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Marione Ingram – Kämpferin gegen das Vergessen

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Marione Ingram

Holocaustüberlebende Marione Ingram »Steh auf! Kämpfe! Versteck dich nie mehr!«

1943 bombten die Alliierten Hamburg in Schutt und Asche – das Inferno rettete Marione Ingram vor dem KZ. In den USA wurde sie zur Bürgerrechtsaktivistin. Begegnung mit einer Mahnerin, die Wut in Kraft verwandelt.

»Ich bin kein Opfer!«

Fünfmal wird Marione Ingram an diesem verregneten Hamburger Nachmittag den Satz wiederholen, er ist ihr Mantra geworden. »Ich bin kein Opfer, oh no«, sagt die zierliche 85-Jährige, amerikanischer Akzent, langes weißes Haar. »Ich bin eine Kämpferin!«

Eine erschöpfte Kämpferin mit einem drückenden Gewicht auf ihren schmalen Schultern: Marione Ingram ist einer der letzten Menschen, die sowohl den »Hamburger Feuersturm« als auch den Holocaust überlebt haben. In den Wirren der alliierten Bombenangriffe im Sommer 1943 konnte sie mit ihrer jüdischen Mutter der Deportation entfliehen.

»Die Letzte zu sein, fühlt sich hässlich an«, sagt die US-Amerikanerin. »Die Letzte ist die Erste, die demnächst abtritt.« Ingram spricht stockend, ringt um Worte. Einzutauchen in die Vergangenheit strengt sie sichtlich an. Sie tut es dennoch: An der Seite ihres 90-jährigen Ehemanns Daniel hat sie soeben eine vierwöchige Tour de Force der Erinnerungs absolviert.

Marione Ingram besuchte die KZ-Gedenkstätte Neuengamme  und las aus ihrem Buch »Kriegskind. Ein jüdische Kindheit in Hamburg«. Sie kehrte zurück an die Orte ihres Martyriums in der Heimatstadt. Und besuchte als Höhepunkt die Premiere eines Videos, in dem Schülerinnen und Schüler des Hamburger Friedrich-Ebert-Gymnasiums Ingrams Buch als Theaterstück auf die Bühne  gebracht haben.

Videos können echte Begegnungen nicht ersetzen

Zwei Jahre hatte die betagte Dame die Jugendlichen per Zoom beraten. Und so das mit angekurbelt, was die Macherinnen des hochkarätig geförderten Projekts »Übergabe der Zeugenschaft« an die junge Generation nennen. Weil die Zeitzeugengemeinde unaufhaltsam schrumpft, müssen neue Wege her, um die Erinnerung wachzuhalten. »Ein großartiges Vorhaben«, beteuert Ingram.

Aber kann es Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ersetzen? Die reale Begegnung mit einem Menschen, der aus eigenem Erleben vom Zynismus, der Ungerechtigkeit und Widerwärtigkeit des NS-Regimes berichten kann?

Nein, sagt der Historiker Michael Brenner: »Gewiss, man wird auch in Zukunft auf virtuelle Art Überlebende des Holocaust hören und sehen können, doch sie bleiben eben auf den technischen Vorgang des Abspielens eines Films beschränkt. Dabei geht all das verloren, was die eigentliche Begegnung mit dem Menschen ausmacht«, schrieb der Münchener Professor für Jüdische Geschichte und Kultur  2016.

Marione Ingram zuckt mit den Schultern und macht weiter – sie kann gar nicht anders: »Ich muss darüber reden, die Zeit drängt.« Aus ihrer Sicht steht die Welt an einem Scheideweg. Allerorten seien Populismus und Faschismus auf dem Vormarsch, gerade in ihrer Wahlheimat, den USA. Die vier Jahre unter US-Präsident Donald Trump haben sie das Fürchten gelehrt.

Nicht ein einziges Mal nennt Ingram ihn an diesem Nachmittag beim Namen. Sie spricht nur von »the turd« – dem »Scheißhaufen«. Mit seinem Amtsantritt 2016 kehrten die Albträume zurück, erzählt sie. Nachts durchlitt sie erneut das Grauen ihrer Kindheit. Einer Kindheit, die ihr die Nationalsozialisten geraubt hatten.

