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Shoa-Überlebender Salo Muller: Dieser Mann nimmt es mit der Deutschen Bahn auf

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Holocaust-Überlebender Salo Muller gegen Deutsche Bahn "Nur wer zahlt, meint es ernst!"

Salo Muller hat die niederländische Bahn besiegt, jetzt knöpft er sich die Deutsche Bahn vor: Der Amsterdamer Shoa-Überlebende fordert Entschädigungen für Deportationsopfer – gemeinsam mit dem Stiefsohn eines Waffen-SS-Offiziers.

Im Hohlraum unter den Dielen wimmelt es vor Mäusen und Ratten. Regungslos liegt Salo Muller 1944 in seinem eiskalten Versteck, unter dem Fußboden eines Bauernhofes nahe Groningen. Immer wieder wird der Achtjährige dort unten eingesperrt und darf keinen Laut von sich geben, während die Nagetiere seinen kleinen, kränklichen Körper zerbeißen. Unter keinen Umständen darf er den deutschen Besatzern in die Hände fallen.

Denn Salo Muller ist Jude. Mehr als 70 Verwandte hat der Niederländer im Holocaust verloren, seine Eltern wurden 1943 in Auschwitz ermordet. Zwei Stolpersteine auf dem Gehweg vor seinem Elternhaus in der Amsterdamer Molenbeekstraat erinnern an Lena Blitz und Louis Muller.

"Ich denke Tag und Nacht an sie, kann einfach nicht sorglos durchs Leben gehen. Das ist wie eingebacken in meinem Kopf", sagt der 84-Jährige im Videointerview und hält einen Moment inne. Noch heute kann Salo Muller Mäuse nicht leiden. Und Deutsche meidet er, macht keinen Urlaub in Deutschland, kauft keine deutschen Autos, spricht kein Deutsch, pflegt keine deutschen Kontakte. Mit einer Ausnahme: Axel Hagedorn – der Stiefsohn eines Waffen-SS-Offiziers.

Fahrt ins KZ kostet vier Pfennig pro Kilometer

Gemeinsam mit dem in Amsterdam tätigen Rechtsanwalt und emeritierten Professor für Deutsch-Niederländische Rechtsbeziehungen wagt Salo Muller das Unerhörte: Er will die Deutsche Bahn AG dazu bewegen, die niederländischen Deportationsopfer und deren Familien finanziell zu entschädigen. Zwei Männer knöpfen sich einen Milliardenkonzern vor. Es ist ein ungleicher Kampf. Aber ist er auch aussichtslos? Nicht völlig.

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Denn für ihre Fahrt ins Vernichtungslager, für ihr oft tagelanges Martyrium in überfüllten, verplombten Viehwaggons mussten die Deportierten zumeist selbst aufkommen. Vier Pfennige rechnete die Reichsbahn bei der NS-Führung pro Person und Schienenkilometer ab, Kinder kosteten die Hälfte – und ab 400 Menschen gab es einen Mengenrabatt.

Das Geld holte sich das Reichssicherheitshauptamt direkt bei den Verhafteten, trieb es über Zwangsabgaben ein oder nahm es aus dem geraubten Vermögen der Deportierten. Ein so zynisches wie lukratives Geschäft. Umgerechnet 445 Millionen Euro soll die Reichsbahn laut der Initiative "Zug der Erinnerung" am Massentransport in die Vernichtungslager verdient haben.

Fest steht: Ohne die Logistik der Reichsbahn, ohne die reibungslose Zusammenarbeit mit der SS wäre der millionenfache Mord niemals möglich gewesen. Das Unternehmen war ein "unerlässliches Element in der Vernichtungsmaschinerie", wie der US-Holocaustforscher Raul Hilberg schon 1981 in seiner Studie "Sonderzüge nach Auschwitz" betonte.

"Nur wer zahlt, meint es ernst"

Auch andere europäische Eisenbahngesellschaften profitierten massiv von den Massendeportationen, darunter die SNCF. Ende 2014 las Salo Muller in der Zeitung, dass die französische Staatsbahn sich dazu verpflichtet habe, 60 Millionen Dollar an US-amerikanische Deportationsopfer und deren Familien zu zahlen. Er befand: "Das muss auch bei uns klappen." 107.000 niederländische Juden wurden während der Shoa deportiert – nur 5000 überlebten.

