Italo Disco Der Retortensound der Achtzigerjahre kommt zurück

Fette Synthies, dünne Stimmen: Vor 35 Jahren fluteten One-Hit-Wonder aus Italien die Charts - die Welt tanzte zu "Dolce Vita" oder "I like Chopin". Was als Unfall begann, feiern manche Musiker heute als bahnbrechend.

Michael Montfort/ Michael Ochs Archives/ Getty Images

Von Simon Garschhammer


Deutschland im Sommer 1983: Die "Tagesschau" vermeldet den sonnenreichsten Sommer des Jahrhunderts, die Oberpfalz einen Hitzerekord mit 40,2 Grad, Eisverkäufer freuen sich über das Geschäft ihres Lebens.

Als Soundtrack zum Supersommer laufen im Radio Hits, die nach Urlaub und Sonnenbrand klingen - und als "Italo Disco" ein Stück Musikgeschichte schreiben: Von Flensburg bis Garmisch tanzen die Menschen zu "Dolce Vita" (YouTube-Video) von Ryan Paris, der Klimperballade "I like Chopin" von Gazebo oder zu "Vamos a la playa" (was nicht nur den Italienern spanisch vorkam).

Hinter diesem Hit des Duos Righeira steckten als Produzenten die Brüder La Bionda, die schon 1978 unter eigenem Namen mit dem ähnlich simplen "One for You, One for Me" gigantischen Erfolg hatten. Fünf Jahre später grölte die verschwitzte Masse begeistert den Refrain von "Vamos a la playa" mit: Hurra, auf zum Strand! Dass im Song eigentlich gerade eine Atombombe explodiert ist und im Meer kein Fisch mehr schwimmt, bekam kaum einer mit. Warum auch? Bei Italo Disco ging's nicht um den tieferen Sinn des Lebens, sondern um Tanz und Spaß.

"Summer. Love. Future."

Weghören war in den Achtzigerjahren unmöglich, die Italo-Disco-Hits liefen ja überall. Das amerikanische Online-Musikmagazin "Pitchfork" kürte sie zur uncoolsten Musik aller Zeiten: ein Reigen bizarrer One-Hit-Wonder. Blecherne Synthesizer-Hits, einfachste Melodien, vor Kitsch triefende Texte. Ein übler Ausrutscher in einer Zeit ohnehin schlechten Geschmacks.

DJ Hell, bürgerlich Helmut Josef Geier, sieht das völlig anders. Er zählt zu den weltweit bekanntesten deutschen Techno-DJs und Produzenten und verbindet mit diesem Musikstil: "Summer. Love. Future." Im einestages-Gespräch bezeichnet der Pionier der elektronischen Musik ausgerechnet Italo Disco als zukunftsweisend - obwohl die Entstehung eher einem Unfall gleichkam.

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Italo Disco: Auf zum atomversuchten Strand!

Im Dokumentarfilm "Italo Disco Legacy" (2018) erläutert der dänische Musikproduzent Flemming Dalum, wie Italiener damals angesagte Bands wie Depeche Mode oder Human League imitieren wollten - und krachend scheiterten. Dabei sei Italo Disco entstanden.

Statt von einem Kollateralschaden spricht Doku-Regisseur Pietro Anton von einem "kleinen Wunder". Das neue Genre kombinierte den Disco-Sound der Siebzigerjahre mit eingängigen italienischen Melodien, New-Wave-Elementen und markanten Synthesizer-Akkorden. New Wave war damals höchst populär und klang bei wichtigen, elektronisch geprägten Bands wie Ultravox, OMD, Tubeway Army eher kühl, bei The Cure oder Joy Division sogar finster. Die Italo-Welle stellte diesem Sound poppige, schlichte , mediterrane Klänge entgegen.

"Painting our lives with glitter"

Damit spiegelte die Musik die Stimmung in Italien wider: Die frühen Achtzigerjahre waren geprägt von Aufschwung, bei sinkender Inflation wuchs die Wirtschaft rasant. Vor allem im Norden erlebte das Land auch eine kulturelle Blüte, Mailand avancierte zum Zentrum für Innovation und Fortschritt.

Hier wurden Modeimperien wie Dolce & Gabbana gegründet, hier hatten die kreativsten Köpfe der Designbranche ihre Büros. In Mailand entstand das Zentrum der Unterhaltungsindustrie, die Silvio Berlusconi ab 1982 zum Medienmogul aufstiegen ließ und die Amerikanisierung der italienischen Kultur beschleunigte.

