Sagenumwobene Schatzinsel Das große Graben

Gold im Wert von Abermillionen sollen Piraten auf der Isla del Coco vergraben haben. 200 Jahre lang suchten Hunderte von Expeditionen den hier vermuteten Schatz - mit teils abstrusen Mitteln.

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Eine Tonne wiegt allein die Jungfrau Maria. Ihr Körper ist aus massivem Gold und verziert mit 1684 funkelnden Edelsteinen. Ein Prunkstück, das einem den Atem raubt - und dessen Wert alle Vorstellungen übersteigt.

Und dann wären da noch die 112 anderen sakralen Goldstatuen, 150 Kelche, 200 Juwelenkisten, die 273 mit Juwelen besetzten Schwerter, Goldkronen, Silber- und Goldbarren und 1000 Diamanten, aus denen der Legende zufolge der Kirchenschatz von Lima bestehen soll. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Trotzdem waren Hunderte, vielleicht Tausende bereit, daran zu glauben. So sehr, dass sie hierher kamen, auf die Isla del Coco, 500 Kilometer vor der Küste Costa Ricas, und gruben. Immer wieder, immer tiefer. Bis die Regierung es ihnen verbot, aus Angst, dass von der Insel bald nicht mehr viel übrig sein könnte.

Die Kokosinsel gilt als eine der berühmtesten Schatzinseln der Welt. Seit bald 200 Jahren lockt das kleine, von Urwald überwucherte Eiland im Ostpazifik Abenteurer an. Selbst ein US-Präsident und eine Pinneberger Hellseherin haben hier schon ihr Glück gesucht. Manch einen ließ die Suche nach Reichtum in Armut enden.

Eine Insel wie ein Schweizer Käse

Die Geschichte des Schatzes reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als sich die Kolonien Mittel- und Südamerikas gegen die spanischen Eroberer erhoben. 1821 erreichten die Rebellen Lima, woraufhin die Kirche ihre Reichtümer in letzter Sekunde Kapitän William Thompson anvertraut haben soll, um sie auf dem Schiff "Mary Dear" in Sicherheit zu bringen. Doch die Seeleute machten sich angeblich mit dem Gold und Geschmeide davon und versteckten es gewissenhaft auf der Isla del Coco. So gewissenhaft, dass später nicht einmal Kapitän Thompson selbst in der Lage gewesen sein soll, seinen Schatz wiederzufinden.

Auf den ersten Blick ein hinreichender Beweis, dass das Gold wohl auch nicht mehr auftauchen wird. Doch die Teilnehmer der über 500 Expeditionen, die hier in den vergangenen Jahrhunderten landeten, waren anderer Meinung. Erfolgreich war keine einzige, aber die Goldgräber ließen sich nicht beirren: Irgendwo unter dem Sand des unberührten Strandes, im feuchten Erdreich des Regenwaldes oder in einer Höhle an der Küste musste er doch sein - der Schatz, der stattliche 220 Millionen Euro wert sein soll. Dass auch die Piraten Edward Davis, William Dampier, Henry Morgan und Benito Bonito ihre Reichtümer hier vergraben haben sollen, wirkt daneben nur wie ein kleiner Bonus.

August Gissler wäre am Ende wohl auch mit diesem Bonus schon zufrieden gewesen. Er war der wohl glückloseste Glücksritter in der Geschichte der Isla del Coco. 1889 kam der Fabrikantensohn aus Remscheid mit mehreren zufällig entdeckten Schatzkarten her, mit dem Plan, gleich drei Piratenschätze zu heben. Gissler machte Ernst: Er gründete eine Aktiengesellschaft, um die großangelegte Suche zu finanzieren, schuf eine Arbeiterkolonie auf der Insel und ließ kilometerlange Tunnel in das Erdreich treiben, die zum Teil noch heute zu besichtigen sind. 1897 ernannte die Regierung Costa Ricas ihn sogar zum Gouverneur der Insel. 19 Jahre hielt Gissler verbissen an seinem Traum fest, auch, als seine Arbeiter wieder wegzogen und die Kolonie verwaiste. Zuletzt gruben nur noch er und seine Frau. 1908 gab er schließlich auf. Gissler starb 1935 verarmt in New York. Gerade mal sechs Münzen hatte er auf der Isla del Coco gefunden.

Roboter auf Beutezug

Spätestens jetzt wäre ein Ende des Schatzsucher-Booms zu erwarten gewesen. Doch der Strom der Abenteurer riss einfach nicht ab, darunter illustre Gestalten: 1932 machte sich der britische Rennfahrer Malcolm Campbell auf die Suche nach der Piratenbeute, der ebenfalls schatzsuchaffine US-Präsident Theodore Roosevelt reiste - offiziell zum Fischen - gleich mehrere Male zur Kokosinsel, und auch Hollywoodstar Errol Flynn soll hier zum Spaten gegriffen haben. Der Berliner Wolfgang Lietz gründete, nachdem er im Nachlass eines Walfängers eine Schatzkarte der Kokosinsel entdeckt hatte, gleich einen ganzen Schatzsucherverein, "Cocos e.V.". Mehrere Male fuhren sie mit Metalldetektoren auf die Pazifikinsel - aber außer ein paar alten Küchengeräten fanden auch sie nichts.

