Berührende Gesten im Nahostkonflikt Wenn gespendete Organe Frieden spenden sollen

Die Niere eines getöteten Juden für eine arabische Israelin, die Niere eines erschossenen Palästinenserjungen für ein jüdisches Mädchen – über menschliche Gesten und große Träume im Nahostkonflikt.
Beerdigung von Yigal Yehoshua: Der Jude war bei Unruhen in Israel tödlich verletzt worden. Seine Niere wurde nun einer arabischen Israelin transplantiert.

Beerdigung von Yigal Yehoshua: Der Jude war bei Unruhen in Israel tödlich verletzt worden. Seine Niere wurde nun einer arabischen Israelin transplantiert.

Foto: RONEN ZVULUN / REUTERS

Yigal Yehoshua war am 11. Mai 2021 schon auf dem Weg nach Hause, als der Mob Steine auf sein Auto warf. Es war keine gezielte Attacke auf ihn, sondern die Willkür des Hasses, die den 56-Jährigen das Leben kosten sollte.

Yehoshua war jüdischer Staatsbürger und wohnte in der Stadt Lod, wo auch viele arabische Israelis leben. Lange kam man hier ganz gut miteinander aus, lebte friedlich zusammen, arrangierte sich zumindest. Bis der Nahostkonflikt erneut eskalierte und es in Lod und anderen Städten mit gemischter Bevölkerung zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und arabischen Israelis kam.

Ein Stein traf Yehoshua am Kopf und verletzte ihn schwer. Fast eine Woche lang kämpfte er um sein Leben, dann erlag er am 17. Mai seinen Verletzungen.

Eine Spielzeugpistole löst eine Tragödie aus

16 Jahre zuvor rang ein elfjähriger Junge vergeblich um sein Leben. Auch er wurde Opfer des Hasses, wenngleich außerhalb der Staatsgrenzen Israels: Achmed Khatib war in Jenin im von Israel besetzten Westjordanland mit einer Spielzeugpistole herumgelaufen. Israelische Soldaten hielten den Palästinenserjungen für einen Attentäter und schossen. Die Ärzte stellten bald seinen Hirntod fest.

Beide Fälle sind grundverschieden. Dennoch verbindet sie in ihrer Tragik ein Element, das im Nahostkonflikt ein eher rares Gut ist: Sie sind zu Symbolen der Hoffnung und Menschlichkeit geworden. Denn die Organe der Getöteten wurden gespendet, über die Grenzen des Konflikts hinweg – an das Lager der vermeintlichen Erzfeinde.

Yigal Yehoshuas Niere ist vor wenigen Tagen erfolgreich verpflanzt worden – in den Körper der arabischen Israelin Randa Aweis, 58. Seit sieben Jahren hatte die Christin aus der Altstadt von Jerusalem auf eine neue Niere gewartet.

»Diese jüdische Niere ist jetzt ein Teil von mir«

»Diese jüdische Niere ist jetzt ein Teil von mir geworden«, sagte sie der »Times of Israel« glücklich. Aweis sprach der Familie ihres Spenders ihr Beileid aus und erklärte, sie wolle »Frieden zwischen Juden und Arabern«. Auch ihre Tochter betonte die »simple Botschaft« der Geste: »Es gibt nicht Araber und Juden, wir sind alle Menschen.«

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Auch der deutsche Filmemacher Marcus Vetter hat diese Geste in den Medien verfolgt. »Ich war berührt und fand es toll«, sagt er dem SPIEGEL. »Wenn es in diesem Konflikt wenigstens einen Funken Hoffnung gibt, dann bedeutet das Hoffnung für die ganze Welt.«

Vetter hat lange in der Region gelebt, er kennt die Befindlichkeiten und weiß, welche »Energie und Kraft« solch ein Symbol entwickeln kann. Denn darüber hat er 2008 einen seiner bekanntesten Filme gedreht: »Das Herz von Jenin«. Die Dokumentation zeichnete die Geschichte des getöteten Palästinenserjungen nach. Bereits zwei Jahre zuvor hatte der SPIEGEL die Geschichte dieser Organspende recherchiert und mit allen Empfängern gesprochen; der Artikel »Das Herz des Feindes« erschien kurz vor Weihnachten 2006.

Angefeindet für menschliche Größe

Achmed Khatib lag in Haifa, in einer israelischen Klinik also, als sein Hirntod festgestellt wurde. Seine Familie rang in ihrer Trauer und Wut mit einer schweren Entscheidung. »Mir war klar, dass die Organe an Israelis gehen«, erzählte später der Vater Ismail Khatib. Aber er dachte auch: »Kinder können keine Feinde sein, Kinder tragen keine Schuld.«

Also stimmte er der Organspende zu, musste aber Überzeugungsarbeit leisten und erst den Mufti von Jenin und weitere lokale Autoritäten überzeugen. Auch seine Frau war dafür. Andere feindeten ihn für seinen Entschluss noch lange an.

