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Ivar Buterfas-Frankenthal: "Worauf wollen wir noch warten?"

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Holocaust-Überlebender Ivar Buterfas "Die Schweine haben mir die Kindheit geraubt"

Als Sohn eines jüdischen Artisten litt Ivar Buterfas-Frankenthal im "Dritten Reich" unter Hass und Verfolgung und erlebte Schikanen auch nach dem Krieg. Heute ist er 86 und warnt unermüdlich vor dem Rechtsextremismus.

Ivar ist auf dem Heimweg, als sie ihn abfangen, gerade hat er für 20 Pfennig Kuchenrinde beim Bäcker gekauft. Seine Peiniger treten und ohrfeigen den Sechsjährigen, zwei halten ihn fest, verletzen ihn mit einer Zigarette am Oberschenkel. Dann werfen sie Pappe und Papier in einen Lichtschacht, zünden alles an, stellen Ivar auf einen Gitterrost. "Jetzt lasst uns den Judenjungen rösten", johlen die Jungen.

Sie lassen erst von ihm ab, als Ursel auftaucht, Ivars große Schwester. "Die hatte Arme wie ein Catcher. Wo Ursel hingehauen hat, da wuchs kein Klee mehr", erzählt der betagte Mann. 80 Jahre ist es jetzt her, dass Halbwüchsige ihn vor einer Bäckerei im Hamburger Arbeiterviertel Horn anzünden wollten. Weil er der Sohn eines Juden war, ein "Halbjude" in der kruden Rassenarithmetik der Nationalsozialisten.

"Die Schweine haben mir die Kindheit geraubt", sagt Ivar Buterfas-Frankenthal, wirre Mähne, hellwache Augen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten legt er Zeugnis ab, unermüdlich erhebt er seine Stimme gegen rechts. "1504 Veranstaltungen in mehr als 600 Städten, und ich mache weiter", ruft der 86-Jährige. Er hat eine Mission, sie erfüllt ihn mit Lebenskraft und Angriffslust.

Jüngst tourte er mit seiner Dokumentation "Ein Leben nach dem Holocaust" durch Norddeutschland. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier habe ihn dazu angeregt, einen seiner Vorträge filmisch festzuhalten, sagt Buterfas-Frankenthal. 1000 USB-Sticks will er an Schulen und Kirchen verschenken: "Damit die junge Generation begreift, dass so etwas nie wieder passieren darf. Wir müssen unsere zarte Republik, unsere Werte schützen." Wie dünn der Lack der Zivilisation sein kann, erfuhr er am eigenen Leib.

Sein Vater kam als "Moorsoldat" ins KZ

Buterfas kam am 16. Januar 1933 zur Welt, nur zwei Wochen vor Hitlers Machtantritt. Bald erhielten seine Eltern, anerkannte Step-Akrobaten, kaum noch Engagements. Die Großeltern, jüdische Zigarettenfabrikanten aus Dresden, unterstützten die damals neunköpfige Familie - bis sie bei der "Arisierung" ihres Unternehmens beraubt und außer Landes gejagt wurden. "Das war das Werk der Dresdner Bank", schimpft er.

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Ivar Buterfas-Frankenthal: "Worauf wollen wir noch warten?"

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Vater Felix Buterfas gehörte zu den ersten internierten Juden: 1934 wurde er ins KZ Esterwegen im norddeutschen Emsland gesteckt, berüchtigt als die "Hölle am Waldrand". Er war einer der vielen "Moorsoldaten", die unter menschenunwürdigen Bedingungen Moore trockenlegen und Torf stechen mussten. Den Kindern erzählte die Mutter, er sei auf Montage. Als der Vater zurück war in Hamburg, sprach er nicht, schrie nachts im Schlaf. Und wurde bald darauf wieder verhaftet.

Der kleine Ivar verstand von alldem nicht viel, bis zu seiner Einschulung 1938. Erst sechs Wochen lang ging er zur Schule, da zitierte ihn eines Morgens auf dem Hof der stellvertretende Schulleiter zu sich. "Buterfas, tritt einmal vor!", rief der Pädagoge, die Blicke der 400 anwesenden Schüler richteten sich auf Ivar. "Du bist Jude, packst jetzt deine Sachen, verschwindest und lässt dich hier nie wieder blicken", bellte der Schulleiter. Diese Demütigung raubt ihm bis heute den Schlaf.

Flucht Richtung Osten

Scheiden lassen wollte Mutter Orla sich nicht, die Familie wurde wieder und wieder diskriminiert. Als Ivar drei Jahre alt war, mussten sie in ein sogenanntes Judenhaus umziehen. Lebensmittelkarten gab es für sie nicht, ihre Pässe wurden eingezogen, einen Luftschutzkeller durften sie nicht aufsuchen. 1941 ging in unmittelbarer Nähe ihres Hauses eine Mine nieder, Ivar und sein Bruder Rolf wurden von Splittern getroffen. Blutend baten sie bei einem Luftschutzkeller um Einlass - er wurde ihnen verwehrt. Rolf sollte später an den Folgen seiner Verletzung sterben.

Ein Freund des Vaters arbeitete bei der Gestapo und schützte dennoch die Familie Buterfas. Nach der Wannseekonferenz 1942 organisierte er ihre Flucht aus Nazi-Deutschland Richtung Osten. Orla Buterfas tauchte mit ihren Kindern auf einem Gutshof in der Tucheler Heide nahe Danzig unter. Doch sie flogen auf, man zitierte sie zur Kreisverwaltung. Angeblich, um ihnen ihre Lebensmittelkarten auszuhändigen.

