Jahresrückblick: November 2008 Sieg der Hoffnung

"Yes, we can!" Mit Barack Obamas Wahl zum US-Präsidenten wurde 2008 Jahrhundertgeschichte geschrieben. Doch nach der Euphorie kam die Ernüchterung: Denn der erste schwarze Präsident Amerikas steht vor so gewaltigen Herausforderungen wie kaum einer seiner Vorgänger. Kann er das Land aus der Krise führen?

DPA

Mehr als 150.000 Menschen warten in dieser warmen Herbstnacht im Grant Park von Chicago. Sie haben stundenlang angestanden, manche haben 1000 Dollar für ein Ticket bezahlt. Sie sehen auf den Leinwänden, dass Barack Obama den Staat New Hampshire gewonnen hat, ein gutes Omen. Sie sehen, dass immer mehr gute Zahlen für Obama kommen. Er gewinnt Pennsylvania, er gewinnt den wichtigen Staat Ohio. Obama liegt vorn.

Als kurz vor 23 Uhr der TV-Sender CNN Obama zum Sieger erklärt, fallen sich die Menschen jubelnd und tanzend in die Arme. "Yes, we did!", rufen sie.

Und dann kommt er auf die Bühne. Seine kleine Tochter Sasha an seiner Hand, neben den beiden Ehefrau Michelle mit Malia. Barack Obama winkt vorsichtig, er lächelt fast schüchtern, auch die Zuschauer sind eher ergriffen als ekstatisch, als ob niemand glauben könne, dass es wirklich wahr ist.

"Wenn es irgendjemanden da draußen geben sollte, der immer noch daran zweifelt, dass Amerika ein Land ist, in dem alles möglich ist", beginnt Barack Obama, "diese Nacht ist eure Antwort." Mein Sieg ist euer Sieg, fährt er fort. Der Sieg der Hoffnung, der Einheit, des Fortschritts. Der großen amerikanischen Idee.

In der Menge stehen ältere schwarze Männer und Frauen, die die Rassentrennung noch erlebt haben. Die mit erhobenem Kopf nach vorn schauen, während ihnen Tränen über die Wangen rinnen. Und sie sagen diesen einen Satz, immer wieder: "Ich habe nie geglaubt, dass ich diesen Tag erleben würde."

Der Bürgerrechtler Jesse Jackson, der selbst so gern Präsident geworden wäre, weint im Grant Park genau wie die Multimillionärin und TV-Moderatorin Oprah Winfrey. Sie wissen: Die ganze Welt schaut nach Chicago. Sie erleben Weltgeschichte.

Obama erzählt in seiner Rede von Ann Nixon Cooper, die am 4. November ihre Stimme abgegeben hat. Sie ist 106 Jahre alt, aus Atlanta und hat die Geschichte der USA selbst gelebt: Sie sah die ersten Flugzeuge und Autos, die Depression in der "Dust Bowl" im Mittleren Westen. Sie war dabei, als Franklin Delano Roosevelt das Land mit dem New Deal aus der Wirtschaftskrise hob, als Bomben auf Pearl Harbor fielen, als Martin Luther King marschierte in Selma, Alabama. Und nun erlebt sie, dass ein Schwarzer Präsident wird.

Es scheint, als ob die ganze Welt feiere. In Venezuela, dessen Präsident Hugo Chávez Obamas Vorgänger George W. Bush noch als "Satan" bezeichnet hatte, prosten sich im größten Slum von Caracas die Menschen auf Obamas Sieg zu. In Kisumu, nahe der Geburtsstadt von Obamas Vater in Kenia, wo Anfang des Jahres Unruhen und Chaos herrschten, tanzen Tausende auf den Straßen. Sie trommeln, singen und hupen, manche wickeln sich in die amerikanische Flagge. Die Menschen jubeln in den Banlieues von Paris und auf den Flaniermeilen der europäischen Metropolen, sie feiern selbst in den Palästinensergebieten.

Auch John McCain im fernen Phoenix in Arizona spürt das Gewicht der Geschichte. Er hat verloren, aber offenbar sieht auch er, dass das Land etwas gewonnen hat. Er gratuliert Obama wie ein echter Staatsmann: "Dies ist eine historische Wahl", sagt McCain. Obama "wird auch mein Präsident sein".

Der zukünftige Herr im Weißen Haus hält an diesem Abend eine Rede, die eine Predigt ist, ein Heilsversprechen an die Nation. "Es hat sich lange angekündigt, aber heute Nacht, aufgrund dessen, was wir getan haben in dieser Wahl und diesem historischen Moment, ist der Wandel nach Amerika gekommen."

Obama zitiert Abraham Lincoln, seinen Helden, den Präsidenten, der die Nordstaaten durch den Krieg um die Abschaffung der Sklaverei führte. Er verstehe, dass auch die heutigen USA ein geteiltes Land seien, ruft Obama denjenigen zu, die ihn in Phoenix ausgebuht hatten. "Wir sind nicht Feinde, sondern Freunde." Er müsse erst noch ihr Vertrauen gewinnen, aber "ich werde auch euer Präsident sein".

Auf der Bühne in Grant Park wird aus Obama, dem Kandidaten, noch während er spricht, Obama, der designierte Präsident. In der Nacht des Triumphes, in der Nacht, in der die Welt feiert, versucht Obama schon, die überbordenden Erwartungen zu dämpfen. Nicht alle Ziele, die er sich gesetzt habe, werde er gleich erreichen können, warnt er: "Wir werden vielleicht nicht in einem Jahr dahin kommen, vielleicht nicht einmal in einer Amtszeit." Mit dieser Formulierung spielt er auf die legendäre letzte Rede von Martin Luther King an: "Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht werde ich nicht mit euch dort ankommen. Aber wir als ein Volk werden dort ankommen."

Der Morgen nach der historischen Nacht beginnt für Obama wenig spektakulär. Er macht seinen Kindern das Frühstück und geht ins Fitness-Studio. Danach beginnt die Arbeit. In der Wahlkampfzentrale Obamas gibt es statt Champagner Mineralwasser, denn für seine engsten Berater bleibt zum Feiern keine Zeit. Ihr Wahlkampf, ihre Strategien waren perfekt, es sei der beste Präsidentschaftswahlkampf überhaupt gewesen, überschlagen sich die Kommentatoren.

Obama hat die Rekordsumme von insgesamt 640 Millionen Dollar an Spenden eingesammelt, viel davon in Kleinbeträgen. Er hatte mehr als 700 Büros im ganzen Land. In den wichtigen Wechselwählerstaaten wurden bis zu 70 Prozent der Stimmberechtigten von Obamas Freiwilligen-Teams persönlich oder am Telefon kontaktiert. Am Ende hatten 3,1 Millionen Amerikaner für Obama gespendet oder für ihn Wahlkampf gemacht. Eine solche Bewegung hatte Amerika noch nicht gesehen.

Und die Obama-Maschine schnurrt weiter: Schnell bildet Obama ein Kernteam von engsten Beratern. Die Mehrzahl der wichtigsten 50 Leute, die dazugehören, sind Veteranen der Clinton-Regierung. Stabschef wird Rahm Emanuel, der neben dem versöhnlichen Obama den harten Hund geben soll.

Auch das neue Kabinett nimmt Konturen an. Den wichtigen Posten des Finanzministers übernimmt Timothy Geithner, noch Chef der New Yorker Notenbank. Larry Summers, der zeitweise Finanzminister unter Clinton war, wird die Wirtschaftspolitik koordinieren. Der frühere Führer der Demokraten im Senat, Tom Daschle, soll als künftiger Gesundheitsminister die Reform der Krankenversicherung in Gang setzen. Als Justizminister ist der angesehene Jurist Eric Holder vorgesehen, und das Außenministerium übernimmt Obamas einstige Rivalin Hillary Clinton. Im Rekordtempo durchkämmen die Experten die Ressorts Finanzen, Außen, Justiz. Welche von George W. Bushs Anordnungen können schnell rückgängig gemacht werden? Wo besteht sofort Handlungsbedarf? Wie kann das Gefangenenlager Guantanamo geschlossen werden? In seiner ersten Pressekonferenz spricht Obama über Auswege aus der Wirtschaftskrise, über seinen Umgang mit Iran, über seine Gespräche mit früheren Präsidenten.

Aber die Nation interessiert sich vor allem für den Welpen, den Obama seinen Töchtern versprochen hat. Obama sagt, er wolle zwei Dinge vereinen: Der Hund müsse eine hypoallergene Rasse sein, wegen der Hundehaar-Allergie seiner älteren Tochter, und sie würden auch gern einen Hund aus dem Tierheim retten. "Aber viele Hunde aus dem Tierheim sind offensichtlich Promenadenmischungen wie ich. Das müssen wir noch lösen."

Es ist ein neuer Ton in Amerika, kompetent, aber auch leicht; mitfühlend und selbstironisch. Nach den Bush-Jahren zieht nun eine junge Familie ins Weiße Haus ein. Ein strahlendes Paar, eine Michelle Obama, die eine neue Stil-Ikone sein wird, und die beiden Töchter, die jüngsten Kinder, die seit Amy Carter an die Pennsylvania Avenue ziehen. Der Secret Service hat ihnen Tarnnamen gegeben, wie es Tradition ist: "Strahlen" und "Rosenknospe".

"Wärme und Kompetenz sind eine ziemlich mächtige Kombination", kommentiert der einflussreiche rechte Publizist William Kristol Obamas ersten Auftritt als designierter Präsident. Sein Schluss: "Das können schwere vier oder acht Jahre für Konservative werden."

Tatsächlich hat Obama am 4. November auch geschafft, was in diesem Jahrhundert nur wenigen Präsidenten gelungen ist. Er gewann deutlich, und seine Partei eroberte Sitze im Repräsentantenhaus und im Senat. Das gelang etwa Franklin Delano Roosevelt 1932 und Ronald Reagan 1980 - und es waren genau diese beiden Wahlen, die Wendepunkte in der Geschichte Amerikas markierten.

Roosevelt schaffte in der Weltwirtschaftskrise den New Deal, die Sozialversicherungsprogramme Amerikas - die Demokraten blieben für 20 Jahre im Weißen Haus. Reagan vereinte 1980 eine Koalition aus Wirtschaftskonservativen, Anhängern konservativer Familienwerte und Befürwortern eines starken Militärs. Die Mitte des Landes bewegte sich mit Reagan nach rechts und blieb dort bis zu dieser Wahl.

Obamas neue Koalition besteht aus jungen Menschen, aus fast allen Schwarzen, aus Latinos, aus armen Weißen und gebildeten Weißen. Selbst eine Mehrheit der Wohlhabenden, die mehr als 250.000 Dollar im Jahr verdienen, stimmte für den smarten Aufsteiger aus Chicago. "Es ist eine Koalition aus den unteren und den oberen Schichten der Gesellschaft", stellt der konservative Wahlexperte John Fortier fest.

Es ist noch mehr als das. Und jeder, der die Feier Obamas in Chicago und die John McCains in Phoenix beobachtet, sieht den Unterschied schon an den Gästen.

Die Republikaner sind vor allem bei Weißen mit wenig Bildung und etwas Geld erfolgreich. Früher waren diese Menschen der Kern des ländlichen Amerikas, des "echten Amerikas", das John McCains Vizekandidatin Sarah Palin immer wieder heraufbeschwor. Aber das Land ist bunter geworden, weniger homogen.

Wenn Obama es klug macht, kann er eine dauerhafte demokratische Mehrheit im Zentrum Amerikas verankern. "Er hat eine Koalition gebildet, die die Demokraten 30, 40 Jahre zusammenhalten können, wie sie es mit der Roosevelt-Koalition der dreißiger Jahre gemacht haben", sagt der demokratische Wahlforscher Simon Rosenberg.

Der zukünftige Präsident übernimmt ein von George W. Bush heruntergewirtschaftetes Land. Über 80 Prozent der Amerikaner sind der Meinung, dass die Dinge in den USA in die falsche Richtung laufen. Obama soll es besser machen - auch deswegen haben sie ihn gewählt.

Doch die Probleme, die vor ihm liegen, sind gewaltig. Das Land erlebt die wohl schlimmste Wirtschaftskrise seit 1929, mit einem Rekord-Haushaltsdefizit. Und, schlimmer noch: Nach dem Bankrott oder Fast-Bankrott vieler großer Investmentbanken droht der Bankrott der drei großen Autohersteller.

Der designierte Präsident ist zudem mit einem ungeduldigen Kongress konfrontiert. Trotz leerer Haushaltskassen steht er unter Erwartungsdruck, etwa das Mammutprojekt Gesundheitsreform sofort anzugehen. Der sterbenskranke Senator Edward Kennedy ist einer von vielen, die das Vorhaben vorantreiben. Es wäre Kennedys Vermächtnis und hat deshalb besonderes Gewicht. Auch Lobbygruppen aus Unternehmern, Rentnern und Gewerkschaften machen Druck.

Dazu kommen die Probleme in der Außenpolitik. Barack Obama erbt von George W. Bush zwei Kriege, im Irak und in Afghanistan. Die Amerikaner erwarten von Obama, dass er aus dem Irak die Truppen abzieht und in Afghanistan die Taliban besiegt. Und dass er das Ansehen der Nation wiederherstellt - bei den Freunden ebenso wie bei den Feinden.

Bill Clinton fasst diesen Auftrag an Präsident Nummer 44 so zusammen: "Die Menschen überall auf der Welt waren immer eher beeindruckt von der Kraft unseres Beispiels als vom Beispiel unserer Kraft."

Kein leichter Anfang für den neuen Mann im Oval Office.



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