nach neuen Verstecken war.

Neuanfang mit 88 Jahren

Der Erfolg des Films ermutigte Margot Friedländer, ihre Geschichte auch auf Deutsch aufzuschreiben. Der renommierte Rowohlt-Verlag veröffentlichte das Buch 2008 zur Leipziger Buchmesse; die Autorin erhielt zahlreiche Einladungen für Lesungen in Schulen, Buchhandlungen und Institutionen in Deutschland. Die Frau, die jahrzehntelang kaum über ihr Leben sprach, wurde zur gefragten Zeitzeugin und reiste immer öfter über den Atlantik ins einstige »Land der Täter«, das ihr sympathisch geworden ist und in dem sie neue Freunde gefunden hat.

In ihrer einsamen New Yorker Wohnung kam ihr irgendwann der Gedanke, nach Berlin zurückzukehren. Zunächst war es im Sommer 2009 eine sechsmonatige »Probezeit«. Ein Jahr später – mit 88 Jahren! – beschloss sie, ihre Wohnung in New York aufzulösen und in Berlin nochmals einen Neuanfang zu wagen.

Und was für einen. Es begann ein Leben mit zahlreichen Terminen: Lesungen in Schulen und Universitäten, Reden, Ehrungen, Gedenkveranstaltungen. Margot Friedländer vergisst bei ihren öffentlichen Auftritten nie, ihr Publikum daran zu erinnern, dass die meisten Deutschen mitgemacht hätten, es aber während ihrer 15-monatigen Odyssee im Untergrund immer wieder einzelne Menschen gegeben habe, die ihr halfen, auch wenn sie sich selbst damit in Gefahr brachten.

Ihre Energie versiegt nicht

Ihre Begegnungen mit Jugendlichen absolviert sie derzeit pandemiebedingt vor allem am Bildschirm. Margot Friedländer hat keinerlei Berührungsängste mit moderner Kommunikation, schreibt Mails und nutzt Skype für den Kontakt mit Bekannten in New York. Kürzlich wurde sie an der Filmuniversität Babelsberg für ein digitales Archivprojekt mit gut 30 Kameras gleichzeitig aufgenommen, sodass ihr Zeugnis für künftige Generationen bewahrt bleibt, die ihr dann »dreidimensional« begegnen können.

Ihre Energie scheint nicht nachzulassen. Im Juni 2021 begleitete sie Außenminister Maas und seinen neuen US-Amtskollegen Blinken zum Berliner Holocaust-Mahnmal. Mit Angela Merkel, die sie auch schon im Kanzleramt besuchte, verlieh sie im September den Margot-Friedländer-Preis. Und mit dem Bundespräsidenten nahm sie Mitte Oktober an einer Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den 80. Jahrestag des Beginns der Deportation der Berliner Juden teil.

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Margot Friedländer: »Nun bin ich in Deutschland, um meine Geschichte zu erzählen«

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Frank-Walter Steinmeier hat sich auch als Gast zu ihrer Geburtstagsfeier angekündigt und das Geleitwort für ihren Geburtstagsfotoband verfasst. Aus den Händen seiner Vorgänger Köhler und Wulff erhielt sie bereits ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurück, ebenso das Bundesverdienstkreuz. Dass sie einmal mit den höchsten Repräsentanten des deutschen Staates verkehren würde, hätte sich Margot Friedländer, die in den USA als Änderungsschneiderin und als Reisebüroagentin arbeitete, sicher nie träumen lassen.

»Versuche, dein Leben zu machen.«

Die letzte Botschaft ihrer Mutter

Seit ihrer Rückkehr nach Berlin ist jeder Tag im Leben von Margot Friedländer ein kleiner Triumph: ein Sieg über die Ideologie und über jene, die sie einst von hier vertrieben haben und ermorden wollten, weil sie ihr als Mensch das Lebensrecht absprachen. Bis heute wird die alte Dame von Schuldgefühlen geplagt. An der Frage »Warum ich, warum habe ich überlebt und so viele andere nicht?« sind viele Überlebende zerbrochen. Margot Friedländer hat ihre gesamte Familie verloren. Ihre Mutter Auguste, ihr Vater Arthur und ihr 17-jähriger Bruder Ralph wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.

In ihren 2008 veröffentlichten Lebenserinnerungen hält Margot Friedländer die Gedanken fest, die sie seit dem Tag nicht mehr loslassen, als sie begriff, dass ihre Liebsten nie mehr zurückkehren werden:

»Wie unvorstellbar muss der Schmerz meiner Mutter und meines Bruders gewesen sein, als sie nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft in Auschwitz auseinandergerissen wurden. Gab es noch eine letzte Umarmung, einen letzten Blick von ferne? Wie viel Zeit blieb meiner Mutter für ihre letzten Gedanken? […] Mein innerer Kampf mit dem Schuldgefühl als Überlebende und der Schmerz über das Schicksal meiner Familie – beides begleitet mich mein Leben lang und kostet mich viel Kraft.«

Ihre Mutter hatte ihr als letzte Nachricht eine Aufforderung hinterlassen: »Versuche, dein Leben zu machen.« Margot Friedländer hat ihr Leben gemacht – mehr als das. Sie hat sich nach ihrem Kampf ums Überleben im Berliner Untergrund und in Theresienstadt, nach ihrem stillen Weiterleben im fernen Amerika, für ein Wiederleben in ihrer Geburtsstadt Berlin entschieden. In einem Alter, in dem sich viele aufs Altenteil zurückziehen, hatte sie den Mut und die Kraft, noch einmal neu zu beginnen und ihrem Leben mit der Mission des »Nie wieder!« einen neuen Sinn zu geben.

»Ich habe dem Tod so oft ins Auge geblickt, der macht mir keine Angst mehr.«

Margot Friedländer

Sie hat vor Tausenden Menschen gesprochen und ihre Geschichte erzählt. Gerade das Zusammentreffen mit Schülerinnen und Schülern gibt ihr Kraft und Zuversicht, wie sie selbst sagt. Doch kürzlich bekannte sie in einem Interview: »Mir fehlt diese tiefe Glücklichkeit. Ein Rest Traurigkeit ist immer da.«

Am Ende unseres Gesprächs bittet sie darum, ihren Familiennamen unbedingt mit »ä« zu schreiben, auch wenn sie ihre Bücher mit »Margot Friedlander« signiert. So habe sie aber nur in den USA geheißen, weil man dort keine Umlaute kenne und schon gar nicht aussprechen könne. Mit ihrer Rückkehr nach Deutschland hat sie gleichsam ihre frühere Identität wieder angenommen.

Unlängst erschienen ist ein bewegender Interviewband mit der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, heute Antisemitismusbeauftragte von Nordrhein-Westfalen. Am Ende antwortet Margot Friedländer auf die Frage, ob sie Angst vor dem Tod habe, in ihrer unverstellten Art kurz und knapp: »Nein. Ich habe dem Tod so oft ins Auge geblickt, der macht mir keine Angst mehr.«

Zunächst wollte sie an der Seite ihres Mannes in New York beigesetzt werden, hat sich aber inzwischen für ein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee entschieden, wo auch ihre Großeltern begraben sind. Ihre Arbeit mit den Jugendlichen will sie so lange fortsetzen, wie sie atmen kann.

Margot Friedländer ist eine kleine, zierliche Frau – vor allem aber ist sie: ein großer Mensch. Mazel tov!

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