Durch den Schatz, den keiner fand, drohte die Isla del Coco einen Schatz zu verlieren, der keinem auffiel: Die Menschenhorden, die sich auf der Jagd nach Reichtum durch die Insel gruben und bohrten, hinterließen ihre Spuren. Die einst unberührte Natur des Eilands mit seinen mehr als 200 Wasserfällen auf nur 24 Quadratkilometern Fläche und dem einzigen tropischen Regenwald im Ostpazifik drohte, dem exzessiven Goldgräbertourismus zum Opfer zu fallen. Darum stellte Costa Ricas Regierung die Kokosinsel 1978 schließlich unter Naturschutz und setzte den Ausgrabungen damit ein Ende.

Dem Ansturm der Schatzsucher jedoch nicht: Offenbar hatte die Regierung ihren Erfindungsreichtum weit unterschätzt. Der costa-ricanische Historiker Raúl Arias etwa versuchte 2003, die Piratenbeute vom Weltall aus zu finden. Mit Hilfe von Satellitenaufnahmen meinte er, ungewöhnliche Konzentrationen von Metall an drei Stellen der Insel ausgemacht zu haben. Und der britische Ingenieur Shaun Whitehead rückte dem Schatz neun Jahre später gar mit einer Kameradrohne zu Leibe, die aus der Luft eine 3D-Karte der Insel erstellte. Zugleich spürte ein schlangenartiger Roboter für Whitehead auf der Oberfläche mit einer Art Radarsystem unterirdische Hohlräume auf. So beeindruckend ihr technischer Aufwand war - den Schatz fanden beide Missionen nicht.

Parapsychologische Hilfe

Die wohl ungewöhnlichste Methode aber, das Gold doch noch ohne Bohrungen aufzuspüren, wählten 1984 Fliesenleger Klaus Heydorn und Bademeister Rudolf Johannhörster aus Pinneberg. Letzterer war bereits zehn Jahre auf der Spur des Kirchenschatzes von Lima. Im Dezember 1983 hatte er endlich die Sondergenehmigung für seine Expedition erhalten. Die Kosten, 750.000 D-Mark, trugen Investoren, die sie per Zeitungsannonce gefunden hatten. Falls die Ausgrabung gelingen würde, so ihr Versprechen, werde jeder Geldgeber das 15-Fache seiner Investition erhalten.

Wobei Ausgrabung eigentlich kein treffender Begriff war. Dem "Hamburger Abendblatt" erklärte ihr Anwalt und Sprecher Hans-Ulrich Brand am 6. Dezember 1983: "Mit Graben wird die Sache äußerst wenig zu tun haben!" Statt eines Schaufelbaggers hatten die beiden nämlich eine - namentlich nicht genannte - Pinneberger Hellseherin dabei, die den Schatz mithilfe übersinnlicher Kräfte orten sollte. Wie genau das Medium den einst von William Thompson hier versteckten Schatz finden wollte, erklärte Sprecher Brand nicht. Aber er orakelte vielsagend: "Keiner stirbt für immer!"

Mit Blick auf die Geschichte der Kokosinsel muss man zugeben: Zumindest für Käpt'n Thompsons Legende trifft das wohl zu.

Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und begeistert sich für Film, Musik und groben Unfug.

    E-Mail: Danny.Kringiel@spiegel.de

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insgesamt 4 Beiträge
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Stephan Werner, 10.04.2016
1. Da fehlt noch einiges
Was die Isla de Coco interessant macht. Z.B. der Reichtum des Meeres, was die Insel zu einem der begehrtesten Tauchreviere macht. Die Verbindung zu Robert L. Stevenson und seiner Schatzinsel. Ich empfehle hier zu das Buch von Dr. Ina Knobloch - Das Geheimnis der Schatzinsel, erschienen im Mare Buchverlag 2009!
Georg Tietler, 10.04.2016
2.
Es gibt Leute die ein ganzes Leben nach diesen Schatz jagen und sich dabei das Leben versauen. Würden die Reich sein, so würden die auch nur am Strand liegen und eine Erfrischung zu sich nehmen. Das kann ich aber auch, wenn ich nicht zu den Superreichen gehöre.
Klaus Scherbarth, 10.04.2016
3. Die grenzenlose Dummheit...
outet sich bei Menschen immer im Zusammenhang mit Geld. Legenden werden zu Tatsachen, egal ob man sich dabei ruiniert. Für Geld würden viele ihre Verwandten verkaufen. Auch heute ist Geld das Goldene Kalb um das die Welt tanzt. Siehe FiFa (Blatter, Hoeness, Beckenbauer, Platini, Infantino). Radsport (Armstrong, Jan Ulricha), Panama Affäre etc. Die Legende vom Land in dem Milch und Honig fliesst lässt jetzt viele Glücksritter aus dem Nahen Osten und Nordafrika zielgerichtet nach Deutschland strömen, weil ein paar kriminelle Schleusser und unsere nicht weniger talentfreie Kanzlerin Gerüchte in Umlauf gebracht haben. Selbst wenn gestandene Politiker wie Cameron den Hals nicht voll kriegen, ist das wieder ein Zeichen, dass Geld den Charakter verdirbt. Da hat man seit Jahrtausenden nichts dazugelernt. Geld sollte nicht das kognitive Verhalten zerstören, sondern in Maßen genossen den Intellekt unterstützen. Ich weiß, Thema ein wenig verfehlt aber vielleicht geht´s ja trotzdem durch.
Henning Laubinger, 11.04.2016
4. Ich weiss
Wo der Schatz auf der Insel liegt. Ein alter Kapitänssohn verriet es justament meinem Großvater in einer Spelunke in Southampton. Er war sich hundertprozentig sicher. Für nur 100.000 Euro, zahlbar vorab, bin ich bereit, die Beschreibung des Ortes weiterzugeben. Selbstverständlich kann ich für die Richtigkeit nicht haften. Mir selbst ist die Reise zu beschwerlich.
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