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26. März 2014, 12:36 Uhr

In sieben Schritten

Warum Putin seine Macht den Cherokee-Indianern verdankt

Per Wikipedia durch die Weltgeschichte: Jeden Monat wühlt sich Danny Kringiel durch die uferlose Online-Enzyklopädie - und entdeckt auf einer absurden Zeitreise, dass absolut alles mit absolut allem zu tun hat.

1. Teil: B-Waffen aus Europa

Seit 1300 hatten die Cherokee über ein 60.000 Quadratkilometer großes Reich geherrscht - bis die europäischen Siedler unfassbares Leid über sie brachten: Jahrhundertelang wurden die Indianer nach Columbus' Landung 1492 durch Krieg, Mord und von Kolonisten eingeschleppte Viren dezimiert und in immer kleinere Reservate verdrängt.

Die verheerendste dieser Verdrängungswellen ist als "Pfad der Tränen" in die Geschichte eingegangen: Die Cherokee und andere Stämme wurden ab 1831 gezwungen, aus ihrer fruchtbaren Heimat im Südosten Hunderte Meilen gen Westen umzusiedeln. Tausende starben bei dem Marsch.

Die Überlebenden bauten im Indianer-Territorium eine neue Existenz auf und installierten eine eigene Regierung im Ort Tahlequah, wo unter anderem Cherokee-Senator Clement Vann Rogers über die Geschicke seines Volkes wachte. Noch bekannter als er selbst wurde allerdings...

Schlüsselqualifikation Albernheit

...sein Sohn Will Rogers. Gab es zunächst noch große Spannungen zwischen Will und seinem Vater, der befürchtete, aus dem Jungen würde nichts werden, da es ihm an Ernsthaftigkeit mangelte, so entpuppte sich genau diese Albernheit später als Will Rogers' größte Stärke: In den zwanziger und dreißiger Jahren avancierte der inzwischen erwachsene Rogers zu einem der berühmtesten Komiker der USA. Erst in Vaudeville-Theaternummern, später in Stummfilmen und schließlich in zahlreichen Tonfilmen stieg er zum Entertainment-Megastar auf.

Doch aufgrund seines herausragenden Wortwitzes machte Rogers bald auch als Kolumnist Karriere: Von 1922 bis 1935 verfasste er erst wöchentlich, später täglich für das New Yorker McNaught-Zeitungssyndikat Tausende Kolumnen, die auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit parallel in 400 Zeitungen veröffentlicht wurden und ihn zum bestbezahlten Kolumnisten des Landes machten.

Es war eine dieser Kolumnen, die...

Vom Gepäckträger zum Superstar

...Rogers irgendwann Mitte der zwanziger Jahre eines Nachts in eine Telegrafenstation im Örtchen Chelsea, Oklahoma, verschlug. Denn obwohl der Komiker und Autor mittlerweile seit Jahren in New York arbeitete und lebte, zog es ihn oft in seine alte Heimat Oklahoma, von wo aus er seine Artikel per Telegramm an die New Yorker Redaktion verschickte.

Doch an diesem Abend lenkte etwas völlig anderes Rogers' Interesse auf sich, als er die Telegrafenstation betrat: Er hörte den Gesang und das Gitarrenspiel eines jungen Mannes.

Der Herr, der während seiner Arbeitszeit musizierte, war eigentlich gar kein Telegraf, sondern nur ein schnöder Gepäckträger des Bahnhofs der "St. Louis-San Francisco Railway"-Eisenbahnlinie, in dem sich die Station befand. Doch Gene Autry, so sein Name, hatte sich vom Stationsleiter zeigen lassen, wie man telegrafiert, und nun sprang er manchmal als Vertretung ein - besonders in der unbeliebten Nachtschicht. Weil ihm diese meist ereignislosen Schichten aber bald ziemlich langweilig geworden waren, vertrieb er sich immer öfter die Zeit damit, Gitarre zu spielen und dazu zu singen.

Will Rogers war begeistert von der Darbietung - und riet Gene, er solle es als Profi-Musiker versuchen. Der nahm sich den Rat des Entertainment-Stars zu Herzen und...

Jodeledi-yi-yay!

