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The-Who-Gitarrist Pete Townshend "Wie durch ein Wunder überlebt"

Mit The Who schrieb Gitarrist und Songwriter Pete Townshend Rockgeschichte und erlebte Drogenexzesse. Mit 74 erinnert er sich an tote Kollegen, eine finstere Jugend und seine Überdosis in einem Klub.
Ein Interview von Alex Gernandt
Zur Person
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Pete Townshend wurde am 19. Mai 1945 in London geboren. Nach der Trennung der Eltern wuchs er bei seiner Großmutter auf. 1964 gründete der Gitarrist und Songwriter The Who, schrieb Hits wie "My Generation" und "Pinball Wizard" sowie die Rockopern "Tommy" und "Quadrophenia". 1969 trat die Band in Woodstock auf. Nach dem Tod von Drummer Keith Moon 1978 machten The Who auf Drängen Townshends weiter, bis sie sich 1983 trennten. Wiedervereinigungen erfolgten 1988 und 1999, im Dezember 2019 erschien nach 13 Jahren Pause das neue Album "Who".

SPIEGEL: Herr Townshend, eines der großen Who-Alben hieß "Who Are You". Und, wer sind Sie?

Townshend: Jemand, der endgültig weiß, dass er alt ist. Ist aber okay, weil ich gesund bin und mein Alter nicht spüre. Älter zu sein kann interessant sein, dass man Wissen und Erfahrung hat, macht entspannter. Andererseits: Wenn du 40 wirst, denkst du, die Uhr wird sich nie schneller drehen. Falsch! Mit 74 weiß ich, dass ich noch einiges erledigen muss, bevor ich den Löffel abgebe.

SPIEGEL: Haben Sie noch einen Draht zur Jugend?

Townshend: Ich werde bis heute von jungen Musikern um Rat gebeten, etwa via Instagram. Das zeigt mir, dass ich nicht alt und ausgelaugt bin. Ich kann mich in junge Menschen hineinversetzen. Aber eines ist mir klar geworden: Egal wie leidenschaftlich junge Leute an ihre Sache rangehen als Musiker, Maler oder Schriftsteller - reich werden sie heute nicht mehr mit ihrer Kunst. Die Zeiten sind vorbei.

SPIEGEL: Vor fast 50 Jahren sangen The Who in "Baba O'Riley" vom "teenage wasteland", von der Einöde, in der Jugendliche aufwachsen. Gilt das bis heute?

Townshend: Ich denke, dass Jugendliche sich auch heute so fühlen, wenn auch unter anderen Bedingungen. Es wäre unfair, die heutige Jugend verwöhnt zu nennen. Kids stehen anderen Herausforderungen gegenüber. Mittlerweile ist wohl jedem klar, dass wir den Planeten retten, unseren Lebensstil ändern und auf die Wissenschaftler hören müssen, von denen Greta Thunberg ständig spricht. Wir müssen einen Weg finden, deren Erkenntnisse im Alltag sinnvoll umzusetzen.

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SPIEGEL: Ihre eigene Jugend bezeichnen Sie als schwierig und oft düster.

Townshend: Meine Eltern Cliff und Betty waren Musiker, wir lebten in Acton, in London. Als sie sich trennten, war ich vier und wurde zu meiner Großmutter nach Westgate-on-Sea abgeschoben. Das war schlimm, sie war psychisch gestört. Damals wurde ich Opfer von körperlichem Missbrauch, war aber zu jung, um zu verstehen, was da vor sich ging. Ich sprach mit niemandem darüber. Mit sieben kam ich zurück nach Acton, meine Eltern ahnten von nichts. Geborgenheit fand ich in einer Straßengang. Wir waren 20 Jungs, streunten durch das Nachkriegs-London, zerbombte Häuser, kaum Autos auf den Straßen. Dann kam ich zu den "Sea Scouts", eine Art Pfadfinder auf dem Wasser. Wir fuhren oft über die Themse. Das Knattern des Außenbordmotors, Wind und Wellen waren Musik in meinen Ohren.

SPIEGEL: Wie fanden Sie zur Musik?

