Invasion in der Schweinebucht Warum Kubas Karibik-Kommunisten sich bei Kennedy bedankten

Was für eine Blamage: Die Weltmacht USA versuchte vor genau 60 Jahren, die kubanische Regierung zu stürzen – und scheiterte an den bärtigen Revolutionären um Fidel Castro. Der »Máximo Líder« triumphierte.
Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Fidel Castro (Bildmitte; mit Brille) am 17. April 1961 in einem Panzer nahe der Schweinebucht: »Erste große Niederlage des nordamerikanischen Imperialismus in Lateinamerika«

Fidel Castro (Bildmitte; mit Brille) am 17. April 1961 in einem Panzer nahe der Schweinebucht: »Erste große Niederlage des nordamerikanischen Imperialismus in Lateinamerika«

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Raul Corrales / AP

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Als alles vorbei war und die militärische Schlacht erfolgreich geschlagen, begann die propagandistische. Auch an dieser Front erwies sich Fidel Castro als begabt. In der Schweinebucht auf Kuba hatte eine vom US-Geheimdienst CIA zusammengestellte Söldnerarmee Mitte April 1961 eine Invasion versucht, um Castros Regierung zu stürzen. Die kubanischen Streitkräfte nahmen mehr als 1000 Kämpfer gefangen und sperrten sie in den Sportkomplex Ciudad Deportiva in Havanna. Wenige Tage darauf schritt der Revolutionsführer höchstselbst zur Befragung.

Es wurden eher Lehrstunden als Verhöre. So fragte Castro eine Gruppe von Fallschirmspringern, ob sie wüssten, dass »die Höchststrafe darauf stehe, wenn man die Insel im Namen einer fremden Macht« überfalle. »Ihr ließet euch von den Imperialisten zu diesem Abenteuer überreden«, dozierte er. »Doch die Revolution ist edelmütig.«

Viele der Gefangenen stammten aus Familien der kubanischen Mittel- und Oberschicht von vor der Revolution. Mit manchen diskutierte Castro, 34, auch lange über Kommunismus. Aber er wollte mehr: Um die Invasoren bloßzustellen, ersann er ein öffentliches Tribunal. Nicht im Gerichtssaal, sondern im Arbeitertheater CTC in Havanna.

Vier Nächte zwischen dem 21. und 25. April stellten sich 41 ausgesuchte Kämpfer inquisitorischen Fragen: Neun Journalisten befragten sie zu ihren Motiven für den Umsturzversuch und konfrontierten sie mit den Errungenschaften der Revolution. Es ging um Ideologie und Ideale, nicht um Verbrechen und Verurteilungen. Hans Magnus Enzensberger machte aus dem 1000-seitigen Tonbandprotokoll 1970 das Buch »Das Verhör von Habana«.

Fiasko im »Hinterhof« der USA

Diese Einvernahmen, die abends begannen und im Morgengrauen endeten, verfolgten die Kubaner gespannt live in Radio und Fernsehen. Sie wurden auch in weiten Teilen Lateinamerikas gezeigt – ein Beleg, welche politische Bedeutung die gescheiterte Invasion in der »Bahía de cochinos« (Schweinebucht) hatte, die in Kuba als »Playa Girón« bekannt ist.

An diesem Strandabschnitt der Südwestküste, rund 200 Kilometer von Havanna, landeten die Invasoren an. Nach langen Kämpfen hatte eine Guerillaarmee zwei Jahre zuvor den brutalen Tyrannen Fulgencio Batista aus dem Land getrieben und Fidel Castro als »Comandante en Jefe« die Macht übernommen, mit Getreuen wie seinem Bruder Raúl und Ernesto »Che« Guevara.