»Mama, was ist das, ein Judenschwein?«

Marione Ingram kam am 19. November 1935 zur Welt, zwei Monate nach Inkrafttreten der »Nürnberger Gesetze«, der rechtlichen Grundlage für die Verfolgung der Juden. Weil der Vater Emil Oestreicher, ein Kommunist und Pazifist, sich nicht von Mariones jüdischer Mutter Margarete scheiden lassen wollte, banden ihn SA-Schläger an einen Laternenpfahl und verprügelten ihn so brutal, dass seine Nieren bleibende Schäden erlitten.

Um die SA-Männer zu beschwichtigen, willigte Emil Oestreicher ein, zur Luftwaffe zu gehen, engagierte sich aber heimlich im Widerstand. Oestreicher wurde in Ruhe gelassen, Margaretes Familie drangsaliert und ermordet: zuerst Hans und Emma, Mariones Onkel und Großtante. Dann holte die Polizei auch ihre Großmutter Rosa ab, am Abend vor dem sechsten Geburtstag des Mädchens.

Marione boxte mit ihren kleinen Fäusten auf die Uniformierten ein, vergebens. Bevor Rosa auf den Lastwagen geschoben wurde, nahm sie die Perlenohrringe ab und gab sie der Enkelin. Höhnisch entschied ein SS-Offizier, das Kind dürfe den Schmuck behalten – es habe ja Geburtstag.

Was ihre Verwandten erlitten, konnte Marione nicht ahnen und wurde auch nicht schlau aus den Sprüchen der gleichaltrigen Monika, Tochter des Blockwarts: »Mama, was ist das, ein Judenschwein?«, fragte Marione ihre Mutter. »Wieso sollen wir durch den Schornstein gejagt werden?«

»Als ob der Mond auf die Erde gefallen wäre«

Dann erhielt auch Margarete Oestreicher den Deportationsbefehl. Am 26. Juli 1943 sollte sie mit ihren drei Töchtern nach Theresienstadt gebracht werden. Völlig verzweifelt schickte die Mutter ihre Mädchen zu Verwandten und wollte sich der Verschleppung durch Suizid entziehen.

Marione aber kehrte zurück in die Wohnung – und fand ihre Mutter auf dem Fußboden liegend, den Kopf im Gasherd, alle Ventile geöffnet. Die Siebenjährige zog sie vom Herd weg, schaltete das Gas aus und riss alle Fenster auf. »So wie ein Baum durch Feuer oder Blitz dazu gebracht werden kann, im Winter zu blühen, so kann ein Kind dazu gezwungen werden, erheblich früher als üblich erwachsen zu werden«: Damit umreißt Ingram die Traumata, die sie reifen ließen.

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Der Selbstmordversuch ihrer Mutter gehörte dazu, ebenso die Luftangriffe auf Hamburg wenige Tage später. »Operation Gomorrha«  nannten die Alliierten die zehntägigen Bombardements ab dem 24. Juli 1943 – rund 35.000 Menschen starben, etwa 900.000 wurden obdachlos. Auch die Oestreichers.

Während die kleinen Schwestern bei einer Verwandten außerhalb der Stadt in Sicherheit waren, mussten Marione und Margarete aus der zerbombten Wohnung fliehen. In den Luftschutzbunker durften sie als Juden nicht – Hand in Hand, mit in Wasser getränkten Wolldecken auf den Schultern, rannten Mutter und Tochter durch die hell erleuchtete, von Blitzen, Detonationen und Todesschreien durchzogene Hamburger Nacht. »Als ob der Mond auf die Erde gefallen wäre«, schrieb Ingram in ihren Memoiren.

