Illegaler Bergbau in Polen Die Kohle-Wilderer von Walbrzych

Hier war einst das Zentrum des niederschlesischen Steinkohlereviers, doch Ende der Neunzigerjahre schlossen die Gruben von Walbrzych. Seither schuften die Bergleute illegal - in selbst gebauten Schächten.

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Noch während ich die Klingel einer Mietwohnung in der Altstadt von Walbrzych drücke, überlege ich, vielleicht doch schnell abzuhauen. Die Adresse von Roman Janiszek hatte ich über ein paar Umwege durch das Internet gefunden, ganz einfach war es nicht. Obwohl Roman sich auch öffentlich zu seiner Arbeit in den Waldenburger Elendsschächten bekennt, ist sie illegal. Er passt also auf, mit wem er sich verabredet.

Roman ist Mitbegründer eines Vereins, der sich "Komitee zur Verteidigung der Elendsschächte" nennt und vor einigen Jahren noch mehrere Tausend Aktivisten mobilisieren konnte. Ende der Neunzigerjahre hatte die Stadt Walbrzych - das frühere Waldenburg - beschlossen, die unrentabel gewordene Kohleförderung in der Region endgültig einzustellen und alle Gruben zu schließen. Bis dahin galt Waldenburg als das Zentrum des niederschlesischen Steinkohlereviers, die ersten Gruben waren Anfang des 16. Jahrhunderts gegründet worden. Auch nach 1945, als der Ort zu Polen kam, war die Kohleförderung von so großer Bedeutung, dass die dort noch tätigen deutschen Bergmänner von der Ausweisung nach Deutschland ausgenommen wurden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Als im Jahr 2000 alle Gruben schlossen, waren mehr als 15.000 Bergleute plötzlich arbeitslos. In ihrer Not begannen die Arbeiter, wilde Schächte in die Erde zu graben und die Kohle, die dort nur wenige Meter tief liegt, auf eigene Faust zu fördern. Illegal, verfolgt von der Polizei und immer im Bewusstsein, ihr Leben in den provisorischen Konstruktionen zu riskieren. Die meisten sind inzwischen in Rente gegangen oder haben neue, sicherere Jobs gefunden. Doch einigen blieb nichts anderes übrig - sie verdienen sich bis heute ihren Lebensunterhalt in den Wäldern von Walbrzych. Roman gehört dazu.

Geheimnisvolle Nachtszenen mit grellen Scheinwerfern

Als er mir öffnet, stehe ich einem Mann gegenüber, dessen Alter ich nur schwer schätzen kann. Er mag um die 60 sein, vielleicht auch jünger. Man sieht ihm jedenfalls an, dass er sein Geld nicht im Büro verdient hat. Er begrüßt mich freundlich, doch ich spüre, dass er auf der Hut ist. Schließlich kennen wir uns nicht, und das ist in seiner Branche gefährlich. Noch bevor er mir einen Kaffee anbietet, drückt er mir ein großes Banner in die Hand - "Komitee zur Verteidigung der Elendsschächte" steht darauf. Wie zufällig klingelt es ein zweites Mal an der Tür, ein Fotograf kommt herein und macht sofort ein Bild von Roman und mir samt Banner. Meine Nervosität steigt. Sollte dieses Foto mit meiner eindeutigen Sympathiebekundung für den Verein ein mögliches Druckmittel sein, um sicherzugehen, dass ich nicht von der Polizei bin? Oder freut sich Roman nur, ein Foto mit einem ausländischen Schriftsteller zu haben?

Überall an den Wänden im Wohnzimmer hängen Ölbilder, die Bergarbeiter in den Elendsschächten zeigen. Geheimnisvolle Nachtszenen mit grellen Scheinwerfern, Polizeiautos, Männer mit schweren Säcken auf dem Rücken, Kohlegruben im Winter. "Ich habe diese Bilder bei einem Freund in Auftrag gegeben, um unsere Arbeit zu dokumentieren", sagt Roman, der keine Rente erhält, weil er die dafür erforderliche Anzahl von Jahren im Untertagebau nicht mehr erreicht hat.

