Opfer von "Jack the Ripper" Die Legende vom Prostituiertenmörder

Seit 1888 rätseln Kriminologen über die Identität des Mörders "Jack the Ripper". Für seine Opfer interessierte sich kaum jemand. Nun hat eine Historikerin die Lebensgeschichten der Frauen erforscht – und Erstaunliches herausgefunden.
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Die grausige Geschichte ist bekannt: 1888 ermordete ein Unbekannter in London fünf Frauen und verstümmelte ihre Körper. Irgendjemand schickte einen scherzhaften Bekennerbrief an eine Nachrichtenagentur und unterschrieb mit "Jack the Ripper" – der griffige Name setzte sich durch. Polizisten und Reporter behaupteten, alle Ermordeten seien Prostituierte, und das Tatmotiv habe etwas mit sexueller Besessenheit zu tun. Den Täter fanden die Ermittler nie.

Seither spinnen Kriminologen, Historiker und Hobbyforscher Theorien, wer der Mörder war: ein Friseur, ein Maler, ein Schlachter, ein Dichter oder ein Prinz. Für die ermordeten Frauen interessierte sich kaum jemand. Viele Darstellungen übernahmen die zeitgenössischen Presseberichte: Die Opfer seien Prostituierte und wegen ihres lasterhaften Lebenswandels irgendwie auch selbst schuld.

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Der rätselhafte Frauenmörder von London

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Die britische Historikerin Hallie Rubenhold möchte diese Sichtweise ändern und den Frauen ihre Würde zurückgeben. In ihrem Buch "The Five" rekonstruiert sie akribisch die Lebensgeschichten der Ermordeten und kommt zu dem Schluss: "Im Fall von dreien der Opfer gibt es keine Beweise, dass sie je der Prostitution nachgegangen sind."

Mary Ann Nichols

Ende März 1880 hielt es Mary Ann Nichols nicht mehr zu Hause aus. Seit einigen Monaten stritt sie mit ihrem Ehemann. Er beschuldigte sie, zu viel zu trinken. Sie beschuldigte ihn, mit einer Nachbarin zu schlafen. In ihrer Verzweiflung lief sie weg – und gab jede Sicherheit auf.

Mary Ann, oder Polly, wie sie seit ihrer Kindheit alle nannten, konnte sich keinen Scheidungsanwalt leisten. Vor Gericht hätte sie ohnehin kaum eine Chance gehabt, weil das Scheidungsrecht Frauen benachteiligte: Während sich Männer wegen Untreue von ihrer Frau scheiden lassen konnten, mussten Frauen ihrem Mann Inzest, Vergewaltigung oder Grausamkeit nachweisen. Ohne Scheidung bekam Nichols nur ein paar Schilling Unterhalt von ihrem Ehemann, der kurz darauf mit der Nachbarin zusammenzog. 1886 stellte er die Zahlungen ein.

In London suchten viele Menschen Arbeit, und die Bosse drückten die Löhne: Eine Wäscherin verdiente in einer 60-Stunden-Woche gerade genug für ein Zimmer und etwas Brot. Nichols, die vermutlich an einer Depression litt und trank, hatte auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Zwischenzeitlich wohnte sie mit einem Mann zusammen, weswegen die Zeitungen sie später als Ehebrecherin und Prostituierte darstellen sollten – obwohl Zeugen das Gegenteil aussagten.

Bald konnte sich Nichols nicht einmal ein Bett in den schäbigen Notunterkünften leisten. In der Nacht auf den 31. August 1888 schlief sie allein und betrunken vor einem Tor in der Buck's Row ein. "Jack the Ripper" schlitzte ihre Kehle auf und zerstach ihren Unterleib.

Annie Chapman

1879 zog Annie Chapman mit ihrer Familie in ein geräumiges Dienstbotenhaus auf einem Landsitz nahe Windsor. Ihr Mann war der Kutscher eines Industriellen und verdiente gut: Die Chapmans gingen zum Fotografen und schickten ihre älteste Tochter auf eine Privatschule.