...reiste, nachdem er das nötige Geld dafür zusammengekratzt hatte, im Jahr 1927 nach New York, um sich bei den großen Plattenverlagen vorzustellen. Und tatsächlich gelang es ihm, nach einigen Radioauftritten als "Oklahomas jodelnder Cowboy" Gesangskarriere zu machen und in den ganzen USA bekannt zu werden. Neben Country-Hits wie "That Silver-Haired Daddy of Mine" bescherte er der Welt auch mit Weihnachtsliedern wie "Rudolph the Red-Nosed Reindeer" anhaltende Ohrwürmer.

Heute gilt Autry als einer der wichtigsten historischen Wegbereiter der Country Music - nicht nur wegen seiner Musik, sondern auch als Schauspieler. Denn Autry spielte in zahlreichen Musikfilmen der Ära mit, durch die Country in den USA maßgeblich popularisiert wurde.

Einer davon war...

Rauchende Colts, singende Hügel

...der Westernfilm "The Singing Hill" aus dem Jahr 1941: Gene Autry spielte hierin einen rechtschaffenen (und natürlich singenden) Cowboy namens Gene Autry, der verhindern will, dass eine Ranch und die dazugehörenden Ländereien an einen skrupellosen Geschäftsmann verkauft werden - und dazu nicht nur Fäuste und Colts, sondern auch Lieder sprechen lässt.

Neben Country-Gassenhauern wie "Ridin' Down That Old Texas Trail" intonierte der Sänger dabei auch ein ganz besonderes Lied, das nicht nur die Herzen der Amerikaner erobern, sondern auch die Geschichte verändern sollte, nämlich...

Gipfeltreffen der Pop-Titanen

...den Titelsong "Blueberry Hill", für den Film verfasst von Vincent Rose, Larry Stock und Al Lewis. Er sollte sich schon bald über den Soundtrack des Western hinaus als echter Evergreen entpuppen: Neben der von Autry eingesungenen Originalversion nahm noch 1941 das renommierte Glenn Miller Orchestra eine beliebte Version des Titels auf.

Es folgten über Jahrzehnte hinweg unzählige weitere Coverversionen, unter anderem von Elvis Presley, Led Zeppelin, den Beach Boys oder Elton John. Die zweifellos bekannteste davon bleibt jedoch bis heute die weltberühmte Interpretation, die Fats Domino (der sich den Text partout nicht merken konnte und daher in mehreren Anläufen aufnehmen musste) 1956 veröffentlichte.

Doch nicht nur zahlreichen Musikern ist das Stück offenbar ans Herz gewachsen - auch für einen bekannten Politiker sollte der Song eine wichtige Rolle spielen, und zwar...

Blut und Blaubeeren

...für den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin. Denn nicht nur mittels beharrlicher Selbstdarstellung als harter Kerl und Naturbursche durch pressewirksame Kampfjet-Flüge, Kampfsportvorführungen, Flugversuche mit Kranichschwärmen oder halbnackte Reitausflüge in der sibirischen Tundra schaffte es Putin, sich die Gunst seines Volkes zu sichern.

Zum wahren Präsidenten der Herzen schwang der ehemalige KGB-Agent sich mit seinem Auftritt auf einer Spendengala für Kinder am 11. Dezember 2010 in Sankt Petersburg auf, als er seine emotionale Seite zeigte und vor laufenden Kameras "Blueberry Hill" anstimmte. Die anwesende Prominenz, darunter Kevin Kostner, Alain Delon und Sharon Stone, schunkelten munter, Gérard Depardieu klatschte so eifrig im Takt mit, als ahnte er bereits, dass er drei Jahre später einen sicheren Hafen für seine Steuerflucht brauchen würde, und am Ende war allen klar: Putin, dieser grundsympathische Mann, war der Richtige, um Russland in die Zukunft zu führen.

Kein Wunder, dass Polit-Barde Putin bei der russischen Präsidentschaftswahl 2012 mit 63,6% gewann und so am 7. Mai seine dritte Amtszeit als russisches Staatsoberhaupt antreten konnte - nachdem die Moskauer Polizei Massendemonstrationen gegen seine erneute Vereidigung gewaltsam niedergeschlagen hatte.

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