Dann fahren wir los. Drei oder vier Kilometer außerhalb der Stadt lassen wir das Auto stehen und schlagen uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Büsche. Meine Nervosität will nicht weichen. Wenn mir hier was passiert, findet mich niemand. Doch Roman wirkt mittlerweile entspannt, erzählt mir ohne Punkt und Komma aus seinem Leben und seinem Arbeitsalltag in den Elendsstollen. Vor der Polizei habe er keine Angst, sagt er, und drängt mich geradezu, seinen echten Namen in meinen Bericht zu schreiben. "Alle wissen, dass die Stollen damals zu früh geschlossen wurden und dass uns nichts anderes übrig blieb, als hier draußen in der Illegalität unser Geld zu verdienen", erzählt er und fügt etwas resigniert hinzu: "Jetzt muss die Stadt sehen, wie sie mit dem Problem auf Dauer fertig werden will."

"Die tun so, als ob sie uns nicht sähen"

Jeder Versuch, wenigstens eine legale Kohlegrube zu erhalten, war gescheitert. Aber in aller Härte gegen den wilden Kohleabbau vorzugehen, davor schrecken die Behörden bis heute zurück. "Die tun so, als ob sie uns nicht sähen, und wir tun so, als ob es uns nicht gäbe", fasst Roman die Situation zusammen.

Mittlerweile passieren wir die ersten kleinen Schächte in dieser Wildnis, einige Löcher sind eingestürzt, andere befinden sich noch im Bau. Roman weiß genau, durch welchen Busch wir uns durchschlagen müssen, um größere Schächte zu finden. Die Umstände meiner Expedition am Rande der Legalität machen mir dabei schnell deutlich, warum diese Schächte "Elendsschächte" heißen.

Ob er schon im Gefängnis war, frage ich ihn, und er lacht ein wenig verbittert. Früher schon, aber immer nur wenige Tage, weil er nie ein Dokument mit Namen unterzeichnet hat, immer nur mit drei Kreuzen. Wer erwischt wurde, hat geschwiegen. Die Polizei hatte dann kaum eine Handhabe. Mal wird ein Schacht zerstört, mal Material beschlagnahmt, mal ein Täter, den man auf frischer Tat ertappt hat, in Untersuchungshaft genommen. Die Stadt zögert, der Polizei mehr Spielraum zu geben, denn große Teile der Bevölkerung haben durchaus Sympathien für die "Wilderer". Als ich Roman frage, wie viele von seinen Kollegen noch hier arbeiten wie er, möchte er mir keine Antwort geben. Das brauche niemand zu wissen.

Alte Autokarosserieteile zur Sicherung der Gänge

An einem der Schächte bleiben wir stehen. Das Loch, in das ich mich kaum reinzuschauen traue aus Angst, den Halt zu verlieren, mag zwischen acht und zehn Meter tief sein, unten führt der Gang in die Horizontale. Zu einer Brigade, so erzählt mir Roman, gehören zwischen drei und fünf Bergleute, mindestens einer davon hat professionelle Erfahrung. Er baut die Sicherungen der Gänge, nicht selten mit alten Autokarosserieteilen, die wir auf Schritt und Tritt in den Büschen finden.

Ein zweiter schiebt Wache, während die anderen in der Tiefe graben und die Kohle mit einem Eimer und einer Winde, die meist aus einer Fahrradfelge konstruiert wird, nach oben befördern. Die Technik sei die gleiche wie bei den großen Gruben, nur eben im Kleinformat, sagt Roman. Früher, fügt er hinzu, habe es häufiger Unfälle und sogar Todesopfer gegeben, was die Elendsschächte immer wieder in die Schlagzeilen gebracht habe. Aber das habe sich gebessert.