Muller schrieb an die Direktion der Nederlandse Spoorwegen und bekam eine freundliche Absage. Doch so schnell lässt der Mann, der sich selbst als "Pitbull" beschreibt, nicht locker: Muller nahm sich die bekannte Anwältin Liesbeth Zegveld, mobilisierte die Medien, hakte immer wieder nach. Drei Jahre lang, unermüdlich. Bis die Eisenbahngesellschaft einlenkte.

Rund 50 Millionen Euro wird die Nederlandse Spoorwegen an die etwa 6000 ermittelten Opfer beziehungsweise ihre Familien zahlen. "Es ging mir nicht so sehr um das Geld, sondern darum, dass die Bahn eine Schuld einlöst", sagt Muller. "Entschuldigen kann sich jeder. Doch nur wer zahlt, meint es ernst."

Jetzt ist die Deutsche Bahn dran: Durch das Gebiet des Deutschen Reiches führte der größte Teil der rund dreitägigen Bahnfahrt vom niederländischen Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz. In das in Polen errichtete Vernichtungslager traut sich Salo Muller nicht hinein – zu übermächtig die Trauer um die Eltern, von denen er am 27. November 1942 getrennt wurde.

Odyssee durch acht Verstecke

"Bis heute Abend und sei ein braver Junge!", waren die letzten Worte, die Salo, damals sechs, vor dem Kindergarten von seiner Mutter hörte. Als er seine Eltern wiedersah, standen sie auf der Bühne der Hollandsche Schouwburg, einem von den Nazis zum Sammelplatz für Juden umfunktionierten Theater, dicht gedrängt neben Hunderten anderen Verhafteten. Die Eltern waren tagsüber festgenommen worden, Salo am Abend. Seine Tante hatte ihn zu verstecken versucht, vergeblich.

"Ich stand unten im Zuschauerraum, schrie gellend und versuchte, zu meinen Eltern zu kommen. Doch ein Soldat stieß mich zurück", erzählt er. Der schreiende Junge wurde aus dem Raum getragen und in das Gitterbett einer nahe gelegenen Kinderkrippe gesteckt. "Dort weinte ich weiter, vier Tage lang."

Doch Salo hatte Glück: Auf Betreiben von Kaufmann Walter Süskind, dem "Oskar Schindler der Niederlande", konnte er befreit werden. Danach musste der Junge bis zum Kriegsende untertauchen. Für ihn begann eine Odyssee durch acht verschiedene Verstecke.

Salo duckte sich im Hühnerstall und im Hohlraum unter den Dielen. Er kassierte Prügel und lernte melken, sich klein zu machen, keine Ansprüche zu stellen. Teilweise schlief Salo auf eingenässten Strohmatratzen, er feierte keinen Geburtstag und spielte nicht mit anderen Kindern. "Es gab keine Liebe, keine Wärme, keine Umarmung", erzählt der alte Mann.

"Warum bist du nicht vergast worden?"

Als der Krieg zu Ende war, stotterte Salo. Er litt unter Asthma und Ekzemen. Der Junge hatte seinen Geburtstag, seinen Namen, seine Muttersprache vergessen – im letzten Versteck hatte er zur Tarnung "Japje" geheißen und nur noch Friesisch gesprochen. Die Tante nahm das traumatisierte Kind zu sich nach Amsterdam. Weil Salo oft Wutausbrüche hatte, tat er sich schwer in der Schule.

Erst bei Ajax Amsterdam konnte er sein Talent entfalten: 1959 wurde der Physiotherapeut mit der schwarzen Hornbrille bei dem Fußballklub Betreuer. Als Masseur, Ernährungsberater und Vertrauter der Spieler stieg Muller zum unersetzlichen zwölften Mann im Team auf – eine Art Maskottchen des jüdisch geprägten Vereins, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit Legenden wie Johan Cruyff für Furore sorgte.

