Foto: Bettmann Archive / Getty Images

Israelische Opfer des Olympia-Attentats 1972 Elf Namen, elf Geschichten

David Berger. Zeev Friedman. Josef Gutfreund. Eliezer Halfin. Josef Romano. Amitzur Shapira. Kehat Shorr. Mark Slavin. André Spitzer. Yakov Springer. Mosche Weinberg. Wer waren die Menschen, die in München ermordet wurden?

Bei den Olympischen Sommerspielen in München überfielen palästinensische Terroristen am 5. September 1972 Israels Team und nahmen Geiseln. Sie ermordeten elf Sportler und Betreuer. Zwei Teammitglieder wurden im olympischen Dorf umgebracht, die anderen starben während einer missglückten Befreiungsaktion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Dort kam auch der deutsche Polizist Anton Fliegerbauer ums Leben.

Während im kollektiven Gedächtnis der Deutschen trotzdem die »heiteren Spiele« überdauerten, kämpfen die Angehörigen in Israel noch immer um das Andenken der Toten. Hier sind ihre Geschichten.

David Berger

David Berger

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

David Mark Berger wird 1944 als Sohn eines Arztes im US-Bundesstaat Ohio geboren. Er ist das älteste von drei Geschwistern. Damals noch klein und schmächtig, beginnt er im Alter von 13 Jahren mit dem Gewichtheben. Obwohl er schon in der Jugend Erfolge feiert, gilt sein einziges Interesse längst nicht nur dem Sport: Er studiert an den Eliteuniversitäten Tulane in New Orleans und Columbia in New York erst Psychologie und Wirtschaft, dann promoviert er in Jura. Nebenbei treibt er seine Sportkarriere voran. Bei der Makkabiade, den jüdischen Weltspielen, gewinnt er 1969 Gold, 1971 holt er bei den Asienmeisterschaften Silber.

1970 wandert er nach Israel aus – vielleicht auch, um seine Chancen auf eine Olympiateilnahme zu verbessern. Er verlobt sich mit einer israelischen Studentin, will nach seinem Militärdienst in Tel Aviv eine Anwaltskanzlei gründen. Als er für die Spiele nominiert wird, geht für ihn ein großer Traum in Erfüllung. Doch Berger scheidet früh im Wettkampf aus. Er stirbt bei der Geiselnahme durch palästinensische Terroristen am 6. September auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Als Einziges der Opfer wird er nicht in Israel, sondern in seiner Heimatstadt Shaker Heights in den USA beerdigt.

David Berger wurde 28 Jahre alt.

Zeev Friedman

Zeev Friedman

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Zeev Friedman wird 1944 im sibirischen Prokopevsk in der damaligen Sowjetunion geboren, nachdem seine Eltern dorthin vor den Nazis geflohen waren. Die Familie will nach dem Krieg direkt nach Palästina, doch die Einreisebestimmungen sind zu dieser Zeit noch streng reglementiert. Erst 1960 kann die Familie über Polen mit ihm und seiner Schwester nach Israel ausreisen und lässt sich in der Nähe von Haifa nieder. Dort beginnt der vielseitig begabte Sportler zunächst mit Turnen und Leichtathletik, ehe er sich auf das Gewichtheben konzentriert.

Er wird mehrfacher israelischer Meister und fängt nebenher an, als Sportlehrer zu arbeiten. 1971 gewinnt er bei den Asien-Spielen in Manila die Silbermedaille. Er hofft auch in München auf eine Medaille – es wäre Israels erste olympische überhaupt gewesen –, beendet den Bantam-Wettbewerb aber als Zwölfter. Er stirbt bei der Geiselnahme ebenfalls auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Zeev Friedmann wurde 28 Jahre alt.

Josef Gutfreund

Josef Gutfreund

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Josef Gutfreund wird 1931 in Rumänien geboren. Als Kind überleben er, seine Schwester und seine Eltern den Holocaust, weil sie sich in Rumänien und Ungarn verstecken können. Nach dem Krieg wandert er im Alter von 17 Jahren nach Israel aus, dient in der israelischen Armee im Sechstagekrieg. Er beginnt zunächst ein Studium, um Tiermediziner zu werden, und eröffnet dann in Jerusalem einen Elektronikladen. Nebenbei arbeitet er als Ringertrainer.

In München ist er der Erste, der die Terroristen bemerkt. Er stemmt sich gegen die Tür, um ihr Eindringen in das Apartment zu verhindern, sein Rufen weckt die anderen Sportler. Es sind die entscheidenden Sekunden, die dem Gewichtheber Tuvia Sokolovsky die Flucht ermöglichen. Gutfreund wird mit den anderen gefangen genommen und stirbt während der Geiselnahme auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Josef Gutfreund wurde 40 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau und zwei Töchter.