Lagebesprechung der Invasoren: Diese Aufnahme entstand vier Tage vor dem Umsturzversuch in einem karibischen Geheimlager

Lagebesprechung der Invasoren: Diese Aufnahme entstand vier Tage vor dem Umsturzversuch in einem karibischen Geheimlager

Foto: AP

Bald begannen US-Regierung und Geheimdienst CIA, einen Umsturz zu planen. So machte man das damals in Washington, wenn einem gerade im eigenen sogenannten Hinterhof unliebsame Regierungen in den Weg kamen. Die Idee war, in Kuba das Modell aus Guatemala zu wiederholen, wo die Vereinigten Staaten 1954 Präsident Jacobo Arbenz durch eine von einer internen Opposition unterstützten Invasion hatte stürzen lassen.

Präsident Dwight D. Eisenhower autorisierte im April 1960 die CIA, Exilkubaner in den USA auszubilden und zu bewaffnen. Vor allem ging es für US-Unternehmen auch um viel Geld. Sie kontrollierten rund 80 Prozent der kubanischen Wirtschaft und wollten entschädigungslosen Enteignungen nicht tatenlos zusehen.

Die Lage fatal falsch eingeschätzt

Und so nahm das Abenteuer am 17. April kurz vor ein Uhr morgens seinen Lauf, benannt mit dem Decknamen »Zapata« nach den Sümpfen hinter dem Girón-Strand. Nach 65 Stunden war die Söldnerarmee geschlagen. »Abgeschnitten von jeglichem Nachschub und … eingeschlossen von 20.000 Mann, kapituliert die ›Brigade 2506‹«, schreibt der Autor Volker Skierka in seiner Castro-Biografie.

46 Millionen Dollar hatte die CIA verpulvert, zehnmal mehr als genehmigt; 1189 Männer marschierten in kubanische Gefangenschaft. Erst wurden sie zu 30 Jahren Arbeitslager verurteilt, dann nach knapp anderthalb Jahren für medizinische Güter und Babynahrung im Wert von 53 Millionen Dollar freigekauft.

Die Invasion war ein stümperhaft geplantes Unterfangen und beruhte auf einer dramatischen Fehleinschätzung der Lage auf der Insel. Castro sei ein wesentlich ernster zu nehmender Gegner gewesen als erwartet, der ein gut organisiertes Regime führte, schrieb der Historiker Arthur M. Schlesinger Jr. 1965 in seinem Buch »Thousand Days« über die Kennedy-Präsidentschaft.

»Castros Feinde waren völlig diskreditiert«

Die kubanischen Wachposten hätten die Invasion sehr früh entdeckt, die kleine Luftstreitmacht habe schnell reagiert und die Polizei sichergestellt, dass es nicht zu Sabotage oder Aufruhr kam. Die Soldaten seien loyal geblieben, Castro selbst sei nie in Panik verfallen, betont Schlesinger, damals Kennedys Sonderberater.

John F. Kennedy, gerade drei Monate im Amt, hatte das Projekt von seinem Vorgänger Eisenhower geerbt, war von Anfang an nur halbherzig bei der Sache und verweigerte der Mission jede offizielle militärische Unterstützung durch die US-Streitkräfte. Denn er wollte unbedingt vermeiden, dass die Sowjets im Gegenzug gegen West-Berlin vorgingen. Am Ende übernahm Kennedy aber die alleinige Verantwortung für das Desaster.

Es schob Veränderungen in Lateinamerika an und verstärkte den Kalten Krieg. Aber die Schweinebucht definierte auch Kennedys Präsidentschaft: was für ein Gesichtsverlust Washingtons im Propagandakrieg mit Moskau. Die Russen schickten am 12. April 1961 mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins All. Und die USA scheiterten Tage später beim Sturz einiger bärtiger Revolutionäre in der Karibik.

Der dilettantische Überfall bezweckte den Sturz Castros. Und erreichte das Gegenteil: Das kubanische Volk versammelte sich noch stärker hinter der jungen Regierung. »Castros Feinde waren hinterher völlig diskreditiert, er wurde zur Inkarnation der Revolution«, schrieb Jahre später Carlos Franqui als Chef der Zeitung »Revolución«.

