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Holocaust-Überlebende und Gründung Israels: Vom Krieg in den Krieg

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Getty Images/ Hulton-Deutsch Collection

Gründung Israels Wie Holocaust-Überlebende in Bayern für den Krieg trainierten

Wurde Israel auch in Süddeutschland gegründet? Heimlich trainierten Holocaust-Überlebende ab 1946 dort für den kommenden Krieg in Palästina. Ben-Gurion fuhr von Lager zu Lager - gefeiert wie ein Feldherr.

Die alte Landstraße von Wolfratshausen nach München windet sich durch das Isartal, vorbei an properen Dörfern und sattem Weideland. Kurz vor der Ortschaft Königsdorf führt ein holpriger Weg durch dunkles Gehölz zu einer Lichtung. Dort duckt sich ein schlichter, anderthalbstöckiger Bau. Hier, im abgeschirmten Tannengrün, verbringen Pfadfinder ihre Ferien und üben, sich in der Natur zurechtzufinden.

Und hier lernten junge Erwachsene vor sieben Jahrzehnten, sich auf einen neuen Krieg vorzubereiten, obwohl der alte kaum vorbei war und sie gerade erst dem Holocaust entkommen konnten. Heute tönt frohes Lachen durch den Wald, 1948 erschallten dort harte Kommandos und Befehle.

Denn der Unterschlupf, der bis Anfang 1945 den Nazis als Indoktrinationsstätte für die Hitler-Jugend gedient hatte, existierte im Frühjahr 1948 als geheimes Camp für paramilitärisches Training. Teilnehmer der Kurse waren junge jüdische Überlebende. Sie kamen aus den umliegenden Lagern für "Displaced Persons", kurz DPs, wie all die Vertriebenen, Verschleppten und Entwurzelten nach Ende des Weltkrieges von der Uno definiert wurden.

Die versteckte Trainingsstätte hieß "Hochlandlager", und gehörte zum nahen Camp Föhrenwald. Das Terrain, 1945 von der US-Armee konfisziert, beherbergte zunächst nur einen Kibbuz. Aber recht bald quartierten sich dort auch Offiziere der Haganah ein, wie die Untergrundarmee des Jischuw hieß, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina.

Meist illegal waren diese Offiziere in das besetzte Deutschland eingereist. Sie kamen mit einem Geheimauftrag: Es galt, massenhaft jüdische Soldaten im Ausland zu rekrutieren und auszubilden. Denn je mehr sich die Konturen eines jüdischen Staates im damals noch von den Briten verwalteten Palästina abzeichneten, umso dringlicher musste sich der Jischuw auf den bewaffneten Konflikt mit den Arabern vorbereiten. Denn diese lehnten einen jüdischen Staat in Palästina ab, ebenso wie den Uno-Teilungsplan von 1947.

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Holocaust-Überlebende und Gründung Israels: Vom Krieg in den Krieg

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Pathetisch appellierte Nachum Schadmi, Kommandeur der Haganah in Europa daher schon in den Monaten zuvor an die jüdischen Displaced Persons: "Ich verlange, dass die Juden in den Lagern sich melden. Sie sind praktisch Bürger Israels." Die Aufforderung richtete sich vor allem an die 18- bis 25-Jährigen, die für den Aufbau einer Armee dringend gebraucht wurden.

Steine statt Handgranaten, Stöcke statt Gewehre

Begeistert folgten viele diesem Aufruf. In etlichen DP-Camps etablierten sich Rekrutierungsbüros. Der Historiker Jim G. Tobias spricht, wohl etwas überschwänglich, von einer "Generalmobilmachung". Zweifellos erfasste die Lager aber eine große Euphorie: Eretz Israel, das Gelobte Land, erschien plötzlich nicht mehr als ferne Vision, sondern greifbare Wirklichkeit.

Die Ausbildungsprogramme ab 1946 waren trotz der schwierigen Umstände, weil von den US-Behörden verboten, überraschend professionell: Exerzieren, Kartenlesen, Waffengebrauch, auch in einem schallgedämpften Schießstand im Keller. Geprobt wurden Straßenkämpfe ebenso wie Partisanenangriffe.