Doch Muller wurde nicht nur gefeiert, sondern auch beschimpft: "'Warum bist du nicht vergast worden?', schallte es mir aus dem gegnerischen Fanblock entgegen, wenn ich einem Verletzten zur Seite sprang", so Muller. "Das tat weh." Als er zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, um Urlaub bat, drohten die Ajax-Manager mit Kündigung. Muller biss die Zähne zusammen und fuhr mit dem verhassten Zug nach Nürnberg, zum Europacup-Spiel. Weil ihm eine Gehaltserhöhung verwehrt wurde, kam es zum Bruch, Muller ging.

Schweigen dank Spielberg gebrochen

Von seiner Vergangenheit wusste damals kaum jemand. Wie zahlreiche Holocaust-Überlebende schwieg Muller jahrzehntelang über das erlittene Unrecht. Erst 1995 öffnete er sich, nach einem Zeitzeugenaufruf von Steven Spielbergs Shoa Foundation: "Ich schrieb mir die Trauer von der Seele."

Doch ein Klumpen Trauer ist noch immer da. Und damit die Energie, seinen zweiten großen Kampf aufzunehmen: gegen die Deutsche Bahn. Im Juli 2020 schickte Anwalt Hagedorn ein Schreiben an den Konzern sowie ans Bundeskanzleramt. Im September kamen höflich-ausführliche Absagen per Post.

Die Bahn verweist auf ihr vielfältiges, auch finanzielles Engagement und möchte "Herrn Muller um Verständnis dafür bitten, dass die Deutsche Bahn AG keine individuellen Entschädigungszahlungen leisten kann". Es sei "die Bundesrepublik Deutschland, die Fragen der materiellen Entschädigungen (...) für die von nationalsozialistischen Verbrechen betroffenen Menschengruppen klären konnte". Auf SPIEGEL-Anfrage bekräftigte die Deutsche Bahn ihre verständnisvoll formulierte, aber ablehnende Haltung in der Causa Salo Muller. Und betont, die 1994 gegründete Deutsche Bahn AG stehe "nicht in der Rechtsnachfolge der Deutschen Reichsbahn".

Doch davon lässt sich der 84-Jährige nicht beeindrucken. "Auch in den Niederlanden hieß es zunächst: 'Wir haben damit nichts zu tun", sagt er. Muller hat einen langen Atem, zudem eine Frau, die ihn unterstützt – Conny Mullers Eltern starben beide im Mordlager Sobibor. Und: Muller hat einen zu allem entschlossenen Anwalt.

"Das ist ein politischer Prozess"

Im Auftrag der Stiftung "Mütter von Srebrenica" verklagte Hagedorn 2007 den niederländischen Staat und die Vereinten Nationen, weil die Uno sowie die niederländischen Blauhelme die bosnischen Einwohner der Stadt 1995 nicht vor dem Massaker serbischer Paramilitärs und Armeeangehöriger geschützt hatten. Gegen den niederländischen Staat erlangte er einen Sieg.

Reich wird der Jurist nicht mit solchen Prozessen. Hagedorns Motivation liegt in seiner Biografie begründet – er ist der Stiefsohn eines einstigen Offiziers der Waffen-SS. "Die Frage an meine Eltern stand immer im Raum: 'Warum habt ihr nichts für die Juden getan?'" Hagedorn, Jahrgang 1954, will sich von seinen Kindern nicht vorwerfen lassen, nichts getan zu haben. "Das bin ich meiner eigenen Geschichte schuldig", sagt er im Videointerview.

Rein juristisch sei eine Klage gegen die Deutsche Bahn schwer zu gewinnen, räumt der Anwalt ein. Denn die Deutsche Bahn ist nun einmal nicht direkt Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn. "Das ist ein politischer Prozess", sagt Hagedorn. Er will moralischen Druck aufbauen, sucht die Öffentlichkeit, würde Muller gern zum Beispiel zu Markus Lanz schicken.

Sein Mandant Salo Muller ist sicher: "Am Ende werden Menschen mit Empathie ihre Verantwortung einsehen. Sie werden sich entschuldigen. Und sie werden einen Betrag zahlen."

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