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Folteropfer in Nordirland: Die Qualen der "Hooded Man"

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Folteropfer in Nordirland "Wir waren Versuchskaninchen"

Auf einer britischen Militärbasis in Nordirland wurden 14 Männer 1971 grausam gefoltert. Zwei Überlebende berichten in Belfast über ihre Erlebnisse und die Hoffnung auf Gerechtigkeit.

Der 9. August 1971 war der Tag, an dem sich im Leben von Sean McKenna alles veränderte. Der dunkelhaarige Nordire wurde von Soldaten festgenommen und nach Ballykelly gebracht. In ein Gebäude, das das britische Militär vor der Öffentlichkeit verborgen auf dem Gelände eines alten Flugfelds errichtet hatte. Der Mensch, der nach einer Woche freigelassen wurde, war nicht wiederzuerkennen. Die Haare weiß, die Erinnerung unvollständig, kehrte McKenna als gebrochener Mann zurück.

Nordirland im Jahr 1971, das waren Bomben und Krawalle. Viele katholische Nordiren lehnten sich gewaltsam gegen die britische Verwaltung auf. Das britische Militär und die Polizei gingen mit Härte vor - es kam zu zahlreichen Verhaftungen, auch willkürlich. 14 Internierte fanden in Ballykelly die Hölle auf Erden vor. Das heißt: Sehen konnten sie sie nicht. Sie spürten nur. Die ihnen übergezogenen Kapuzen gaben den Männern ihren Titel - "Hooded Men".

Vier der Männer sind tot. Die Überlebenden bereiten sich auf zwei Gerichtsverfahren vor, die Gerechtigkeit bringen sollen. Sie hoffen darauf, seit sie ihre Kapuzen abgenommen haben. Im November werden ihre Anwälte vor den High Court in Belfast treten. Der Police Service of Northern Ireland (PSNI), die britische Staatsministerin für Nordirland und das britische Justizministerium sollen offenlegen, was in Ballykelly geschah.

Die Überlebenden wollen endlich Gerechtigkeit. Hierbei steht ihnen auch die weltweit gefragte Menschenrechtsanwältin Amal Clooney, Gattin des Schauspielers George Clooney, zur Seite. Sie arbeitet mit Darragh Mackin von "KRW Law" in Belfast zusammen. Mackin und seine Kollegen haben Tausende von Dokumenten gesichtet. Darunter ist auch ein Brief des britischen Innenministers Merlyn Rees an seinen Premier James Callaghan aus dem Jahr 1977. Darin kommentiert der damalige Armeechef in einem handschriftlichen Vermerk die auf Ministerebene getroffene Entscheidung, in Nordirland Folter einzusetzen: "Das kann höchst unangenehm für uns werden."

Qualen im "Musikraum"

Mit Unterstützung der irischen Regierung wollen die Anwälte auch erreichen, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die Behandlung der Männer durch britische Sicherheitskräfte als Folter einstuft. Das Verfahren hat internationale Bedeutung. Weltweit können sich Staaten bisher auf das Urteil des Gerichts aus dem Jahr 1978 berufen, das die Behandlung der "Hooded Men" zwar als "inhuman und erniedrigend", nicht jedoch als Folter deklarierte. Viele Blicke richten sich nach Straßburg.

Präzedenzfall: In den sogenannten Torture Memos wurde noch Jahrzehnte nach dem Fall der "Hooded Men" die Bush-Administration dahingehend beraten, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 1978 "eine aggressive Interpretation dahingehend erlaubt, was Folter ausmacht."

Präzedenzfall: In den sogenannten Torture Memos wurde noch Jahrzehnte nach dem Fall der "Hooded Men" die Bush-Administration dahingehend beraten, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 1978 "eine aggressive Interpretation dahingehend erlaubt, was Folter ausmacht."

Foto: US Department of Justice

Eine Menschenrechtsorganisation, die die Männer vertritt, verweist auf die internationale Dimension des Falls. Im Rahmen der Untersuchung zum Tod des irakischen Hotelarbeiters Baha Mousa gestand die britische Armee 2009 ein, dass er im Jahr 2003 ähnlichen Verhörmethoden ausgesetzt war wie die "Hooded Men". Die sogenannten Fünf Techniken waren noch immer im Gebrauch - Wandstehen, Überziehen von Kapuzen, Lärm-Untersetzung, Schlafentzug sowie der Entzug von Essen und Trinken. Der Fall im Irak zeigt, wie das Urteil des Europäischen Gerichtshofes von 1978 Staaten auch Jahrzehnte später noch Deckung gibt, um Praktiken aus dem Nordirland des Jahres 1971 zu verwenden.

Dokumente belegen, wie die Briten dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die Aussage eines ihrer eigenen Experten vorenthielten. Der Psychiater hatte Sean McKenna untersucht und gesagt, dass dessen schwerwiegende psychische Symptome seiner Überzeugung nach das Resultat sogenannter tiefgreifender Vernehmungstechniken seien.