Attentat mit explodierender Zigarre

Castro ging schon damals gegen die Opposition vor. Nun triumphierte er über die »erste große Niederlage des nordamerikanischen Imperialismus in Lateinamerika« – und radikalisierte sich weiter. Nach der Schweinebucht galt: weniger Demokratie, weniger Nachsicht mit Gegnern, mehr Nähe zur Sowjetunion.

In der Region löste das Vorgehen der USA eine Welle der Solidarität mit dem kommunistischen Eiland im kapitalistischen Meer aus. Danach verlegten sich die USA auf Sabotageakte und Attentatsversuche, um Castro aus dem Weg zu räumen.

638 Anschläge verzeichnete die offizielle Zählung über Jahrzehnte gegen den »Máximo Líder«; mal von der Mafia ausgeheckt, mal von der CIA oder Exilkubanern verübt. Zur Strecke bringen wollten sie Fidel mit explodierenden Zigarren, mit Giftpfeilen und Dolchen, mit Handgranaten, Feuerwaffen, vergifteten Kugelschreibern oder auch mit gedungenen Geliebten.

Letztlich starb Castro I. aber 2016 eines natürlichen Todes. Mit 90 Jahren. Sein kleiner Bruder Raúl war ihm bereits Jahre zuvor im Präsidentenamt und an der Spitze der Kommunistischen Partei nachgefolgt. 2018 trat Castro II. dann als Staatschef ab. Und am Wochenende nun gibt der 89-Jährige auch sein Parteiamt zurück. Nach gut sechs Jahrzehnten wird dann kein Castro aus der Revolutionsgeneration mehr politisch aktiv sein.

»Danke für Playa Girón. Vor der Invasion war die Revolution schwach. Jetzt ist sie stärker als je zuvor.«

Ernesto »Che« Guevera

Auch Raúl Castro hatte nach der Schweinebucht darauf gedrängt, dass Kuba sich noch fester an die Schulter des großen Bruders in Moskau lehnt. Schon 1960 schloss Kuba mit der Sowjetunion ein erstes Handelsabkommen, nahm Ende 1961 »diplomatische Beziehungen zum gesamten kommunistischen Block auf und unterzeichnete sehr vorteilhafte Handelsabkommen mit der Sowjetunion und China«, sagt der kubanisch-mexikanische Historiker Rafael Rojas dem SPIEGEL. »Die Invasion beschleunigte die sozialistische Radikalisierung der Revolution.«

Die Sowjetunion nahm die Annäherung allzu gern an, war doch ein befreundeter Vorposten im »Hinterhof« des Erzfeindes von riesigem strategischem Nutzen. Als sowjetische Atomsprengköpfe auf der Insel stationiert werden sollten, kam es im Oktober 1962 zur Raketenkrise: Für 13 Tage wandelte die Welt am Rande eines Atomkriegs.

Auch nach innen beschleunigte der Invasionsversuch die ideologische Verschärfung. Gleich nach den Kämpfen verkündete Castro den »sozialistischen Charakter« der Revolution, rief danach Kuba zum sozialistischen Staat aus und rückte vom Versprechen freier Wahlen ab.

»Jegliche Opposition wurde als konterrevolutionär und von der CIA gedungen dargestellt«, erinnerte sich Carlos Franqui, der Jahre später mit Castro brach. »Der Sieg von Girón hätte der Beginn der Korrektur interner Fehler sein können, aber das genaue Gegenteil war der Fall.«

Dieser Triumph, er schmeckte süß. Im August 1961 trafen sich die Vertreter der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Uruguay. Che Guevara als Kubas Repräsentant ließ Kennedy über dessen Berater Richard N. Goodwin eine Nachricht übermitteln: »Sagen Sie Ihrem Präsidenten: Danke für Playa Girón. Vor der Invasion war die Revolution schwach. Jetzt ist sie stärker als je zuvor.«

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