Doch Annie war alkoholkrank. Vermutlich hatte sie als Zwölfjährige zu trinken begonnen, als binnen drei Wochen vier ihrer fünf Geschwister an Typhus gestorben waren. Ihre eigenen Kinder litten an Krankheiten, die wohl auf Alkohol während der Schwangerschaft zurückzuführen sind – fünf von acht Neugeborenen überlebten nur wenige Tage. Nachdem 1881 auch noch ihre elfjährige Tochter gestorben war, lief Chapman immer öfter betrunken und verwirrt durch die umliegenden Dörfer.

1883 warf sie der Industrielle von seinem Landsitz. Ihr Ehemann blieb mit den Kindern auf dem Anwesen und zahlte genug Unterhalt für ein Zimmer, Mahlzeiten und Luxusgüter wie parfümierte Seife. Als er zweieinhalb Jahre später starb, versiegten die Zahlungen jedoch.

Annie Chapman schlug sich in London durch, indem sie Blumen und Streichhölzer verkaufte – auch bei ihr sollten Ermittler keine Hinweise auf Prostitution finden. Was sie verdiente, gab sie für Alkohol aus. In der Nacht zum 7. September 1888 übernachtete sie in einem Hauseingang in der Hanbury Street. Der "Ripper" schnitt ihre Kehle durch und nahm ihre Eingeweide heraus.

Elizabeth Stride

Das dritte Mordopfer hieß ursprünglich Elisabeth Gustafsdotter und kam 1843 in einem Dorf in Westschweden zur Welt. Nach ihrer Konfirmation wanderte sie nach Göteborg, um eine Stelle als Dienstmädchen anzutreten. Mit 21 Jahren wurde sie schwanger – von wem und unter welchen Umständen, ist unklar. Jedenfalls ließ der Mann sie allein.

Die Göteborger Polizei registrierte damals alle Frauen, die eines "sittenlosen Lebenswandels" verdächtigt wurden: Prostituierte und Mätressen, aber auch Frauen, die nachts allein oder in Begleitung von Männern auf der Straße unterwegs waren, oder ledige Schwangere wie Gustafsdotter. Sie wurde als "öffentliche Frau" Nummer 97 eingetragen und musste sich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. Ein Amtsarzt fand Symptome von Syphilis, ihr Kind kam tot zur Welt.

Am 7. März 1866 stieg sie auf einen Dampfer nach London und ließ ihr altes Leben hinter sich. Ein paar Monate lang arbeitete sie als Dienstmädchen, wurde aber wieder gefeuert. Später heiratete sie einen Café-Betreiber und nahm den Namen Elizabeth Stride an, doch die Ehe zerbrach.

Stride war allein in einer fremden Stadt, ging mit geliehenen Babys betteln, behauptete, durch ein Schiffsunglück zur Witwe geworden zu sein und prostituierte sich gelegentlich. Oft musste sie auf der Straße übernachten. In der Nacht zum 30. September schnitt der Serienmörder ihr die Kehle durch.

Catherine Eddowes

Catherine Eddowes lebte im Sommer 1862 bei ihrer Tante in Birmingham und polierte in einer Blechfabrik Tabletts. Seit einiger Zeit traf sie sich mit einem irischen Wanderhändler, der schöne graue Augen hatte, gut singen konnte und spannende Geschichten vom Krieg in Indien erzählte. Die Tante stellte ihr ein Ultimatum, die Beziehung zu beenden. Sie aber entschied sich für den Iren – vermutlich nicht nur aus Romantik, sondern auch, weil sie schwanger war.