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Folteropfer in Nordirland: Die Qualen der "Hooded Man"

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Kevin Hannaway und Francie McGuigan leiden bis heute unter den Folgen der Folter. "Sie haben mir die Genitalien so blutig geschlagen, dass ich wochenlang Blut gepinkelt habe", beschreibt es Hannaway unverblümt. Er wolle hören, wie die Briten zugeben, was sie ihm und den anderen Männern angetan haben. "Folter soll in ihrem Lebenslauf stehen", sagt Hannaway unter zustimmendem Nicken von Francie McGuigan. McGuigan berichtet vom "Musikraum". Dort wurde während der Verhöre Musik so laut gespielt, dass aus Tönen Lärm und aus Melodien Schmerzen wurden.

Kampf um Gerechtigkeit

Man stand auf Zehenspitzen mit Fingerkuppen gegen die Wand gestützt. Wer den ganzen Fuß oder die Handflächen zum Abstützen nutzen wollte, wurde mit Stockschlägen bestraft. "Manchmal habe ich mir nur noch gewünscht zu sterben", sagt McGuigan. Was hielt ihn am Leben? "Die Hoffnung auf Gerechtigkeit." Bei den Verhören sei es darum gegangen zu sehen, wann ein Gefangener nach Anwendung der "Fünf Techniken" bricht. "Wir waren Versuchskaninchen" sagt McGuigan. Kevin Hannaway bestätigt, dass die Anwesenheit einer Person im Hintergrund spürbar war. Die Männer vermuten, dass jemand Notizen machte.

Aus Notizen wurden Berichte, die in Archiven verschwanden. 2013 fanden Anwälte in deklassifizierten Dokumenten im britischen Nationalarchiv einen Verweis auf Ballykelly. Der Ort sei geheim zu halten, stand darin. Man war nun davon überzeugt, dass die Briten das Gericht in mehrerlei Hinsicht in die Irre geführt hatten - in Bezug auf den Standort, die Verantwortung für die Behandlung der Männer, die Intensität der Verhöre und vor allem die Folgen der "Fünf Techniken" für die Opfer.

Gemeinsam mit Historikern und Journalisten des irischen Fernsehsenders RTE, die an einer Dokumentation über die Männer arbeiteten, recherchierten die Anwälte weiter und fanden neue Beweise, mit denen sie bei der irischen Generalstaatsanwältin Maire Whelan vorstellig wurden. Die Forderung: Whelan solle den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aufgrund dieser Beweise zur Wiederaufnahme des Verfahrens bewegen. Kurz vor Fristablauf stellte sie schließlich den entsprechenden Antrag.

Folter ohne inhumane Absicht?

Ein Report des britischen Innenministeriums sprach 1971 zwar nicht von Folter, bestätigte aber, dass die "Fünf Techniken" von höchster Stelle abgesegnet worden waren. 1972 befand ein zweiter Report, dass die Techniken "weltweit im Kampf gegen Terroristen eingesetzt wurden". Der Report nannte zwar einige der Techniken "kriminelle Angriffe", befürwortete aber ihre Weiterführung, "falls ministerielle Genehmigungen vorliegen". Der britische Premier Ted Heath ordnete daraufhin an, die "Fünf Techniken" in Zukunft unter allen Umständen zu verbannen. Ihre Verwendung zu reinen Trainingszwecken solle aber erlaubt bleiben.

Im Jahr zuvor hatte die irische Regierung erste Schritte unternommen, die Briten wegen der Verstöße gegen die europäische Menschenrechtskonvention anzuklagen. Die stritten ab, dass es sich bei den "Fünf Techniken" um Folter gehandelt habe. Dem widersprach 1976 die Europäische Menschenrechtskommission. Die Briten hätten gegen Artikel 3 der Konvention verstoßen, der inhumane und erniedrigende Behandlung sowie Folter verbietet. Die Kommission sprach ausdrücklich von Folter.

1978 dann die Enttäuschung: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied, dass die Behandlung der "Hooded Men" zwar inhuman und erniedrigend gewesen sei, aber den Tatbestand der Folter nicht erfülle: "Folter trägt ein besonderes Stigma mit sich. Der Folterer hat die inhumane Absicht, dem Opfer schwerwiegendes und grausames Leiden zuzufügen."

Es ist diese Entscheidung, die Amal Clooney, Darragh Mackin und die irische Regierung im Namen der "Hooded Men" umdrehen wollen. Was Kevin Hannaway, Francie McGuigan und ihre zwölf Gefährten ertragen mussten, sei mit schwerwiegenden und grausamen Leiden noch zu schwach beschrieben: "Minister haben Folter abgesegnet. Die Briten sollen es endlich zugeben. Dann haben wir Gerechtigkeit für uns, unsere überlebenden Brüder und unsere vier toten Kameraden."

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