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Interview mit russischer Kunsthistorikerin: "Das Geheimnis der Blutdiamanten lüften"

Foto: Yevgeny Kondakov

Interview mit russischer Kunsthistorikerin "Das Geheimnis der Blutdiamanten lüften"

Die russische Kunsthistorikerin Nadeschda Danilewitsch sucht seit 15 Jahre nach dem Schatz des letzten Zaren. Auf einestages erzählt sie von verschollenen 100-Karat-Diamanten, diebischen Schatzwächtern und davon, wie die Bolschewisten ihre Weltrevolution mit Juwelen finanzierten.

einestages : Seit fünfzehn Jahren suchen Sie nach den verschollenen Zarenjuwelen. Zu welchem Schluss kommen Sie?

Daniljewitsch: Dass es noch viel zu entdecken gibt! In den ersten zehn Jahren habe ich kaum etwas gefunden. Jetzt wird es leichter, zumal sich die Archive in Russland für mich geöffnet haben, seit ich Mitglied der Kommission zur Erforschung der Details des Zarenmordes bin. Die Kommunisten haben generell geschichtliche Fakten gezielt gefälscht. Das beste Beispiel ist das Schicksal der Zarenfamilie. Lange würde geleugnet, dass sie ermordet wurden. Immer noch sind viele Dokumente "Streng geheim". Wenn man dann die ganzen Akten durchsieht, kann man den Eindruck bekommen, als sei die Familie geradezu ermordet worden, um an ihre Schätze und des Schätze des russischen Zarenreiches zu kommen.

einestages : Warum sprechen Sie von den "Blutdiamanten von Jekterinburg"?

Daniljewitsch: Wie jede Familie, die mit einer Katastrophe konfrontiert ist, hat auch die Zarenfamilie das Wertvollste mitgenommen, als sie aus Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, nach Sibirien deportiert wurde. Schmuckstücke sind klein, nehmen wenig Platz weg, sind aber dennoch kostbar. Die Zarengattin Alexandra, eine Deutsche aus dem Hause Hessen-Darmstadt, und ihre vier Töchter haben Juwelen in ihre Korsetts eingenäht. Deshalb prallten einige der Kugeln des Erschießungskommandos ab. Erst als man die Ermordeten auszog, entdeckte man die Diamanten. An ihnen klebt Blut, im Wortsinne. Sie ruhen wie ein Fluch auf unserem Land.

einestages : Was haben die Bolschewisten mit diesem persönlichen Schmuck der Zarenfamilie gemacht?

Daniljewitsch: Sie haben gehandelt wie gemeine Marodeure. Sie brachten den Schmuck nach Moskau und haben ihn dann unkenntlich gemacht, indem sie ihn in Bestandteile zerlegten und Steine aus der Fassung nahmen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, ist er dann ins Ausland verkauft worden. Die Kommunisten brauchten Geld, um ihr schwächelndes Regime zu stützen. In den chaotischen zwanziger Jahren wechselte das Eigentum sehr schnell den Besitzer, oft als Resultat von schlichten Diebstählen. In der eigens gegründeten staatlichen Schatzkammer beispielsweise, wohin der Zarenschatz gebracht worden war, wurde soviel gestohlen, dass eine Untersuchung der Geheimpolizei Tscheka 140 Mitarbeiter verhörte. 19 wurden erschossen.

einestages : Und wo stecken die Juwelen von Jekaterinburg heute?

Daniljewitsch: Das ist nicht bekannt. Ich habe aber die Hoffnung, dass einzelne Schmuckstücke oder Teile davon doch noch irgendwann auftauchen. Viele Dokumente mit dem Stempel "Streng geheim" sind noch nicht ausgewertet. Und schauen Sie, der Teil des Zarenschatzes, den die Familie während ihrer Gefangenschaft in der sibirischen Stadt Tobolsk herausschmuggelte, würde auch erst kürzlich bekannt.

einestages : Was wurde dort gefunden und wo sind diese Juwelen?