Townshend: Ich lernte Gitarre spielen, Musik wurde meine Flucht aus dem Alltag. Als ich später The Who gründete, hatte ich wieder eine Gang. Auf den Konzeptalben "Tommy" und "Quadrophenia" habe ich meine Jugenderlebnisse verarbeitet. Meine negativen Erfahrungen haben mich gelehrt, dass Schmerz eine Funktion haben kann, ich wurde dadurch kreativ.

SPIEGEL: Ihre Kreativität nutzen Sie auch zu kritischen Stellungnahmen - so setzen Sie sich auf der neuen Single "Ball And Chain" mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo auseinander.

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Der Rocker mit dem Windmühlenarm

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Townshend: Ich wollte nicht plump mit Trump oder Boris Johnson abrechnen, sondern subtiler sein. Barack Obama fand ich als US-Präsident großartig, aber auch er hat es nicht hinbekommen, Guantanamo zu schließen, obwohl er es im Wahlkampf versprochen hatte. Mir missfällt die Vorstellung, dass Männer an einem geheimen Ort in Käfige gesperrt und gefoltert werden. Wir kennen ihre Namen nicht und wissen nicht mal, ob sie überhaupt schuldig sind. So wie früher in der DDR.

SPIEGEL: Waren Sie vor dem Mauerfall mal dort?

Townshend: Erst danach. Man sagte mir, dass ich um 1970 einen Hit in der DDR hatte mit meinem Projekt Thunderclap Newman. Unser Song "Something in the Air" war im US-Film "Blutige Erdbeeren" zu hören. Der durfte in DDR-Kinos gezeigt werden, weil er von der Studentenrevolte in Amerika handelte.

SPIEGEL: Ihr neues Werk nennen Sie schlicht "Who". Womöglich das letzte?

Townshend: Ich denke nicht! Das aktuelle Album habe ich für Roger Daltrey geschrieben, weil ich froh bin, dass er nach Gesundheitsproblemen seine Stimme wieder hat. Roger hat sein Leben gegeben, um meine Lieder zu singen. Ich hatte das Gefühl, ihn in den letzten Jahren vernachlässigt zu haben. Deshalb habe ich ihm Songs wie "Hero Ground Zero" oder "I Don't Wanna Get Wise" komponiert. The Who hatte ich dabei nicht im Sinn - die Band existiert ja eigentlich nicht mehr.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

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Townshend: Ohne Keith Moon und John Entwistle fehlt die Magie. Wir versuchen, sie zu ersetzen, aber es ist nicht dasselbe. Zak Starkey, Ringo Starrs Sohn, ist ein großartiger Drummer und stand Keith Moon nah, aber er ist und er spielt völlig anders.

SPIEGEL: Moon starb 1978 in London mit erst 32 Jahren...

Townshend: ...in meiner Wohnung in Mayfair, die ich von Sänger Harry Nilsson gemietet und Keith und seiner Freundin überlassen hatte. Der frühere Besitzer der Bude war Ringo Starr. Mama Cass, die Sängerin von The Mamas & The Papas war dort nur vier Jahre zuvor gestorben, auch mit 32. Tragisch. Bei Keiths Lebenswandel war sein Tod absehbar und dennoch ein Riesenschock.

SPIEGEL: Trotzdem hielten Sie The Who am Leben.

Townshend: Aber 1983 ging es einfach nicht mehr. Ich war fertig und erschöpft. Zu dieser Zeit war ich hart unterwegs, habe meine Frau und meine Töchter verlassen, mich kopfüber ins Nachtleben gestürzt.

SPIEGEL: Bis zur Überdosis.

Townshend: Ich war eines Nachts unterwegs mit Phil Lynott von Thin Lizzy und Paul Weller. Im "Club for Heroes" traf sich die New-Romantic-Szene. Dort hat's mich erwischt. Ich brach zusammen, Nadel im Arm. Die Überdosis habe ich wie durch ein Wunder überlebt. Aber tags darauf - nicht eine Zeile in der Zeitung. Schon enttäuschend.