Eliezer Halfin

Eliezer Halfin

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Eliezer Halfin wird 1948 im sowjetischen Riga geboren. Er und seine Schwester wachsen als Kinder von Holocaustüberlebenden auf. Als Zehnjähriger beginnt er mit dem Ringen. Die Familie versucht über Jahre, Verwandten nach Israel zu folgen, 1969 gelingt es. Halfin schließt sich Hapoel Tel Aviv an und erzielt erste internationale Topplatzierungen.

Erst wenige Monate vor den Olympischen Spielen erhält er die israelische Staatsbürgerschaft und qualifiziert sich für die Wettbewerbe, nebenbei absolviert er eine Ausbildung zum Automechaniker. Kurz vor der Abreise macht er seiner Freundin einen Heiratsantrag. In München unterliegt er im Leichtgewicht in der dritten Runde und bleibt danach im olympischen Dorf, um seine Kollegen zu unterstützen. Er stirbt während des missglückten Befreiungsversuchs auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Eliezer Halfin wurde 24 Jahre alt.

Josef Romano

Josef Romano

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Josef Romano wird 1940 im libyschen Bengasi als Mitglied einer großen jüdischen Familie geboren. Als er sechs Jahre alt ist, flieht die Familie wegen antisemitischer Ausschreitungen nach Palästina. Er beginnt in Tel Aviv mit dem Gewichtheben. In Herzliya schließt er eine Lehre als Innenausstatter ab und lernt seine Frau kennen. 1967 kämpft er für Israel im Sechstagekrieg. Zehnmal hintereinander wird er israelischer Meister im Mittelgewicht. Doch in München verläuft sein Wettkampf unglücklich: Er verletzt sich schon in der ersten Disziplin, dem Drücken, schwer am Knie, kann nicht mehr zum Reißen und Stoßen antreten.

Am 6. September will er nach Hause fliegen, um sich operieren zu lassen. Es kommt nicht dazu: Als die palästinensischen Geiselnehmer in die Apartments der Israelis eindringen, wehrt sich der an Krücken gehende Romano und versucht, eine Waffe der Angreifer an sich zu bringen. Die Terroristen schießen. Romano bricht, von mehreren Kugeln getroffen, verletzt zusammen und verblutet in den nächsten Stunden vor den Augen seiner Teamkollegen.

Josef Romano wurde 32 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau und drei Töchter.

Amitzur Shapira

Amitzur Shapira

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Amitzur Shapira wird 1932 in Tel Aviv geboren, wohin seine Eltern während einer der großen Einwanderungswellen aus der Sowjetunion immigriert waren. Er beginnt früh mit der Leichtathletik und entwickelt sich zu einem der erfolgreichsten Sprinter des Landes. Nach seinem Studium in Psychologie, Pädagogik, Literatur und Sport wird er zunächst in Tel Aviv Sportlehrer und Trainer, ehe er ans Wingate-Institut in Netanya wechselt. Dort wird er Cheftrainer von Israels Leichtathleten.

In München betreut er die Hürdensprinterin Esther Shachamorov. Nach seinem Tod tritt sie allerdings nicht mehr zu ihrem Lauf an. Der Trainer stirbt während der Geiselnahme auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Amitzur Shapira wurde 40 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau und vier Kinder. Vier Jahre später, bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal, erreichte seine Läuferin Esther Shachamorov als erste israelische Sportlerin im 100-Meter-Hürdenlauf ein olympisches Finale.

Kehat Shorr

Kehat Shorr

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Kehat Shorr wird 1919 im rumänischen Podu Iloaiei geboren. Versteckt in den Karpaten, überlebt er den Holocaust. Er wird schon in seiner Heimat zu einem bekannten Sportschützen und wandert 1963 mit seiner Familie nach Israel aus, wo er sich Hapoel Tel Aviv anschließt. Er wird zunächst Vereins-, dann auch Nationaltrainer. Die Spiele in München sind nach denen in Mexiko seine zweiten, er betreut hier die beiden Schützen Zelig Shtorch und Henry Herskowitz.

Am Morgen des 5. September wird Shorr gemeinsam mit zehn weiteren Teammitgliedern gefangen genommen. Seine beiden Schützlinge, die in Apartment 2 untergebracht sind, das von den Terroristen unbehelligt bleibt, entkommen der Geiselnahme und überleben. Er selbst stirbt während der missglückten Befreiungsaktion der deutschen Polizei auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Kehat Shorr wurde 53 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau und eine erwachsene Tochter.