Denn Jenin ist ein Paradebeispiel für die Hoffnungslosigkeit und die Gewaltspirale zwischen Palästinensern und Israelis. Da ist das große Flüchtlingslager, da ist die israelische Armee, die Jenin häufig abriegelt, weil sie es für eine Hochburg von Terroristen hält.

Schon während der ersten Intifada von 1987 eskalierte hier die Gewalt. Die Bilder von Steine werfenden Jugendlichen gingen um die Welt. Auch während der zweiten Intifada  wurde Jenin zum Kampfplatz, Selbstmordattentäter stammten aus dem Lager, 2002 rückte die Armee ein.

Die Niere für ein ultraorthodoxes Mädchen

Und dennoch entschied sich drei Jahre später Ismail Khatib zu seiner großen Geste: Die Organe seines Sohnes gingen an völlig unterschiedliche Familien in Israel. Das Herz an ein Mädchen aus einer arabischen Drusenfamilie, die an der Grenze zum Libanon lebt. Eine Niere an einen Jungen aus einer Beduinenfamilie. Und die zweite Niere an Menuha – ein jüdisches Mädchen aus einer ultraorthodoxen Familie.

Kulturell weiter entfernt könnten Spender und Empfänger kaum sein: Hier der muslimische Junge aus den besetzten Gebieten, da das erzkonservativ erzogene jüdische Kind, dessen Eltern durchblicken lassen, dass ihnen eine jüdische Niere lieber gewesen wäre.

Ein so starkes Symbol machte Ismail Khatib bald berühmt, besonders nach dem Erfolg von »Das Herz von Jenin« mit zahlreichen renommierten Preisen. »Er hat diesen Film verdient«, sagt Marcus Vetter im Rückblick. Und erinnert an die Hoffnung, die er mit seinem israelischen Regisseurkollegen Leon Geller damals auslöste.

Ein Kino für den Frieden

Denn der Film stieß noch viel mehr an: Ein seit der ersten Intifada völlig zerstörtes Kino wurde mit öffentlichen Geldern, privaten Spenden und der Hilfe vieler Freiwilliger restauriert und 2010 als »Cinema Jenin« eröffnet. Auch das war ein starkes Symbol: die Rückkehr der Kultur an einen Ort, der so oft für Kulturlosigkeit gestanden hatte.

»Ein Kino für den Frieden« sollte es sein, sagt Vetter. Jugendliche konnten Filmworkshops besuchen, Filmfestspiele wurden geplant. Jenin hatte plötzlich das modernste Kino im Westjordanland.

Auch für Ismail Kathib änderte sich viel: Er leitete in Jenin ein Jugendzentrum und erhielt 2010 den Hessischen Friedenspreis. »Die meisten hätten an Rache gedacht«, würdigte ihn Avi Primor, ehemaliger israelische Botschafter in Deutschland. Dass er sich davon nicht habe verleiten lassen, zeuge von »echter menschlicher Größe«.

Doch wie so oft im Nahen Osten zerplatzten die Träume, und das Symbol der Hoffnung kehrte sich in sein Gegenteil um. Dem Kino mangelte es nicht nur an Geld, es finanzierte sich nie eigenständig. Auch der ideelle Rückhalt aus Jenin war gering.

Zerplatzte Träume

Er habe das damals unterschätzt, erzählt Marcus Vetter: »Manche Palästinenser argumentierten, so ein Projekt sei nicht zu akzeptieren, solange sie unter der israelischen Besatzungsarmee leben müssten.« Andere unterstellten eine zu große Nähe zum israelischen Staat. »Das Kino wurde zum Politikum«, sagt Vetter.

Als der Vertrag mit den Grundstücksbesitzern nach sechs Jahren auslief, kam das Ende: Das Kino wurde 2017 mit Bulldozern abgerissen und sollte einem Einkaufszentrum weichen. »Das Herz von Jenin schlägt nicht mehr«, titelte die »Welt«.

»Ich war sehr enttäuscht«, sagt Marcus Vetter. »Es ist uns leider nicht gelungen, der Logik der Gewalt dauerhaft etwas entgegenzusetzen.« Bis heute hat er Kontakt zu Ismail Kathib, der wieder in Jenin lebt und als Automechaniker arbeitet.

Die Mechanik des Konflikts konnte seine Geste nicht durchbrechen. Und doch würde er immer wieder so entscheiden, sagt er.

Zu zwei der inzwischen erwachsenen Kinder, die dank der Organe seines erschossenen Sohnes leben, hat Kathib noch guten Kontakt. Nur die Verbindung zur jüdischen Familie der ultraorthodoxen Menuha ist inzwischen abgerissen: Eine gespendete Niere konnte nicht dauerhaft die Gegensätze überbrücken.

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