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SPIEGEL: 2003 gerieten Sie im Zuge eines Kinderpornografie-Skandals in die Schlagzeilen. War Ihre Karriere in Gefahr?

Townshend: Sicher. Eine schlimme Zeit, eine Hexenjagd. Letzten Endes hat sich alles zu meinen Gunsten aufgeklärt. 15 Computer wurden konfisziert, darunter welche, auf denen neue Demo-Songs gespeichert waren. Die Auswertung dauerte Monate, es wurde kein belastendes Material gefunden. Aber für meine Frau und mich war diese Zeit die Hölle, auch weil die Presse groß darüber berichtete. Betraten wir ein Restaurant, standen Leute auf und gingen.

SPIEGEL: Sie sagten einmal, der Skandal habe Ihnen das Leben gerettet. Wie das?

Townshend: In dieser Zeit war ich festgesetzt und konnte fast nichts unternehmen. Da kam ich auf die Idee, mich vom Arzt durchchecken zu lassen. Mein Vater starb mit 69 an Darmkrebs, also ließ ich eine Darmspiegelung machen. Meine Freunde hatten mich gewarnt, wie unangenehm das sei. Aber der Arzt entdeckte tatsächlich ein Geschwür. Der Krebs hatte nicht gestreut und konnte auf der Stelle entfernt werden. Sonst wäre ich binnen 18 Monaten tot gewesen.

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SPIEGEL: Neben The Who veröffentlichen Sie auch Soloalben und Musicals wie "Iron Man", schreiben Bücher wie kürzlich "Age of Anxiety". Konnten Sie sich einen normalen Nine-to-five-Job nie vorstellen?

Townshend: Doch. Von 1983 bis 1986 hatte ich mal einen ordentlichen Job - als Lektor in einem Buchverlag.

SPIEGEL: Wie kommt man als Rockikone bitte auf einen Bürojob?

Townshend: Nach Auflösung von The Who hatte ich Bock auf ein geregeltes Leben. Im Verlag verdiente ich 7000 Pfund - im Jahr. Die Bücher, an denen ich arbeitete, waren künstlerisch, aber keine Verkaufserfolge. Ich selbst wollte ein Buch schreiben über Sinn und Funktion von Kunst. Mein Verlagschef fand die Idee toll, verlangte aber auch Storys über Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Die wollte ich damals nicht schreiben.

SPIEGEL: Stimmt es wirklich, dass Sie ungern auf der Bühne stehen?

Townshend: Ich liebe meinen Job als Musiker. Außer Touren. Musik zu spielen, verschafft mir enorme Energie. Ich kann sterbenskrank sein, auf die Bühne gehen, ein Konzert spielen, als sei alles okay - und danach wieder sterbenskrank sein. Aber die Reiserei nervt, und dass die Konzerte oft Routine und keine Herausforderung mehr sind. Liveauftritte sind nur ein Job, von dem ich weiß, dass ich ihn gut mache. Klingt sicher blasiert, aber so empfinde ich das.

SPIEGEL: Merken Sie nach Tausenden Konzerten noch, dass ihre Musik Menschen glücklich macht?

Townshend: Mal mehr, mal weniger. Wichtig sind die Fans und nicht, ob ich Spaß auf der Bühne habe. Wahres Glück ist für mich, dass ich finanziell in der Lage bin, jemandem in Not zu helfen. Wenn ein Verwandter anruft und sagt, dass er nicht weiß, wie er die Krebstherapie seiner Frau bezahlen soll, dann übernehme ich die Kosten, ohne lange zu fackeln. Damit mache ich ihn sicher glücklich, und mich ebenso.

SPIEGEL: Zwischen Who-Sänger Roger Daltrey und Ihnen flogen früher oft die Fetzen. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Townshend: Sehr gut! Roger und ich verstehen uns, obwohl wir grundverschieden sind. Ich glaube an Gott - er nicht. Er ist überzeugter Brexiteer - ich nicht. Er liebt es, auf der Bühne zu stehen - ich nicht so. Unsere Gemeinsamkeiten sind das Alter und die Dinge, die wir zusammen erlebt haben. Das verbindet uns mehr als unsere Ansichten.