Mark Slavin

Mark Slavin

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Mark Slavin wird 1954 im sowjetischen Minsk geboren. Er besucht eine Sportschule, wird zum Ringer ausgebildet und feiert schon als Jugendlicher in der Sowjetunion erste Erfolge. Doch wegen des zunehmenden Antisemitismus entscheidet sich die Familie für die Ausreise und kommt drei Monate vor den Olympischen Spielen 1972 in Israel an.

Slavin erhält sofort die Staatsbürgerschaft, um Israel in München vertreten zu können – es sind seine ersten internationalen Wettkämpfe. Er beginnt eben noch, Hebräisch zu lernen. Am 5. September wäre sein erster Wettkampftag in der Mittelgewichtsklasse (griechisch-römisch) gewesen. Auch er stirbt auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Mark Slavin wurde nur 18 Jahre alt.

André Spitzer

André Spitzer

Foto: AP

André Spitzer wird wenige Wochen nach der deutschen Kapitulation 1945 als Sohn von Holocaustüberlebenden in Rumänien geboren. Sein Vater stirbt, als er noch ein Kind ist. Mit seiner Mutter wandert er nach Israel aus. Früh begeistert er sich fürs Fechten.

Als er 1968 für eine Weiterbildung an eine Sportschule in die Niederlande reist, lernt er dort seine spätere Frau Ankie, ebenfalls Fechterin, kennen. Bei ihrer Hochzeit 1971 in Den Haag stehen befreundete Fechter Spalier. Ein Jahr später, zwei Monate vor den Olympischen Spielen, kommt die gemeinsame Tochter Anouk zur Welt.

Seine Frau begleitet ihn zunächst nach München. Dann bleibt sie mit der Tochter bei den Schwiegereltern in den Niederlanden und muss die Geiselnahme am 5. September am Fernseher mitverfolgen. André Spitzer stirbt bei der missglückten Befreiungsaktion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Seine beiden Sportler Yehuda Weinstain und Dan Alon, die in einem anderen Apartment untergebracht sind, entkommen der Geiselnahme.

André Spitzer wurde 27 Jahre alt. Seine Witwe Ankie  wurde gemeinsam mit Josef Romanos Witwe Ilana zur Sprecherin der Hinterbliebenen und kämpft bis heute für die Aufarbeitung, das Gedenken und angemessene Entschädigungen.

Yakov Springer

Yakov Springer

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Yakov Springer wird 1921 im polnischen Kalisz geboren. Während seine Eltern und Geschwister im Holocaust ermordet werden, gelingt ihm die Flucht in die Sowjetunion. Als er nach dem Krieg in Warschau Sport studiert, kann er sich vor allem im Ringen und Gewichtheben auszeichnen. 1956 wandert er mit seiner Frau und zwei Kindern wegen wachsendem Antisemitismus nach Israel aus.

In Bat Yam arbeitet er als Sportlehrer und trainiert nebenher im Gemeindezentrum Jaffas die Gewichtheber. Er wird schließlich Trainer der Nationalmannschaft und Kampfrichter. Die Olympischen Spiele in München sind bereits seine fünften. Er stirbt auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Yakov Springer wurde 51 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau, einen Sohn und eine Tochter.

Mosche Weinberg

Mosche Weinberg

Foto: Pictorial Parade / Getty Images

Mosche Weinberg wird 1939 im israelischen Haifa geboren. Nach der Trennung seiner Eltern wächst er bei seinen Großeltern auf. Er entdeckt früh seine Begeisterung für das Ringen und schließt sich Hapoel Haifa an. Acht Jahre in Folge wird er Jugendmeister und israelischer Meister bei den Erwachsenen. 1965 gewinnt er Gold bei der Makkabiade. Am Wingate-Institut in Netanya wird er, nach seinem Militärdienst, schließlich Trainer und betreut in München die Ringer Eliezer Halfin und Mark Slavin.

Bei der Geiselnahme durch palästinensische Terroristen wird er gleich zu Beginn in den israelischen Quartieren zunächst verletzt und dann, als er sich wehrt, niedergeschossen. Er ist das erste Opfer der Geiselnahme.

Mosche Weinberg wurde 32 Jahre alt. Er hinterließ seine Frau und einen fünf Wochen alten Sohn. Die Familie wanderte in die USA aus, wo sein Sohn Schauspieler wurde. Im Hollywooddrama »Munich« (2005) von Steven Spielberg verkörperte Guri Weinberg seinen Vater.

ara
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.