Zahlreiche Tanzlokale und Plattenläden öffneten, eine ganze Generation wollte ausgehen und sich amüsieren. Von Mailand aus entwickelte sich eine Subkultur mit eigener Mode und eigenem Sound, ihr Motto: "Painting our lives with glitter". "Endlich hatten wir die Siebzigerjahre hinter uns, das war eine dunkle Zeit", bringt Musiker und Produzent Alexander Robotnick (bürgerlich Maurizio Dami) das Lebensgefühl im Film "Italo Disco Legacy" auf den Punkt.

Italo Disco glitzerte - und dafür brauchte es nicht viel. Songs entstanden oft in Wohnzimmern, die mit Synthesizern und Drumcomputer zum Tonstudio umfunktioniert wurden, technisch nicht gerade ausgefeilt, mit schlagerhaften Rhythmen. In schlechtem Englisch, dafür umso leidenschaftlicher besangen die Interpreten Sonnenuntergänge und l'amore.

Erbarmen - zu spät: Die Hesse komme!

Die Liedtexte changierten zwischen banal und absurd, auch die Mailänder Plattenfirmen agierten eher unprofessionell, der Verkauf lief schleppend. Bis ein Geschäftsmann aus dem Hessischen auf den Plan trat.

Als Inhaber des Plattenlabels "ZYX" erkannte Bernhard Mikulski das Vermarktungspotential und verpasste den futuristischen Discoklängen 1983 das Label. Bald wurde er "Herr Italo Disco" genannt, importierte jede Woche Platten aus Italien, verkaufte sie. Enormen Erfolg hatte er auch mit seinen 16 Samplern "The Best of Italo Disco" von 1983 bis 1991.

Was Eurodance später für die Neunzigerjahre wurde, war Italo Disco für die Achtziger: der Inbegriff für europäische Tanzmusik. Sogar in den USA schwofte man zum dünnen Stimmchen der vollbusigen ligurischen Schönheitskönigin Sabrina. In der Szene rund um das Genre habe sich "auch die Klubkultur manifestiert", sagt DJ Hell und verweist auf den sagenumwobenen New Yorker Klub "Studio 54", in dem oft Italo Disco aufgelegt wurde. Er erinnert sich aber auch daran, wie Plattenfirmen das "wenig innovative Ausschlachten" des mediterranen Sounds vorantrieben.

Diplomatensohn Gazebo (alias Paul Mazzolini) schaffte es mit "Master Piece" 1982 als einer der ersten in die Charts, es folgten Ken Laszlo (Gianni Coriani) und Ryan Paris (Fabio Roscioli). Viele Interpreten überraschte ihr Erfolg selbst. Ihm sei es fast peinlich gewesen, sagt Bryan Ice (Fabrizio Rizzolo) in "Italo Disco Legacy", dass er in Spanien mit seinem Hit "Tokyo" auf Platz 1 landete. Vor Sting und Madonna.

Spätestens 1985 war Italo Disco ein internationales Massenphänomen - und eine Geldmaschine. Manche Produzenten schleuderten jährlich über hundert Songs auf den Markt. Auf die Spitze trieben es Miki Chieregato und Roberto Turatti: Ihre einträgliche Italo-Disco-Schöpfung tauften sie Den Harrow - in Anlehnung an denaro, italienisch für Geld.

Lippensynchrongymnastik sticht Michael Jackson

Den Harrow, mit bürgerlichem Namen Stefano Zandri, war ursprünglich Model. In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre stieg er zu einem der Superstars des Italo Disco auf, ohne auch nur ein einziges Lied selbst zu singen. Dafür sah er beim Lippenbewegen ganz bezaubernd aus! In Deutschland gewann der Dressman 1987 sogar den "Goldenen Otto" der "Bravo" als beliebtester Sänger. Vor Michael Jackson. Erst ein Vierteljahrhundert später gab Zandri zu, dass er nicht gesungen, aber seinen Produzenten "mindestens fünf Jahre lang stratosphärischen Erfolg beschert" habe.

Die Kommerzialisierung beschleunigte den Niedergang des Genres ebenso wie der veränderte Zeitgeist: Ende der Achtzigerjahre wandten die Partymenschen sich Techno oder dem Chicagoer Acid-House zu. Italo Disco galt nun als "Plastikmusik" oder "Retortensound", in jedem Fall als geschmacklos. Auf Achtziger-Partys wurde Italo Disco zwar noch gespielt - aber man tanzte dazu, wenn überhaupt, nur noch mit viel Ironie.

