»@ichbinsophiescholl« auf Instagram Jugendliche können echte und »digitale« Sophie Scholl kaum unterscheiden

Den Widerstand der »Weißen Rose« präsentierten SWR und BR in Insta-Stories, um ein junges Publikum zu erreichen. Eine Studie darüber zeigt: Jugendliche nahmen das Angebot kaum wahr – und viele verwechseln Fiktion und Realität.
Schauspielerin Luna Wedler als Sophie Scholl

Schauspielerin Luna Wedler als Sophie Scholl

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Rebecca Rütten / Sommerhaus Film / SWR

Das Instagram-Projekt »@ichbinsophiescholl« war ein Publikumserfolg. Bis zu 930.000 Follower versammelte zwischenzeitlich das Format von SWR und BR, in dem eine Schauspielerin von Mai 2021 bis April 2022 Sophie Scholl darstellte, eine Ikone des Widerstands gegen das Regime des Nationalsozialismus: Mit der Gruppe »Weiße Rose« kämpfte die Münchner Studentin gegen die Nazi-Tyrannei, bis die Mitglieder verhaftet und 1943 hingerichtet wurden. In Clips und Selfies erzählten die Macher des Projekts die letzten Monate von Sophie Scholl nach, aus der Ichperspektive und »in nachempfundener Echtzeit«.

Eine Selfie-Sophie in der Pose einer Influencerin – das Instagram-Projekt galt vielen als Beleg dafür, dass die sozialen Medien das Interesse junger Menschen an Geschichte neu wecken könnten. Doch jetzt zeigt eine Studie der RWTH Aachen, die dem SPIEGEL vorliegt, dass Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren das Social-Media-Projekt kaum wahrgenommen haben.

Der Geschichtsdidaktiker Christian Kuchler hat 1250 Schülerinnen und Schülern an Schulen in Bayern, dem Saarland und Nordrhein-Westfalen befragt. Nur 23 Prozent von ihnen nahmen überhaupt Notiz von dem Insta-Account – obwohl 81 Prozent der befragten Personen über einen eigenen Instagram-Account verfügen.

»Die enorme Aufmerksamkeit, die der ›digitalen Sophie‹ zuteilwurde, kam bei Kindern und Jugendlichen nicht an«, sagt Kuchler. »Nur 145 Personen von 1250 Befragten klickten den Kanal tatsächlich. Und bei den meisten von ihnen blieb es beim einmaligen Besuch.« Die Mehrheit sei von Lehrkräften im Schulunterricht darauf aufmerksam gemacht worden, so Kuchler.

Nicht alle Inhalte entsprachen den historischen Fakten

Besonders irritierend: Der Studie zufolge hielten viele der befragten jugendlichen Follower die »digitale Sophie« für die echte Sophie Scholl. Das hängt auch damit zusammen, dass sie Inhalte von Instagram in der Untersuchung als besonders glaubwürdig einstufen. »Bei Instagram sind mehr Fakten zu finden, bei Netflix oder im Kino geht es meistens nur um die Unterhaltung«, so beschrieb eine Schülerin ihre Eindrücke.

Unter den Befragten, die »@ichbinsophiescholl« folgten, war die Identifikation mit dem Account hoch. Und genau darin könnte ein Problem liegen. Denn das Insta-Projekt von SWR und BR war heftig umstritten. Kritikerinnen und Kritiker warfen den Account-Machern Historienkitsch oder Geschichtsklitterung vor.

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Fest steht, dass die Inhalte nicht immer den historischen Fakten entsprachen. Manche Zitate Sophie Scholls sind verbürgt, andere erfunden. Und wer dem Projekt über Monate folgte, konnte leicht aus dem Auge verlieren, dass der Widerstand der »Weißen Rose« in der ansonsten hitlertreuen NS-Volksgemeinschaft die absolute Ausnahme blieb.

»Ein Bedürfnis nach kritischer Reflexion mit den Inhalten der Social Media scheint bei den Jugendlichen fast nicht vorhanden«, resümiert Geschichtsdidaktiker Kuchler. Zugleich komme das Projekt der offenbar geringeren Aufmerksamkeitsspanne vieler junger Menschen entgegen. Die Follower hätten fast nur kurze Ausschnitte zu sehen bekommen. Ein Teilnehmer der Studie habe sich erfreut gezeigt, weil »man sich nicht zu viel auf einmal merken« müsse.

Junge Menschen wünschen sich Hitler als Insta-Figur

»Geschichtsunterricht muss die Lernenden künftig noch stärker befähigen, geschichtskulturelle Angebote wie ›@ichbinsophiescholl‹ zu dekonstruieren«, mahnt Kuchler. Es müsse etwa noch stärker Unterrichtsgegenstand werden, wie man die mediale Darstellung mithilfe historischer Quellen überprüfen könne. »Damit würde ein wesentlicher Beitrag zur Medienkompetenz junger Menschen geleistet.«

Die sozialen Medien werden sicher bei der Vermittlung historischer Inhalte weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Die von Kuchler befragten Jugendlichen zeigten sich grundsätzlich offen für ähnliche Projekte wie »@ichbinsophiescholl«.

Die Liste der von ihnen gewünschten historischen Figuren ist indes mit Vorsicht zu genießen. Auf die Frage, welchen Persönlichkeiten aus der Geschichte sie bei Instagram gern folgen würden, nannten sie Anne Frank, Julius Cäsar – und Adolf Hitler.

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