Daniljewitsch: Insgesamt 154 Preziosen, darunter ein 100-Karat-Diamant, fünf prachtvolle Diademe der vier Zarentöchter und der Zarengattin und die Halbmond-Brosche, die der türkische Sultan den Romanows zum 300. Geburtstag ihrer Dynastie im Jahre 1913 geschenkt hat. Die Geheimpolizei OGPU, eine Vorläuferorganisation des KGB, hat Schmuckstücke 1933 gefunden, welche die Zarenfamilie mit Hilfe von Dienern, einem Priester und Nonnen herausgeschmuggelt hat. Durch Folter haben die Tschekisten dann das Versteck aufgespürt. Allerdings sind auch diese Kostbarkeiten verschollen.

einestages : Ist also alles verschwunden?

Daniljewitsch: Nein, ich konnte die Spur von mehr als dreißig Schmuckstücken aus dem Kronschatz aufnehmen. Juwelen sind der verborgenste Teil des internationalen Auktionsgeschäftes. Nur manchmal leuchten sie für einen kurzen Moment auf, blenden die Käufer, nur um dann wieder im Dunkel der Geschichte zu verschwinden.

einestages : Was war Ihre aufregendste Entdeckung?

Daniljewitsch: Die größte Sensation war sicherlich, das Winter-Ei von Fabergé, das über vierzig Jahre verschollen war und dann 1994 in Genf bei einer Auktion von Christie's für 5 Millionen Dollar verkauft wurde. Ein Sammler aus St. Louis hat es erworben. Wer genau, ist nicht bekannt. Erst 2002 tauchte das Ei wieder auf einer New Yorker Auktion von Christie"s auf und wurde bereits für 10 Millionen versteigert.

einestages : Der Magnat Wiktor Wexelberg hat für 120 Millionen Dollar neun der Fabergé-Eier gekauft, die aus der Sammlung von Malcolm Forbes stammten, und sie nach Russland zurückgeführt ...

Daniljewitsch: Die Eier haben immer schon viel Aufsehen erregt. Der Kreml hatte zehn und Forbes setzte aus ideologischen Gründen alles daran, mehr zu besitzen. Er wollte die Kommunisten, die Roten Zaren im Kreml, schlagen und demütigen. Nun kommen die Fabergé-Eier so wie viele andere Kunstgegenstände, die ins Ausland verkauft wurden, nach Russland zurück. Das freut mich.

einestages : Was haben Sie zuletzt in Augenschein nehmen können?

Daniljewtisch: Ein Collier, das schon Katharina die Große getragen hat, ein Meisterwerk der Juwelierkunst aus dem 18. Jahrhundert. Der Chef der Juwelen-Abteilung von Sotheby's schwärmte, dass er in dreißig Jahren seiner langen Karriere nichts Vergleichbares gesehen hat. Sehr eindrucksvoll ist auch ein anderes Collier. Es wurde aus Blumen- Broschen zusammengesetzt, die Katharina, die Große getragen hat. Im Juni diesen Jahres wurde bei Sotheby's in London ein Diamantorden verkauft, welcher der Mutter des letzten Zaren gehörte, Maria Fjodorowna.

einestages : Was wird in Ihrem Buch zum "Zarenschatz" stehen, an dem Sie arbeiten?

Daniljewitsch: Es wird das Schicksal der Zarenjuwelen erzählen und wird aufzeigen, wie systematisch die Bolschewisten daran gingen, den Besitz der Romanows zu Geld zu machen. Es ist nicht ohne Ironie, dass die Kommunisten die Juwelen an den Klassenfeind im Westen verscherbelten, zum Teil in Geheimverkäufen zum Teil bei öffentlichen Auktionen in London und Berlin. Mein Buch enthält die Quintessenz von Zehntausenden von Fotos und Tausenden Dokumenten, die ich ausgewertet habe. Ich möchte den staubigen Schleier lüften. Die ganze Wahrheit über die landesweite Plünderung des Zaren- und Adelsvermögens muss auf den Tisch.

Das Interview führten Hans Michael Kloth und Matthias Schepp
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