Dennoch erlebt der Sound ein Revival. "Italo Disco war massiv und über Jahre hinweg der Sound der Zukunft", enorm wichtig für die weitere Entwicklung der elektronischen Musik, sagte DJ Hell heute. Ganz ähnlich wie der amerikanische DJ Chip E., einer der Begründer des Chicago House: Die Begeisterung für Synthie-Tanzmusik in den USA wäre ohne den Nachschub aus Italien versandet, noch ehe House oder Techno die Musikwelt nachhaltig veränderten.

In beinah jeder europäischen Großstadt gibt es heute Klubnächte, bei denen ausschließlich Italo Disco läuft. Künstler wie der aus Wien stammende DJ Wolfram oder das britische DJ-Duo Bicep bauen regelmäßig Italo-Disco-Elemente in ihre DJ-Sets ein.

Vom Aschenbrödel der Musikgeschichte zum heimlichen Star? DJ Hell preist gerade den simplen Stil des Genres: "Schlichtheit und Transparenz in der Musik waren immer Zaubermittel für große bahnbrechende Produktionen, die die Welt bewegten."

insgesamt 22 Beiträge
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Frederic Furchensumpf, 01.08.2019
1. Fehler bei Den Harrow
Die Aussage stimmt soweit, dass Zandri keine der bekannten Harrow-Titel gesungen hat, ab den 90ern sang er jedoch selbst.
Stereo_MCs, 01.08.2019
2. zu viel vermischt
Dass man Moroder prominent erwähnt, wo es um so einen Käse wie "Vamos ala playa" und Co. geht, mag ja als Erklärungsansatz gerade noch so durchgehen, auch wenn das schon hinkt, was aber in der Bilderstaffel die Disco Platten Verbrenn-Aktion zu suchen hat, weiß wohl nur der Autor allein. Dort ging es um die richtige Disco Musik der 70er, z.b. eines der größten Musiker und Produzenten aller Zeiten, Nile Rodgers, Chic, Studio 54 usw., das mit "Vamos ala playa", was alles viel später kam, in einen Topf zu werfen, ist sowohl historisch, besonders aber künstlerisch völlig daneben.
Adam Kowalski, 01.08.2019
3. Retro
80er scheinen tatsächlich wieder hip zu sein. Ich hör derzeit manchmal einen Stream, da laufen Neuauflagen von Dr. Alban und Modern Talking ... o.0
John Doe, 01.08.2019
4. Leider wieder die üblichen Verdächtigen
Auch wenn der Film wenig mit dem Artikel zu tun hat: Statt Hell mal lieber den Inter-ference fragen. Der hat wesentlich originellere Platten im Portfolio. Ob nun auf seinen eigenen Labels, oder, wenn er Italo dreht. Ganz abgesehen davon, haben er und seine Entourage aus und um Den Haag mehr für das Revival von Italo Disco getan, als der Hell (Dem man immer eine latente Klauschweineritis unterstellen konnte. Bspw. die Gigolo-Platte, die Moroders "Lost Angeles" als originellen Moscatello-Release verkaufen wollte...) Und das schon seit Ende der Neunziger, als Hell noch auf das damals zeitgeisternde, monotone Minimalgeschredder in der Clubmusik gesetzt hat. Generell: Beim Italo wurde viel Murks produziert, ohne Frage. Und natürlich wird hier auch wieder grösste und langweiligste Murks im Artikel besprochen. Wer sich darüber hinaus mal drauf einlassen will, dem sei ein Mix von I-f oder Flemming Dalum empfohlen. Da kriegt man das Beste von heute und gestern zu dem Thema präsentiert. Ein bisschen Ironievermögen sollte man aber mitbringen.
Papazaca, 01.08.2019
5. Italo Disco brauchen wir unbedingt
Ich würde jedem Dyson-Staubsauger einen Italo-Disco-Mix beilegen, zusammen sind die beiden unschlagbar. Und auch Lidl kann seine italienische Woche mit Italo Disco aufbretzeln. Wenn man jetzt nicht die hohen musikalischen Maßstäbe anlegt, trägt Italo- Disco vielleicht zu einer höheren Lebenserwartung bei. Ich denke aber jetzt nicht automatisch an Seniorenheime ...
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