SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. September 2019, 14:25 Uhr

Alltagsbilder aus dem Westen

Tante Inges Fotoschatz

Von

Bilder machte Ingeborg Loh ihr ganzes Leben lang, im Alltag wie auf Reisen. Und hielt ihre Leidenschaft geheim. Erst als die alte Dame ins Pflegeheim musste, entdeckte ihr Neffe 30.000 hinreißende Schnappschüsse.

Wenn Tante Inge ihre Verwandten besuchte, hatte sie immer einen Fotoapparat dabei. Eine einfache, preisgünstige Kamera aus dem Versandhauskatalog, ganz unauffällig. Ihr Neffe Karsten Loh erinnert sich, dass sie nach solchen Treffen Briefe mit ein, zwei Bildern schickte: nette Familienfotos, auf denen er und seine Schwestern brav vor einem Busch standen und ins Objektiv lachten. Erst spät fand er heraus, welche ungeahnte Dimensionen ihr Hobby wirklich angenommen hatte.

Als die alte Dame mit über 90 Jahren in ein Pflegeheim umziehen musste, hatte sie einen dringenden Wunsch: "Karsten soll sich um meine Fotos kümmern!" Was der Illustrator dann in ihrem Haus in Goldbach bei Aschaffenburg entdeckte, verschlug ihm den Atem: In Schränken und Schubladen lagen haufenweise akkurat beschriftete Alben und Taschen mit Bildern, die seine Tante im Laufe ihres langen Lebens geknipst hatte. Diesen privaten Schatz hatte bis dahin offenbar niemand zu Gesicht bekommen.

Ingeborg Lohs Fotos bilden ein Stück Alltagsgeschichte der Bundesrepublik ab. Meisterwerke der Lichtbildkunst sind sie nicht, im Gegenteil völlig ungekünstelt, spontan, direkt. Und genau das macht ihren Charme aus. Es sind Momentaufnahmen voller Situationskomik, die vor ihrer Haustür oder auf Urlaubsreisen entstanden. Eine Farbaufnahme von 1970 zeigt beispielsweise ihren Bruder Eberhard, der voller Stolz auf sein neues Auto und mit Selbstironie einen aufgespannten Regenschirm über die Motorhaube hält.

Sechs Jahre später fing sie zu später Stunde mit der Kamera einen guten Freund ein, der gerade Geburtstag hatte. Er und ein Kumpel schauen trotz des fröhlichen Anlasses eher melancholisch drein, vermutlich nach ausgiebigem Alkoholgenuss. Und auf einer weihnachtlichen Kaffeetafel wachen zwei einsame Wichtel über eine halb aufgegessene Torte.

Tante Inges zweites Leben

Von den insgesamt etwa 30.000 Negativen und Abzügen, teils schon verschimmelt, konnte Karsten Loh gut 16.000 retten und katalogisieren. "Wir wussten zwar, dass Tante Inge seit ihrer Jugend fotografierte. Dass sie so talentiert war und in ihrem ganzen Leben ständig auf den Auslöser gedrückt haben muss, konnte sich aber niemand vorstellen", sagt er. "Vor uns hat sie diese Leidenschaft immer geheim gehalten."

Ingeborg Loh, 1926 nahe Wuppertal geboren, galt in ihrer Familie als besonders korrekt und verantwortungsbewusst. Schon früh hatte sie gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Als Chefsekretärin in einem Industriekonzern verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt selbst, ließ sich in Unterfranken ein Haus bauen und holte ihre Eltern zu sich. Drei tiefere Beziehungen zu Männern gingen in die Brüche, sie heiratete nie und blieb kinderlos.

Beim Sortieren der Bilder entdeckte Karsten Loh ganz neue Seiten an seiner Tante. Bei Feiern mit ihren Freunden wirkte sie viel ausgelassener und fröhlicher, als ihre Familie sie je erlebt hatte.

In den Achtzigerjahren knipste sie einmal zwei Frauen, die sich beim Partyspiel "Wandernde Salzstange" vergnügten: Man beißt vom Knabbergebäck ein Stück ab und muss den Rest mit dem Mund weitergeben, ohne die Hände zu benutzen. Vermutlich machte Ingeborg Loh selbst mit, als sie ihren Schnappschuss im Kasten hatte. Am letzten Abend ihres Urlaubs in Südfrankreich 1989 lichtete sie drei Frauen ab, die herumalberten und Dessous vorführten.

Großes Echo auf Instagram

Die Laienfotografin hatte ein feines Gespür für das Kuriose im Alltag und dazu eine weitere große Leidenschaft - das Reisen. An der Wand hinter ihrem Büroschreibtisch hing eine große Weltkarte. Per Bus, im "rollenden Hotel", fuhr die abenteuerlustige Frau mit Gleichgesinnten durch Länder wie Norwegen, Ägypten, Südafrika und Argentinien. In Kanada, wo ein Teil der Familie lebt, schoss sie mit leiser Ironie von hinten das Bild eines Mannes, der gerade einen Zug fotografierte. Karsten Lohs Cousine Susan wurde von der Seite dabei beobachtet, wie sie einen Hund knipste.

Noch im hohen Alter besuchte Ingeborg Loh den weit über die Region hinaus bekannten Magnolienhain in Aschaffenburg, um die Baumblüte zu fotografieren. "Das war ihre Art, das Leben um sie herum festzuhalten und eine persönliche Spur zu hinterlassen" - über ihr Hobby habe sie vielleicht nicht sprechen wollen, um nicht die Spontaneität zu verlieren, meint Karsten Loh. Unter ihren zahlreichen Büchern hat er nicht einen einzigen Band über Fotografie gefunden.

Karsten Loh bezeichnet sie als "spektakuläre Fotografin dafür, dass sie eigentlich keine Fotografin war". Nur eine einzige Aufnahme erschien 1992 in der Lokalzeitung. Darauf sieht man eine Kuh auf einer Weide im Oberallgäu, deren Flanke das Brandzeichen "AB" ziert - es ist auch das Autokennzeichen von Aschaffenburg.

Als Karsten Loh 2018 die Schnappschüsse nach und nach in sozialen Netzwerken veröffentlichte, überraschte ihn das große Echo. Schon in den ersten drei Tagen schauten Zehntausende Nutzer die Fotos auf Twitter und Instagram an. "Ich erzählte ihr, wie viele fremde Menschen von ihren Bildern begeistert sind, und sie hat glücklich gelächelt", sagt er. "Ganz verstanden hat sie es aber wohl nicht."

Anfang dieses Jahres ist Tante Inge gestorben, doch im Internet bleibt sie weiterhin lebendig. Nach wie vor melden sich Menschen, die zufällig mit aufs Foto kamen und damit Teil dieser Geschichte geworden sind.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung