Zetra - Days of Hope

Krieg in Jugoslawien "Wir Kinder wollen in Frieden aufwachsen"

Als 13-jähriges Mädchen sammelte Jadranka Pejakovic 11.000 Unterschriften gegen den Jugoslawienkrieg - und trat beim riesigen Friedenskonzert in Sarajevo auf. Lesen Sie hier ihr Tagebuch von vor 25 Jahren.

Jadrankas Tagebuch, 30. Juli 1991

Heute ist der ruhigste Tag der Woche, was mir wie eine kleine Erholung erscheint, deshalb habe ich mich entschieden, eine Erinnerung aufzuschreiben, damit ich mich mein ganzes Leben lang an diese Woche erinnern kann. Wenn ich einmal Oma bin, möchte ich mich an die schönsten Momente meines Lebens erinnern können. Ich fange die Woche von vorn an, damit jeder, der das hier liest, alles miteinander verbinden kann.

Der erste Tag meiner Unterschriftensammelaktion war der 21. Juli 1991. An diesem Tag lief es noch sehr schlecht, weil es unorganisiert und ohne Elan war. An dem Tag haben wir nur 160 Unterschriften sammeln können. Am zweiten und dritten Tag lief es aber erstaunlich gut. Am zweiten Tag interviewte mich Milan Cvjetinovic für seine Zeitung "Front Slobode", und ich war überglücklich. Am nächsten Tag hat mich Frau Nura von der Radio-Tuzla-Sendung "Sonnige Ampel" angerufen. Sie würde mich gern kennenlernen und eine einstündige Livesendung mit mir machen, hat sie gesagt. Auf meine Frage, woher sie von meiner Aktion weiß, antwortete sie: vom Leiter der Zeitung "Front Slobode".

Das war für mich wie ein Märchen, etwas Unglaubliches, was ich mir nicht mal hätte erträumen können. Ich habe mich trotz allem gesammelt und bin zu "Radio Tuzla" gegangen, wo wir eine Sendung aufgenommen haben. Ich durfte Kinder dazu aufrufen, sich meinem Kampf für Frieden anzuschließen.

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Jugoslawien 1991: Der Krieg, den niemand wollte

Es haben sich tatsächlich sehr viele Kinder gemeldet und mir vorgeschlagen, alle Unterschriften an einer Stelle zu sammeln, und dass wir diese von dort aus an den Fernsehsender Yutel schicken sollten. Wir entschieden, dass wir alle Unterschriften bei mir sammeln sollten. Innerhalb von nur vier Tagen kamen so 11.000 Unterschriften zusammen. Ich beschloss, Herrn Zekerijah Smajic von Yutel anzurufen, um ihn zu bitten, die Unterschriften persönlich entgegenzunehmen, damit ich mir sicher sein konnte, dass unsere Aktion nicht umsonst war. Er bat mich, persönlich zum Meeting zu kommen, um ihm die Unterschriften zu überreichen.

Ich hatte ein wenig Angst, allein nach Sarajevo zu reisen. Doch als er mir sagte, dass meine Eltern keine Angst haben sollen und er mich persönlich als seinen Gast empfangen würde, habe ich zugesagt. Und als Papa sagte, dass er mich begleiten werde, musste ich nicht mehr nachdenken.

Der schönste Moment meines Lebens

Um 7 Uhr früh sind wir mit einem Bus losgefahren, der war kostenlos. Wir sind in Sarajevo ausgestiegen und mit dem Taxi bis zum Yutel-Gebäude gefahren. Wir konnten Zekerijah Smajic nicht finden und hinterließen ihm eine Nachricht. Das Konzert sollte draußen auf dem Marindvor stattfinden, aber weil es regnete, wurde es in die Zetra verlegt.

Dort war es für mich wundervoll. Alle haben sich sehr um mich gekümmert. Sie haben mir Saft, Eis, Kuchen, Törtchen und vieles mehr gekauft. Es war ein großes Ereignis für mich, Tupurkovski, Bogic, Cengic, Goran Bregovic, Hari, Vajta, Regina, Merlin, Zekerijah Smajic, Goran Milic, Gordana Sušsa und die anderen Mitglieder der bekannten Bands und von Yutel kennenzulernen.

Doch der schönste und aufregendste Moment des Tages, der Woche und meines gesamten Lebens war dann mein Auftritt vor dem jugoslawischen Millionenpublikum, das mir viel Beifall schenkte. Dann ging es langsam zu Ende, ich verabschiedete mich von den Yutel-Leuten, von den Sängern und den anderen berühmten Persönlichkeiten, setzte mich in den Bus, und wir fuhren zurück nach Tuzla. Die ganze Zeit haben mich Mitreisende aus Tuzla begrüßt und mich gelobt.

Kein bisschen Frieden - der Krieg auf dem Balkan
Foto: MICHEL EULAR / ASSOCIATED PRESS

Wie kam es zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielte die politische Führung, welche die Friedensbewegung? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Jugoslawien-Krieg finden Sie hier. 

Zu Hause haben mich alle begeistert und glücklich empfangen, ich war super gelaunt. Am nächsten Tag - also gestern - habe ich mich erholt, und heute habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Viele Menschen erkennen mich wieder, küssen und loben mich. Ich bin sehr glücklich.

Morgen bin ich wieder in eine Liveradiosendung eingeladen, wo ich all das sagen werde, wozu ich wegen des übervollen Programms in Sarajevo nicht gekommen war - und zwar, dass ich erst 13 Jahre alt bin und dass die überhitzten Köpfe schnell wieder abkühlen müssen, damit kein Brand ausbricht.

Hoffentlich begreifen die Leute dann, dass wir Kinder aufgehört haben zu spielen, und dass wir anstelle von Zeichentrickfilmen Yutel und die Nachrichten schauen, weil wir Angst um uns, um unsere Familien, Verwandten und um unsere Freunde und Mitbürger haben. Wir Kinder wollen langsam und in Frieden aufwachsen, wir wollen nicht aufgeteilt werden, weil wir Kinder uns nicht aufteilen lassen in Schwarze und Weiße, in Serben, Kroaten oder Muslime. Kinder und Menschen teilen sich nur auf in gut und schlecht.

Jadranka im Jahr 2000

Jadranka im Jahr 2000

Foto: ZETRA Projekt

Die schönsten Komplimente habe ich von Zekerijah Smajic und von Tante Marica bekommen. Onkel Zeka sagte: Sie haben mir Ärzte, Philosophen und Professoren angeboten ... doch ich habe dich als meinen Gast auf der Bühne ausgewählt. Und Tante Marica sagte: Sie ist der Grund, weshalb die Bewohner von Tuzla nach Sarajevo gekommen sind, ganz Tuzla sollte sich um sie kümmern.

Jadranka Pejakovic - Jaca

Wie es Jadranka während des Krieges und danach erging, lesen Sie hier auf der Seite des Zetra-Projekts .

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