Allerdings musste beim Übungsmaterial mächtig improvisiert werden, wie Teilnehmer und Ausbilder dem Forscher Tobias für eine Studie später erzählten : Statt Gewehre wurden daher Stöcke benutzt, Handgranaten durch Steine ersetzt, die ähnlich viel wogen. Am Ende schworen die Rekruten, nun zu Offizieren befördert, der Haganah die Treue - auf eine Pistole und eine Bibel.

Die militärische Ausbildung blieb allerdings der US-Militäradministration nicht verborgen. Trotz aller Tarnung wusste der amerikanische Geheimdienst genau, was da im angeblich nur Landwirtschaft treibenden Kibbuz geschah - ließ es aber laufen. Einmal wäre alles aber fast aufgeflogen, als eine Baracke in Flammen aufging und die örtliche Feuerwehr anrücken musste. Nur mit Mühe konnten die verräterischen Geräte beiseite geschafft werden. Eine formelle Untersuchung der US-Verwaltung lief ins Leere.

Die frisch geschulten Jungoffiziere wiederum bildeten als vermeintliche Sportlehrer gleich die neuen Rekruten in den DP-Lagern aus. Bei der Anwerbung für diesen "Dienst am jüdischen Volk" agierten sie wenig zimperlich. Verweigerern drohte der Verlust des Arbeitsplatzes oder Unterhaltskürzungen, daneben kursierten schwarze Listen von Drückebergern. Chaim Hoffman-Yahil, Leiter des Büros der Jewish Agency in München, räumte später ein, man habe die künftigen Soldaten "nicht immer sanftmütig" behandelt.

Aufmarsch und Training in einem DP-Lager

Aufmarsch und Training in einem DP-Lager

Foto: Yad Vashem Jerusalem

Dabei stand die Gefolgschaft für den Zionismus in den DP-Lagern nie in Frage. Die osteuropäischen Juden, die in den Nachkriegsjahren wegen des erneut aufgeflammten, gewalttätigen Antisemitismus ihre alten Heimatländer verlassen hatten, zeigten sich von der Idee der jüdischen Heimstätte begeistert. Sie waren nicht nach Deutschland geflohen, in das Land der Täter, sondern suchten hier nur den vorübergehenden Schutz der westlichen Besatzungsmächte. Danach wollten sie möglichst bald nach Palästina oder in die USA ausreisen.

Ein Staat - um jeden Preis

Dann aber saßen sie doch jahrelang in den Lagern fest. Niemand wollte diese Überlebenden der Schoah haben, zumindest nicht in großer Zahl - die Briten in Palästina am allerwenigsten.Dieses Drama inspirierte den Historiker Dan Diner später zu der spitzen These, dass sich die Gründung Israels in Süddeutschland angebahnt habe, ja dass "die Wiege des im Mittleren Osten geborenen jüdischen Staates gewissermaßen in Bayern" gestanden habe. Eben in den DP-Camps der Geretteten, die sich vor allem in der Region München ballten. Diese Interpretation verblüfft zunächst, hat sich doch weitgehend die historische Lehre verfestigt, Israels Gründung sei eine direkte Folge des Holocaust.

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Die Persönlichkeit, die dieses Phänomen schon früh erfasste und reichlich einsetzte - auch zu seinem eigenen Vorteil - ist David Ben-Gurion, als Gründungsvater längst ein Mythos. Wohl kaum ein anderer hat sich für die Konkretisierung von Theodor Herzls utopischem Projekt des "Judenstaates" so eingesetzt wie er. Nicht von ungefähr kommt der israelische Historiker Tom Segev in seiner jüngst erschienenen Biographie über Ben-Gurion zu dem Untertitel: Ein Staat um jeden Preis.

Als wichtigster Repräsentant des Jischuw, nämlich als Exekutivchef der Jewish Agency for Palestine, traf Ben-Gurion am 19. Oktober 1945 den Oberkommandierenden der US-Truppen, General Dwight D. Eisenhower, in Frankfurt. Er reiste aus London an, wo er vergeblich versucht hatte, die Briten von ihrer hartherzigen Einwanderungspolitik in Palästina abzubringen.