Die Kleinfamilie zog über die Dörfer und verkaufte Scheren, Fingerhüte und kleine Büchlein mit Gedichten und Märchen. Gemeinsam mit ihrem Partner sang Catherine Eddowes Balladen. Eines ihrer Lieder über einen hingerichteten Mörder wurde sogar gedruckt. Jahrelang schliefen sie in Armenhäusern, Scheunen oder unter freiem Himmel. Irgendwann wurde der Ire gewalttätig und sie zur Trinkerin.

Im Herbst 1881 verließ sie ihn und die inzwischen fast erwachsenen Kinder. Catherine ging nach London, wo sie schnell einen neuen Partner fand. Mehrere Zeugen sollten aussagen, dass Eddowes nichts mit anderen Männern zu tun hatte und sich nie prostituierte.

In der Nacht zum 30. September 1888 verließ sie um 1 Uhr die Ausnüchterungszelle, in die sie die Polizei nach einem betrunkenen Nachmittag gesperrt hatte. Sie suchte ihren Partner, konnte ihn aber nicht finden und legte sie sich am Mitre Square schlafen. Der Serienmörder schlitzte ihre Kehle durch, schnitt ihren Bauch auf und entfernte die Gebärmutter.

Mary Jane Kelly

Wer Mary Jane Kelly wirklich war, konnte auch Historikerin Rubenhold nicht herausfinden. Sicher ist nur, dass sie in den 1880er-Jahren in London lebte und verschiedene Geschichten über ihre Vergangenheit erzählte. Mal war sie Irin, mal Waliserin, mal Witwe eines verunglückten Bergarbeiters, mal Mutter eines Kleinkindes. Doch für keine Variante finden sich in Archiven Belege.

Ab 1883 arbeitete Kelly im Bordell einer französischen Zuhälterin im wohlhabenden Westend. Oft luden Freier sie in Restaurants oder zu Pferderennen ein. Als ein Mann ihr eine Reise nach Paris anbot, sagte sie zu. Doch in Frankreich begriff sie, dass der Mann ein Menschenhändler war und sie in ein Pariser Bordell sperren wollte – vermutlich war ihre Zuhälterin seine Komplizin.

Kelly gelang es, zu flüchten und nach London zurückzukehren. Sie ließ sich im ärmeren East End nieder, fand einen Lebensgefährten, verdiente aber weiter Geld mit Prostitution. Das West End mied sie, weil sie die Rache der Menschenhändler fürchtete. Die Sorge war begründet: Später sollten Zeugen berichten, dass ein Mann Wirtshäuser nach ihr abgesucht hatte.

Als die Zeitungen im Herbst 1888 von "Jack the Ripper" berichteten, nahm Kelly manchmal befreundete Prostituierte in ihrem Zimmer im Miller's Court auf, damit sie nicht auf der Straße schlafen mussten. In der Nacht auf den 9. November waren weder ihr Partner noch eine Freundin bei ihr. Der Mörder drang in das Zimmer ein, schnitt ihre Kehle durch, zerstach ihr Gesicht und schlitzte den ganzen Körper auf. Es war vermutlich der letzte Mord von "Jack the Ripper".

"Den Frauen eine Stimme geben"

Rubenholds Geschichten der fünf Ermordeten verdeutlichen, wie elend das Leben vieler Frauen im viktorianischen Zeitalter war. In London lebten Tausende ausgebeutete Arbeiterinnen, Obdachlose, Alkoholikerinnen und Prostituierte. Arme Frauen wurden vom Gesetz benachteiligt und von der Polizei und Presse unter den Generalverdacht der Prostitution gestellt. Ohne einen Mann zählten sie in der Gesellschaft nur wenig.

Doch Rubenhold zeigt die fünf Frauen nicht nur als bloße Opfer, sondern als Menschen, die hofften, liebten und handelten. Am Ende ihres Buches schreibt sie: "Indem wir ihnen eine Stimme geben und versuchen, ihre Erfahrung zu verstehen und ihre Menschlichkeit zu erkennen, behandeln wir sie mit Achtung und Mitgefühl, so wie sie es verdient haben."

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