"Eine Falle", sagt Buterfas-Frankenthal. Die Familie floh zurück nach Hamburg, wo sie erst in einem Schrebergarten ausharrte, dann im Kellerloch eines ausgebombten Hauses. Ohne Wasser, Ofen, Licht, mit Strohsäcken als Betten. Nur nachts schlichen sich die Kinder raus, um Lebensmittel zu organisieren.

In einer dieser Nächte, im Frühjahr 1945, tauchten plötzlich Männer in Ledermänteln im Versteck der Familie auf. "Die Gestapo wollte uns in die Schule am Bullenhuser Damm bringen", erzählt Buterfas-Frankenthal. Dort erhängte die SS kurz vor Kriegsende jüdische Kinder, Opfer grauenvoller NS-Menschenversuche (siehe Video).

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Doch Ivar und sein Bruder Rolf waren nicht da, sie suchten in den Straßen Hamburgs nach Eßbarem. Die Gestapo kündigte ihre Rückkehr an, um die Kinder beim nächsten Mal vollzählig mitzunehmen. Die Familie türmte, versteckte sich in einem anderen Kellerloch und bibberte dem Tag der Befreiung entgegen, ausgehungert, verlaust, verdreckt.

Hunden das Fleisch aus dem Napf geklaut

Am 3. Mai 1945 marschierten die britischen Soldaten in Hamburg ein, mit einem weißen Tuch in der Hand rannte Ivar den Panzern entgegen. Für die Hansestadt war der Krieg zu Ende - für die Familie Buterfas gingen die Schikanen weiter. Wie seine Geschwister bekam Ivar, von den Nazis zum Staatenlosen erklärt, nur einen Fremdenpass, alle drei Monate musste er bei der Ausländerbehörde eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen.

"Ich war immer ein Mensch zweiter Klasse, weil es keine dritte gab", sagt der Hamburger. Sei er mit seinen Geschwistern aufs Amt gegangen, habe es geheißen: "Was wollen Sie denn noch in Deutschland? Sie sind doch Jude, Sie mögen uns doch gar nicht." In der Schule lachten die Kinder ihn wegen seines Nachnamens aus, Ivar musste sich in den Pausen anhören, dass die Deutschen nicht die einzigen gewesen seien, die Gräuel verübt hätten. Und dass ihre Verwandten sehr wohl Juden geholfen hätten.

Vater Felix hatte den Krieg überlebt, verließ jedoch die Familie. Um durchzukommen, schlachtete Ivar Panzer aus, ging hamstern, klaute den Hunden der Briten das Fleisch aus dem Napf. Später zog er über die Märkte und verkaufte Cola-Nüsse und Haarwasser, Küchengeräte und Waschmaschinen. Bis er eine Firma gründete und als Boxpromoter Karriere machte.

Als er 1952 heiraten wollte, forderte der Standesbeamte von seiner zukünftigen Frau Dagmar Frankenthal, Kind eines jüdischen Vaters wie Ivar, eine Bestätigung der "arischen Abstammung". Die deutsche Staatsbürgerschaft bekam Buterfas-Frankenthal erst 1964 zurück - der zuständige Beamte habe ihn immer wieder vertröstet und ihm Lügen aufgetischt, erzählt er.

"Heydrich, Himmler, Hitler, Höcke!"

Trotzdem blieb er in Deutschland, hier ist seine Heimat, hier seine große Aufgabe: erinnern, mahnen, die Nachgeborenen wachrütteln. Bei jedem Vortrag dabei: Ehefrau Dagmar, mit der er seit fast 65 Jahren verheiratet ist. "Die Verhältnisse erinnern mich an 1933", sagt Buterfas-Frankenthal mit Blick auf das antisemitische Attentat in Halle , die Ermordung Walter Lübckes durch einen Rechtsextremen, die Morddrohungen gegen Claudia Roth und Cem Özdemir.

"Worauf wollen wir noch warten? Heydrich, Himmler, Hitler, Höcke!", entfährt es ihm. Solche Aussagen, aber auch sein unermüdliches Engagement wider das Vergessen haben dem Träger des Weltfriedenspreises und des Bundesverdienstkreuzes nicht nur Freunde beschert.

Weil Buterfas-Frankenthal sich für eine NS-Gedenkstätte im niedersächsischen Sandbostel engagierte, wo die Gemeinde auf dem Gebiet des ehemaligen "Stalag XB" ein Gewerbegebiet errichtet hatte, bekam er Morddrohungen und stand unter Polizeischutz. "Panzerglas", sagt Buterfas-Frankenthal und klopft an die Fensterscheibe seines Wohnzimmers im niedersächsischen Bendestorf. Rund ums Haus sind Überwachungskameras montiert.

Für Kritik sorgte 2005 seine Manipulation einer Tombola: Buterfas-Frankenthal wollte damit den Bau eines gläsernen Fahrstuhls für das Hamburger Mahnmal St. Nikolai finanzieren - ein Monument gegen den Krieg. "Der blödeste Idiotenkram, den ich je machen konnte", räumt der alte Mann ein. "Aber ich wollte dieses Projekt unbedingt durchziehen." Er wirkt plötzlich sehr müde, braucht eine kurze Pause.

Dann spricht er weiter, erschöpft und kämpferisch zugleich. Unterkriegen lässt sich einer wie Buterfas-Frankenthal nicht. "Spätestens bei 'sechs' musst du wieder aufstehen", sagt der ehemalige Amateurboxer und lächelt.

USB-Sticks oder DVDs mit dem Film von Ivar Buterfas können zum Selbstkostenpreis von 15 Euro (inkl. Porto) angefordert werden bei: autor@ivar-buterfas.de