Als ich nachfrage, um wie viel denn diese Kohle hier billiger sei als die offizielle, weicht er zunächst aus, schließlich gibt er den Preis mit der Hälfte des offiziellen an. Vor allem Rentner und Geringverbraucher kauften die Kohle bei ihnen, schließlich habe nicht jede Oma Platz für eine Tonne Kohle im Garten. Der Vertrieb laufe über Mundpropaganda und interne Netzwerke. Die Leute wissen schon, wo sie uns finden, sagt Roman, und steigt schließlich selbst in ein Loch, um mir anhand der verschiedenen Schichten zu zeigen, wie man hochwertige von weniger hochwertiger Kohle unterscheidet. Wir verfolgen schließlich noch den Verlauf eines unterirdischen Schachtes mittels der Lüftungsschächte, die immer wieder nach oben durchstoßen. Ob ich mal in so einen Schacht hineinkrabbeln möchte, fragt mich Roman und scheint fast enttäuscht, als ich dankend ablehne.

Nach drei Stunden Wanderung durch die Welt der Elendsstollen führt uns der Weg wieder Richtung Auto. Von einem Hügel aus sehen wir auf Wabrzych, das inmitten eines grünen Tals liegt, aus dem hier und da die Schornsteine und Fördertürme vergangener Zeiten ragen. "Dort", sagt Roman, "habe ich früher gearbeitet" und zeigt mit dem Finger auf einen der Fördertürme in der Ferne. Er sagt es nicht mit Wehmut, eher mit Verbitterung. Und doch schwingt auch ein wenig Stolz in seiner Stimme mit. Schließlich hat er sich nicht kleinkriegen lassen von den Behörden und macht immer noch das, was ihm offiziell zu tun Ende der Neunzigerjahre verboten worden war: Kohle fördern.


Zum Autor:

Matthias Kneip (1969 geboren) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt sowie als freier Schriftsteller, Publizist und Polen-Referent. Für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung erhielt er 2012 das Kavalierskreuz der Republik Polen vom polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski. Kneip lebt in Regensburg und Darmstadt. Zuletzt erschien sein Sammelband "Polen. Literarische Reisebilder" sowie sein Gedichtband "Keiner versteht mich, klagte das Gedicht und wurde berühmt…" (beide Lektora-Verlag).



insgesamt 6 Beiträge
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Ulf Platzka, 05.12.2014
1. Ja mei...
Wer sich nicht die Zunge brechen möchte: hinter Walbrzych verbirgt sich auf Deutsch das allseitsbekannte Waldenburg in Schlesien.
Holger Schmidt, 06.12.2014
2. mitten in Europa
,und ich dachte das solche Bilder nur aus der dritten Welt stammen. Es ist eine Schande das Menschen mitten in der EU ihr Geld in Erdlöchern ohne jeglichen Arbeitsschutz verdienen müssen. Hauptsache Energiesparlampen und Staubsauger, der Mensch zählt bei unseren Eurokraten nichts.
Nando Santos, 06.12.2014
3. Das gab es rüher im Saarland
auch. Flöze, die bis an Erdoberfläche reichten, wurden dort von den Menschen abgebaut. Die Spuren kann man um Homburg und Neunkirchen heute noch erkennen.
Nando Santos, 06.12.2014
4. Das gab es früher im Saarland
auch. Flöze, die bis an Erdoberfläche reichten, wurden dort von den Menschen abgebaut. Die Spuren kann man um Homburg und Neunkirchen heute noch erkennen. Ob der Abbau damals illegal war, weiß ich nicht.
Anton Huber, 06.12.2014
5. Maßlos übertrieben
"Elend" sieht anders aus. Die Leute verdienen sich was dazu. Wenn es solche Schächte nahe der Erdoberfläche in Deutschland gäbe würden sich hier auch Leute finden, die das Zeug von unten hochholen. SPON sind wohl mal wieder die "Sensationen" ausgegangen.
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