Vor Durst und Angst halb wahnsinnig

Verkohlte Leichen lagen wie Holzstücke auf den Straßen, Menschen klebten im geschmolzenen Asphalt fest oder sprangen in Kanäle, um den Phosphorfraß zu stoppen, der sie zerstörte: Die Siebenjährige wurde Augenzeugin infernalischer Szenen. In einem Bombenkrater überlebte sie, irgendwie. Aus Nase und Ohren blutend, hustend, vor Durst und Angst halb wahnsinnig.

»Ein Albtraum«, sagt Ingram heute, »der nach 1945 jedoch nicht aufhörte.« In der Schule wurde sie von Kindern bespuckt, beschimpft, mit Steinen beworfen; die Lehrerin strich jede Seite ihrer Klassenarbeiten mit einem großen roten Kreuz durch – weil die Handschrift angeblich zu klein war.

Marione bat ihren Vater, sie aus der Schule zu nehmen, doch der dachte nicht daran: »Steh auf! Kämpfe! Versteck dich nie mehr«, schärfte Emil Oestreicher seiner ältesten Tochter ein. »Du hast jetzt die Stimme, die Millionen von Menschen verloren haben.« Dieser Aufforderung folgte Marione, lenkte Leid und Wut in Kraft um. Eine Kraft, die sie bis heute anspornt.

Mit weißer Farbe gegen den Ku-Klux-Klan

Mit 17 Jahren ging sie in die USA und engagierte sich gegen Rassismus und Armut, für Frauenrechte und Frieden in Vietnam. Eine Zeit lang unterrichtete sie Afroamerikanerinnen in einer »Freiheitsschule« in Mississippi. Ingram und ihr Ehemann Daniel, ein ebenfalls in der Bürgerrechtsbewegung tätiger Anwalt, wurden mehrfach verhaftet, einschüchtern ließen sie sich nicht.

Als der rassistische Ku-Klux-Klan vor der »Freiheitsschule« ein Kreuz verbrannte, löschte Ingram das Feuer, pinselte mit weißer Farbe das Wort »FREEDOM« drauf – und arbeitete weiter. »Ich werde immer meine Meinung sagen«, betont sie. Monatelang hat sie nach Trumps Amtsantritt vor dem Weißen Haus demonstriert, oft waren Daniel und sie die einzigen.

Dass Joe Biden 2020 die Wahl gewonnen hat, beruhigt sie nicht. Sie sieht ein zunächst »winziges faschistisches Krebsgeschwür in Amerikas Demokratie, dem man erlaubt hat zu wachsen, bis es in der Trump-Ära das Leben dieser Demokratie bedroht. Und wenn Amerika autokratisch wird, geht ein Großteil der übrigen ›freien‹ Welt mit unter.«

»Wer schweigt, macht sich schuldig«

In den USA tritt Ingram nicht als Zeitzeugin auf, immer wieder erlebt sie unverhohlenen Antisemitismus. So wie neulich vor dem Weißen Haus. »Wir sollten es machen wie die Deutschen«, sagte ihr ein Amerikaner, 40 Jahre alt, erklärter Faschist: »Gaskammern bauen und die Juden erledigen.«

Auch in Deutschland habe sich das Klima seit ihrer Lesereise 2016 gewandelt: »Viele wollen nichts mehr vom Holocaust hören, reagieren genervt«, erklärt sie. Ein Freund von Bekannten habe in ihrer Gegenwart über die »reichen Juden« gewettert, die »allesamt stehlen« und sogar den »kleinen Babys noch eine Schuld anhängen« wollten. Entsetzt ergriff Ingram die Flucht, zu müde, zu hungrig zum Diskutieren.

»Niemand ist mehr schuldig«, so Ingram. »Aber wer schweigt über das, was war, der macht sich schuldig.« Deshalb spricht sie weiter. Auch im kommenden Jahr will Ingram wieder nach Deutschland reisen – dass sie in Hamburg stets schlechte Träume heimsuchen, nimmt sie in Kauf.

»So lange ich noch kann, ist es meine Pflicht«, sagt die 85-Jährige. Ihr greiser Ehemann, Blumenkranz am weißen Hut, nickt bedächtig.

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