Eisenhower aber zeigte sich zugänglicher. Er verstand, dass viele der verfolgten Juden in Osteuropa nur mit Hilfe der illegal agierenden Fluchtorganisation "Bricha", einem Ableger der Haganah, nach Deutschland einsickern konnten. Er stimmte daher zu, dass die Amerikaner ihnen nachträglich den DP-Status und separate Unterkünfte einräumen würden. Bei einer weiteren Bitte kassierte Ben-Gurion allerdings eine Abfuhr: Eisenhower weigerte sich, den DPs gleich ein ganzes Gebiet in Bayern zuzugestehen, wo sie ungestört Landwirtschaft betreiben und militärische Übungen abhalten könnten. Die Idee eines jüdischen "Mini-Staates", einer exterritorialen Insel, erschien wohl allzu brisant.

"Für die Menschen ist er wie ein Gott"

Zugleich versuchte Ben-Gurion, sich ein Bild von den jüdischen DPs machen. Wie könnten sie für das Ziel eines Zionisten-Staates eingesetzt werden? Gegenüber den Holocaust-Überlebenden besaß er nämlich erhebliche Vorbehalte. Er betrachtete sie als schlecht, hart und egoistisch. "Ihre Erfahrungen haben ihrer Seele alles Positive entzogen", urteilte er Jahre später gegenüber Parteivertretern.

Trotz der Vorbehalte geriet die Rundreise Ende 1945 durch einige DP-Camps zu einer Triumphfahrt - ob in Zeilsheim, Feldafing oder Belsen. Überall bildeten sich bereits auf den Zufahrtsstraßen Menschentrauben. Die Lagerinsassin schwenkten Blumen, trugen Transparente, die Versammlungsräumen schmückten sie mit Girlanden. "Für die Menschen ist er wie ein Gott", urteilte der US-Kommandeur eines Lagers.

Bei einer Ankunft stürmte die Menge so enthusiastisch Ben-Gurions Auto, das es fast umgekippte. Er wusste die flammende Begeisterung zu nutzen und schwor die DPs auf den anstehenden Kampf ein: "Ihr müsst es tun, weil ihr ein enormer Faktor seid, eine politische Macht", rief er in Landsberg unter Beifallsstürmen. "Als ich Ben-Gurion auf die Bühne führte," schrieb Rabbiner Judah Nadich über den Auftritt in Zeilsheim, "erhoben sich alle und sangen die Hatikwa. Ben-Gurion weinte, ich weinte, alle weinten. So einen Augenblick vergisst man sein Leben lang nicht."

Die DPs als strategischer Trumpf

Diese Werbetour nennt Biograf Segev leicht ironisch die "Rundreise eines Feldherrn, der seine Truppen inspiziert". Für Ben-Gurion erfüllte sie ihren Zweck: "Nirgends auf der Welt fand ich ein solches zionistisches Publikum", bilanzierte er zufrieden. Ihm war klar, dass er mit den DPs einen wichtigen Trumpf in der Hand hielt: "Wenn wir eine Viertel Million Juden in die amerikanische Zone konzentrieren könnten, würde dies den amerikanischen Druck (auf London) steigern. Ich habe allen damit Befassten Anweisung gegeben, so viele wie möglich in dieses Gebiet 'hineinzuhauen'", erläuterte er dem Vorstand der Jewish Agency.

Diese Taktik veränderte Jahrzehnte später auch manche historischen Analysen. So interpretiert Yehuda Bauer, langjähriger Chefhistoriker von Yad Vashem, die Gründungsgenese Israels: "Die Schoah an sich spielte keine Rolle, sondern die Situation im Mittleren Osten und der Druck der DP-Lager." Die überlebenden Juden hätten eine zentrale Rolle für den Kampf um Unabhängigkeit gespielt.

Tatsächlich wanderten von mehr als einer Viertelmillion DPs in Westdeutschland bis Anfang der Fünfzigerjahre etwa 120.000 bis 140.000 nach Israel aus. Kein unwesentlicher Bevölkerungszuwachs gegenüber den etwa 650.000 Juden, die damals schon in ihrem jungen, so lange ersehnten Staat lebten.

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